Tag Archiv für Rot-Weiß Erfurt

Überlegungen zur Trainerfrage

Ich habe im Oktober 2012 ein langes Interview mit Christian Preußer geführt. Damals war er Trainer der U19 und Chef unseres Nachwuchs-Leistungszentrums. Mir fiel die Akribie auf, mit der er sich allen Dingen seines Aufgabenbereichs offensichtlich widmete. (Und ja, sie gefiel mir diese Akribie, weil sie im Gegensatz zu der sonstigen Wurschtigkeit stand und steht, mit der in diesem Verein sonst so vieles betrieben wird.) Es saß mir ein junger, sympathischer, intelligenter Trainer gegenüber und ich hatte keinen Zweifel, dass er eines Tages seinen Weg im Profifußball gehen wird. An dieser Einschätzung halte ich bis heute fest.

Natürlich weiß ich, dass es gute Argumente gibt, die in der gegenwärtigen, zweifellos sehr schwierigen, Situation gegen ihn sprechen. Es ist auch keineswegs so, dass ich mit allen Äußerungen und Entscheidungen Christian Preußers als Trainer unserer Profimannschaft einverstanden bin, bzw. genauer formuliert, dass ich diese verstehe.

Die Mannschaft spielt überwiegend schlechten Fußball. Auf diesen kurzen Satz können sich wohl alle Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt schnell einigen. Aber er ist, meiner Meinung nach, nur halb richtig. Korrekter müsste er lauten: Die Mannschaft spielt überwiegend schlechten Offensivfußball. Hingegen sind das Abwehrverhalten und die Defensivleistung in vielen Spielphasen in Ordnung. Mir ist klar, dass dies für den Klassenerhalt zu wenig sein könnte, nichtsdestotrotz muss es erwähnt werden, will man zu einer halbwegs soliden Einschätzung der Situation gelangen.

Im Grunde spiegelt dieser Offensiv-Defensiv-Kontrast nur wider, in welcher Qualität es gelungen ist, die personellen Abgänge am Ende der Saison zu ersetzen. Und da ist zu konstatieren, dass fast alle verpflichtenden Defensivspieler gute bis sehr gute Leistungen zeigen, während der Nachweis stabiler Drittligareife bei den Transfers im Offensivbereich aussteht. Besonders weh tut das bei der Spätverpflichtung Marc Höcher, der außer einigen Standards bisher alles vermissen lässt, was man sich von ihm versprochen hatte.

Christian Preußer ist nach wie vor von der Qualität all seiner Neuverpflichtungen überzeugt. Ich kann ihm nicht grundsätzlich widersprechen, da mir die Trainings-Eindrücke fehlen. Aber ich habe Zweifel. Außer den bisher wenig überzeugenden Leistungen der neuen Offensivspieler ist es natürlich verheerend, dass Spieler bei denen man davon ausgehen durfte, dass sie über gutes Drittliganiveau verfügen, dieses nur sehr eingeschränkt abzurufen in der Lage sind. Die Leistungen von Menz und Tyrala sind bestenfalls als schwankend zu charakterisieren. Sie werden im zentralen Mittelfeld aufgeboten, der Do-or-Die-Zone des Fußballs. Ist man hier dem Gegner unterlegen, verliert man Fußballspiele. Es wird von essenzieller Bedeutung sein, und zwar für jeden Trainer dieser Mannschaft, diese beiden Schlüsselspieler wieder in eine Form zu trainieren, die sie nicht zur Belastung, sondern zu Leistungsträgern des Teams werden lässt. Andererseits muss man Preußer zugute halten, dass er mit Nikolaou eine sehr kreative Lösung aus dem Hut zauberte, dem man gewisse strategische Fähigkeiten auf dem Platz nicht absprechen kann. Er verfügt über ein gutes Zweikampfverhalten (ein großer Mangel bei Menz und Tyrala), hat aber auch eine passable Grundtechnik und (das ist auf der Position sein größtes Plus) er spielt fast durchweg die richtigen Pässe, kann enge Situation durch Spielverlagerung auflösen. Er wäre mit einem Sebastian Tyrala in guter Verfassung ein absolut wettbewerbsfähiges Duo im zentralen Mittelfeld.

Was mich irritiert ist das überlange Festhalten an Dingen, die offenkundig nicht erfolgreich sind. Hier wäre das 4-4-2-System zu nennen, welches gegen Stuttgart II zwar prima klappte. Aber nur, weil die Innenverteidiger des VfB die Kopfballablagen von Szimayer nicht verteidigen konnten und die Stuttgarter ganz generell einen schlechten Tag in der Defensive erwischt hatten. In quasi allen Spielen danach (bis man es gegen Osnabrück wieder mit nur einem Stürmer versuchte) wurde diese Taktik der langen Bälle wieder und wieder neu erprobt. Auch gegen Gegner bei denen a priori klar war, dass es nicht funktionieren würde, eben weil die Qualität der Innenverteidiger viel zu gut für diese doch recht simple Form des Fußballs ist. Es gab auch Spiele, in denen man diese Taktik zur Halbzeit hätte revidieren können und müssen. Wenn die Stürmer keine verwertbaren Bälle erhalten, weil das Passspiel im Mittelfeld im Grunde nicht vorhanden ist, macht es keinerlei Sinn einen gelernten Mittelstürmer durch einen anderen zu ersetzen. Ich denke, dass es von großer Bedeutung ist, die Passqualität im Angriffsdrittel drastisch zu erhöhen. Aus diesem Grund würde ich derzeit eher ein System bevorzugen, in dem nur ein nomineller («gelernter») Mittelstürmer aufgeboten wird. Ob man das dann als 4-4-2 oder 4-2-3-1 typisiert ist völlig nachrangig, wichtig ist, das die Anzahl der Passdreiecke (vulgo Anspielstationen) erhöht wird, um die Anzahl der Fehlabspiele zu verringern.

