Tag Archiv für Rot-Weiß Erfurt

“… wäre … nutzbar gewesen.”

Dieses Finale des Thüringer Landespokals war für den FC Rot-Weiß Erfurt in jeder Hinsicht verkorkst. Angefangen bei den Umständen, unter denen es stattfand. Dazu ist vieles gesagt und geschrieben worden, auf dessen nochmalige Erwähnung ich hier verzichten werde. Auf einen Aspekt allerdings möchte ich doch eingehen, weil er mir symptomatisch für den wurschtigen Umgang mit Wahrheit und Öffentlichkeit erscheint. Anlässlich der Pressekonferenz vor dem Finale äußerte sich der Sachgebietsleiter Spielbetrieb des TFV, Joachim Zeng, zum Austragungsort (ab etwa Minute 25:00). Dabei fiel der folgende Satz, bezogen auf das Steigerwaldstadion: «Das Stadion ist gesperrt, aus bautechnischen Gründen – wegen der Tribüne.» Danach leichte Heiterkeit beim anwesenden Hochadel des Thüringer Fußballs, weil – etwas skurril – die Pressekonferenz inmitten der gesperrten Tribüne stattfand. Aber gut, eine Pressekonferenz ist kein Fußballspiel. Ich wollte es dennoch etwas genauer wissen und fragte via Kontaktformular beim Stadionbetreiber, dem Erfurter Sportbetrieb, an. Und erhielt folgende Antwort:Mail Erfurter Sportbetrieb

Dass dieses Statement überhaupt nicht mit der Aussage von Herrn Zeng in Einklang zu bringen ist, liegt auf der Hand.

Nur eine weitere von vielen Dilettantismen im Vorfeld des Spiels. Das geht schon bei dem Gummiparagrafen los, der den Spielort bzw. die Vergabe nicht eindeutig bestimmt und reichlich Platz für Verbandswillkür (und/oder Trägheit, und/oder Unfähigkeit) lässt. Und endet nicht bei der offenkundigen Tatsache, dass man sich erst viel zu spät mit der Planung des Finals befasste. Am 27. April gewann Jena sein Halbfinale gegen Wacker Nordhausen. Seit diesem Tag hätte der TFV die Gelegenheit gehabt, den doch sehr wahrscheinlichen Fall genau dieser Finalpaarung vernünftig vorzubereiten. Aber nein, es wurde in der Folge nahezu alles getan, die Animositäten vieler Fußballfans, natürlich gerade hier in Erfurt, weiter zu ertüchtigen.

Der Thüringer Fußballverband ist das eine, die Leistung unserer Mannschaft in Jena etwas völlig anderes. Da ich nicht damit rechnete, dass wir den Kontrahenten aus den Schuhen spielen würden, war ich mit der 1. Halbzeit halbwegs zufrieden. Wir hatten zwar nur eine klare Torchance, die war allerdings hochkarätig und überdies brillant von Brückner vorbereitet. Wir ließen in der Defensive kaum etwas zu, die Mannschaft wirkte durchaus konzentriert, präsent und entschlossen. Zu diesem Zeitpunkt vertraute ich noch auf die übliche Steigerung nach der Pause. Allein, die blieb aus. Nun passierte etwas, was in keinem Spiel nach der Winterpause zu sehen war: Stefan Krämers Mannschaft baute konditionell rapide ab. Die Wechselwirkung war eindeutig, angeführt vom überragenden Eckardt verlagerte sich das Spielgeschehen immer näher in Richtung unseres Tores. Im Grunde brachte das 1:0 bereits die Entscheidung. Unser physisch angeschlagenes Team besaß nichts mehr, was es gegen die Niederlage mobilisieren konnte.

Dies ist in mehr als nur in einer Hinsicht ein kleines Drama. Es wäre wohl zu schön gewesen, um in Erfurt wahr zu werden. Der Klassenerhalt wurde – was niemand, inklusive der sportlichen Protagonisten zu hoffen wagte – souverän erreicht. Die Mannschaft bleibt im Kern erhalten. Eine neue, zeitgemäße Spielstätte wird im August offiziell übergeben. Aber erneut hat ein einziges Spiel das Verhältnis zwischen Spielern und Trainern auf der einen und den Fans auf der anderen Seite beschädigt.

Fraglos, die Zeit (die EM, der Sommer) wird die offenen Wunden heilen. Fraglos aber auch, der zarte Honeymoon zwischen Anhängerschaft und Krämers Mannschaft hat einen Schaden genommen, den man nicht schnell reparieren kann. Womöglich ist dies das größte Übel von allen.

Rot-Weiß Erfurt oder Ah ah ah ah, stayin’ alive!

Stefan-Kraemer-rwe_posterDabei mag ich die Bee Gees nicht mal. Trotzdem ist es die titelgebende Liedzeile, die mir am Samstag nach unserem Sieg gegen Aalen in den Sinn kam und diesen winzigen Ort seitdem nicht verlässt. Es war eine Saison, seien wir ehrlich, die über lange Zeit das Abgründigste was einem Drittligaverein zustoßen kann, mehr als nur befürchten ließ. Den Abstieg in die Hölle. Auch bekannt unter dem Namen Regionalliga. Wenn der Verein, unser Verein, das finanziell überhaupt in seiner bisherigen Form überlebt hätte. Wer zählt die Vereine, nennt die Namen, die ungastlich dort zusammenkamen? (Sorry, Friedrich!) Und seit Jahren vergeblich versuchen, der sportlichen Randständigkeit zu fliehen. In manchen Minuten war mir, während ich auf der Tribüne oder vor dem Fernsehen saß, der Abstieg schon Gewissheit. Da dachte es in mir (Sorry, Günter!): Das ist so jämmerlich, unmöglich, dass sie dies noch korrigiert bekommen.

