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Rot-Weiß Erfurt vs. Werder Bremen II 2:1 / Die Bipolaren

rwe vs. svw 3Gravierende Leistungsunterschiede innerhalb eines Spiels sind im Fußball eher die Regel als die Ausnahme. Selten sind so krass wie beim 4:4 der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Schweden im Oktober 2012. Derart spektakulär sind die Jekyll & Hyde-Kicks des FC Rot-Weiß Erfurt in dieser Drittligasaison (noch) nicht. Dafür «beglückt» Christian Preußers Team seine Fangemeinde in großer Regelmäßigkeit mit solchen Auftritten.

Aktuellstes Beispiel ist der 2:1-Sieg gegen die Zweite Mannschaft des SV Werder. Die ersten 60 Minuten waren, je nach Temperament, zum Heulen, Wegsehen, Ausrasten, Verzweifeln, etc. Es ist müßig, alles aufzählen zu wollen, was da fußballerisch fehl ging. (Überdies neige ich nicht zum Masochismus.) Wie öfter in vergleichbaren Spielphasen zerfiel die Mannschaft beim eigenen Spielaufbau in zwei Gruppen. Hinten die Verteidigungsreihe und die beiden Sechser, vorne beide Mittelstürmer sowie die offensiven Außen. Dazwischen: Nichts! Entweder ging der Ball im defensiv-zentralen Mittelfeld verloren (Tyrala) oder wurde lang gespielt und eine sichere Beute der Bremer Verteidigung. Allein die Bremer Unfähigkeit aus der eigenen Überlegenheit mehr Torchancen zu kreieren, hielt das Spiel offen. Ein Umstand, der gegen bessere Gegner mit einiger Wahrscheinlichkeit obsolet wäre.

Dann passierte Marc Höcher. Und plötzlich vollzog sich unter den Augen von 4.000 begeisterten Erfurter Fans eine kaum noch für möglich gehaltene Wendung des Spiels. Gut, Bremen machte den Kardinalfehler in dieser Situation, wurde passiv und ließ sich in Folge dieser Passivität immer weiter in Richtung eigenes Tor drängen. Aber das ist natürlich stets eine Frage von Wirkung und Gegenwirkung. Wie auch immer, plötzlich gab es so etwas wie Spielverlagerungen, die Ballzirkulation war nicht bereits nach anderthalb Pässen zu Ende. Werder konnte die Breite des Spielfeldes nicht mehr verteidigen und so ergaben sich Räume auf den Außen- und Halbpositionen, die immer häufiger in Torgelegenheiten mündeten. Der Treffer zum Sieg fiel dann mit einer gewissen Zwangsläufigkeit. Und war verdient, weil die Rot-Weißen in der entscheidenden Phase des Spieles klar überlegen waren. Ungeachtet der Tatsache, dass Werder über 60 Minuten die bessere Mannschaft stellte. Im Detail fiel mir in dieser Phase auf, dass der bis dahin erbarmungswürdig schlechte Tyrala aufblühte wie eine Hanfpflanze unter der Höhensonne. Als Pass- und Taktgeber im zentralen offensiven Mittelfeld, vulgo auf der Zehnerposition. Das ist vielleicht keine dauerhafte Position für ihn, aber in bestimmten taktischen Konstellationen (wie der am Samstag) haben wir keinen Akteur in der Mannschaft, der den Raum hinter den Spitzen besser bespielt als er.

Rot-Weiß Erfurt vs. VfB Stuttgart II 3:0 / Hoch und weit und erfolgreich

taktik 1Bereits nach drei Minuten wurde deutlich, wie Christian Preußer den ersten Saisonsieg zu erringen gedachte. Auf dem (durch und durch exemplarischen) Foto ist zu sehen, dass es so etwas wie einen Spielaufbau über die zentralen Mittelfeldspieler nicht geben würde, weshalb auch keiner von ihnen im Bildausschnitt zu sehen ist. Die Außenverteidiger stehen unglaublich tief – normalerweise sind sie mindestens an der Mittellinie, meist aber noch höher – positioniert. Auch sie werden an der Überbrückung des Mittelfeldes nicht beteiligt sein. In der Szene wird gleich ein langer Ball folgen, vermutlich geschlagen von Mario Erb, auf den sechs Erfurter Spieler im Angriffsdrittel des VfB-Nachwuchses lauern.

Ich will ehrlich sein, das ist nicht unbedingt der Fußball, den ich schätze. Und hätten wir das Spiel verloren, würde das hier noch sehr viel nachdrücklicher ein Thema sein. Mit dieser taktischen Vorgabe aber gelang dem FC Rot-Weiß Erfurt der dringend benötigte erste Sieg in dieser Saison. Der VfB machte über die gesamte Spieldauer hinweg den Fehler, dass unsere Verteidiger diese Bälle in aller Ruhe nach vorn schlagen konnten, was vor allem bei Mario Erb mit einer erstaunlichen Präzision einherging. Adressat der Bälle war nicht selten Sebastian Szimayer, der via Körpergröße, physischer Präsenz und Zweikampfgeschick eine Reihe dieser Bälle unter Kontrolle bzw. zum Mitspieler bringen konnte. Die Raumaufteilung unserer Offensivspieler war glänzend abgestimmt, sodass viele unklare, abprallende Bälle eine Beute der beiden zentralen Mittelfeldspieler wurden. Man könnte dafür den Begriff Raumdominanz verwenden. Das alles führte selten direkt zu klaren Torgelegenheiten, jedoch gelang es den Erfurtern, permanent Bälle in die Red-Zone zwischen Fünfmeterraum und Sechzehnmeterlinie zu transportieren. Der VfB fand dagegen kein Mittel, Tore waren eine Frage der Zeit. Nur in der Viertelstunde nach der Pause war zu sehen, dass im Team des Stuttgarter Nachwuchses eine Reihe begabter Techniker aufgeboten waren. Drei hochkarätige, gekonnt erspielte Chancen, gab es zu verzeichnen. Dem bereitete Carsten Ich-weiß-wo-das-Tor-steht Kammlott ein jähes Ende. Danach hätte der souveräne Manuel Gräfe abpfeifen können. Das Ding war durch.