Sachen wie diese habe ich allerdings bereits kritisiert als Stefan Emmerling oder Alois Schwartz hier Trainer waren. Nicht wenige habe die jetzige Situation (Abstiegskampf) bereits vor der Saison prognostiziert. Und bei fast jedem Saisonspiel – selbst nach gewonnenen – wurde deutlicher, dass die Prognose nicht ausschließlich der chronischen Schwarzmalerei am Steigerwald geschuldet war. Nun ist also eingetreten, was zu befürchten war. Wir stehen – wenigstens gefühlt – auf einem Abstiegsplatz. Trotzdem rate ich dem Verein, sich dem schnellen Impuls einer Trainerentlassung zu verweigern. Sollten die Verantwortlichen der Auffassung sein, dass Christian Preußer fachlich gute Arbeit leistet, und sollte sein Verhältnis zur Mannschaft intakt sein, liegen keine Gründe vor, ihn zum jetzigen Zeitpunkt zu entlassen. Die Tabellensituation ist fraglos kritisch und gefährlich, noch aber hat die Mannschaft locker alle Möglichkeiten, ausreichend Punkte für den Verbleib in der Liga zu holen. Es ist jedoch völlig klar, dass sich die Frage nach der Qualität des behandelnden Arztes so lange stellt, wie der Patient auf der Intensivstation liegt. Insofern ist meine Meinung in dieser Frage durchaus abhängig von den Resultaten der nächsten Spiele (falls es die mit Preußer noch geben sollte), mehr aber noch von den dabei gezeigten Leistungen. Auch aus diesem Grund halte ich Ultimaten an den Trainer (sollte es sie denn wirklich geben) für kompletten Blödsinn.

Rot-Weiß Erfurt vs. Werder Bremen II 2:1 / Die Bipolaren

rwe vs. svw 3Gravierende Leistungsunterschiede innerhalb eines Spiels sind im Fußball eher die Regel als die Ausnahme. Selten sind so krass wie beim 4:4 der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Schweden im Oktober 2012. Derart spektakulär sind die Jekyll & Hyde-Kicks des FC Rot-Weiß Erfurt in dieser Drittligasaison (noch) nicht. Dafür «beglückt» Christian Preußers Team seine Fangemeinde in großer Regelmäßigkeit mit solchen Auftritten.

Aktuellstes Beispiel ist der 2:1-Sieg gegen die Zweite Mannschaft des SV Werder. Die ersten 60 Minuten waren, je nach Temperament, zum Heulen, Wegsehen, Ausrasten, Verzweifeln, etc. Es ist müßig, alles aufzählen zu wollen, was da fußballerisch fehl ging. (Überdies neige ich nicht zum Masochismus.) Wie öfter in vergleichbaren Spielphasen zerfiel die Mannschaft beim eigenen Spielaufbau in zwei Gruppen. Hinten die Verteidigungsreihe und die beiden Sechser, vorne beide Mittelstürmer sowie die offensiven Außen. Dazwischen: Nichts! Entweder ging der Ball im defensiv-zentralen Mittelfeld verloren (Tyrala) oder wurde lang gespielt und eine sichere Beute der Bremer Verteidigung. Allein die Bremer Unfähigkeit aus der eigenen Überlegenheit mehr Torchancen zu kreieren, hielt das Spiel offen. Ein Umstand, der gegen bessere Gegner mit einiger Wahrscheinlichkeit obsolet wäre.

Dann passierte Marc Höcher. Und plötzlich vollzog sich unter den Augen von 4.000 begeisterten Erfurter Fans eine kaum noch für möglich gehaltene Wendung des Spiels. Gut, Bremen machte den Kardinalfehler in dieser Situation, wurde passiv und ließ sich in Folge dieser Passivität immer weiter in Richtung eigenes Tor drängen. Aber das ist natürlich stets eine Frage von Wirkung und Gegenwirkung. Wie auch immer, plötzlich gab es so etwas wie Spielverlagerungen, die Ballzirkulation war nicht bereits nach anderthalb Pässen zu Ende. Werder konnte die Breite des Spielfeldes nicht mehr verteidigen und so ergaben sich Räume auf den Außen- und Halbpositionen, die immer häufiger in Torgelegenheiten mündeten. Der Treffer zum Sieg fiel dann mit einer gewissen Zwangsläufigkeit. Und war verdient, weil die Rot-Weißen in der entscheidenden Phase des Spieles klar überlegen waren. Ungeachtet der Tatsache, dass Werder über 60 Minuten die bessere Mannschaft stellte. Im Detail fiel mir in dieser Phase auf, dass der bis dahin erbarmungswürdig schlechte Tyrala aufblühte wie eine Hanfpflanze unter der Höhensonne. Als Pass- und Taktgeber im zentralen offensiven Mittelfeld, vulgo auf der Zehnerposition. Das ist vielleicht keine dauerhafte Position für ihn, aber in bestimmten taktischen Konstellationen (wie der am Samstag) haben wir keinen Akteur in der Mannschaft, der den Raum hinter den Spitzen besser bespielt als er.

Rot-Weiß Erfurt vs. VfB Stuttgart II 3:0 / Hoch und weit und erfolgreich

taktik 1Bereits nach drei Minuten wurde deutlich, wie Christian Preußer den ersten Saisonsieg zu erringen gedachte. Auf dem (durch und durch exemplarischen) Foto ist zu sehen, dass es so etwas wie einen Spielaufbau über die zentralen Mittelfeldspieler nicht geben würde, weshalb auch keiner von ihnen im Bildausschnitt zu sehen ist. Die Außenverteidiger stehen unglaublich tief – normalerweise sind sie mindestens an der Mittellinie, meist aber noch höher – positioniert. Auch sie werden an der Überbrückung des Mittelfeldes nicht beteiligt sein. In der Szene wird gleich ein langer Ball folgen, vermutlich geschlagen von Mario Erb, auf den sechs Erfurter Spieler im Angriffsdrittel des VfB-Nachwuchses lauern.