Dass es anders kam, wird – und zwar isoliert davon, ob wir den verdammten Thüringenpokal gewinnen – immer mit dem Namen und der Person Stefan Krämers verbunden bleiben. Es ist ja nicht so, dass er nur einen schlafenden Riesen wach küssen musste. Eine Mannschaft, die für jeden offensichtlich weit unter ihrem Potenzial spielte. So gut wie alle waren sich vor der Saison einig, dass es vermutlich sehr schwierig werden würde. Diese berechtigte Sorge gründete sich auf dem Weggang von Leistungsträgern wie Möhwald, Czichos und Wiegel. Sowie auf mehrheitlich desolaten Leistungen der Mannschaft in der zweiten Hälfte der letzten Saison. Eine Niederlagenserie, die auch Christian Preußer zunächst nicht zu stoppen wusste, bildete die Basis einer tief wirkenden Skepsis, die sich bis in die neue Saison hinein konservierte.

Aus der Skepsis wurde alsbald Gewissheit. Auch wenn wir nur bis zum 5. Spieltag auf einem Abstiegsplatz standen, gelang es Preußer nicht, die Mannschaft fußballerisch zu stabilisieren. Der Kontakt zur Abstiegszone riss nie ab, einhergehend mit einer Dauerpanik, die allen aufs Gemüt drückte. Eine erneute Niederlagenserie vor der Winterpause besiegelte Christian Preußers Aus.

Was seit der Berufung Stefan Krämers zum Cheftrainer des FC Rot-Weiß Erfurt geschah, ist erstaunlich. Vor allem, weil er es vermochte, viele Dinge gleichzeitig zu verbessern. Nimmt man nur den Kader und die taktische Grundformation, wird man feststellen, dass sich bei beiden so viel nicht geändert hat. Krämer vertraute im Wesentlichen auf die Spieler, die schon unter Preußer zum Einsatz kamen, und auch Krämer ließ (mehrheitlich) ein 4-2-3-1-System spielen. Klar, mit Brückner und Benamar kamen zwei wichtige Offensivspieler hinzu und zuweilen variiert er mit einem 4-1-4-1-System. Das allein erklärt aber nicht, warum einige Spieler plötzlich sehr viel besser spielen als vorher – unter Preußer und teilweise sogar unter Kogler. Aydin, Menz, Tyrala. Selbst Odak gehört für mich in diese Kategorie.

Ich denke, dass es sich bei Krämer lohnt, sehr genau zuzuhören, wenn er sich öffentlich äußert. Er betonte am Anfang seiner Tätigkeit nachdrücklich, es sei für ihn von entscheidender Bedeutung, dass die Mannschaft kollektiv angreift und verteidigt. Wer bei ihm nicht defensiv arbeite, habe keine Chance. Okay, das klingt zunächst nach einer Plattitüde, wie sie Trainer oft und gern benutzen. So wie die Mannschaft sich nach und nach entwickelte, zeigte allerdings, wie ernst es ihm damit war.

Im modernen Fußballkauderwelsch existiert dafür ein Begriff: Kompaktheit. Kein schönes Wort und ich würde gern ein anderes verwenden, mir fällt nur kein passenderer Begriff ein. Selbst Zuschauern, die während eines Spiels nicht ständig auf die Positionen der Spieler achten, fällt am Spiel der Rot-Weißen auf, was damit gemeint ist: Wenn der Gegner angreift, dann muss er sich (oft) gegen eine scheinbar nicht enden wollende Kaskade Erfurter Spieler behaupten, die ihm für seine Angriffsbemühungen weder Raum noch Zeit zu geben die Absicht haben. Weswegen die Angriffe oft wirkungslos bleiben. Das liest sich jetzt ebenfalls relativ banal, ist aber, taktisch (und physisch) betrachtet, großes Kino. Nur so war es möglich, dass wir, gerade in den letzten Spielen, man denke nur an den durchgängig famosen Auftritt in Stuttgart, über weite Teile des Spiels das dominante Team waren. Dies ist keinesfalls selbstverständlich, und es ist, wie vieles im Fußball, anfällig für Störungen jeder Art. Man kann mit einem forcierten Pressingfußball auch grandios scheitern, wie es das Beispiel Zorniger in Stuttgart belegt. Die Feinjustierung innerhalb der Mannschaft muss schon sehr gut passen, sonst hat der Gegner immer die Möglichkeit, freie Räume zu bespielen. Bei Preußer war zum Beispiel das Pressing im Mittelfeld des Öfteren mangelhaft. Die gegnerischen Mittelfeldspieler hatten zu häufig die entscheidenden 2-3 Sekunden Zeit, den Ball anzunehmen, sich zu orientieren und abzuspielen.

Diese Zeit lässt ihnen die Mannschaft unter Krämers Anleitung nicht mehr. Oder präziser: viel seltener. Das erreicht man nur mit einem höheren Laufaufwand und einem variableren Positionsspiel. Damit der Druck auf den angreifenden Gegner überall in den relevanten Zonen des Spielfeldes aufrecht erhalten werden kann, müssen Spieler – situativ – ihre Positionen verlassen, um die Räume (und damit die Ballbesitzzeiten des Gegners) klein zu halten. Das wiederum beeinflusst die Positionen der noch hinter dem Ball befindlichen Abwehrspieler, sie müssen diese Räume dann besetzen. Ich sagte ja, es klingt nur banal.

Ich kann nicht beurteilen, ob Krämer mit den oben erwähnten Spielern individuell viel gearbeitet hat. Einen Grund für ihre offensichtliche Verbesserung sehe ich darin, dass sich Spieler wohler fühlen, wenn ihr Spiel Teil eines Konzeptes ist, dass ihnen schlüssig erscheint und mit dem sie erfolgreich sind. Das trifft sicher auf alle Spieler einer Mannschaft zu, bei einigen scheint es aber Potenziale freizulegen, die man ihnen gar nicht mehr zugetraut hätte.

Abschließend möchte ich noch zwei Spieler hervorheben, denen in Krämers System eine maßgebliche Rolle zukommt. Carsten Kammlott ist nicht nur deshalb so wichtig, weil er entscheidende Tore schießt und vorbereitet. Er ist ebenfalls eine grandiose Ein-Mann-Angriffs-Pressing-Maschine und in dieser Eigenschaft vermutlich ohne Gleichen in der Liga. Seine Dynamik und Aggressivität sorgen nicht selten dafür, dass die Verteidiger (oder auch der Torwart) sich lieber dafür entscheiden, lange (weniger kontrollierte) Bälle zu spielen, die natürlich leichter zu verteidigen sind. Mit anderen Worten: sie haben die Buxe voll, wenn Kammlott wie ein Berserker auf sie zu stürmt.

