Tag Archiv für Rombach

Rot-Weiß Erfurt vs. Borussia Dortmund II 3:1

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Die regionalen Medien sind ja stets dankbar, wenn einem Spiel zum Ende einer Saison eine gewisse Restdramatik verliehen werden kann. So auch im Vorfeld der gestrigen Begegnung zwischen dem Nachwuchs des BVB und dem FC Rot-Weiß Erfurt. Zu diesem Zweck wurde das Abstiegsgespenst geweckt, in grelle Farben gekleidet und ins Steigerwaldstadion gezerrt. Die arme Sau.

Motto des Spiels:

Geduld will bei dem Werke sein. (Goethe)

Die Aufstellung:

Pfingsten-Reddig hatte in Chemnitz ein herausragend desolates Spiel abgeliefert. Baumgarten und Wiegel konnten ebenfalls nicht überzeugen (nebst vielen anderen, ich weiß). Folgerichtig ließ Kogler alle drei auf der Bank Platz nehmen. Dass Möhwald, Czichos und Odak nach Ablauf ihrer Sperren in der Startelf standen, war keine Sensation. Kreuzers Auftauchen in selbiger ebenfalls nicht, aber eine Überraschung war diese Personalie schon. Damit er die Doppelsechs Engelhardt und Möhwald aufbieten konnte, musste Czichos in die Innenverteidigung rücken, Odak auf die linke Abwehrseite und Kreuzer dessen eigentliche Position rechts in der Viererkette einnehmen. Kogler riskierte einiges, er stellte die Abwehrkette (fast) komplett um (in Relation zu den Stammpositionen der Spieler), damit er im zentralen Mittelfeld seine Wunschformation aufbieten konnte. And it works.

Taktiksplitter:

Möhwald und Engelhardt harmonierten prächtig miteinander. Das war spielentscheidend. Sie gewannen die Mehrheit ihrer Zweikämpfe und nervten den individuell starken BVB-Nachwuchs mit robuster und konzentrierter Zweikampfführung. Kann sich jemand an ein verlorenes Kopfballduell von Engelhardt erinnern? Ich jedenfalls nicht. Je länger das Spiel dauerte, desto öfter ergab sich für einen von beiden die Gelegenheit, ins Angriffspiel einzugreifen. So war es eben kein Zufall, dass sie an zwei von drei Toren direkt beteiligt waren.

Möhwald ließ sich von Anfang an beim Spielaufbau häufig auf Höhe der Innenverteidiger fallen. Der dahinterliegende Plan war klar: es sollten nicht nur lange Bälle in Richtung der Offensivspieler geschlagen werden, stattdessen wollte man mit Passstafetten das Mittelfeld überwinden. Interessant war, dass Möhwald sich meist nicht zentral zwischen den beiden IV anspielen ließ, sondern – in der Regel – etwas versetzt auf der linken Erfurter Abwehrseite. Sobald er das tat, schob sich Odak viel höher in die gegnerische Hälfte, um als Relaisspieler Angriffe auf dieser Seite erfolgversprechender unterstützen zu können.

Das Coaching:

Wie gesagt, die Aufstellung war mutig, hatte andererseits – nach der Leistung in Chemnitz – aber jede Logik für sich. Wenn der maßgeblichste Mannschaftsteil – das zentrale Mittelfeld – so schwach agiert, muss sich ein Trainer etwas einfallen lassen. Bei einem guten funktioniert die Idee dann sogar.

Die Wechsel während des Spiels folgten den Notwendigkeiten des Spielstands bzw. dem Fitnesszustand der Spieler, siehe Brandstetter.

Spieler des Tages:

Kevin Möhwald. Gab am Spieltag der Thüringer Allgemeinen ein ausführliches Interview. Die Lektüre lässt die Fans des RWE einigermaßen sicher in dem Gefühl zurück, dass er auch im nächsten Jahr am Steigerwald die Töppen schnüren wird. Hier könnte wohl nur eine sehr hohe Ablöse den Verein zum Umdenken bewegen.

Er bot gestern eine seiner besten Saisonleistungen. Ein Führungsspieler bereits jetzt. In dieser Form für den RWE nicht adäquat ersetzbar.