Ich will ehrlich sein, das ist nicht unbedingt der Fußball, den ich schätze. Und hätten wir das Spiel verloren, würde das hier noch sehr viel nachdrücklicher ein Thema sein. Mit dieser taktischen Vorgabe aber gelang dem FC Rot-Weiß Erfurt der dringend benötigte erste Sieg in dieser Saison. Der VfB machte über die gesamte Spieldauer hinweg den Fehler, dass unsere Verteidiger diese Bälle in aller Ruhe nach vorn schlagen konnten, was vor allem bei Mario Erb mit einer erstaunlichen Präzision einherging. Adressat der Bälle war nicht selten Sebastian Szimayer, der via Körpergröße, physischer Präsenz und Zweikampfgeschick eine Reihe dieser Bälle unter Kontrolle bzw. zum Mitspieler bringen konnte. Die Raumaufteilung unserer Offensivspieler war glänzend abgestimmt, sodass viele unklare, abprallende Bälle eine Beute der beiden zentralen Mittelfeldspieler wurden. Man könnte dafür den Begriff Raumdominanz verwenden. Das alles führte selten direkt zu klaren Torgelegenheiten, jedoch gelang es den Erfurtern, permanent Bälle in die Red-Zone zwischen Fünfmeterraum und Sechzehnmeterlinie zu transportieren. Der VfB fand dagegen kein Mittel, Tore waren eine Frage der Zeit. Nur in der Viertelstunde nach der Pause war zu sehen, dass im Team des Stuttgarter Nachwuchses eine Reihe begabter Techniker aufgeboten waren. Drei hochkarätige, gekonnt erspielte Chancen, gab es zu verzeichnen. Dem bereitete Carsten Ich-weiß-wo-das-Tor-steht Kammlott ein jähes Ende. Danach hätte der souveräne Manuel Gräfe abpfeifen können. Das Ding war durch.

Ein Wort zur Diskussion um Sebastian Tyrala. Zunächst denke ich, dass die Taktik vom Samstag nicht in jedem Fall, soll heißen: bei jedem Gegner, zum Erfolg führen wird. Wir werden auf Mannschaften treffen, deren Innenverteidiger geschickter sind, mehr Zweikämpfe gewinnen, es besser als der VfB verstehen, zweite Bälle zu sichern und zu behaupten. Wir werden Sebastian Tyralas Spielintelligenz mithin weiterhin dringend benötigen. Egal, mit welcher Taktik Preußer agieren lässt, unser Spiel wird in dieser Saison von hoher physischer Intensität geprägt sein. Will man Spiele gegen fußballerisch bessere Mannschaften gewinnen, werden gerade die Spieler im zentralen Mittelfeld mehr als der Gegner laufen und viele Zweikämpfe bestreiten müssen. Der körperliche und mentale Verschleiß wird entsprechend hoch sein. Es ist somit unzweifelhaft ein Vorteil, möglicherweise sogar eine Voraussetzung für Erfolg, im zentralen Mittelfeld personelle Optionen im Kader zu haben.

Apropos Optionen im Kader: Gestern wurde Marc Höcher von Roda Kerkrade verpflichtet. Bin mir noch nicht sicher, ob er so ein typisch holländischer Flügelstürmer oder doch eher ein offensiver Mittelfeldspieler ist. Bemerkenswert, dass er über die Jahre eine konstant hohe Zahl von Torvorlagen zu verzeichnen hat. Das werden Kammlott und Szimayer erwartungsvoll zur Kenntnis nehmen. Er hat bei mir schon jetzt einen Bonus, weil er sich lieber auf das Wagnis einer für ihn völlig neuen Liga einlässt, statt seinen Vertrag in der obersten Klasse des Nachbarlandes (immerhin!) auf der Bank abzusitzen.

Aufstellung gegen Preußen Münster. Ein Vorschlag.

Es sind drei Spieltage absolviert. Wir haben einen Punkt, was nicht viel ist. Nur auf Grund der großartigen Performance von Christian Beck gegen den HFC sind wir nicht Tabellenletzter.

Das Spiel der Mannschaft weist verschiedene Defizite auf, die hier und anderenorts bereits besprochen wurden. Richtig ist, dass man in allen drei Spielen hätte punkten können. Es ist also keineswegs so, dass Preußers Team nicht wettbewerbsfähig wäre oder dergleichen. Die Schlussminuten in Dresden haben den Nachweis erbracht, dass die Moral der Mannschaft intakt ist. Was fehlt, ist offensive Durchschlagskraft. Kann sein, dass wir in den nächsten Tagen noch einen (oder mehrere) Spieler verpflichten. Ich gehe hier aber mal davon aus, dass gegen Münster dieselben Spieler zur Verfügung stehen wie bisher. Aus meiner Sicht muss man sich in der Offensive etwas überlegen damit Besserung eintritt. Immer das Gleiche zu versuchen, ist wenig zielführend. Deshalb im Folgenden mein Vorschlag für die Startelf am Samstag. Ich lass es mal unkommentiert und unbegründet, wäre aber sehr an Eurer Meinung interessiert.