Last but least: Jens Möckel. Bereits nach seiner letzten langen Verletzung war ich verblüfft, wie schnell er wieder auf hohem Niveau zu spielen in der Lage war. Diesmal, nach einer noch längeren, noch schwereren Verletzung, bin ich das nicht minder. Weiter oben habe ich versucht zu erläutern, wie wichtig es ist, dass die Spieler situativ ihre Positionen verlassen, um die mannschaftliche Kompaktheit (und damit den Gegnerdruck) aufrecht zu erhalten. Genau hier liegt eine von Jens Möckels größten Stärken. Wirklich beeindruckend, wie er mitunter – nicht frei von Risiko – seine Position in der Innenverteidigung verlässt, um Spieler zu attackieren, die sich in den Räumen zwischen den Linien anbieten. Dabei gelingen ihm zuweilen äußerst spektakuläre Ballgewinne, die er, nächstes großes Lob, dann auch häufig direkt in die Einleitung von Gegenangriffen umwandeln kann.

Oh, das ist mir jetzt relativ ausführlich geraten. Dabei bin auf verschiedene andere, nicht weniger wichtige Aspekte gar nicht zu sprechen gekommen. Als da wären: die Standards und die Fokussierung bzw. Überladung bestimmter Zonen des Spielfeldes bei eigenen Angriffen.

Das wird in den nächsten Wochen nachgeholt; denen wir auf wunderbare Weise, plötzlich aber alles andere als zufällig, sehr gelassen entgegen sehen können. Habt Euch wohl, Ihr Lieben.

111 Gründe, Rot-Weiß Erfurt zu lieben / Eine Buchkritik (und ein Quiz)

111GründeSeit einigen Tagen liegt sie nun endlich auch für den FC Rot-Weiß Erfurt und seine Fans vor, die neue inoffizielle Vereinsbibel mit dem Titel: «111 Gründe, Rot-Weiß Erfurt zu lieben». Untertitel: Eine Liebeserklärung an den großartigsten Fußballverein der Welt.

Ich will ehrlich sein, ich hätte dieses Buch nicht zu schreiben vermocht. Schlichtweg, weil es Tage gab, gibt und sehr wahrscheinlich geben wird, an denen es mir schwerfallen würde, auch nur drei Gründe aufzuzählen. Von einer Liebeserklärung ganz zu schweigen. Insofern hat der Verlag «Schwarzkopf & Schwarzkopf» mit dem Sporthistoriker (und langjährigem RWE-Fan) Michael Kummer eine großartige Wahl getroffen. Die von ihm vorgenommene Auslese wichtiger und weniger wichtiger, lustiger und trauriger, bekannter und weithin unbekannter Episoden, Geschichten und Fakten aus dem Vereinsleben des FC Rot-Weiß Erfurt sind ein Lesevergnügen ersten Ranges.

Zum Wohle des Lesers widerstand der Autor der Versuchung, die gesamte Früh- und Vorgeschichte des Erfurter Fußballs in eine Art Enzyklopädie zu packen. Kein weiterer Opa also, der von vergangenem Ruhm schwadroniert. Fast alle Ereignisse, die hinter den 111 Geschichten des Buches stecken, haben sich nach der Vereinsneugründung 1966 zugetragen, erfreulich viele in jüngerer und jüngster Zeit.

Eine weitere Stärke des Buches liegt in seiner Vielstimmigkeit und Vitalität. Kummer lässt nicht totes Papier aus halb toten Archiven sprechen. Er hat sich von Fans und Protagonisten ihre Geschichten erzählen lassen und gibt diesen wohltuend viel Platz. Da werden mitunter rührende Momente der Vereinsliebe und ihrer Initiation lebendig. Aber man erfährt auch Erhellendes (wenngleich nicht durchgängig Erfreuliches) über interne Entscheidungen, von denen ich nicht ganz sicher bin, ob ihre Erwähnung im Buch den durchgehenden Beifall aller noch im Amt befindlichen Vereinsoberen findet. Bei dieser Art der Episoden kommt man an dem Namen des einstigen Stadionsprechers Lars Sänger nicht vorbei, der beispielsweise erstaunlich freizügig über die Hintergründe der Wiederverpflichtungen von Tom Bertram und Marco Engelhardt plaudert. Zur Erbauung des Lesers. (Als Blogger, dem der Erfolg des Vereins oberstes Gut ist, findet man die dort geschilderte Vorgehensweise hingegen etwas, sagen wir, hemdsärmlig.)

Ganz großes Kino bieten die Episoden, die von der (vermeintlichen) Aufbruchphase des Vereins in den frühen und mittleren Achtziger Jahren handeln. Man stelle sich vor: Die Nachwuchsmannschaft wurde DDR-Meister. Die in ihr spielenden Talente mussten nicht (mehr) an andere Klubs «delegiert» werden. Der Trainerguru (ohne Anführungszeichen) Hans Meyer wurde verpflichtet. Und dann gab es da noch eine Figur, die sich die Marx Brothers und die Gebrüder Grimm während eines gemeinsamen Saufgelages nicht besser hätten ausdenken können: Karl-Heinz Friedrich, Clubvorsitzender von 1980 bis 1986. Den muss man sich als eine Art Uli Hoeneß des DDR-Fußball vorstellen. Umtriebig, einfallsreich, leistungsorientiert. Nur leider weit weniger erfolgreich. Das Geld floss regelmäßig in Strömen, nicht ganz so regelmäßig flossen Punkte aufs Tabellenkonto. Weshalb diese ambitionierteste Ära des Erfurter Fußballs da endete, wo sie begann: im Mittelmaß der DDR-Oberliga.