Bilanz des Spiels:

Drei Punkte und die Gewissheit, dass die Mannschaft, wenn sie denn (fast) in Bestbesetzung antreten kann, guten Fußball zu spielen in der Lage ist. Blendet  man die erneuten Irritationen wegen der Lizenzerteilung aus (fatalistisches Motto der Anhängerschaft, mich eingeschlossen: Rolle Rombach wird’s schon richten), sollte der FC Rot-Weiß Erfurt in der Lage sein, die neue Saison mit ausgeschlafener Gelassenheit zu planen.

Der Gegner:

Der Nachwuchs des BVB hatte mit Marian Sarr und Marvin Ducksch die beiden – mit einigem Abstand – teuersten Spieler der dritten Liga in der Startelf.  Und auch ansonsten konnte man jedem BVB-Kicker individuelle Klasse kaum absprechen. Aber als Mannschaft funktionierte das Gebilde schon weniger gut und an diesem Abend traf mal halt auf einen Gegner, der einen Sieg schlichtweg mehr wollte. Andererseits: Geht der BVB in Führung, wird es – bei der Konterstärke der Westfalen – schwer für die Rot-Weißen. Gegen eine konzentriert und weitgehend fehlerfrei verteidigende Erfurter Mannschaft taten sie sich jedoch schwer, große Tormöglichkeiten zu erarbeiten. Trotzdem: der BVB II wird nicht absteigen, das hat auch mit dem nicht übermäßig schwierigen Restprogramm zu tun.

Die Öffentlichkeit:

Dauer der mdr-Spielberichts: 1 Minute. Mehr muss man nicht sagen. Ansonsten sorgt der heutige Feiertag für mediale Ruhe. Gibt Schlimmeres.

Wenn ich der Trainer wäre …

… würde ich mir über die Osterfeiertage ein paar Stunden Ruhe gönnen und ein wenig die Seele baumeln lassen. Hat er sich redlich verdient, der Walter Kogler.

Die Aussichten:

Landespokal-Halbfinale gegen den Landesligisten Dachwig-Döllstedt, ein Wiedersehen mit den Rot-Weiß-Ikonen Albert Krebs (Trainer) und Ronny Hebestreit (Kapitän). Nachdem wir im letzten Jahr gegen den der gleichen Klasse angehörigen SV Schott Jena das Finale verloren haben, sollte jeder gewarnt sein. Schaun mer mal.

Merke soeben, dass ich diesen Text unmöglich ohne eine Bemerkung zur Leistung von Carsten Kammlott enden lassen kann: Stark wie immer, seit er wieder hier spielt. Erneut zwei Scorerpunkte. Erneut unermüdlich. Ich war stets ein Freund seiner Rückkehr, aber so schnell so gut, das hätte ich mir nicht träumen lassen.

Rot-Weiß Erfurt im November 2013: eine emotionale Achterbahnfahrt

NPRIch muss gestehen, dass ich das Blog betreffend momentan eine kleine Novemberdepression durchleide. Der mitteilbare Neuigkeitswert der letzten Spiele ist gering. Die Mannschaft macht einen gefestigten Eindruck, spielt einen Fußball, den sie beherrscht, und hat die letzten drei Partien ohne Gegentor gewonnen. Das ist fraglos großartig. Die Spiele ähneln einander: Man beginnt mit der klaren Vorgabe ein Gegentor zu vermeiden, defensive Kompaktheit dominiert die Taktik. Je nach Spielentwicklung und Gegner wird dann das Risiko überschaubar erhöht. Faszinierend, dass wir mit dieser Spielweise inzwischen die meisten Tore der Liga erzielt haben. Und ein Indiz dafür, dass Walter Kogler seiner Mannschaft inzwischen diesen Stil sehr gekonnt in die fußballerische DNA gemendelt hat. Allerdings bietet dies, man muss es ja eigentlich gar nicht betonen, keine Gewähr dafür, dass es mit dem Siegen so weiter geht. Siehe die Niederlagen im Oktober, bei denen die Mannschaft kaum schlechter Fußball spielte, allerdings nicht das nötige Spielglück auf ihrer Seite hatte.