Offensives 4-2-3-1 Vorschlag

 

Dresden vs. Rot-Weiß Erfurt 3:1 / Egal: Nur DAS TOR zählt

Vermutlich hätten wir alle nach dem Spiel dieses Tor von Carsten Kammlott gegen einen Punkt getauscht. Genau bedacht, ist das kleinmütig. Die Mannschaft hat noch 35 Spieltage Zeit, genügend Punkte zu holen. Das Tor unseres Mittelstürmers aber hat sich für immer in die Chronik des FC Rot-Weiß Erfurt und das Gedächtnis seiner Fans eingeschrieben.

Es war phänomenal, großartig, genial, brillant, herausragend, grandios, bestechend, exzellent, fantastisch, famos … – Es war für die Ewigkeit!

Erfurt vs. Wiesbaden 0:0 / Ein mühsamer Punktgewinn

2013_09_28_[H]_Erfurt_3-1_Osnabrück

Nein, ein Pfeifkonzert habe ich am Ende des Spiels nicht vernommen. Anschwellenden Unmut schon. Vereinzelte Pfiffe. Zu denen kann ich nur feststellen: Das ist ein freies Land, jeder darf sich nach seiner Fasson blamieren.

Es war das erste Heimspiel der Saison, wir haben es nicht verloren, einen Punkt verbucht. Das Spiel der Mannschaft bot durchaus Anlass zu Besorgnis und Kritik. Pfiffe halte ich jedoch für absurd. Hier einige lose Gedanken zum Spiel:

Im Stadion und in den Foren angeregt diskutiert (bzw. kritisiert) wurde die Leistung der beiden offensiven Außenspieler Eichmeier und Bichler. Fakt ist, dass wir auf diesen Positionen Qualität verloren haben. Andreas Wiegel hat zwar eine sehr gemischte Saison abgeliefert, gehört aber generell einer inzwischen raren Spezies an. Ein «richtiger» Außenstürmer, robust, dribbel- und tempostark, dem mehrere Optionen zu Gebote stehen. Er kann sowohl zur Grundlinie starten und flanken als auch zentral abschließen. Weshalb er auch kein Problem hatte, von einem Zweitligisten verpflichtet zu werden. Auf der linken Seite spielte in der vergangenen Saison oft Okan Aydin. Der ist ein komplett anderer Spielertyp, überdies kein Linksfuß, mithin ein sogenannter inverser Winger. Er zog meist von der linken Seite ins Angriffszentrum. Nach Möhwalds Weggang soll er nun dessen Rolle im zentralen offensiven Mittelfeld übernehmen. Beide Positionen mussten also neu vergeben werden. Einen Spieler wie Wiegel haben wir nicht mehr im Kader, demzufolge ist auch die Option der Tempodribblings obsolet. Dies bedeutet, dass quasi alle Angriffe auf den Flügeln durch Passspiel erzeugt werden müssen. Da man Pässe in der Regel nicht mit sich selbst spielt, bedarf dies der Unterstützung der Mitspieler. Wobei es dabei – wenn man auf einen Gegner in der defensiven Grundordnung trifft – meist nicht ausreicht, wenn der Außenverteidiger nachrückt. Da man für Raumgewinn Überzahl erzeugen sollte, ist es notwendig, dass entweder einer der Sechser sich am Flügelspiel beteiligt oder der ballferne offensive Außenspieler ebenfalls auf diese Seite wechselt. Terminus technicus: Überladen einer Angriffsseite. Das klingt nicht nur einigermaßen komplex, das ist es tatsächlich auch. Vor allem weil bei allem Angriffsdrang beachtet werden sollte, dass man bei einem Ballverlust (plus fehlgeschlagenem Gegenpressing) nicht völlig ohne defensive Absicherung bleiben darf. Beim Überladen einer Seite durch den zweiten Außen geht zudem die Option einer Spielverlagerung auf die andere Seite verloren, weshalb man diese Variante ziemlich selten sieht. Dem Spiel kommt schlichtweg Breite abhanden.

Intensiv diskutiert wird auch die Zwei-Stürmer-Problematik. Oder besser, das angebliche Fehlen eines zweiten Stürmers. Ein Evergreen in Erfurt. Hierzu ist festzustellen, dass so gut wie keine Mannschaft mehr mit zwei «klassischen» Strafraumstürmern agiert. Das ist irgendwann Mitte der Nullerjahre aus dem Repertoire verschwunden. Sogar Mannschaften, die nominell ein 4-4-2 aufbieten, wie zum Beispiel Favres Gladbacher der vergangenen Saison, spielen dieses System sogar ohne «echten, richtigen» Mittelstürmer. Sowohl Kruse als auch Raffael sind quasi freie Radikale. Sie ziehen sich teilweise bis an die Mittellinie zurück, um bereits beim Aufbau eines Angriffs in die Ballzirkulation eingebunden werden zu können. Selbst wenn Preußer Kammlott und Uzan gemeinsam spielen ließe, müssten beide gestaffelt agieren und sich in rückwärtige Räume fallen lassen, um angespielt werden zu können. Soll heißen: Das Spiel sehe keinen Jota anders aus, nur weil der eine (Aydin) als offensiver Mittelfeldspieler und der andere (Uzan) als Stürmer bei transfermarkt.de firmiert. Zurzeit hat – aus Sicht des Trainers – Aydin auf dieser Position Vorteile. Diese Sicht kann sich ändern.

Es existiert eine Korrelation von exakt 0,0 zwischen der Anzahl der nominellen Stürmer und der Qualität des Offensivspiels einer Mannschaft.