Der Verein FC Rot-Weiß Erfurt hat es seinen Anhängern nur zu wenigen Zeitpunkten seiner Existenz leicht gemacht, ihn vorbehaltlos zu lieben. Warum viele es trotzdem tun, manche seit Jahrzehnten, dafür liefert dieses Buch viele eindrucksvolle, lesens- und liebenswerte Belege. Deshalb meine Empfehlung: Lest es und erwärmt Euer rot-weißes Herz!

Das Buch kann bei verschiedenen Erfurter Buchhandlungen käuflich erworben werden. Selbstredend auch über andere uns allen bekannte Kanäle. Eine Lesung mit Michael Kummer findet am 10. Mai um 20.00 Uhr bei Peterknecht statt.

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Nun zum Quiz:. Zu gewinnen gibt es drei Exemplare von, Überraschung, «111 Gründe, Rot-Weiß Erfurt zu lieben». Das ist in erster Linie als kleines Dankeschön für alle gedacht, die dieser kleinen, abgeschiedenen Insel im digitalen Meer über Jahre die Treue gehalten haben. Und, ich weiß, so manches Mal enttäuscht waren, dass es wieder keinen aktuellen Text gab.

Das Prozedere: Wenn Ihr Lust habt, die drei Fragen zu beantworten, dann schickt die Antworten an fedor.freytag@stellungsfehler.de. Einsendeschluss ist der 17. April 2016, 20.00 Uhr. Wer die meisten Fragen richtig beantwortet, gewinnt. Sollten mehr als drei Einsender alle oder die gleiche Anzahl von Fragen richtig beantworten, entscheidet die Reihenfolge des Eintreffens der Mail in meinem Postfach. (Im Sinne von: Der erste Einsender liegt vorn.) Ich setze mich dann mit den Gewinnern in Verbindung.

Hier die Fragen:

  1. Welcher Spieler der späteren Erfurter Meistermannschaft wurde 1951 nach einem Trainingslager der DDR-Nationalmannschaft für ein halbes Jahr von Spielen der Nationalmannschaft gesperrt? Begründung des Kontrollausschusses: Anstiftung zu einem Trinkgelage. (Wie cool ist das denn?, begeisterte Anmerkung FF, nicht quizrelevant)
  2. Wer schoss beim bis heute letztem Sieg in einem Ligaspiel bei Erzgebirge Aue das Führungstor zum 1:0 für den FC Rot-Weiß Erfurt?
  3. Am letzten Samstag war sie noch da. Wenn auch funktionslos. Wie aber heißt die Firma, die unsere langjährige Anzeigetafel gebaut hat?

Anmerkung: Da dies hier eine in jeder Hinsicht völlig private Veranstaltung ist, sind Rechtswege oder dergleichen natürlich ausgeschlossen. Sollten alle drei Fragen vor Ablauf des Einsendeschlusses von mindestens drei Teilnehmern korrekt beantwortet sein, veröffentliche ich die richtigen Antworten bereits vor Ablauf der oben genannten Frist, die in diesem Fall obsolet wäre.

Rot-Weiß Erfurt: Nachrichten vom Abstiegskampf

kammlott Ich kann mich noch lebhaft an den Abend des 16. April 2013 erinnern. Wir hatten soeben den insolvenzbedrohten Traditionsverein Alemannia Aachen locker mit 3:1 bezwungen. Das Ergebnis wurde den Kräfteverhältnissen auf den Platz nicht mal ansatzweise gerecht. Es waren 32 Spieltage absolviert. Eine Saison, in der wir vom ersten Spieltag an unten festklebten, würde ein versöhnliches Ende nehmen, das war die erfreuliche Essenz dieses Abends. Hurra, wir hatten 38 Punkte!

Die haben wir jetzt nach 32 Spieltagen auch. Und trotzdem laufen alle Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt mit angeknabberten Nägeln durch die Welt. Damals hatten wir sieben Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz, während es diesmal nur drei sind. Zudem ein Restprogramm, das uns fast ausschließlich auf Gegner treffen lässt, die keinen Deut weniger als wir entschlossen sein werden, den Abstieg in die Hölle der Regionalliga zu vermeiden.

Ich bin kein übermäßig großer Freund davon, die Realität durch «positives Denken» in ein virtuelles Lila-Laune-Land zu überführen. Trotzdem gibt es Anlass zu Optimismus. Stefan Krämers Mannschaft hat in Köln, nicht zum ersten Mal, nachgewiesen, dass sie mit Konzentration, Spielvermögen und taktischem Geschick, diesen beinharten sportlichen Überlebenskampf anzunehmen weiß. Ob das am Ende reicht, ist nicht ausgemacht, aber erfreulich vieles deutet darauf hin.

Die Mannschaft hat bei der Fortuna quasi von der ersten Sekunde an, einen verunsicherten Gegner noch weiter verunsichert, indem sie sofort und in allen Zonen des Spielfelds aggressiv presste. Dann, als dieser Druck etwas nachzulassen schien, nagelte Menz endlich den x-ten (und ersten gefährlichen) Standard unter die Latte. Zu Kammlotts Tor muss man nicht viel sagen. Außer, dass es schlichtweg großartig war, wie unser Stürmer, der – von einem Infekt geplagt – morgens kaum aus dem Bett kam, diesen Abwehrfehler nutzte.

Als nach dem Anschlusstor viele dachten, nun gehe es dahin, brachte Krämer (für den völlig fertigen Kammlott) Sebastian Szimayer und lag damit, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal an diesem Nachmittag, völlig richtig. Das entscheidende dritte Tor wurde von diesem in Folge richtiggehend erzwungen. Mit seiner physischen Stärke und Präsenz kamen die (ohnehin schwachen) Innenverteidiger der Kölner bis zum Ende überhaupt nicht zurecht. Auch die etwas überraschende Einwechselung Uzans für den verletzten Tyrala erwies sich als gut durchdacht. Die Fortuna wollte dieses Spiel mit spielerischen Mitteln bestreiten und gewinnen. Dies durchkreuzte Krämer, indem er in kritischen Phasen mehr Physis ins Spiel brachte, erst Szimayer und dann den Mittelstürmer Uzan im zentralen Mittelfeld.