Ein Wort zur Diskussion um Sebastian Tyrala. Zunächst denke ich, dass die Taktik vom Samstag nicht in jedem Fall, soll heißen: bei jedem Gegner, zum Erfolg führen wird. Wir werden auf Mannschaften treffen, deren Innenverteidiger geschickter sind, mehr Zweikämpfe gewinnen, es besser als der VfB verstehen, zweite Bälle zu sichern und zu behaupten. Wir werden Sebastian Tyralas Spielintelligenz mithin weiterhin dringend benötigen. Egal, mit welcher Taktik Preußer agieren lässt, unser Spiel wird in dieser Saison von hoher physischer Intensität geprägt sein. Will man Spiele gegen fußballerisch bessere Mannschaften gewinnen, werden gerade die Spieler im zentralen Mittelfeld mehr als der Gegner laufen und viele Zweikämpfe bestreiten müssen. Der körperliche und mentale Verschleiß wird entsprechend hoch sein. Es ist somit unzweifelhaft ein Vorteil, möglicherweise sogar eine Voraussetzung für Erfolg, im zentralen Mittelfeld personelle Optionen im Kader zu haben.

Apropos Optionen im Kader: Gestern wurde Marc Höcher von Roda Kerkrade verpflichtet. Bin mir noch nicht sicher, ob er so ein typisch holländischer Flügelstürmer oder doch eher ein offensiver Mittelfeldspieler ist. Bemerkenswert, dass er über die Jahre eine konstant hohe Zahl von Torvorlagen zu verzeichnen hat. Das werden Kammlott und Szimayer erwartungsvoll zur Kenntnis nehmen. Er hat bei mir schon jetzt einen Bonus, weil er sich lieber auf das Wagnis einer für ihn völlig neuen Liga einlässt, statt seinen Vertrag in der obersten Klasse des Nachbarlandes (immerhin!) auf der Bank abzusitzen.

Rot-Weiß Erfurt vs. Preußen Münster 1:1 / Quo vadis RWE?

dunkle wolkenMein erster Impuls nach dem Spiel am Samstag: Es muss eine Abrechnung her, ein rhetorisches Gemetzel, bei dem kein Auge trocken bleibt. Mit der Mannschaft, der sportlichen Leitung, mit einfach allem und jedem, der bei drei nicht auf den Bäumen ist.

Dann kehrte peu à peu die Vernunft zurück. Es sind vier Partien gespielt, tabellarisch ist nichts Entscheidendes passiert. Wir haben in dieser Woche zwei Spiele vor uns; noch weilt die Hoffnung auf Besserung unter den Lebenden.

Deshalb nur einige – eher zurückhaltende – Sätze als Spielkritik.

Die scheinbare Einheitsmeinung von der Unterscheidung in eine gute erste und eine schlechte zweite Halbzeit kann ich nicht nachvollziehen. Die ersten 45 Minuten waren schlecht, nach der Pause wurde es noch schlechter. Klar, es gab das Tor, unser erster (und einziger) vernünftiger Angriff in drei Spielen (Wiesbaden, Dresden, Münster). Was in Halbzeit eins noch einigermaßen funktionierte (bis auf das Gegentor), war die Unterbindung der Ballzirkulation der Preußen. Im Angriff aber gab es, über die vollen 90 Minuten das Woodstock unter den Fehlpassfestivals zu bestaunen erleiden.

Mir ist es letztendlich völlig egal, ob Christian Preußer mit ein oder zwei nominellen (ausgebildeten) Stürmern spielen lässt. Solange die Angreifer beweglich sind, sich fallen lassen, auf die Flügel ausweichend Räume im Zentrum schaffen. Das ist zwingend notwendig, um genügend Raum und Anspielstationen aus dem Mittelfeld heraus zu haben. Unter keinen Umständen will ich zwei Spitzen sehen, die zwischen den Verteidigern der gegnerischen Viererkette auf Bälle warten. Das ist Fußball der 90iger Jahre und wird auch von schlechteren Defensiven als der von Preußen Münster problemlos verteidigt.

Im Spielbericht der TA beklagt Marco Alles zu Recht die mangelhafte Raumaufteilung. Der Abstand unserer hinteren Viererkette zur Mittelfeldkette war in der 2. Halbzeit über weite Strecken viel zu groß. Was die Preußen immer wieder für eindrucksvolle Ballpassagen in diesem Raum zu nutzen wussten. (Exkurs: Gott sei Dank scheint es eine Art Preußen-Münster-Gen zu geben, denn manchmal hatte man den Eindruck, dass sie sich an ihrer Ballfertigkeit erfreuten, ohne entschlossen zum Abschluss kommen zu wollen. Scheint mir den Fußball der Preußen bereits seit Jahren zu prägen.)

Summarisch muss ich konstatieren, und das hat mir nachdrücklich das Wochenende verhagelt, dass wir unser bestes Spiel am 1. Spieltag in Magdeburg gemacht haben. Meine Hoffnung, dass sich die neue Mannschaft steigert (indem sich auch die neuen Offensivspieler langsam an die Liga gewöhnen), bestätigt sich bisher leider ganz und gar nicht. Eher ist das Gegenteil der Fall. Mit der Realitätskonfrontation scheint das Selbstvertrauen zu schwinden. Dies hat im Fußball noch nie etwas besser gemacht.

Trotz meiner Kritik an den Preußen war ihr Spiel guter Anschauungsunterricht für genau das, was den Rot-Weißen abgeht: Spiel- und Passsicherheit im Mittelfeld. In allen Zonen des Mittelfelds, zentral, offensiv und bei den Spielern auf den Außenbahnen. Ehrlich gesagt habe ich bei den derzeit gehandelten potenziellen Spielern Zweifel, ob sie leisten können, was bitter vonnöten ist – uns sofort weiterhelfen. Noch ein oder zwei talentierte Spieler zu verpflichten, die aber ebenfalls Monate benötigen, um sich an das Spieltempo der Liga zu gewöhnen (mit offenem Ausgang), erscheint mir nicht sinnvoll. Mir jedenfalls käme eine Leihe von Spielern aus dem Kader eines deutschen Zweitligateams oder eines ausländischen Erstligisten (Polen, Ungarn, Tschechien, etc.) erfolgversprechender vor.