Insgesamt fand ich das Spiel der Rot-Weißen so miserabel nicht. Ich will aber auch nicht zwingend unterhalten werden, wenn ich ins Stadion (oder dem was von ihm übrig ist) gehe. Die Mannschaft erspielte sich in der zweiten Hälfte der 1. Halbzeit deutliche Vorteile und Chancen, die leider – wie bereits in Magdeburg – ungenutzt blieben. Dann wurde Wiesbaden besser, Erfurt kam mit der (notwendigen) taktischen Umstellung nach der Roten Karte nicht zurecht. Mut macht auf jeden Fall die Qualität der Defensivarbeit – aus dem Spiel heraus wurde sehr wenig zugelassen und bei den wenigen Standards der Wiesbadener war man konzentriert.

Daran lässt sich anknüpfen. Aber das allein wird in Dresden nicht genügen. Um dort zu bestehen, braucht es zwingend eine Steigerung im Angriffsspiel, und zwar in allen Punkten: Abstimmung, Passgenauigkeit, Effizienz. Es liegt viel Arbeit vor Christian Preußer und seinen Spielern.

Die Saison von Rot-Weiß Erfurt / Teil 2

Der Trainerwechsel / Pro & Contra

Eins vorweg: Walter Kogler war und ist ein hochsympathischer Mensch. Seine fast schon unösterreichisch zurückgenommene, vorsichtige und freundliche Art hat Maßstäbe gesetzt. Die sportliche Bilanz seines Wirkens fällt hingegen zwiespältig aus. Den besten Fußball spielte die von ihm trainierte Mannschaft in der Vorrunde der Saison 2013/2014. Trotz des personellen Substanzgewinns konnte daran in der letzten Saison nicht angeknüpft werden. Meine Hoffnung gründete darauf, dass sich die Mannschaft über die Grundtugenden Kampf und Disziplin hinaus fußballerisch sukzessive verbessert. Das trat nicht ein. Stattdessen blieb nur ein fürchterliches Vakuum übrig, als die Basiselemente des Fußballspiels abhanden kamen. Vor diesem Hintergrund ist die Entlassung Walter Koglers nachvollziehbar. Auf der anderen Seite deuten allen Indikatoren darauf hin, dass ein Verein wie Rot-Weiß Erfurt mit ständigen Wechseln der sportlichen Leitung schlecht abschneidet. Wenn man schon kein Geld hat, so das Motto erfolgreicherer «armer» Vereine, muss man mit gutem Personal, dem man vertraut, auch wenn es sportlich mal schlechter läuft, und Langmut eine Mannschaft entwickeln. Hoffen wir einfach, dass wir mit Christian Preußer nun endlich einen Trainer haben, dem dies vergönnt ist.

Spielsystem

Eigentlich begann es interessant und vielversprechend. In den ersten Saisonspielen ließ Kogler mit Andeutungen einer 3er-Kette spielen. Menz schob sich zur Spieleröffnung, aber auch beim Spiel gegen den Ball, immer wieder zwischen die beiden Innenverteidiger. Das geschah so regelmäßig, dass man dabei nicht mehr nur von einem «abkippenden Sechser» sprechen konnte. Aus mir unerfindlichen Gründen war es damit aber bald wieder vorbei. Von nun an galt die Faustregel: wenn Kammlott und Brandstetter fit sind: 4-4-2 (mit Doppelsechs). Wenn nur einer gesund war (meist Kammlott): 4-2-3-1. Personell fand ich das 4-2-3-1 immer besser, schon allein weil Möhwald darin eine klare und seinen Stärken gemäße Rolle (auf der 10) vorbehalten war.  Viel mehr muss man über das Spielsystem nicht schreiben, es wurde – in jeder Formation – konventionell interpretiert. Hier wünsche ich mir für die neue Spielzeit mehr Vielfalt. Nach dem fußballerischen Waterloo des Frühjahrs würde ich über ein Spielsystem nachdenken, dass bereits formativ bessere Möglichkeiten der offensiven Spielentfaltung bietet, also z.B. ein 4-4-2 mit Raute. (Was natürlich wiederum andere Fragen und Probleme aufwirft, die es zu lösen gilt.) Wir sind ein kleiner Verein mit eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten. Umso wichtiger wäre es, in den Bereichen innovativ aufzutreten die nichts mit der Qualität des Kaders zu tun haben, also z.B. durch konsequente Aneignung und Umsetzung eines überdurchschnittlich variablen Spielsystems.

Verein / Vereinsführung / Außersportliches

Das Steigerwaldstadion, dieser schöne aber in die Jahre gekommene Ort großer Verheiß- und Enttäuschungen existiert in seiner alten Form nicht mehr. Dies war unvermeidlich, was es nicht weniger anrührend macht. Es wurde mit einer spektakulären, allerdings am Ende doch recht teuren Veranstaltung würdig verabschiedet.

Auf Grund der anhaltend prekären Finanzlage entschloss sich der Verein zur Ausgabe eigener Genussscheine. Daran ist nichts verwerflich, diesen Weg haben bereits eine stattliche Anzahl von Fußballklubs beschritten. Ich habe bisher noch keine exakte Zahl über die eingenommene Summe gelesen (was auch an mir liegen kann), aber die kolportierten 500.000 Euro sind unzweifelhaft mehr als Peanuts für die schwindsüchtigen Konten des Vereins. Ein Kollateralnutzen dabei war zweifellos die Möglichkeit, über den vorgeschriebenen Wertpapierprospekt einen ungefilterten Blick auf die wirtschaftliche Situation des Vereins nehmen zu können. Die Wahrheit ist oft nicht angenehm. In diesem Fall sieht man sich einem komplexen (aber wohl beherrschbaren) Schuldenberg, bestehend aus Rangrücktrittsdarlehen und sonstigen Verbindlichkeiten, auf der einen und einer fragilen Einnahmesituation auf der anderen Seite gegenüber. Es ist kein kleines Wunder, dass Rolf Rombach die Pleite des Klubs bisher abzuwenden in der Lage war. Es ist aber auch klar, dass der Verein auf die Person Rombach bis auf Weiteres festgelegt bleibt. Weniger wegen der von ihm investierten Eigenmittel (die es honorigerweise auch gibt), sondern in erster Linie, weil er bei den Gläubigern mit seinem Namen für ein maßvolles Wirtschaften unter komplizierten Bedingungen einsteht. Einfacher ausgedrückt: Wirft Rombach hin, ist es um den Verein vermutlich geschehen. Einen plausiblen Kandidaten für seine Nachfolge habe ich weit und breit noch nicht erblickt. Es gibt viele Gründe unserem Präsidenten dankbar zu sein, selbstredend gehört dazu sein unermüdliches – und offensichtlich erfolgreiches – Engagement für den Bau eines neuen Stadions. Das ändert aber nichts daran, dass es Entscheidungen unter seiner Präsidentschaft gab, gibt und (sehr wahrscheinlich) weiter geben wird, denen ich kritisch bis ablehnend gegenüberstehe und das wird in diesem Blog weiterhin ein Thema bleiben.