Fraglos, die ganze Mannschaft hat ein sehr gutes Spiel gemacht. Trotzdem möchte ich noch auf die Leistung von Theodor Bergmann zu sprechen kommen. Niemandem war sonderlich wohl, als Brückner nach 40 Minuten humpelnd das Feld verlassen musste. Wie der für ihn kommende Bergmann aber in der 2. Halbzeit spielte, fand ich sehr überzeugend. Er ist ganz sicher kein Zehner und agierte dann auch eher auf einer Achterposition vor/neben Tyrala und Judt, während Benamar und Aydin öfter in die Mitte einrückten. Vom Typ her erinnert mich Bergmann ein bisschen an Julian Weigl vom BVB. Etwas schlaksig daherkommend verfügt er trotz seiner Jugend über ein sehr gutes Raumgefühl und trifft meist die richtigen Entscheidungen bei der Spielfortsetzung. Wann immer möglich, versucht er einen vertikalen Pass zu spielen, das war in den letzten Jahren nicht unbedingt eine Stärke der bei RWE eingesetzten zentralen Mittelfeldspieler. Mit einem Wort: Der Junge sollte öfters spielen. (Und bitte, bitte, bitte Torsten Traub: Ich möchte Theodor Bergmann in zwei Jahren nicht im Trikot von Zwickau oder Nordhausen sehen, nachdem man erneut an einem jungen Spieler das Interesse verloren hatte.)

Bergmann, Szimayer, Uzan. In Anbetracht von Sperren (Benamar) und Verletzungen (Tyrala, Brückner) ist es von hohem Wert, dass auf unserer Bank Spieler sitzen, die man auch in engen und hitzigen Spielen, also in allen noch vor uns liegenden, mit gutem Gewissen einwechseln kann.

Osnabrück kann kommen.

Einige lose Gedanken zur Situation des FC Rot-Weiß Erfurt

Befänden wir uns in einem Filmdrama, wäre jetzt der Zeitpunkt, an dem ein Mitglied der Familie dem Priester zuflüstert: «Danke für Ihr Kommen Hochwürden, aber Sie können erst mal wieder nach Hause gehen.» Der Patient Rot-Weiß Erfurt befindet sich nach wie vor in einem kritischen Zustand, aber die Letzte Ölung kann getrost verschoben werden.

Das verdankt sich in nicht geringem Umfang dem neuen Trainer des Vereins, Stefan Krämer. Er hat es in vergleichsweise kurzer Zeit verstanden, eine erschreckend hinfällige Mannschaft zu revitalisieren. Ich will damit nicht sagen, dass der Kampf gegen den Abstieg bereits gewonnen sei, allerdings deutet vieles darauf hin, dass wir uns in der nächsten Saison, dann in einem neuen Stadion, auf ein weiteres Jahr Dritte Liga freuen dürfen.

Was sind die Gründe für die sportliche Schubumkehr? Ich denke zunächst, dass Stefan Krämer ein außergewöhnlich talentierter Kommunikator ist. Quasi alles, was er seit seiner Berufung sagte (in Interviews, Pressekonferenzen, etc.), war geeignet, die öffentliche Meinung für sich und seine Arbeit einzunehmen. In der auf Weltniveau agierenden Unmut-Fabrik namens Erfurter Fußball eine Leistung, von nicht zu unterschätzendem Wert.

In der Spielidee sehe ich gar keine so grundlegenden Unterschiede zu unseren ersten Saisonspielen unter Christian Preußer. (Man erinnere sich an die unglückliche Niederlage in Magdeburg.) Auch Preußer wollte schnell vertikal spielen lassen, Räume verdichten, forderte Pressing und Gegenpressing von seiner Mannschaft. Zumindest war das die initiale Spielidee. Die aber in einer Mühle aus halb garen taktischen Änderungen, individuellen Defiziten der verfügbaren Spieler (vor allem in der Offensive) und immer größer werdendem Druck bis zur Unkenntlichkeit zermahlen wurde.

Mit anderen Worten: Stefan Krämer ist es bis hierher offensichtlich gelungen, Theorie und Praxis des Fußballs in Einklang zu bringen. (Hier lag wohl das größte Defizit seines Vorgängers.) Und nichts im Fußball ist erfolgsfördernder als Erfolg. Die Mannschaft glaubt dem Trainer, weil sich mit ihm Erfolge einstellen. Dazu benötigt es allerdings immer einen Anteil Glück. Die Spiele gegen Würzburg und Dresden hätten wir bei gleicher Leistung ebenso gut verlieren können. Daher sollten wir uns bei allem Optimismus nach wie vor Zurückhaltung auferlegen. Die Liga ist so unglaublich leistungsdicht, jedes Nachlassen der eigenen Konzentration, jede Pechsträhne (Verletzungen, Schiedsrichterentscheidungen, Chancenverwertung) haben das Potenzial, die Tore zur Hölle (aka Regionalliga) erneut weit aufzustoßen.

Die Fairness gebietet es, die Winterverpflichtungen von Daniel Brückner und Samir Benamar als gleichfalls essenziell für die Leistungssteigerung der Mannschaft zu notieren. Beides Spieler, die – mit unterschiedlichen Fertigkeiten ausgestattet – deutlich über Liganiveau agieren. Zumindest an guten Tagen. Daniel Brückner ist vielleicht nicht mehr so dominant in der Offensive wie in seiner ersten Zeit in Erfurt. (Als die Rechtsverteidiger der Gegner reihenweise zur Halbzeit ausgewechselt wurden.) Aber seine große Ruhe am Ball, seine Passsicherheit und die inzwischen hinzugekommenen defensiven Fähigkeiten machen ihn zu dem Spieler, der uns vorher fehlte. Gleiches trifft auf Benamar zu: technisch brillant, schnell und – im besten Sinn – unberechenbar.