Nachrichten aus der Hölle: die Verletzungen von Brandstetter und Möhwald

Kevin Möhwald musste im Spiel gegen Darmstadt nach 20 Minuten verletzt vom Platz. Das sah schon vor Ort übel aus, und leider haben sich die unguten Ahnungen bestätigt. Er wird in diesem Jahr dem Verein nicht mehr zur Verfügung stehen. Eine erhebliche Schwächung, denn auf der 6er-Position hat sich der Nachwuchsnationalspieler mit dynamischer Spielweise, uneitler Mannschaftsdienlichkeit und technischer Beschlagenheit unentbehrlich gemacht. Für das Spiel gegen Hansa steht vermutlich auch Pfingsten-Reddig nicht zur Verfügung (Virusbefall), sodass entweder Baumgarten mal wieder eine Startelf-Chance bekommt und neben Engelhardt aufläuft, oder, da die Sperre von Czichos abgelaufen ist, dieser in die Innenverteidigung rückt und Kleineheismann ins zentrale defensive Mittelfeld. Da mit Leonhard Haas der beste (und offensivstärkste) zentrale Mittelfeldspieler der Rostocker gegen RWE fehlen wird, könnte Kogler sich für die offensivere Variante mit Baumgarten entscheiden. Andererseits wäre die Doppelsechs mit Engelhardt und Kleineheismann vielleicht das entscheidende Quantum zu viel an defensiver Kompetenz für die ohnehin zu Hause bisher nicht sonderlich offensivstarken Hanseaten.

Fast noch dramatischer liest sich Brandstetters Prognose. Vor allem, weil sich der Eindruck orthopädischer Ratlosigkeit nachgerade aufdrängt. Zwei Operationen, dann Reha, Rückkehr ins Mannschaftstraining, erneute Schmerzen, jetzt wieder Physiotherapie. Keine halbwegs gesicherte Genesungsprognose in Sicht. Man kann Simon Brandstetter schlichtweg nur wünschen, dass sich alles noch zum Guten wendet und er möglichst bald wieder seinem Beruf nachzugehen in der Lage ist. Aus der egoistischen Sicht eines Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt heißt dies vor allem: Wir müssen auf unabsehbare Zeit auf unseren besten Stürmer verzichten. Es ist ohnehin ein kleiner Triumph, dass wir trotzdem die meisten Tore erzielt haben.

Was ist nur in dich gefahren, Nils?

Jeder der hier schon länger ab und an vorbeischaut wird wissen, wie sehr ich den Fußballer Nils Pfingsten-Reddig schätze. Ich halte mir auch zugute, ihn stets gegen – aus meiner Sicht – ungerechtfertigte oder überzogene Kritik verteidigt zu haben. An dem Menschen und Fußballprofi gab es ohnehin nichts auszusetzen. Bis jetzt. Ich kann nachvollziehen, dass es einen Profifußballer ins Mark trifft, wenn er seinen Platz in der Startelf verliert. Geht einem ja beruflich oder privat nicht anders. Was ich nicht ausstehen kann, sind egomane Kaspereien wie der Torjubel unseres Kapitäns nach seinem Elfmetertor am Freitag. Gepaart mit dem per Interview geäußerten Ultimatum an den Verein, ihn entweder spielen oder zur Winterpause gehen zu lassen. Wie Möhwalds Verletzung deutlich macht, benötigen wir auf jeden Fall mehr als zwei überdurchschnittliche Spieler im zentralen Mittelfeld. Sportlich wäre es daher eine grandiose Schwächung, wenn man Pfingsten-Reddig ziehen lassen würde. Es sollte aber sichergestellt sein, dass solche öffentlichen Trotzposen ebenso unterbleiben wie auflagenstark lancierte Unverschämtheiten gegenüber dem eigenen Arbeitgeber. Wenn er das weiter so treibt, soll man ihn gehen lassen. Die ansonsten zu befürchtende permanente Unruhe braucht kein Mensch.