Ja, ich weiß, die maladen Finanzen. Aber haben wir nicht etwas Handlungsspielraum durch die doch recht erfolgreiche Ausgabe der Genussscheine bekommen? Wenn ja, wäre es an der Zeit ihn auszuschöpfen. Nur mit einer halbwegs stabilen Abwehr, der Eroberung von zweiten Bällen, Toren nach Standards und Carsten Kammlott als einzigem, wirklich durchgängig ligatauglichen Offensivspieler wird es schwer bis unmöglich, die Klasse zu halten.

Erfurt vs. Wiesbaden 0:0 / Ein mühsamer Punktgewinn

2013_09_28_[H]_Erfurt_3-1_Osnabrück

Nein, ein Pfeifkonzert habe ich am Ende des Spiels nicht vernommen. Anschwellenden Unmut schon. Vereinzelte Pfiffe. Zu denen kann ich nur feststellen: Das ist ein freies Land, jeder darf sich nach seiner Fasson blamieren.

Es war das erste Heimspiel der Saison, wir haben es nicht verloren, einen Punkt verbucht. Das Spiel der Mannschaft bot durchaus Anlass zu Besorgnis und Kritik. Pfiffe halte ich jedoch für absurd. Hier einige lose Gedanken zum Spiel:

Im Stadion und in den Foren angeregt diskutiert (bzw. kritisiert) wurde die Leistung der beiden offensiven Außenspieler Eichmeier und Bichler. Fakt ist, dass wir auf diesen Positionen Qualität verloren haben. Andreas Wiegel hat zwar eine sehr gemischte Saison abgeliefert, gehört aber generell einer inzwischen raren Spezies an. Ein «richtiger» Außenstürmer, robust, dribbel- und tempostark, dem mehrere Optionen zu Gebote stehen. Er kann sowohl zur Grundlinie starten und flanken als auch zentral abschließen. Weshalb er auch kein Problem hatte, von einem Zweitligisten verpflichtet zu werden. Auf der linken Seite spielte in der vergangenen Saison oft Okan Aydin. Der ist ein komplett anderer Spielertyp, überdies kein Linksfuß, mithin ein sogenannter inverser Winger. Er zog meist von der linken Seite ins Angriffszentrum. Nach Möhwalds Weggang soll er nun dessen Rolle im zentralen offensiven Mittelfeld übernehmen. Beide Positionen mussten also neu vergeben werden. Einen Spieler wie Wiegel haben wir nicht mehr im Kader, demzufolge ist auch die Option der Tempodribblings obsolet. Dies bedeutet, dass quasi alle Angriffe auf den Flügeln durch Passspiel erzeugt werden müssen. Da man Pässe in der Regel nicht mit sich selbst spielt, bedarf dies der Unterstützung der Mitspieler. Wobei es dabei – wenn man auf einen Gegner in der defensiven Grundordnung trifft – meist nicht ausreicht, wenn der Außenverteidiger nachrückt. Da man für Raumgewinn Überzahl erzeugen sollte, ist es notwendig, dass entweder einer der Sechser sich am Flügelspiel beteiligt oder der ballferne offensive Außenspieler ebenfalls auf diese Seite wechselt. Terminus technicus: Überladen einer Angriffsseite. Das klingt nicht nur einigermaßen komplex, das ist es tatsächlich auch. Vor allem weil bei allem Angriffsdrang beachtet werden sollte, dass man bei einem Ballverlust (plus fehlgeschlagenem Gegenpressing) nicht völlig ohne defensive Absicherung bleiben darf. Beim Überladen einer Seite durch den zweiten Außen geht zudem die Option einer Spielverlagerung auf die andere Seite verloren, weshalb man diese Variante ziemlich selten sieht. Dem Spiel kommt schlichtweg Breite abhanden.

Intensiv diskutiert wird auch die Zwei-Stürmer-Problematik. Oder besser, das angebliche Fehlen eines zweiten Stürmers. Ein Evergreen in Erfurt. Hierzu ist festzustellen, dass so gut wie keine Mannschaft mehr mit zwei «klassischen» Strafraumstürmern agiert. Das ist irgendwann Mitte der Nullerjahre aus dem Repertoire verschwunden. Sogar Mannschaften, die nominell ein 4-4-2 aufbieten, wie zum Beispiel Favres Gladbacher der vergangenen Saison, spielen dieses System sogar ohne «echten, richtigen» Mittelstürmer. Sowohl Kruse als auch Raffael sind quasi freie Radikale. Sie ziehen sich teilweise bis an die Mittellinie zurück, um bereits beim Aufbau eines Angriffs in die Ballzirkulation eingebunden werden zu können. Selbst wenn Preußer Kammlott und Uzan gemeinsam spielen ließe, müssten beide gestaffelt agieren und sich in rückwärtige Räume fallen lassen, um angespielt werden zu können. Soll heißen: Das Spiel sehe keinen Jota anders aus, nur weil der eine (Aydin) als offensiver Mittelfeldspieler und der andere (Uzan) als Stürmer bei transfermarkt.de firmiert. Zurzeit hat – aus Sicht des Trainers – Aydin auf dieser Position Vorteile. Diese Sicht kann sich ändern.

Es existiert eine Korrelation von exakt 0,0 zwischen der Anzahl der nominellen Stürmer und der Qualität des Offensivspiels einer Mannschaft.

Insgesamt fand ich das Spiel der Rot-Weißen so miserabel nicht. Ich will aber auch nicht zwingend unterhalten werden, wenn ich ins Stadion (oder dem was von ihm übrig ist) gehe. Die Mannschaft erspielte sich in der zweiten Hälfte der 1. Halbzeit deutliche Vorteile und Chancen, die leider – wie bereits in Magdeburg – ungenutzt blieben. Dann wurde Wiesbaden besser, Erfurt kam mit der (notwendigen) taktischen Umstellung nach der Roten Karte nicht zurecht. Mut macht auf jeden Fall die Qualität der Defensivarbeit – aus dem Spiel heraus wurde sehr wenig zugelassen und bei den wenigen Standards der Wiesbadener war man konzentriert.