Die «Mission 2016» verstarb in der letzten Woche durch eine Erklärung auf der Homepage des Vereins. Ihr frühzeitiges Ableben ist das Beste was ich über diesen Unfug zu sagen weiß. Sie ruhe sanft und endgültig auf dem Friedhof rot-weißer Träumereien.

Das mediale Umfeld

Der mdr hat sich in der letzten Saison um die 3.Liga verdient gemacht und eine große Zahl von Spielen übertragen. Das wird der Sender in der kommenden Saison noch einmal steigern; die DDR-Oberliga «feiert» eine Renaissance in der Drittklassigkeit. Ein ambivalentes Szenario. Die einen bejubeln – zu Recht natürlich – ihren Aufstieg (Magdeburg), andere könnten gut darauf verzichten (Aue). Wieder andere spielen in ihrer Eigenwahrnehmung immer Champions League (Dresden) und für den FC Rot-Weiß Erfurt ist es seit Jahren Alltag. Nicht alles was der mdr dazu produziert ist ein Kandidat für den Grimme-Preis, aber in der Berichterstattung hat sich vieles zum Positiven gewandelt. Klar ist ebenfalls, wer erfolgreich spielt, bekommt mehr Aufmerksamkeit in Form von Sendezeit. Sich über diesen Mechanismus zu beklagen wäre albern.

Was die Printmedien betrifft, befindet sich der FC Rot-Weiß in einer befriedeten Zone. Die Thüringer Allgemeine berichtet nur nach einem Spieltag opulent (eine Seite) über das Spiel. Ansonsten kommt der Verein dann vor, wenn es die Nachrichtenlage hergibt. Ab und an ein Interview, alles sehr zurückgenommen. Tenor: Alles Wesentliche wird mit wohlwollender Distanz fachlich (meist) fundiert berichtet. Nutzung sozialer Netzwerk durch die TA-Sportredaktion: Fehlanzeige.

Ein anderes Kaliber ist da die Thüringer Ausgabe von Bild. «RWE-Chefreporter» (meine Kreation) Michael Windisch nutzt intensiv Twitter, um auf neue Entwicklungen im Verein hinzuweisen und nicht selten auch seine Meinung zu artikulieren. Konfrontativ? Manchmal. Diskutabel? Sicher. Aber vor allem ist es unterhaltsam. Bild druckt jeden Tag einen Artikel zu RWE. Das sind zuweilen Petitessen, aber oft genug auch gute Interviews (wie z.B. jenes mit Maik Baumgarten vor zwei Wochen). Es fällt schon auf, dass Bild meist vor anderen Medien über bestimmte Entwicklungen im Verein informiert ist. Und – zumindest während der Zeit in der ich das etwas intensiver verfolge (also etwa 3 Jahre) – mit keiner Meldung dramatisch falsch lag. Die letzte grobe Falschmeldung zu RWE leistete sich vor zwei Jahren die TA mit der Nachricht, dass Ralf Loose neuer Cheftrainer wird. Eine Boulevardzeitung ist von ihrem Naturell her meinungsaggressiver als andere Zeitungen. Dinge werden pointierter dargestellt. Das ist ihr Geschäftsmodell. Im Komfortbereich Profifußball sehe ich das sehr gelassen, bei anderen Feldern der Berichterstattung weniger.

Summarisch bin ich der Auffassung, dass alle mit dem Gegenstand RWE befassten Journalisten mit der für ihren Berufsstand notwendigen Distanz über den Fußballklub Rot-Weiß Erfurt berichten. Keiner will dem Verein Böses, eher trifft das Gegenteil zu. Für den Verein eine komfortable und mitnichten selbstverständliche Situation.

Die Aussichten für 2015/2016

Sportlich derzeit nicht seriös zu beurteilen. Mit Möhwald und Czichos verlassen zwei hochkarätige Spieler den Verein. Auch der Verlust von Wiegel, Brandstetter (sehr bedauerlich, aber verständlich bei seiner chronischen Verletzungsanfälligkeit), Kleineheismann, Baumgarten, Bukva muss erst kompensiert werden. Alle bisherigen Neuverpflichtungen ergeben Sinn und weisen interessante Profile auf. Kaum überraschend die gestrige Aussage von Torsten Traub, dass man noch einen offensiven Mittelfeldspieler sucht (als Ersatz für Möhwald). Daraus gilt es schlussendlich, eine Mannschaft zu formen. Für unseren jungen Cheftrainer eine ebenso reizvolle wie schwierige Aufgabe. Ich wünsche mir einfach, dass diese Mannschaft besseren, attraktiveren Fußball spielt als in der letzten Saison. Dann wird sie auch problemlos die Liga halten, da bin ich sicher. Mehr an Erwartung habe ich nicht.