Es ist bei Weitem nicht alles gut im Fußballspiel des FC Rot-Weiß Erfurt. Niemand weiß das besser als Stefan Krämer und er hat keinerlei Scheu es zuzugeben. Standards, Raumaufteilung, Umkehr- und Aufbauspiel – mit den nach wie vor vorhandenen Defiziten lassen sich ganze Schwarzbücher über Fußballtaktik füllen. Aber ihr kennt ja den alten Witz: Man muss nicht schneller sein als der Löwe. Für diese Saison genügt es, einfach nur schneller zu sein als drei andere Teilnehmer der Drittliga-Safari. Diesbezüglich darf man optimistisch sein, dass wir den Priester nicht so schnell erneut rufen müssen.

Überlegungen zur Trainerfrage

Ich habe im Oktober 2012 ein langes Interview mit Christian Preußer geführt. Damals war er Trainer der U19 und Chef unseres Nachwuchs-Leistungszentrums. Mir fiel die Akribie auf, mit der er sich allen Dingen seines Aufgabenbereichs offensichtlich widmete. (Und ja, sie gefiel mir diese Akribie, weil sie im Gegensatz zu der sonstigen Wurschtigkeit stand und steht, mit der in diesem Verein sonst so vieles betrieben wird.) Es saß mir ein junger, sympathischer, intelligenter Trainer gegenüber und ich hatte keinen Zweifel, dass er eines Tages seinen Weg im Profifußball gehen wird. An dieser Einschätzung halte ich bis heute fest.

Natürlich weiß ich, dass es gute Argumente gibt, die in der gegenwärtigen, zweifellos sehr schwierigen, Situation gegen ihn sprechen. Es ist auch keineswegs so, dass ich mit allen Äußerungen und Entscheidungen Christian Preußers als Trainer unserer Profimannschaft einverstanden bin, bzw. genauer formuliert, dass ich diese verstehe.

Die Mannschaft spielt überwiegend schlechten Fußball. Auf diesen kurzen Satz können sich wohl alle Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt schnell einigen. Aber er ist, meiner Meinung nach, nur halb richtig. Korrekter müsste er lauten: Die Mannschaft spielt überwiegend schlechten Offensivfußball. Hingegen sind das Abwehrverhalten und die Defensivleistung in vielen Spielphasen in Ordnung. Mir ist klar, dass dies für den Klassenerhalt zu wenig sein könnte, nichtsdestotrotz muss es erwähnt werden, will man zu einer halbwegs soliden Einschätzung der Situation gelangen.

Im Grunde spiegelt dieser Offensiv-Defensiv-Kontrast nur wider, in welcher Qualität es gelungen ist, die personellen Abgänge am Ende der Saison zu ersetzen. Und da ist zu konstatieren, dass fast alle verpflichtenden Defensivspieler gute bis sehr gute Leistungen zeigen, während der Nachweis stabiler Drittligareife bei den Transfers im Offensivbereich aussteht. Besonders weh tut das bei der Spätverpflichtung Marc Höcher, der außer einigen Standards bisher alles vermissen lässt, was man sich von ihm versprochen hatte.

Christian Preußer ist nach wie vor von der Qualität all seiner Neuverpflichtungen überzeugt. Ich kann ihm nicht grundsätzlich widersprechen, da mir die Trainings-Eindrücke fehlen. Aber ich habe Zweifel. Außer den bisher wenig überzeugenden Leistungen der neuen Offensivspieler ist es natürlich verheerend, dass Spieler bei denen man davon ausgehen durfte, dass sie über gutes Drittliganiveau verfügen, dieses nur sehr eingeschränkt abzurufen in der Lage sind. Die Leistungen von Menz und Tyrala sind bestenfalls als schwankend zu charakterisieren. Sie werden im zentralen Mittelfeld aufgeboten, der Do-or-Die-Zone des Fußballs. Ist man hier dem Gegner unterlegen, verliert man Fußballspiele. Es wird von essenzieller Bedeutung sein, und zwar für jeden Trainer dieser Mannschaft, diese beiden Schlüsselspieler wieder in eine Form zu trainieren, die sie nicht zur Belastung, sondern zu Leistungsträgern des Teams werden lässt. Andererseits muss man Preußer zugute halten, dass er mit Nikolaou eine sehr kreative Lösung aus dem Hut zauberte, dem man gewisse strategische Fähigkeiten auf dem Platz nicht absprechen kann. Er verfügt über ein gutes Zweikampfverhalten (ein großer Mangel bei Menz und Tyrala), hat aber auch eine passable Grundtechnik und (das ist auf der Position sein größtes Plus) er spielt fast durchweg die richtigen Pässe, kann enge Situation durch Spielverlagerung auflösen. Er wäre mit einem Sebastian Tyrala in guter Verfassung ein absolut wettbewerbsfähiges Duo im zentralen Mittelfeld.

Was mich irritiert ist das überlange Festhalten an Dingen, die offenkundig nicht erfolgreich sind. Hier wäre das 4-4-2-System zu nennen, welches gegen Stuttgart II zwar prima klappte. Aber nur, weil die Innenverteidiger des VfB die Kopfballablagen von Szimayer nicht verteidigen konnten und die Stuttgarter ganz generell einen schlechten Tag in der Defensive erwischt hatten. In quasi allen Spielen danach (bis man es gegen Osnabrück wieder mit nur einem Stürmer versuchte) wurde diese Taktik der langen Bälle wieder und wieder neu erprobt. Auch gegen Gegner bei denen a priori klar war, dass es nicht funktionieren würde, eben weil die Qualität der Innenverteidiger viel zu gut für diese doch recht simple Form des Fußballs ist. Es gab auch Spiele, in denen man diese Taktik zur Halbzeit hätte revidieren können und müssen. Wenn die Stürmer keine verwertbaren Bälle erhalten, weil das Passspiel im Mittelfeld im Grunde nicht vorhanden ist, macht es keinerlei Sinn einen gelernten Mittelstürmer durch einen anderen zu ersetzen. Ich denke, dass es von großer Bedeutung ist, die Passqualität im Angriffsdrittel drastisch zu erhöhen. Aus diesem Grund würde ich derzeit eher ein System bevorzugen, in dem nur ein nomineller («gelernter») Mittelstürmer aufgeboten wird. Ob man das dann als 4-4-2 oder 4-2-3-1 typisiert ist völlig nachrangig, wichtig ist, das die Anzahl der Passdreiecke (vulgo Anspielstationen) erhöht wird, um die Anzahl der Fehlabspiele zu verringern.