Finanzielle Hiobsbotschaft steht zu erwarten

In einem Artikel der Thüringischen Landeszeitung werden Äußerungen von RWE-Präsident Rolf Rombach zur wirtschaftlichen Situation des Vereins wie folgt wiedergegeben: «Als ‘desaströs’ beschreibt er die vergangene Saison, ohne im Vorfeld schon Einzelheiten nennen zu wollen.» Gemeint ist das Vorfeld der Mitgliederversammlung, die in der nächsten Woche stattfindet. Nun, wir alle wussten bereits, dass RWE sexy aber bettelarm ist. Diese Äußerung von Rombach hört sich allerdings nach Intensivstation an. Aber gut, ich will mich dem Vorbild unseres Präsidenten anschließen und «im Vorfeld» keine weiteren Spekulationen anstellen. Es soll allerdings schon Onkologen gegeben haben, die an Krebs starben. Hoffen wir einfach mal, dass Rot-Weiß Erfurt nicht der erste Verein im deutschen Profifußball sein wird, der vom hauseigenen Insolvenzverwalter in die Insolvenz geführt wird. Ehrlich gesagt mag ich daran nicht wirklich glauben. Es stünde für die berufliche Reputation Rolf Rombachs zu viel auf dem Spiel. Dennoch ist zu befürchten, dass für eventuell notwendige personelle Nachrüstungen in der Winterpause (siehe oben) kein Geld zur Verfügung steht. Beim tabellarischen Stand der Dinge wäre das keine Katastrophe. Womöglich aber eine vertane Chance. Und die sind im Fußball so launisch wie rar. Jedenfalls für einen Klub wie den unseren.

Spiel gegen Brentford, diverse Interviews & Erfurt liebt den Fußball nicht

Die einen fanden Laurito besser als Kleineheismann, andere sahen Odak offensiver als Czichos und wieder andere waren exakt der gegenteiligen Auffassung. Einig war man sich darin, dass aus Mijo Tunjic in der Sommerpause kein Claudio Pizarro geworden ist und Philipp Klewin zuweilen ganz schön nervös seinen Strafraum nicht beherrschte. Die TLZ vermeldet als Neuigkeit eine Systemänderung hin zu einem 4-1-4-1, was ich bereits vor mehr zwei Wochen als sehr wahrscheinliches Koglersches System prognostiziert hatte. Von einer Systemänderung kann überdies nicht wirklich die Rede sein, da es auch unter Schwartz in der Rückrunde des Öfteren ein 4-1-4-1 gab, meist mit Oumari auf der 6er-Position, einmal auch mit Engelhardt (bei einem weiteren zur Halbzeit abgebrochenen Versuch mit Baumgarten).

Mehr als die Unterschiede sind mir die Gemeinsamkeiten zur letztsaisonalen taktischen Formation aufgefallen. Da wäre in erster Linie die mangelnde Breite des Angriffsspiels des RWE zu nennen. Die Außenbahnspieler auf den ballfernen Positionen bewegen sich nicht in den freien Raum zur Seitenlinie hin, sondern orientieren sich zur Platzmitte. Bei Schwartz war das Absicht, in seinem System wurde bereits bei der eigenen Offensivbewegung einem möglichen Ballverlust vorgebaut. Bewegen sich die Außenbahnspieler eng zu ihren zentralen Mitspielern, ist es für den Gegner schwer, sich durch diese kompakte Formation mittels schnellem Umschaltspiel einen Vorteil zu erkontern.

Das Hauptmanko dieser Komprimierung liegt in den eingeschränkten Optionen des Offensivspiels. Der Gegner kann seine Reihen kompakt verschieben und sich dabei exklusiv auf die Platzmitte und die ballnahe Seite konzentrieren. In diesem Spielfeldviertel bewegen sich dann mindestens sechs Spieler jeder Mannschaft, was außergewöhnliche Präzision bei Weiterleitung und Verarbeitung des Balles zwingend voraussetzt, um in Strafraumnähe zu gelangen. Eine überraschende Spielverlagerung – über die Spielmitte eingeleitet – steht nicht zu Gebote. Ob das von Kogler so gewollt war, oder ob die Mannschaft nur in alte Gewohnheiten verfallen ist, will ich nach diesem einem Spiel nicht beurteilen.

Ansonsten werden viele Interviews gegeben. Der Trainer lobt die Spieler sowie die Trainingsbedingungen in Weißensee. Die Mannschaft lobt via Pfingsten-Reddig den Trainer zurück («Spricht viel mit uns», «Wir trainieren fast nur mit Ball»). Rene Müller tadelt die Stadt Erfurt und Rolf Rombach findet, dass er (zum Teil) recht hat.