Daran lässt sich anknüpfen. Aber das allein wird in Dresden nicht genügen. Um dort zu bestehen, braucht es zwingend eine Steigerung im Angriffsspiel, und zwar in allen Punkten: Abstimmung, Passgenauigkeit, Effizienz. Es liegt viel Arbeit vor Christian Preußer und seinen Spielern.

Dann wohl doch: Mission 2016+n / Erfurt vs. Wiesbaden 0:2

Ich bin kein Masochist. Weshalb sich übers Wochenende alles in mir wehrte, das Spiel noch einmal anzusehen. Deshalb werde ich mit einer profunden, tiefschürfenden taktischen Analyse (selbst einer zweifelhaften) nicht dienen können. Das Spiel begann wie viele Heimspiele von RWE in dieser Saison: abwartendes Mittelfeldgeplänkel beider Seiten. Dann wurde Koglers Mannschaft konstruktiver, die Kombinationen gewannen (etwas) an Sicherheit, erste Chancen waren zu verzeichnen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Heimspielgegnern zeigten sich die Wiesbadener unbeeindruckt. Hochsolide in der Innenverteidigung, aggressiv in den Zweikämpfen und stets latent gefährlich, vor allem über den starken Schnellbacher, deuteten sie bereits zu diesem Zeitpunkt an, dass es diesmal anders laufen könnte.

Dann kam das berühmte Spielglück hinzu. Zunächst in Form von zwei Schiedsrichterentscheidungen, die auch anders hätten ausfallen können. Zuerst der Freistoßpfiff gegen und nicht für Möhwald und dann – in unmittelbarer Folge – ein Elfmeter, den man sicher geben kann, aber eben nicht geben muss. Wobei der Ball gefühlte Ewigkeiten unterwegs ist und Schnellbacher von drei Erfurter Abwehrspielern umstellt ist, was jeden Körperkontakt obsolet machen sollte. Aber Christoph Menz weiß das alles selbst und hat es nach dem Spiel auch so zu Protokoll gegeben. Shit happens. Danach begann die beste Phase des Erfurter Spiels. Dumm nur, dass ausgerechnet in diesen Abschnitt hinein das zweite, letztlich entscheidende, Tor der Wiesbadener fiel.

Trotz der beiden Gegentore war die erste Halbzeit nicht das Problem. Da befand man sich noch halbwegs auf Augenhöhe (auch wenn das Resultat etwas anderes sagt), hatte Chancen und ein Tor lag immer im Bereich des Möglichen. Das änderte sich in Halbzeit zwei grundlegend. Niemand konnte der Mannschaft den Willen absprechen, das Spiel zumindest noch auszugleichen. Allein, es fehlten die fußballerischen Mittel. Auf alle Versuche hatte der SVWW eine Antwort. Je länger die Partie dauerte, desto mehr erinnerten die Ballbewegungen in der Offensive von RWE an die hektischen Impulse einer Kugel in einem Flipperautomaten. Balleroberungen folgten Fehlabspielen in rasantem Wechsel. Die Mannschaft hatte Probleme überhaupt in die Nähe des Wiesbadener Tors zu gelangen.

So war es letztlich nicht die Niederlage an sich, sondern vor allem die Art und Weise des Zustandekommens, die so einige Träume am Steigerwald der normativen Kraft des Faktischen aussetzten. Kiel war eben kein einmaliger Ausrutscher.  Wenn es nicht gelingt, die Mannschaft fußballerisch und mental zu stabilisieren, werden wir auch in dieser Saison nichts mit dem Aufstieg zu tun haben.

Last but not least: die Spielzusammenfassung des Wiesbadener Stehblog.

Rot-Weiß Erfurt vs. Chemnitzer FC 2:0 / Fortuna nur in einer Nebenrolle

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Die Debatte um die Art und Weise des Zustandekommens der nunmehr sechs Erfurter Heimspielerfolge in Folge reißt nicht ab. Mit «Erfurt besiegt den CFC glücklich» gibt dabei der mdr die Tonlage vor, aber auch in den Vereinsforen sind einige Unentwegte unterwegs, die bei jedem Sieg vor allem die Gunst der Glücksgöttin Fortuna am Werke sehen. Oder weniger blumig  ausgedrückt: RWE ist in den Spielen nicht durchgehend dominant, der Gegner hatte Chancen, also war der Sieg glücklich.

Nun ja, auch ich hätte wenig gegen einen richtig deutlichen Heimsieg einzuwenden, ganz ohne Zittern und Herzklopfen. Vielleicht werden wir einen solchen in dieser Saison noch erleben, aber er wird die Ausnahme bleiben. Dafür sind die Mannschaften in dieser Dritten Liga schlichtweg zu ausgeglichen besetzt. Die hochgelobten Jungdynamiker aus Dresden kommen zu Hause gegen den Aufsteiger aus Köln über ein torloses Unentschieden nicht hinaus; der SV Wehen Wiesbaden – Tabellenführer – verliert daheim gegen den Nachwuchs von Mainz 05, der sich vor dem Spieltag auf einem Abstiegsplatz befand. Das ist die Normalität einer Liga, in der sich die Etats der Teams (jedenfalls in dieser Saison) so ähneln wie ein BigMac dem anderen.

Glück spielt im Fußball immer eine Rolle, schon allein weil, verglichen mit anderen Sportarten (Basketball, Handball, Volleyball, Tennis), nur wenige Tore (Punkte) das Ergebnis bestimmen. Wir sollten jedoch den größeren Einfluss des Zufalls/Glücks im Fußball nicht beklagen, denn vor allem er sorgt für die globale Faszination dieses Sports. In der Handballbundesliga verliert ein Tabellenführer so gut wie nie gegen den Drittletzten (siehe Wiesbaden gegen Mainz), eben weil die höhere Anzahl an Treffern fast immer dazu führt, dass sich die qualitativ bessere Mannschaft am Ende durchsetzt.

