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RWE – Jahn Regensburg 2:2 / Wieder Murmeltiertag im SWS

Die ewige Wiederkehr des Gleichen ist ein zentrales Motiv im Werk Friedrich Nietzsches. Die Inspiration zu diesem Gedanken kam ihm bei einem Spaziergang am See von Silvaplana. Doch warum in die Ferne schweifen, wenn das Schlechte liegt so nah – der Besuch mehrerer Heimspiele des RWE in dieser Saison bestätigt diese These des exaltierten Philosophen nachdrücklich. Was wiederum auch nicht ganz korrekt ist, denn es handelt sich keineswegs um ein neues Phänomen. Alle, die diesem Verein seit Jahrzehnten verbunden sind, werden sich schmerzlich erinnern: Schon viele Male war der Klub irgendwie dabei irgendetwas zu erreichen, scheiterte aber fast immer und hinterließ tiefe Spuren in den waidwunden Seelen seiner Fans. Sei es die Qualifikation für den UEFA-Cup in den 80iger Jahren, sei es der Pokalsieg, sei es momentan (und in den letzten Jahren) der Aufstieg in die 2. Bundesliga. Ach, Rot-Weiß Erfurt – Du Fußballverein gewordener Konjunktiv.

Das ist bitter, vor allem wenn man weiß (oder zumindest zu wissen glaubt), dass die Mannschaft die gegenwärtig in den rot-weißen Trikots aufläuft, eigentlich alles mitbringt, um diesen Aufstieg zu erreichen. Wer, wie der RWE am Samstag, den Tabellendritten nahezu über die gesamte Spielzeit nach Belieben beherrscht, muss sich nicht ernsthaft die Frage vorlegen, ob er genügend Qualität aufzuweisen hat. Er hat. Ich habe in dieser Saison nur eine Mannschaft im Steigerwaldstadion gesehen, die besser war als der RWE und das war der VfR Aalen. Und dabei bezieht sich dieses besser, nicht mal auf die fußballerische Qualität der einzelnen Spieler. Aalen gewann hier, weil sie ein grandioses Defensiv-Pressing spielten, dass ich so in dieser Liga noch nicht gesehen habe.

Burghausen, Bielefeld, Regensburg – diese drei Heimspiele fallen mir sofort ein, wenn ich an die verpassten Chancen der laufenden Saison denke. Alle drei Spiele hätten gewonnen werden müssen! Dann stünde man da, wo die Mannschaft meiner bescheidenen Meinung nach hingehört: auf Platz drei der Tabelle. Sogar mit intakten Aussichten auf einen direkten Aufstiegsplatz. Dass ich hier stattdessen wieder nur ein Remis beschreiben, beklagen, ja, bejammern muss, ist wieder so eine kleine, stille Erfurter Fußballtragödie.

Schon in Wiesbaden war das Verhalten bei Standards miserabel

Vor einer Woche siegte der RWE (nach ebenfalls deutlich überlegenem Spiel) bei Wehen Wiesbaden mit 1:0. Zu Chancen kamen die Wiesbadener in diesem Spiel ausschließlich nach hoch in den Erfurter Strafraum geschlagenen Standards. Mit Glück und Sponsel wurde das Spiel gewonnen. Am Samstag das Gleiche – aus dem Spiel heraus keinerlei Tormöglichkeiten für die Gäste aus Regensburg, dafür erzielten sie gleich zwei Tore nach hoch ausgeführten Standards. Zwei Tore in zwei Minuten, kurz vor der Halbzeit. Ein Albtraum.

Ob das Abwehrhalten bei gegnerischen Standards unter der Woche auf dem Trainingsplan stand ist nicht überliefert. Es sah jedenfalls nicht danach aus, was aus meiner Sicht einem fahrlässigen Versäumnis gleich kommen würde. Das wird (und muss) sich diese Woche ändern, sonst werden das nicht die letzten Tore gewesen sein, die der RWE auf diese Weise kassiert.

Aus der Dominanz wird zu wenig gemacht

Doch selbst diese gravierenden Fehlleistungen bei Standards des Gegners hätten noch kompensiert werden können. Die Dominanz des RWE auf dem Platz war beeindruckend. In allen Belangen: Technisch, läuferisch und – vor allem gegen Ende hin – kämpferisch. Allerdings wurden daraus – wie bereits in Wiesbaden – zu wenige Tormöglichkeiten generiert. Das 1:0 war – für jeden sichtbar – sehr glücklich in seiner Entstehung; dem Ausgleich ging ein schöner Diagonalpass von Manno voraus, der allerdings nur zu Drexler kommt, weil die Regensburger Abwehr im Wachkoma lag. Die beiden direkten Torabschlusshandlungen, sowohl von Morabit als auch von Drexler sind dann wieder perfekt, keine Frage. Dennoch: In Relation zur Feldüberlegenheit muss sich die Mannschaft mehr klare Chancen erspielen. Ein Beleg für diese These ist die Tatsache, dass unsere Sturmspitze, Marcel Reichwein, in den beiden letzten Spielen mehr oder weniger in der Luft hing. Warum? Weil Manno (gegen Regensburg), Morabit und Drexler sehr stark bei Dribblings sind, diese eigentliche Stärke derzeit aber übertreiben und allzu oft am zweiten oder dritten Abwehrspieler scheitern, statt den Ball zirkulieren zu lassen. Die Zeiten des Heldenfußballs sind ein für alle Mal vorbei. Der rechtzeitig und akkurat gespielte Ball auf den freien Mitspieler ist im modernen Fußball keine Option mehr, sondern eine Pflichtübung. Jedenfalls für erfolgreiche Mannschaften.