Nun, was den akuten Honeymoon zwischen Mannschaft und Trainer betrifft: Ich will nicht hoffen, dass hier zutrifft, was Harald Schmidt mal über die gegenseitigen Sympathiebekundungen bei Fernsehproduktionen äußerte: «Wenn alle sagen wie lieb sie sich haben, wird die Show garantiert nach drei Folgen abgesetzt.» Es ist wirklich schön zu hören, dass die Pheromonreaktionen zwischen Mannschaft und Trainer stimmen, aber was ich in erster Linie sehen will und erwarte, ist eine sukzessive Verbesserung der fußballerischen Qualität des Teams. Ich schreibe auch deshalb über Fußball, weil es ein so grundhaft ehrlicher Sport ist und man im Angesicht der Leistung auf dem Spielfeld meist getrost alles in die Tonne treten kann, was einem vorher erzählt wurde. Denn: Am Ende liegt die Wahrheit auf dem Platz. Und nur dort.

Erfurt will den Fußball nicht. Behauptet Rene Müller in seiner vorsaisonalen Analyse der Aussichten der «Ostklubs» in der BILD. Immerhin genug, dass die Stadt das Risiko eines Stadionneubaus nicht scheut, möchte man erwidern. Aber er hat natürlich recht, unser Aufstiegstrainer im Ruhestand. Die Stadt Erfurt und viele ihrer Bewohner pflegen ein, zurückhaltend formuliert, gespaltenes und nicht in jedem Fall sinngesättigtes Verhältnis zu ihrem größten und bei weitem bekanntesten Sportverein. Dieser soll erfolgreich spielen, dabei aber möglichst keine Ansprüche stellen. Er soll seine Stadionmiete pünktlich überweisen, zahlende Fans stellen jedoch in jeder Beziehung eine Zumutung dar. Ein seit 20 Jahren offenes Verkehrsproblem mit einer Einfahrtsstraße sollte als Vehikel dafür herhalten, den Stadionbau zu unterbinden. Ausgerechnet von jener Partei als Argument benutzt, die 16 Jahre fast exklusiv die Macht an der Gera innehatte und in dieser Zeit weder Stadion noch Zufahrtsstraße grundhaft renoviert bekam.

Aber zurück zu Wichtigerem. Hat sich an meiner Einschätzung bezüglich der zu erwartenden Startelf gegen die Stuttgarter Kickers etwas geändert? Klare Antwort: nein. Eher haben sich einige Zweifel erledigt. Ich denke, dass Kleineheismann leichte aber deutlich wahrnehmbare Vorteile gegenüber Möckel hat. Wobei Kogler zweifellos recht zu geben ist, wenn er die Auffassung äußert, dass es unabdingbar ist, mit drei in etwas gleich starken Innenverteidigern in die Saison zu starten. Das ist das Minimum. Göbel hat mich gegen Brentford nicht überzeugt. Es bleibt dabei: er eignet einen überragenden rechten Fuß, hat aber nach wie vor Probleme in der Ballbehauptung und Handlungsschnelligkeit bei gegnerischem Pressing, die umso mehr auffallen je offensiver er aufgeboten wird. Tunjic bekommt wie stets Bestnoten in puncto Engagement, Laufarbeit und Pressing, war allerdings leider wenig überzeugend bei seinen Angriffsaktionen. Das Tunjic-Dilemma: Er ist als offensiver zentraler Zielspieler ungeeignet, weil er zu viele Bälle nicht schnell und gut genug verarbeitet, mithin zu viele Fehlpässe spielt; während seine Haupttugenden – Durchsetzungsfähigkeit und Geschicklichkeit in unmittelbarer Tornähe – mangels geeigneter Flanken von außen (siehe oben) nicht adäquat zum Tragen kommen. Schade, dass Derici nicht zum Einsatz kam, ich vermute aber, dass die bekannt gewordenen konditionellen Defizite sich ohnehin nicht bis zum Auftaktspiel restlos verflüchtigen, er also bis auf Weiteres eine Option auf der Bank bleiben wird. Ach ja, die Torhüterposition könnte noch zu einem Fragezeichen werden, doch ich hoffe inständig (für ihn, für uns), dass Klewin seine Nerven in den nächsten beiden Spielen (Ingolstadt, Magdeburg) besser im Griff hat. Mach dich locker, Philipp!