Sachen wie diese habe ich allerdings bereits kritisiert als Stefan Emmerling oder Alois Schwartz hier Trainer waren. Nicht wenige habe die jetzige Situation (Abstiegskampf) bereits vor der Saison prognostiziert. Und bei fast jedem Saisonspiel – selbst nach gewonnenen – wurde deutlicher, dass die Prognose nicht ausschließlich der chronischen Schwarzmalerei am Steigerwald geschuldet war. Nun ist also eingetreten, was zu befürchten war. Wir stehen – wenigstens gefühlt – auf einem Abstiegsplatz. Trotzdem rate ich dem Verein, sich dem schnellen Impuls einer Trainerentlassung zu verweigern. Sollten die Verantwortlichen der Auffassung sein, dass Christian Preußer fachlich gute Arbeit leistet, und sollte sein Verhältnis zur Mannschaft intakt sein, liegen keine Gründe vor, ihn zum jetzigen Zeitpunkt zu entlassen. Die Tabellensituation ist fraglos kritisch und gefährlich, noch aber hat die Mannschaft locker alle Möglichkeiten, ausreichend Punkte für den Verbleib in der Liga zu holen. Es ist jedoch völlig klar, dass sich die Frage nach der Qualität des behandelnden Arztes so lange stellt, wie der Patient auf der Intensivstation liegt. Insofern ist meine Meinung in dieser Frage durchaus abhängig von den Resultaten der nächsten Spiele (falls es die mit Preußer noch geben sollte), mehr aber noch von den dabei gezeigten Leistungen. Auch aus diesem Grund halte ich Ultimaten an den Trainer (sollte es sie denn wirklich geben) für kompletten Blödsinn.

Rot-Weiß Erfurt vs. Werder Bremen II 2:1 / Die Bipolaren

rwe vs. svw 3Gravierende Leistungsunterschiede innerhalb eines Spiels sind im Fußball eher die Regel als die Ausnahme. Selten sind so krass wie beim 4:4 der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Schweden im Oktober 2012. Derart spektakulär sind die Jekyll & Hyde-Kicks des FC Rot-Weiß Erfurt in dieser Drittligasaison (noch) nicht. Dafür «beglückt» Christian Preußers Team seine Fangemeinde in großer Regelmäßigkeit mit solchen Auftritten.

Aktuellstes Beispiel ist der 2:1-Sieg gegen die Zweite Mannschaft des SV Werder. Die ersten 60 Minuten waren, je nach Temperament, zum Heulen, Wegsehen, Ausrasten, Verzweifeln, etc. Es ist müßig, alles aufzählen zu wollen, was da fußballerisch fehl ging. (Überdies neige ich nicht zum Masochismus.) Wie öfter in vergleichbaren Spielphasen zerfiel die Mannschaft beim eigenen Spielaufbau in zwei Gruppen. Hinten die Verteidigungsreihe und die beiden Sechser, vorne beide Mittelstürmer sowie die offensiven Außen. Dazwischen: Nichts! Entweder ging der Ball im defensiv-zentralen Mittelfeld verloren (Tyrala) oder wurde lang gespielt und eine sichere Beute der Bremer Verteidigung. Allein die Bremer Unfähigkeit aus der eigenen Überlegenheit mehr Torchancen zu kreieren, hielt das Spiel offen. Ein Umstand, der gegen bessere Gegner mit einiger Wahrscheinlichkeit obsolet wäre.

Dann passierte Marc Höcher. Und plötzlich vollzog sich unter den Augen von 4.000 begeisterten Erfurter Fans eine kaum noch für möglich gehaltene Wendung des Spiels. Gut, Bremen machte den Kardinalfehler in dieser Situation, wurde passiv und ließ sich in Folge dieser Passivität immer weiter in Richtung eigenes Tor drängen. Aber das ist natürlich stets eine Frage von Wirkung und Gegenwirkung. Wie auch immer, plötzlich gab es so etwas wie Spielverlagerungen, die Ballzirkulation war nicht bereits nach anderthalb Pässen zu Ende. Werder konnte die Breite des Spielfeldes nicht mehr verteidigen und so ergaben sich Räume auf den Außen- und Halbpositionen, die immer häufiger in Torgelegenheiten mündeten. Der Treffer zum Sieg fiel dann mit einer gewissen Zwangsläufigkeit. Und war verdient, weil die Rot-Weißen in der entscheidenden Phase des Spieles klar überlegen waren. Ungeachtet der Tatsache, dass Werder über 60 Minuten die bessere Mannschaft stellte. Im Detail fiel mir in dieser Phase auf, dass der bis dahin erbarmungswürdig schlechte Tyrala aufblühte wie eine Hanfpflanze unter der Höhensonne. Als Pass- und Taktgeber im zentralen offensiven Mittelfeld, vulgo auf der Zehnerposition. Das ist vielleicht keine dauerhafte Position für ihn, aber in bestimmten taktischen Konstellationen (wie der am Samstag) haben wir keinen Akteur in der Mannschaft, der den Raum hinter den Spitzen besser bespielt als er.

Rot-Weiß Erfurt vs. VfB Stuttgart II 3:0 / Hoch und weit und erfolgreich

taktik 1Bereits nach drei Minuten wurde deutlich, wie Christian Preußer den ersten Saisonsieg zu erringen gedachte. Auf dem (durch und durch exemplarischen) Foto ist zu sehen, dass es so etwas wie einen Spielaufbau über die zentralen Mittelfeldspieler nicht geben würde, weshalb auch keiner von ihnen im Bildausschnitt zu sehen ist. Die Außenverteidiger stehen unglaublich tief – normalerweise sind sie mindestens an der Mittellinie, meist aber noch höher – positioniert. Auch sie werden an der Überbrückung des Mittelfeldes nicht beteiligt sein. In der Szene wird gleich ein langer Ball folgen, vermutlich geschlagen von Mario Erb, auf den sechs Erfurter Spieler im Angriffsdrittel des VfB-Nachwuchses lauern.