Gute Fußballtrainer wissen um diesen vergleichsweise exponierten Einfluss des Zufalls in ihrem Sport. Schon allein, weil es ihnen bei der Trainerausbildung vermittelt wird. Was sie nicht daran hindert, diesen Einfluss zu reduzieren. Oder dies zumindest zu versuchen. Der FC Rot-Weiß Erfurt hat inzwischen sechs Heimspiele in Folge gewonnen, die letzten drei davon blieb man ohne Gegentor. Vor allem hier liegt der Schlüssel dieser Serie. Kogler ist es gelungen, der Mannschaft zu vermitteln, dass es nicht exklusiv Aufgabe der Defensivspieler ist, den Gegner am Erzielen von Toren zu hindern.

In dieser Hinsicht war allein Kammlotts Auftritt gestern bemerkenswert. Ich vermute ja, dass Endres von ihm in der letzten Nacht alpträumte. Unermüdlich lief unsere Spitze in hohem Tempo (und mit klugen Winkeln) die spielaufbauenden Chemnitzer Spieler an, die dann in großer Not einige Bälle nur noch ins Aus klärten oder lang und unkontrolliert nach vorn schlugen. Möhwalds Rolle bestand im Zustellen attraktiver CFC-Passwege (vor allem durch die Mitte). Die beiden offensiven Außen Bukva und Wiegel beteiligten sich ebenfalls vorbildlich an der Arbeit gegen den Ball. Auch ihnen war kein Weg zu weit, kein Sprint zu viel. Im Resultat der guten Defensivarbeit von Koglers Mannschaft kam der CFC nur zu wenigen Chancen aus dem Spiel heraus. Sie waren durchaus die aktivere Mannschaft (was nach dem schnellen Rückstand naheliegend war), die Mehrzahl ihrer Möglichkeiten resultierte jedoch aus Standards.

Nach Möhwalds frühem Tor begannen die womöglich besten 20 Minuten von RWE in der laufenden Saison. In dieser Spielphase gelang Chemnitz nach vorn nichts und RWE hatte einige sehr gute Kontermöglichkeiten – vor allem nach Ballgewinnen im zentralen Mittelfeld – die man auch passabel auskombinierte. Beim letzten Pass war dann allerdings immer ein Chemnitzer Abwehrkörperteil im Weg. Am Schluss dieser Phase stand eine Riesenchance von Czichos. Danach folgte der große mittlere Akt des Spiels: Chemnitz gut anzusehen, viele Spielanteile in der Erfurter Hälfte, einige Einschussgelegenheiten, nichts Hundertprozentiges dabei. Rot-Weiß einen Tick zu passiv und zu ungenau bei den Gegenstößen. Trotzdem immer bemüht, mit schnellen Passfolgen nach vorne zu kommen. Auch am Ende dieser Spielsequenz hatte RWE durch Brandstetter eine Riesengelegenheit. Hätte er sie genutzt, der dramatische dritte Akt wäre mangels Masse entfallen. Der CFC musste jetzt das Risiko steigern, tat das auch gekonnt und kam durch Glasner jetzt auch zu Großchancen. Die überstand der RWE glücklich – wohlgemerkt, nachdem man das Spiel selbst hätte frühzeitig entscheiden können. Den Schlusspunkt setzte Kadric nach kluger Vorarbeit von Möhwald.

Wir sind derzeit Tabellenzweiter, weil wir eine gute Mannschaft haben, die auf dem Platz homogen zusammenwirkt. Das ist in großem Maße der Arbeit von Walter Kogler (und seinen Co-Trainern) zu verdanken. Es ist gelungen, dem Team eine fußballerische Verfassung zu geben. Sollten wir von (langwierigen) Verletzungen verschont bleiben und die Spieler weiterhin den Erfolg der Mannschaft als erste Priorität im Sinn haben, werden wir oben dabei bleiben. Niederlagen (auch gegen Mannschaften die tabellarisch klar hinter uns stehen) und schlechte Spiele werden nicht ausbleiben. Sie gehören zum Sport im Allgemeinen und zur inneren Logik dieser Liga im Besonderen.

Eines noch: Lieber DFB, kannst Du uns in Zukunft immer einen so souveränen Schiedsrichter wie Günter Perl schicken?

Rot-Weiß Erfurt vs. FSV Mainz 05 II 1:0

Kogler & Preusser

Wenn ich ein Spiel des FC Rot-Weiß Erfurt sehe, leide ich innerlich an jedem Fehlpass, jeder vergebenen Torchance, jedem Abpraller, der nicht zu einem unserer Spieler springt und an tausend weiteren Unzulänglichkeiten mehr, die einem perfekten Spiel entgegen stehen. Im Spiel gegen die 2. Mannschaft des FSV Mainz 05 gab es viel zu leiden. So wie in vielen Spielen seitdem ich Anhänger der Rot-Weißen bin. Einerseits. Andererseits freute ich mich über den fünften Heimsieg in Folge und die erneute Bestätigung meiner These, dass wirklich schwache Mannschaften in dieser Liga schlichtweg inexistent sind. Jedenfalls gibt es keine, die man en passant aus dem Steigerwaldstadion, das bald eine Arena sein wird, schießt. Insofern halte ich die massive Kritik, die derzeit selbst nach einem Sieg auf Mannschaft und Trainer niedergeht, für überzogen. Man erfährt in vielen dieser Äußerungen manches über die Kritiker und wenig über das Spiel der Erfurter Mannschaft.

Natürlich spielte RWE nach der frühen Führung zu passiv, Mainz kam zu Chancen, ein Ausgleich für die Rheinhessen wäre verdient gewesen. Wie schon häufiger in den letzten Partien funktionierten Pressing und vor allem Gegenpressing (sprich attackieren nach eigenem Ballverlust) zu häufig nicht. Vor allem das zentrale Mittelfeld wurde einige Male überspielt, was bei den spielstarken Mainzern quasi immer dazu führte, dass sie die sich bietenden Räume nutzten, um sich gefährlich vor das Erfurter Tor zu kombinieren. Insgesamt muss man derzeit die Arbeit gegen den Ball in einigen Spielphasen kritisieren. In der zweiten Halbzeit wurde vieles besser, auch weil die offensiven Flügelspieler und die Stürmer konsequenter und effektiver nach hinten arbeiteten. Im Resultat hatte Mainz so gut wie keine Torgelegenheiten mehr.