Am nächsten Sonnabend kommt mit dem SV Sandhausen der Tabellenführer ins Steigerwaldstadion. Über letzte und allerletzte Chancen will ich hier und heute nicht weiter schwadronieren. Es wäre jedoch schön, wenn mir trübe Gedanken an überspannte Philosophen dieses Mal erspart blieben.

SV Wehen Wiesbaden – RWE 0:1 / Sieg in der Blechbüchse

Kaum hat der Erfurter Stadtrat den Bau der Arena beschlossen, fangen wir an uns über die Stadien der Anderen lustig zu machen. Ist nicht so ernst gemeint – die Brita-Arena mag von außen gesehen keine Architekturpreise gewinnen, innen bietet sie alles, was eine moderne Spielstätte haben sollte. Großartig die Akustik: Spärliche 2.500 Zuschauer am Samstag hörten sich wie zehntausend an. Bei deutlicher Pegel-Überlegenheit der RWE-Fans.

Der Mannschaft von Stefan Emmerling tat die Heimspielatmosphäre in der Fremde sichtlich gut (anders als die Heimspielatmosphäre im eigenen Stadion.)  Von der ersten bis zur letzten Minute war der RWE die spielerisch und taktisch dominierende Mannschaft. Gegen einen schwachen Gegner, wohlgemerkt. Wenn Wiesbaden so weiter macht, werden sie noch zur finalen Hoffnung für den FCC. Vom Aufstiegskandidaten Nummer eins direkt in die Hölle des Abstiegskampfes – Fußball kann grausam sein.

Umso besser, dass dies in der hessischen Landeshauptstadt kaum jemanden so richtig ans Gemüt zu greifen scheint. Anders ist der jämmerliche Zuschauerszuspruch nicht zu erklären. Nur Kohle rüberschieben macht halt doch keine Fußballmannschaft. Fairerweise darf die schier endlose Verletztenmisere der Wiesbadener nicht unerwähnt bleiben. Die Verantwortlichen des SVWW täten sich jedoch keinen Gefallen, damit sämtliche Unfertigkeiten ihrer Mannschaft entschuldigen zu wollen.

Marco Engelhardt überzeugte, nicht nur des Tores wegen

Natürlich war ich gespannt, wie Stefan Emmerling die Ausfälle von Zedi, Rauw und Manno personell-taktisch kompensieren würde. Mit der Aufstellung von Oumari, Weidlich und Drexler konnte man rechnen, doch dass Engelhardt (statt Weidlich) im zentralen Mittelfeld neben Pfingsten-Reddig spielte war – wenigstens für mich – überraschend. Meiner Beobachtung nach verlief die Formkurve des Ex-Nationalspielers zuletzt eher nach Süden. Er schien nach wie vor nicht fit genug zu sein, schon gar nicht für das laufintensive zentrale Mittelfeld. Allerdings, wenn es dann so kommt wie am Samstag, ist es schon wieder ein Vergnügen sich zu irren. Marco Engelhardt spielte keineswegs herausragend (schon gar nicht mit Blick auf seine Möglichkeiten), er fiel aber auch nicht ab, machte gemeinsam mit Pfingsten einen soliden Job bei der Spieleröffnung, gefiel durch gutes Kopfballspiel, war bis zum Schluss konzentriert – und, ach ja, schoss das entscheidende Tor des Spiels. Im Vergleich zu Rudi Zedi ist er die spielstärkere Option im zentralen Mittelfeld. Wir dürfen gespannt sein, wie Emmerling diese delikate Personalie entscheidet. Dabei sollte nicht aus dem Blick verloren werden, dass der SVWW der mit Abstand schwächste Gegner der letzten Wochen war. Kein Vergleich zu den bärenstarken Aalenern (8 Siege in Folge!) vier Tage zuvor.