Rot-Weiß vs. Arminia 0:4 oder v=g*t

Das Spiel

Der Gott des Gemetzels hatte ein Herz für die Rot-Weißen und ihre Fans. Das hätte am Samstag noch sehr viel schlimmer ausgehen können. Eine taktische Analyse erübrigt sich erneut, so was macht nur Spaß, wenn sich die Kombattanten halbwegs auf Augenhöhe bewegten. Was, wie jeder Zuschauer sehen konnte, nicht der Fall war. Den – zumindest phasenweise – guten Ansätzen des Spiels gegen Chemnitz folgte ein fußballerischer Offenbarungseid kosmischen Ausmaßes. Eine verheerende Mixtur aus individuellen Fehlleistungen und kollektiver Desorganisiertheit sorgte für die ratlosesten Gesichter, die ich jemals im Steigerwaldstadion gesehen habe. Wohlgemerkt bei einem Verein, dessen Historie nicht eben arm an frustrierenden Epochen ist. Quasi zu jedem Zeitpunkt des Spiels (das in der 64. Minute nach dem 0:4 praktisch beendet war) sah es so aus, als ob die Erfurter Spieler zum allerersten Mal gemeinsam auf einem Fußballplatz stehen würden. Keine Idee, kein Konzept, nirgends. Selbst das nur moderat aggressive Angriffspressing der Bielefelder bedeutete den Sekundentod für unsere Spieleröffnung. Es stellte sich nie die Frage, ob der Ball gleich verloren geht, sondern nur in welchem Teil des Spielfeldes dies geschieht. (Man war ja schon fast dankbar für lange Bälle – Hauptsache weit weg vom eigenen Tor.)

Zum Gotterbarmen. Zum Fürchten. Zum Kotzen.

Leider kann ich mit didaktischer Kompetenz nicht dienen. Sonst nicht und heute schon gar nicht. Es gab nichts Positives.

Die Situation

Es ist an verschiedener Stelle bemerkt worden, dass die Erfurter Zuschauer eher konsterniert und nicht wütend auf das Spiel und die Niederlagenserie reagieren. Das stimmt, verdankt sich aber ausschließlich dem Umstand, dass der Verbleib in der Liga bereits feststand, bevor der freie Fall (v=g*t) begann. Ginge es um den Abstieg und damit vermutlich um die Existenz des Vereins, könnte man, da bin ich sicher, in Erfurt den Sturm auf die Bastille ganz ohne Komparsen drehen. Ich bin ratlos, wie die Mannschaft auf die Schnelle wieder in einen kompetitiven Zustand versetzt werden soll. Mit meiner Ratlosigkeit könnte der Erfurter Fußball gut leben. Doch leider vermitteln auch die Spieler und ihr Trainer diesen Eindruck, was man ihnen nach acht Niederlagen in Folge nur sehr bedingt zum Vorwurf machen kann. Die von Preußer erwähnten Umstellungen im Training und intensive Einzelgespräche können sicher keinen Schaden anrichten, sind aber gleichfalls wenig geeignet, große Hoffnungen auf einen gruselfreien Abschluss der Saison zu begründen.

Als gesichert kann gelten, dass der FC Rot-Weiß Erfurt am Samstag im Kölner Südstadion wieder mit elf Spielern auflaufen wird. Aber auch dieses Spiel wird zum sportlichen Debakel, wenn es unter der Woche nicht gelingt, die Restbestände an Selbstvertrauen, Eigenverantwortung und kollektivem Spielverständnis zu reaktivieren, die da vielleicht noch irgendwo vorhanden sind. Das sind die Spieler nicht nur dem Verein der sie bezahlt und seinen Fans schuldig. Es sollte im Eigeninteresse jedes Akteurs liegen, nicht Teil einer Mannschaft zu werden, die mit dem unsäglichen Etikett «Rekordverlierer im deutschen Profifußball» in den Annalen des DFB landet. Viel trennt uns davon nicht mehr.

Gentleman, Grund genug, sich zur Vermeidung wenigstens dieser Apokalypse den Allerwertesten aufzureißen!

Dann wohl doch: Mission 2016+n / Erfurt vs. Wiesbaden 0:2

Ich bin kein Masochist. Weshalb sich übers Wochenende alles in mir wehrte, das Spiel noch einmal anzusehen. Deshalb werde ich mit einer profunden, tiefschürfenden taktischen Analyse (selbst einer zweifelhaften) nicht dienen können. Das Spiel begann wie viele Heimspiele von RWE in dieser Saison: abwartendes Mittelfeldgeplänkel beider Seiten. Dann wurde Koglers Mannschaft konstruktiver, die Kombinationen gewannen (etwas) an Sicherheit, erste Chancen waren zu verzeichnen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Heimspielgegnern zeigten sich die Wiesbadener unbeeindruckt. Hochsolide in der Innenverteidigung, aggressiv in den Zweikämpfen und stets latent gefährlich, vor allem über den starken Schnellbacher, deuteten sie bereits zu diesem Zeitpunkt an, dass es diesmal anders laufen könnte.

Dann kam das berühmte Spielglück hinzu. Zunächst in Form von zwei Schiedsrichterentscheidungen, die auch anders hätten ausfallen können. Zuerst der Freistoßpfiff gegen und nicht für Möhwald und dann – in unmittelbarer Folge – ein Elfmeter, den man sicher geben kann, aber eben nicht geben muss. Wobei der Ball gefühlte Ewigkeiten unterwegs ist und Schnellbacher von drei Erfurter Abwehrspielern umstellt ist, was jeden Körperkontakt obsolet machen sollte. Aber Christoph Menz weiß das alles selbst und hat es nach dem Spiel auch so zu Protokoll gegeben. Shit happens. Danach begann die beste Phase des Erfurter Spiels. Dumm nur, dass ausgerechnet in diesen Abschnitt hinein das zweite, letztlich entscheidende, Tor der Wiesbadener fiel.