Am meisten Blutdruck hatte ich jedoch bei zwei Szenen von Andreas Wiegel. Ich finde es großartig, dass wir wieder einen Tempodribbler von hohen Graden in der Mannschaft haben, und denke, dass er in den letzten Wochen noch einmal einen deutlichen Schritt nach vorn gemacht hat. Aber bei seinen beiden Chancen in der 2. Halbzeit muss er den viel besser postierten Kammlott anspielen, dann werden aus passablen Einschussmöglichkeiten Großchancen. Egoshooting kann sich das Team nicht leisten.

Zur Gretchenfrage 4-4-2 oder 4-2-3-1? Ich kann gut verstehen, dass Kogler weder auf Kammlott noch auf Brandstetter verzichten möchte. Deshalb halte ich das 4-4-2 für das derzeit richtige System zu Spielbeginn. Trotzdem müssen einige Problemstellen auf dem Platz beantwortet werden. Zum einen ist das Offensivspiel zu statisch, wenn sich beide Stürmer nicht entsprechend nach hinten orientieren und als Anspielstation im Mittelfeld anbieten. Hier kann man als Anschauungsunterricht die gegenwärtige Spielweise der Gladbacher Borussia nur empfehlen. Sowohl Kruse als auch Raffael lassen sich wechselweise tief in die eigene Hälfte fallen oder überladen die Flügel und sorgen derart für eine extreme Unausrechenbarkeit des Angriffsspiels. So muss das. Im Defensivspiel dürfen die Stürmer nicht ausschließlich als erste Pressingreihe auftreten, sondern müssen situativ nach hinten arbeiten, um Lücken (z.B. bei einem nicht gelungenen Gegenpressing) zu schließen. Als Stürmer Kräfte sparen wenn der Gegner angreift, war früher.

Auch die Integration von Okan Aydin war alles andere als optimal, aber das ist wohl kaum als Überraschung zu werten, schließlich war es sein Debüt in der Startelf. Fast durchweg gut gefallen hat mir die Leistung der Abwehr, auch der zuletzt viel kritisierte Judt bot ein überaus solides Spiel. Um Rafael Czichos mache ich mir langsam Sorgen, denn seine Qualitäten als offensiver Linksverteidiger werden so manchem Zweitligisten nicht lange entgehen.

Es wird sich in den nächsten Wochen entscheiden, ob es Kogler schafft, die offensichtlichen Defizite weitgehend zu eliminieren. Gelingt dies, hat der FC Rot-Weiß gute Chancen lange oben mitzuhalten. Das diesjährige Personal gibt dies allemal her. Doch selbst wenn es so geschieht, werde ich wieder viel leiden.

FC Rot-Weiß Erfurt vs. Holstein Kiel 3:2

kogler

Nach dem Spiel konnte niemand sagen, wann der FC Rot-Weiß Erfurt zuletzt drei Tore nach Standards erzielt hatte. Abgesehen von Pfingsten-Reddigs Elfmetern war das lange Zeit eine vernachlässigte Toreinnahme-Quelle. Es blieb Walter Kogler vorbehalten, die Gründe dafür zu nennen: Mehr gute Standardschützen (in diesem Fall: Tyrala, Aydin und Möhwald) und eine größere Anzahl potenzieller Abnehmer. Daraus resultierend: weniger Ausrechenbarkeit für den Gegner.

Soweit zu den ausschließlich positiven Aspekten des Spiels. Auf der anderen Seite ist zu vermerken, dass RWE die Standards so dringend benötigte wie die FDP Zweitstimmen, weil aus dem Spiel heraus wenig Konstruktives gelang. Das lag in erster Linie an einer bockstarken defensiven Vorstellung der Kieler. Carsten Neitzel und sein Trainerteam hatten definitiv ihre Hausaufgaben erledigt. Nichts war es mit einem gepflegten, vertikal orientierten Spielaufbau aus einer Dreierkette heraus. Quasi alle Aufbauspieler wurden früh und aggressiv gestört, sodass oft nur der Rückpass zu Klewin blieb. Dessen einzige wirkliche Schwäche, mangelnde Präzision bei langen Bällen, war ebenfalls nicht dazu angetan, das Offensivspiel von RWE zu befördern.

Kiel brachte zwar zunächst in direkter gegnerischer Tornähe auch nicht viel zustande, erwies sich aber als erstaunlich ballsicher und entzog sich so immer wieder dem Pressing der Erfurter. Beide Tore fielen dann wie aus dem Nichts. Zuerst hatte Judt einen Aussetzer und foulte Heider völlig unnötig, wenig später bilderbuchte Brandstetter die Ecke von Tyrala zum Ausgleich ins Kieler Tor.

Nach dem Wechsel brachte Kogler Aydin für den erneut wenig überzeugenden Bukva. Zunächst änderte sich dadurch wenig. Mit der folgenden Einwechslung von Kammlott (für Tyrala) wurde auf ein 4-4-2 umgestellt hatte. Aydin fand nach zehn Minuten besser ins Spiel, bzw. wurde von seinen Mitspielern in Selbiges eingebunden. Auch Wiegel, am anderen Flügel, wurde stärker. Es ergaben sich Chancen, doch erneut benötigte es einen Standard zur Führung. Danach «rächte» sicht die numerische Unterzahl im Mittelfeld, Holstein reagierte druckvoll und mit gutem Fußball auf den Rückstand, fast folgerichtig fiel der Ausgleich. Das Spiel wurde ein völlig offenes, aber der Fußballgott hatte an diesem Samstag ein Faible für Kevin Möhwald und ließ dessen Freistoß durch Freund und Feind passieren. Jetzt reagiert Kogler praktisch sofort, revidierte das 4-4-2 und wechselte Baumgarten für Brandstetter ein. Kiel mühte sich zwar noch um den Ausgleich, konnte aber die zwischenzeitliche Dominanz im Mittelfeld bis zum Ende nicht mehr erreichen.