Ich will ehrlich sein, das ist nicht unbedingt der Fußball, den ich schätze. Und hätten wir das Spiel verloren, würde das hier noch sehr viel nachdrücklicher ein Thema sein. Mit dieser taktischen Vorgabe aber gelang dem FC Rot-Weiß Erfurt der dringend benötigte erste Sieg in dieser Saison. Der VfB machte über die gesamte Spieldauer hinweg den Fehler, dass unsere Verteidiger diese Bälle in aller Ruhe nach vorn schlagen konnten, was vor allem bei Mario Erb mit einer erstaunlichen Präzision einherging. Adressat der Bälle war nicht selten Sebastian Szimayer, der via Körpergröße, physischer Präsenz und Zweikampfgeschick eine Reihe dieser Bälle unter Kontrolle bzw. zum Mitspieler bringen konnte. Die Raumaufteilung unserer Offensivspieler war glänzend abgestimmt, sodass viele unklare, abprallende Bälle eine Beute der beiden zentralen Mittelfeldspieler wurden. Man könnte dafür den Begriff Raumdominanz verwenden. Das alles führte selten direkt zu klaren Torgelegenheiten, jedoch gelang es den Erfurtern, permanent Bälle in die Red-Zone zwischen Fünfmeterraum und Sechzehnmeterlinie zu transportieren. Der VfB fand dagegen kein Mittel, Tore waren eine Frage der Zeit. Nur in der Viertelstunde nach der Pause war zu sehen, dass im Team des Stuttgarter Nachwuchses eine Reihe begabter Techniker aufgeboten waren. Drei hochkarätige, gekonnt erspielte Chancen, gab es zu verzeichnen. Dem bereitete Carsten Ich-weiß-wo-das-Tor-steht Kammlott ein jähes Ende. Danach hätte der souveräne Manuel Gräfe abpfeifen können. Das Ding war durch.

Ein Wort zur Diskussion um Sebastian Tyrala. Zunächst denke ich, dass die Taktik vom Samstag nicht in jedem Fall, soll heißen: bei jedem Gegner, zum Erfolg führen wird. Wir werden auf Mannschaften treffen, deren Innenverteidiger geschickter sind, mehr Zweikämpfe gewinnen, es besser als der VfB verstehen, zweite Bälle zu sichern und zu behaupten. Wir werden Sebastian Tyralas Spielintelligenz mithin weiterhin dringend benötigen. Egal, mit welcher Taktik Preußer agieren lässt, unser Spiel wird in dieser Saison von hoher physischer Intensität geprägt sein. Will man Spiele gegen fußballerisch bessere Mannschaften gewinnen, werden gerade die Spieler im zentralen Mittelfeld mehr als der Gegner laufen und viele Zweikämpfe bestreiten müssen. Der körperliche und mentale Verschleiß wird entsprechend hoch sein. Es ist somit unzweifelhaft ein Vorteil, möglicherweise sogar eine Voraussetzung für Erfolg, im zentralen Mittelfeld personelle Optionen im Kader zu haben.

Apropos Optionen im Kader: Gestern wurde Marc Höcher von Roda Kerkrade verpflichtet. Bin mir noch nicht sicher, ob er so ein typisch holländischer Flügelstürmer oder doch eher ein offensiver Mittelfeldspieler ist. Bemerkenswert, dass er über die Jahre eine konstant hohe Zahl von Torvorlagen zu verzeichnen hat. Das werden Kammlott und Szimayer erwartungsvoll zur Kenntnis nehmen. Er hat bei mir schon jetzt einen Bonus, weil er sich lieber auf das Wagnis einer für ihn völlig neuen Liga einlässt, statt seinen Vertrag in der obersten Klasse des Nachbarlandes (immerhin!) auf der Bank abzusitzen.

Aufstellung gegen Preußen Münster. Ein Vorschlag.

Es sind drei Spieltage absolviert. Wir haben einen Punkt, was nicht viel ist. Nur auf Grund der großartigen Performance von Christian Beck gegen den HFC sind wir nicht Tabellenletzter.

Das Spiel der Mannschaft weist verschiedene Defizite auf, die hier und anderenorts bereits besprochen wurden. Richtig ist, dass man in allen drei Spielen hätte punkten können. Es ist also keineswegs so, dass Preußers Team nicht wettbewerbsfähig wäre oder dergleichen. Die Schlussminuten in Dresden haben den Nachweis erbracht, dass die Moral der Mannschaft intakt ist. Was fehlt, ist offensive Durchschlagskraft. Kann sein, dass wir in den nächsten Tagen noch einen (oder mehrere) Spieler verpflichten. Ich gehe hier aber mal davon aus, dass gegen Münster dieselben Spieler zur Verfügung stehen wie bisher. Aus meiner Sicht muss man sich in der Offensive etwas überlegen damit Besserung eintritt. Immer das Gleiche zu versuchen, ist wenig zielführend. Deshalb im Folgenden mein Vorschlag für die Startelf am Samstag. Ich lass es mal unkommentiert und unbegründet, wäre aber sehr an Eurer Meinung interessiert.

Offensives 4-2-3-1 Vorschlag

 

Dresden vs. Rot-Weiß Erfurt 3:1 / Egal: Nur DAS TOR zählt

Vermutlich hätten wir alle nach dem Spiel dieses Tor von Carsten Kammlott gegen einen Punkt getauscht. Genau bedacht, ist das kleinmütig. Die Mannschaft hat noch 35 Spieltage Zeit, genügend Punkte zu holen. Das Tor unseres Mittelstürmers aber hat sich für immer in die Chronik des FC Rot-Weiß Erfurt und das Gedächtnis seiner Fans eingeschrieben.

Es war phänomenal, großartig, genial, brillant, herausragend, grandios, bestechend, exzellent, fantastisch, famos … – Es war für die Ewigkeit!