Trotz der beiden Gegentore war die erste Halbzeit nicht das Problem. Da befand man sich noch halbwegs auf Augenhöhe (auch wenn das Resultat etwas anderes sagt), hatte Chancen und ein Tor lag immer im Bereich des Möglichen. Das änderte sich in Halbzeit zwei grundlegend. Niemand konnte der Mannschaft den Willen absprechen, das Spiel zumindest noch auszugleichen. Allein, es fehlten die fußballerischen Mittel. Auf alle Versuche hatte der SVWW eine Antwort. Je länger die Partie dauerte, desto mehr erinnerten die Ballbewegungen in der Offensive von RWE an die hektischen Impulse einer Kugel in einem Flipperautomaten. Balleroberungen folgten Fehlabspielen in rasantem Wechsel. Die Mannschaft hatte Probleme überhaupt in die Nähe des Wiesbadener Tors zu gelangen.

So war es letztlich nicht die Niederlage an sich, sondern vor allem die Art und Weise des Zustandekommens, die so einige Träume am Steigerwald der normativen Kraft des Faktischen aussetzten. Kiel war eben kein einmaliger Ausrutscher.  Wenn es nicht gelingt, die Mannschaft fußballerisch und mental zu stabilisieren, werden wir auch in dieser Saison nichts mit dem Aufstieg zu tun haben.

Last but not least: die Spielzusammenfassung des Wiesbadener Stehblog.

Aus gegebenem Anlass: Eine kleine Hommage an Juri Judt

Mit Kurt Jara, Bernard Dietz, Dir und Deinem Bruder Thomas, mit Reuter, Eckstein, Dorfner oder dem Jahrhundertfußballer Griechenlands Giorgos Koudas habe ich Spieler von absoluter Klasse trainiert. Aber wie Fußballer gerne reden, hätte man dem einen das Kopfballspiel vom anderen gewünscht und dem anderen die Zweikampfstärke oder Schnelligkeit vom Ersten, um den perfekten Spieler zu haben. 1998, bei meiner Arbeit für Greuther Fürth, hat mir der liebe Gott diesen perfekten Spieler mit dem 12-jährigen Juri Judt über den Weg laufen lassen.

Heinz Höher an Klaus Allofs (Aus: «Spieltage» von Ronald Reng)

Heinz Höher, Protagonist eines der großartigsten Bücher, das jemals über Fußball geschrieben wurde, hat seinem Zögling mit diesen Worten eine schwere Hypothek auferlegt. Zunächst verlief die Karriere des Juri Judt wie Juri_Judt_2009von seinem Mentor geplant: Er setzte sich bei Greuther Fürth im Männerbereich durch, bekam einen guten Vertrag beim fränkischen Rivalen in Nürnberg, spielte anfangs auch dort regelmäßig. Dann eine langwierige Verletzung und seitdem befand sich die Karriere im Sturzflug. In Leipzig als Stammspieler aussortiert, folgte ein hektischer Wechsel zum damals chaotisch-panischen 1. FC Saarbrücken. Selbst dort kam er nur auf fünf Einsätze. Dann – in dieser Saison – der Transfer an den Steigerwald. Hier schien es zunächst ähnlich – schlecht – zu laufen wie bei seinen vorherigen Stationen. Zunächst stellte ihn Kogler als Rechtsverteidiger in die Startelf, es folgten einige weniger glückliche Spiele und es kam, wie es kommen musste: Der genesene Luka Odak verdrängte ihn auf die Bank. Dann beorderte Kogler ihn am 20. Spieltag (gegen BVB II) ins zentrale Mittelfeld. Einigermaßen überraschend, aber dann auch wieder nicht, weil Judt dereinst in Fürth auf eben dieser Position seine vielleicht überzeugendsten Spiele bestritt. Das war lange her, aber er absolvierte in Dortmund sein bis dahin bestes Spiel für die Rot-Weißen. Das nutze ihm zunächst wenig, das Tandem Menz und Tyrala war bis zur Winterpause gesetzt. Nach ebendieser musste Menz gegen Cottbus gesperrt passen und wieder griff Kogler auf Judt zurück. Erneut machte er ein starkes Spiel: äußerst laufstark, geschickt im Zweikampf, so gut wie keine Ballverluste im Spielaufbau, kluge Spieleröffnungen. So sieht das Anforderungsprofil eines defensiven zentralen Mittelfeldspielers aus. Und er verstetigte diese Leistung, einschließlich des gestrigen Spiels gegen Osnabrück. In dem gab es mehrere Schlüsselszenen, hinreichend oft benannt wurden der großartige Ballklau Klewins gegen den freien Menga, die Abwehr auf der Torlinie von Aydin und die Rote Karte gegen Thomik. Zwischen den beiden letzten Szenen liegt allerdings ein, unter hohem Gegnerdruck gespielter, langer und präziser Ball von Juri Judt auf Kammlott, der dann zur Notbremse des Osnabrücker Verteidigers führte. Dafür hält der Neusprech der modernen Spielanalyse den Begriff Keypass parat.

Seit er sich in der Startelf festgespielt hat, gab es immer wieder Szenen (u.a. sensationell gute Balleroberungen), die mehr als erahnen lassen, warum Heinz Höher in seinem Brief an Klaus Allofs den ganz hohen Ton anschlug. Hoffen wir alle, dass das fußballerische Comeback des Juri Judt fortdauert, zum Wohle des FC Rot-Weiß Erfurt. Der, da bin ich sicher, in Heinz Höher einen neuen Fan gefunden hat.