Die drei Punkte lassen Rot-Weiß den Anschluss nach oben nicht verlieren, damit dies aber weiterhin gilt, sollte in Wiesbaden natürlich nicht verloren werden. Aber wenn ich mich recht entsinne, haben wir da eigentlich immer ganz gut ausgesehen und gepunktet. Wird trotzdem schwer, da der SVWW jetzt drei Mal in Folge verloren hat und sicher nicht scharf darauf ist, diese Serie fortzusetzen.

Rot-Weiß Erfurt vs. Dynamo Dresden 2:0

Kogler & Preußer

Das war ein formidabler Fußballnachmittag im Erfurter Steigerwaldstadion. Eine ansehnliche Zahl Erfurter Zuschauer, die im Verlauf des Spiels zunehmend euphorischer ihre Mannschaft feierten, eine eindrucksvolle Dresdner Fangemeinde, die ihre Mannschaft – nicht minder imponierend – unabhängig vom Spielstand lautstark unterstützte und, natürlich als Ursache Nummer eins, eine sehr gut eingestellte und spielende Mannschaft von Rot-Weiß Erfurt.

Vor dem Spiel war ich mir nicht sicher, ob Kogler Brandstetter als einzige Spitze würde auflaufen lassen, um derart im Mittelfeld genügend Akteure für eine anzustrebende fußballerische Dominanz aufbieten zu können. Oder ob er Falk als zweite Spitze in die Startelf stellt, um mit langen Bällen (und über Kopfballablagen) gegen die zwangsweise neu formierte Dresdner Innenverteidigung den Erfolg anzustreben. Ich sollte nicht zu kleinmütig von unserem Cheftrainer denken, der Plan A (mit Brandstetter als einzigem Stürmer) ging voll und ganz auf.

Es wird zunehmend schwieriger – und das ist eine überaus erfreuliche Entwicklung – das Spiel der Erfurter Mannschaft in eine der üblichen Systemnotationen zu fassen. Mit etwas Phlegma könnte man es als 4-2-3-1 bezeichnen. Obwohl es im Spiel gegen den Ball eher wie ein 4-4-1-1 aussah, weil immer ein Spieler (zuerst meist Möhwald, im weiteren Spielverlauf Tyrala) den in vorderster Front pressenden Brandstetter unterstützte und dabei aus der Kette rückte. Im Spielaufbau hingegen war es meist eine lupenreine Dreierkette mit Menz als zentralem Aufbauspieler und weit ins Mittelfeld geschobenen Außenverteidigern. Auffallend war die starke Asymmetrie auf den Außenbahnen. Links orientierte sich Bukva sehr oft ins Zentrum und überließ dem sehr weit nach vorn rückenden Czichos die gesamte Außenbahn. Rechts hielt der sensationell starke Wiegel meist länger die Außenposition und zog erst mit Ball am Fuß in Richtung offensives Zentrum oder Außenlinie. Während Juri Judt (der von Spiel zu Spiel besser wird) meist absichernd agierte und sich situativ auch mal wieder als Anspielstation in Richtung der Dreierkette fallen ließ.

Kogler weigerte sich nach dem Sieg einen Spieler besonders hervorzuheben, da ich aber keinerlei Ambitionen in Richtung Diplomatischen Dienst hege, will ich es hier trotzdem tun. Christoph Mercedes-Menz hat erneut mit äußerst effektivem Spiel geglänzt. Seine Spieleröffnung war beeindruckend. Er vermied große Risiken und fand trotzdem immer wieder raumgewinnende Anspielstationen. Eine Voraussetzung dafür ist natürlich eine entsprechende Präsenz eigener Spieler im Mittelfeld. Dafür boten sich vor allem die ballsichersten Erfurter Spieler Tyrala, Möhwald und Bukva an. Wenn diese Anspielstationen nicht mit ausreichend großer Sicherheit erreichbar waren, wurde geduldig abgewartet oder auch mal ein halblanger Ball auf die offensiven Außen riskiert. (Auf der Gegenseite wurde Kirsten öfter ins Aufbauspiel der Dresdner eingebunden, was nur eine mäßig gute Idee war, da Brandstetter ihn immer wieder mit großem Tempo anlief und den Torwart der SGD zwang, lange, unkontrollierte Bälle zu spielen.) Defensiv agierte Menz ebenfalls gewohnt besonnen und zweikampfstark, wobei auch hier betont werden muss, dass sich alle Spieler aktiv und aggressiv an der Defensivarbeit beteiligten und so oft Überzahlsituationen in Ballnähe entstanden, die nicht selten in Ballgewinne umgewandelt werden konnten.

Exemplarisch für das Abwehrverhalten der Mannschaft über lange Strecken der Partie steht der Ballgewinn von Möhwald vor dem zweiten Tor, das ich mir gar nicht oft genug anschauen kann. Ab dem Zeitpunkt als Möhwald den Ball unter Kontrolle bringt und sofort zu Wiegel passt, ist dieser Treffer für Dynamo nicht mehr zu verteidigen. Jedenfalls nicht, wenn man es so perfekt zu Ende spielt, wie der RWE es in dieser Situation getan hat. Zwischen Balleroberung und Torabschluss liegen sechs Sekunden. In denen alles stimmt: Laufwege, Passpräzision und -tempo, Handlungsschnelligkeit und (sehr wichtig!) die uneigennützige Auswahl der richtigen finalen Option durch Wiegel. Ein tolles Tor von der Sorte, die mir viel lieber ist, als ein Volley aus 30 Metern in den Winkel. Auch toll und trotzdem ein reines Zufallsprodukt.

Ein Wort zum Gegner. Zu meiner Überraschung attestierte Michael Windisch, neuerdings eine Art Allzweckwaffe des mdr für den Thüringer Fußball und hauptberuflich Reporter der BILD-Zeitung, der SG Dynamo Dresden, dass sie «erschreckend schwach» gespielt hätte. Diese Einschätzung trifft, wenn überhaupt, nur auf die ersten 20 Minuten des Spiels zu. Danach war es eine ausgeglichene Partie mit Chancen auf beiden Seiten. Zu jedem Zeitpunkt des Spiels war zu erkennen, dass Minge und Böger eine Mannschaft zusammengestellt haben, die über ein großes fußballerisches Potenzial verfügt und das auch abzurufen weiß. Sie traf an diesem Nachmittag nur eben auf eine – in diesem Spiel – etwas bessere Mannschaft.