Evtl. Startelf des RWE am 1. Spieltag Saison 13/14 – Version 2.0 / 08.07.2013

Wacker Burghausen vs. RWE 0:0 / Titanisch dicht gehalten

Ich hatte mich vor dem Spiel via Facebook ungehalten gezeigt über die Nichtberücksichtigung von Smail Morabit in der Startformation. Jedoch: Der RWE hat in Burghausen einen wichtigen Punkt im Abstiegskampf errungen, damit hat der Trainer alles richtig gemacht. Klappe halten, Du dummer Blogger. Aber es war dünnes Eis, dieses 0:0 im Oberbayerischen. Es gab Phasen in der 2. Halbzeit, da schien es nur eine Frage der Zeit zu sein, wann der SV Wacker in Führung gehen würde. Mit etwas Glück und einem guten Philipp Klewin überstand der RWE diese brenzligen Situationen.

Die Leistung unseres nominell dritten Torhüters kann man getrost auf der Habenseite dieser Begegnung verbuchen. Ebenso wie die sich erneut ungemein stabilisierend auswirkende Aufstellung von Joan Oumari als Verteidiger vor der Abwehr (sprich: defensiver Sechser). Überhaupt: Alle in der Viererkette eingesetzten Spieler machten ihren Job ordentlich, vor allem an Ofosu-Ayeh gefiel (bis zu seiner verletzungsbedingten Auswechslung) die große Präsenz und Agilität seines Spiels. Dass er von Patrick Göbel ersetzt wurde, überraschte dann doch, aber offenbar wollte Schwartz einen Rechtsfuß an dieser Stelle der Viererkette, weshalb er sich gegen Thomas Ströhl entschied. Göbel begann etwas nervös, kein Wunder, da die Rechtsverteidiger-Position auch für ihn völliges Neuland darstellte, wurde aber im Laufe des Spiels stabiler in seinen Aktionen. Wer weiß, vielleicht sehen wir diese Konstellation noch das ein oder andere Mal. Philipp Lahm begann seine Karriere schließlich auch als Außenstürmer.

Besorgniserregend war dann aber doch, wie sehr die Rot-Weißen ins Schwimmen gerieten, als Wacker in der 2. Halbzeit Risiko und Druck erhöhte. Die ohnehin nicht eben herausragende Passquote in die Offensivpositionen hinein näherte sich in diese Phase der Nulllinie an. Was im Gegenzug die Wucht der Angriffe von Wacker weiter zunehmen ließ. Jetzt wäre es vermessen zu behaupten, dass dies mit Morabit (statt Tunjic) besser gewesen wäre, aber genauso wenig plausibel kann man dies in Abrede stellen. Ich denke, dass für Tunjic in der Startelf vor allem dessen defensive Qualitäten sprechen – er ist kopfballstark bei gegnerischen Standards, läuft unermüdlich die aufbauenden Gegnerspieler an – und das sich Schwartz vor allen aus diesem Grund für ihn entschieden hat. Dies konsequent zu Ende denkend, könnte man aber gleich einen Innenverteidiger als Mittelstürmer aufbieten. Offensichtlich ist das ebenfalls nicht der Fußballweisheit letzter Schluß. Eines erscheint gewiss: Die Offensivleistung der Mannschaft muss in den kommenden Spielen deutlich besser werden, will man den Erfurter Fans eine Zitterpartie bis zum letzten Spieltag ersparen. (Mit möglichem Showdown in Rostock – eine wahrhaft gruslige Vorstellung.)

Am Mittwoch beginnt die Stuttgarter Woche im Gazi-Stadion zu Degerloch. Drei Punkte (also ein Sieg aus beiden Spielen) würde ich bereits als Erfolg ansehen. Jeder Punkt darüber hinaus wäre Balsam für unsere Nerven und würde den RWE erstmals in dieser Saison etwas aus der unmittelbaren Abstiegszone herausbefördern. Also Jungs, tut was für meine Lebenserwartung.

Randnotiz: Wilfried Mohren hat unsere dürstenden Seelen wieder mit einem seiner legendären Einwürfe erfreut. Dieses Mal hatte er sich zur Aufgabe gemacht, die Verdienste der Arena-Stifter Rombach, Bausewein und Machnig hymnisch zu lobpreisen. Dabei lässt er sich nicht lumpen, der Wilfried. Rombach hatte einst die «titanische Idee». Alle drei erlauben uns «einen Einblick in die Handlungsweise des strategischen Geschicks großer Persönlichkeiten.» Matthias Machnig sei überdies «genial analytisch» und verfüge über «eine Menge von Kenntnissen, die anderen tiefe Rätsel sind». Er schlägt des Weiteren vor, die Drei mit dem «Tor des Jahres in der Kategorie Weitsicht und Durchsetzungskraft» auszuzeichnen.