Das größte Manko der ersten Halbzeit war das Resultat mit dem es in die Kabinen ging. Der RWE war so überlegen, dass es deutlicher als 0:1 hätte ausfallen müssen. Doch beim letzten Pass fehlte wie so häufig ein Quantum Konzentration, andere nennen es Torgeilheit. Und so agil Morabit erneut spielte, es war wieder eines dieser Matches, in denen seine Kalibration einen Tick zuviel in Richtung Einzelkämpfermodus verstellt war. Wenn Wiesbaden gefährlich vor das Tor des RWE kam, dann nur bei Standardsituationen, hier war die Anfälligkeit des RWE jedoch besorgniserregend.

Phil Ofosu-Ayeh – die Überraschung der letzten Spiele

Überleitung zu Andreas Sponsel: Er rettete zweimal aus kürzester Distanz im Stile eines exquisiten Handballtorwarts. Bei 7 der 10 Siege des RWE stand Andreas Sponsel im Tor, er kassierte nur 12 Gegentore bei seinen 15 Einsätzen. Sicher, das Abwehrverhalten der gesamten Mannschaft mag sich verbessert haben, aber Sponsel ist eben ein Keeper, den man direkt mit dem ein oder anderen Punktgewinn in Verbindung bringen kann. Einfacher formuliert: Der Mann hält Siege fest. Siehe Saarbrücken, siehe jetzt Wiesbaden. Überleitung Rolf Rombach: Vertrag verlängern, unbedingt!

Die deutsch-französische Sphinx im Trikot des RWE, die Rede ist von Olivier Caillas, widerlegte in diesem Spiel die schon als gesichert geltende Annahme, er spiele im linken Mittelfeld besser als auf derselben Seite der Viererkette. So ganz schlüssig fand ich das sowieso nie, weil Positionen im modernden Fußball eher fluide als fest gefügt sind (sein sollten). Er kann – ähnlich wie Philipp Lahm bei den Bayern – auch auf dieser Position seine spielerischen Qualitäten zur Geltung bringen. Bedingung dafür ist ein gut abgestimmtes Verschieben der Mannschaft in die freien Räume hinein, das hat gestern in Wiesbaden prima funktioniert und ermöglicht eine sehr offensivstarke Formation auf dieser Seite. Defensiv spielte Caillas seinen Part routiniert herunter, zugegeben, eine Routiniertheit, die von aufreizender Lässigkeit manchmal nur schwer zu trennen ist.

Die eigentlich Überraschung der Rückrunde stellt für mich Phil Ofosu-Ayeh dar, dessen Offensivtalent nie in Zweifel stand, der aber bei seinem Einsätzen am Anfang der Saison besonders im Abwehrverhalten und bei gegnerischem Pressing zu hektisch agierte. Davon konnte in den letzten Spielen nicht mehr die Rede sein. Fast lehrbuchmäßig sah sein Zusammenspiel mit Weidlich auf der rechten Seite in Wiesbaden aus, selbst wenn nicht jeder Ball in eine gefährliche Angriffssituation mündete. Das permanente Überlaufen des Mitspielers in Richtung Grundlinie ist nach wie vor ein ungemein effektives taktisches Mittel um mehr Breite (und Unausrechenbarkeit) in eine Offensivaktion zu bekommen. Wenn Phil Ofosu-Ayeh diese erfreuliche Entwicklung fortsetzt, betrachte ich unser Problem auf der rechten Abwehrseite als gelöst.

Quecksilbriger Ahrens

Dass sich beide nominellen Außenverteidiger häufig in die Angriffe einschalten können, setzt unter anderem voraus, dass ein Innenverteidiger nach außen rückt. Diese Automatismen funktionieren inzwischen deutlich besser als noch am Anfang der Spielzeit, was sicherlich ebenfalls ein Grund für die degressive Entwicklung bei der Anzahl der Gegentore ist. Taktische Feinheiten sind das eine, Fußballer zu haben, die in der Lage sind diese mit spielerischer wie kämpferischer Substanz zu beleben ist noch einmal etwas völlig anderes. Tom Bertram macht derzeit seine besten Spiele seit er wieder das Trikot des RWE trägt. Seine Leistung in der zweiten Halbzeit gegen Bielefeld war exorbitant, schade, dass ihm (und uns) das Siegtor verwehrt blieb und er stattdessen nur die Latte traf. In Wiesbaden fiel er in erster Linie durch seine gescheiten Pässe bei der Spieleröffnung auf. Defensiv wurden Oumari und er durch die biederen Angreifer des SVWW kaum gefordert.

Acht Minuten vor Ende des Spiels wechselte Emmerling Tobias Ahrens für Drexler ein. Ahrens nutzte seine Chance eindrucksvoll. Die bereits etwas müden Verteidiger der Wiesbadener hatten fortan keine ruhige Zehntelsekunde mehr, Ahrens attackierte sie, wo er sie traf, und hatte entscheidenden Anteil daran, dass dem SVWW keine gefährliche Offensivaktion mehr gelang. Im Gegenteil, er selbst erarbeitete sich noch eine Riesenchance, die er diesmal noch vergab. Doch Geduld, sein erstes Drittligator wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.