Es ist einigermaßen banal, darauf zu verweisen, dass der Verein jetzt zwei extrem schwere Auswärtsspiele vor der Brust hat. Vor allem auch deswegen, weil es im Grunde in der Liga überhaupt keine anderen Spiele gibt, schon gar nicht auswärts. Münster wird, nach dem Derbysieg in Osnabrück, mit großem Selbstvertrauen aufspielen. Aber – und das ist die gute Nachricht – sie werden auf eine Erfurter Mannschaft treffen, für die das in ebensolchem Umfang zutrifft. Hoffe ich doch.

Der Saisonstart des FC Rot-Weiß Erfurt

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Es ist das Wochenende der ersten DFB-Pokalrunde. Oder wie wir es in Erfurt nennen: Zeit der Schmerzen. Als am Freitag der Chemnitzer FC in einem denkwürdigen Spiel den Bundesligisten Mainz 05 aus dem Wettbewerb schoss, kamen die Gedanken an den 10. August 2008 wieder hoch, als es fünf späterer Weltmeister bedurfte, damit der FC Bayern München die Rot-Weißen mit 4:3 besiegte. Es war das letzte Mal, dass ein Spiel im Steigerwaldstadion im Blickpunkt einer landesweiten Öffentlichkeit stand. Das ist 6 Jahre her. Seitdem leben wir im fußballerischen Konjunktiv – immer in der Hoffnung auf eine neue Verheißung. Die aktuell ausgegebene Parole hört auf den Namen Mission 2016. Für das nämliche Jahr hat sich der Verein den Aufstieg in die 2. Bundesliga vorgenommen. Niemand hier hätte etwas dagegen. Allein, es sind Zweifel am Wirklichkeitssinn dieses Ziels angebracht. In den letzten beiden Jahren mussten sich die Anhänger eher um den Verbleib in der 3. Liga sorgen. Wohin deuten die Instrumente in dieser Saison? Nun, wir haben 4 Spieltage absolviert, mehr als eine erste, provisorische Bilanz lässt sich derzeit seriös nicht wagen. Hier ist sie:

Der letzte Auftritt in Cottbus mutete exemplarisch für die bisherigen Saisonspiele an. Die Mannschaft stand defensiv halbwegs stabil. Aus dem laufenden Spiel gab es kaum Chancen für die Lausitzer. Allerdings muss sich noch erweisen, ob sich diese Defensivstärke auch gegen spiel- und offensivstärkere Mannschaften als solche herausstellt. Gemessen an den Erfahrungen aus dem Spiel gegen den BVB-Nachwuchs ist es nicht übelwollend, skeptisch zu bleiben. Die offensiven Leistungen waren in Cottbus überschaubar. Diesmal reichte ein guter Angriff in Halbzeit eins (die Chance von Brandstetter) nicht zur Führung. Erst als Energie am Ende des Spiels für das hohe Tempo bezahlte, kam Rot-Weiß zu einigen Halbchancen. Ansonsten: viele Abspielfehler und in Folge davon kaum Gefahr für das Tor des Gegners.

Natürlich gibt es entlastende Gründe für die momentan durchwachsenen Leistungen: in Cottbus standen sechs neu verpflichtete Spieler auf dem Feld. Es wurde also zum Beginn der Saison wieder einmal die halbe Mannschaft ausgetauscht. Menz und Tyrala bilden im zentralen Mittelfeld das neue fußballerische Herz des Teams. Andererseits ist eine Mannschaft wie Dynamo Dresden in noch größerem Umfang umgebaut worden und präsentiert sich (bislang) ungeachtet dessen eindeutig homogener. Noch schwerer wiegt wohl das chronische Verletzungspech von Koglers Team. Mit Kammlott, Möhwald und Laurito fehlten ungemein wichtige Spieler ganz oder teilweise. Während der grandiose Möckel (nach langer, schwerer Verletzung) den Verlust von Laurito sehr passabel auffangen konnte, sind Möhwald und – natürlich – vor allem Kammlott nicht adäquat zu ersetzen. Vor allem, weil Spieler wie Bukva, Tyrala, Falk und Brandstetter einfach noch Spielpraxis benötigen, um ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Alle haben sportlich schwierige Zeiten hinter sich und es wäre unredlich, ihnen die nötige Geduld zu verweigern.

Auf der Habenseite der bisherigen Spiele steht eine deutlich höhere taktische Variabilität der Mannschaft. Kogler hält nicht mehr unter allen Umständen und Spielsituationen am 4-4-2 der letzten Saison fest. Als er gegen Stuttgart der Meinung war, neben Falk keinen adäquaten Stürmer für 90 Minuten zu haben, beorderte er Möhwald als hängende Spitze (oder falschen Zehner) in den Sturm. Selbiges wiederholte er (nach der Auswechslung Brandstetters) mit Tyrala in der letzten halben Stunde in Cottbus. Sah beide Male äußerst passabel aus. Der Clou in taktischer Hinsicht war jedoch die Dreierabwehrkette im (gewonnenen) Spiel gegen Stuttgart, bestehend aus Czichos, Kleineheismann und Menz. Da wurde zentral defensiv kaum etwas zugelassen; im grundierenden Spielaufbau gab es jedoch noch Luft nach oben. Trotzdem vermute ich, dass Kogler, sobald Kammlott und Brandtstetter richtig fit sind, auf das 4-4-2-System zurückkommen wird.

Das Spiel gegen Dynamo Dresden wird so eine Art L’Alpe d’Huez für den FC Rot-Weiß Erfurt. Ein Scharfrichter. Danach werden wir besser einzuschätzen wissen, wo sich der Verein derzeit sportlich einsortiert. Viel ist möglich – in jeglicher Hinsicht. Und jetzt gebe ich mich wieder dem Weltschmerz hin und schaue DFB-Pokal.