Ich schlage im Gegenzug vor, Wilfried Mohren zum Tor des Monats in der Kategorie «Arschkriecherei» zu wählen.

Nachtrag, wohl notwendig um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin ebenso für die neue Arena wie die meisten anderen Fans des RWE. Ich habe auch nichts gegen Rombach, Bausewein und Machnig und anerkenne deren Verdienste um die neue Arena. Nur finde ich es lächerlich, wenn dem Pressesprecher des RWE wieder mal völlig die Feder entgleist und er im inbrünstigen Stile eines Auftragsjournalisten die Großen Vorsitzenden hymnisiert. Die in dieser Sache vor allem eines gemacht haben, das aber zugegebenermaßen gut: ihren Job.

Rot-Weiss Erfurt vs. Hallescher FC 2:1 / Keine Luftgitarre

Das war eine gute Woche für den Fußballclub Rot-Weiß Erfurt. Erst wurde Präsident Rolf Rombach mit einem erstaunlichen Resultat im Amt bestätigt. Dann bestätigten die angestellten Kicker ihren Willen und ihre Fähigkeit, den Verein in der 3. Liga zu halten. Am Verdienst dieses Sieges gegen den Halleschen FC sind Zweifel unangebracht, selbst wenn er am Ende glücklich zustande kam.

Ich war sehr gespannt, wie RWE-Trainer Alois Schwartz mit dem Ausfall Morabits und dem personellen Überangebot überzeugend spielender Innenverteidiger umzugehen gedachte. Er ließ sich etwas Überraschendes einfallen: Oumari wurde als rein defensiver Sechser aufgestellt, während Pfingsten-Reddig und Engelhardt deutlich davor agierten. Mittels Oumaris Absicherung sollten sie mehr Druck nach vorn entfalten, um auf diese Weise Morabits Ausfall zu kompensieren. Das gelang zufriedenstellend. Oumari merkte man nicht an, dass er diese Position zum ersten Mal spielte, er gewann viele Zweikämpfe und leistete sich nur wenige Abspielfehler. Nach Ströhls Auswechslung stellte er seine Polyvalenz endgültig unter Beweis, als er für diesen auf die linke Seite der Viererkette wechselte. Engelhardt und Pfingsten-Reddig schlugen manchen klugen Pass nach vorne, leisteten sich aber auch das ein oder andere nicht ungefährliche Fehlabspiel. Aber der HFC war am Samstag nicht die Mannschaft, dies verwerten zu können. Ich wette darauf, dass wir diese Aufstellung im Mittelfeld, taktisch wie personell, nicht zum letzten Mal gesehen haben.

Ofosu-Ayeh verbrachte auf der rechten Abwehrseite einen ruhigen Nachmittag, was er leider nicht für eine aktivere Rolle im offensiven Flügelspiel zu nutzen wusste (oder durfte). Wenn der HFC über die Außen kam, dann mit dem sehr gefälligen Lindenhahn auf der anderen Seite. Dort hatte Ströhl große Mühe den quirligen Angreifer zu kontrollieren. Er wurde allerdings auch oft allein gelassen. Möckel und Kopilas absolvierten ihre defensiven Aufgaben routiniert und waren bei quasi allen eigenen Standards in der Hälfte des HFC präsent. Diese Präsenz sollte am Ende spielentscheidend werden. Tunjic zeigte sich deutlich verbessert. Es gelang ihm, einige Bälle im Angriff zu behaupten und zu verteilen. Er leistete sich nur wenige leichte Abspielfehler. Leider blieb ihm ein Tor versagt. Ganz ohne Zweifel war dies einer der besten Auftritte von Mijo Tunjic im Trikot des RWE.

Eines wird zudem immer offensichtlicher. Alois Schwartz baut auf Standards. Wir haben am Samstag 10 Ecken zugesprochen bekommen, gut die Hälfte davon war von brauchbarer Qualität. Das ist – gemessen an der Vorsaison – ein guter, fraglos aber noch steigerungsfähiger Wert. Doch die Qualität der Eingaben ist das eine, die Qualität der potenziellen Abnehmer ist mindestens ebenso relevant. Und hier hat sich gewaltig etwas zum Besseren verändert. Allein die körperliche Präsenz von Möckel, Kopilas und Oumari im gegnerischen Strafraum ist beeindruckend. Kein Zufall, dass dem Siegtor ein gewonnener Kopfball von Möckel vorausging, der (über kleine Umwege) Öztürk den Ball vor die einschussbereiten Füße geraten ließ und den Fans des RWE einen versöhnlichen Abschluss dieses aufgeregten und aufregenden Fußballjahres bescherte.

Ich wünsche Euch und Euren Familien ein richtig schönes Weihnachtsfest und einen rundum gelungenen Start ins Neue Jahr. Je nach persönlichem Temperament: besinnlich, fröhlich oder knallig laut.

Bedanke möchte ich mich für die Treue aller Leser dieses Blogs und die durchweg positive, sehr freundliche Resonanz. Bleibt mir gewogen.

Fedor Freytag

RWE vs. Stuttgarter Kickers 0:3 / Angst essen Verstand auf

Wie es um den FC Rot-Weiß Erfurt steht, konnte man an den Gesichtern der Zuschauer in meiner Nähe gut ablesen. Quasi: 50 Shades of Fassungs-, Rat- und Hoffnungslosigkeit. Die meisten litten eher still vor sich hin. Bei einigen gewann man den Eindruck sie schauen einem rasanten Tennisspiel zu, so regelmäßig wie sie ihren Kopf schüttelten. Andere, wenige, machten es wie immer und konzentrierten ihren Unmut auf die üblichen Verdächtigen: Tunjic, Pfingsten-Reddig, Engelhardt, Bertram, etc.

Selbst eine kurze taktische Analyse fällt schwer, auch weil ich das Gefühl habe, dass diese niemanden wirklich interessiert. Woher aber kommt der leblose Eindruck, den der RWE über die gesamten 90 Minuten vermittelte? Nun, es war offensichtlich, dass Alois Schwatz sehr viel Wert auf das permanente Einhalten der taktischen Grundordnung legte. Dagegen ist per se nichts einzuwenden. Allerdings führte die Angst vor einem Gegentreffer dazu, dass sie das gesamte Offensivspiel lähmte. Die Außenverteidiger schalteten sich so gut wie nie in die Angriffe ein, was zu permanenter Unterzahl auf den Flügeln führte. Die Spieleröffnung über das zentrale Mittelfeld wurde von den Kickers dadurch unterbunden, dass zum einen die Passwege zugestellt wurden, manchmal nahm man Engelhardt und Pfingsten-Reddig auch in Manndeckung. Damit blieben nur lange Bälle zur Spieleröffnung übrig. Oft wurden diese von Oumari auf den linken Flügel zu Drexler gespielt. Wenn sie denn mal ihren Adressaten fanden, sah sich Drexler meist zwei oder drei Gegenspielern gegenüber. Ein Überladen seiner Seite mittels der Unterstützung durch die Außenverteidiger (oder die Sechser) fand nicht statt. Das war in der letzten Saison noch anders. Da gab es die Variante der langen Bälle von Caillas auf Morabit (meist auch über links) ebenfalls, allerdings unterstützte damals Pfingsten-Reddig sehr häufig den Außenstürmer, was am Samstag völlig unterblieb.

An dieser Stelle stellt sich die grundsätzliche Frage nach dem Spielplan. Sicher ist es von großem Wert, nicht in Rückstand zu geraten. Und es gibt Gegner in dieser Liga, gegen die ein Unentschieden (auch zu Hause) durchaus ein brauchbares Resultat darstellt. Der Aufsteiger Stuttgarter Kickers zählt in seiner jetzigen Verfassung nicht dazu. Gegen die Jungs aus Degerloch muss ich ein Heimspiel gewinnen wollen. Ohne ein gewisses Maß an Risiko wird das nicht funktionieren. Gegen keinen Gegner. Zu diesem Zweck muss sich eben ein Außenverteidiger in die Flügelangriffe einschalten. Wenn die beiden nominellen Spielgestalter im zentralen Mittelfeld sehen, dass die Innenverteidiger Probleme haben Anspielstationen zu finden, muss sich einer zurückfallen lassen, um diese Aufgabe zu erleichtern. Selbst wenn ich – risikominimierend – auf lange Bälle setze, müssen sich ein Sechser und der zentrale offensive Mittelfeldspieler (Möhwald) vorher auf diese Seite orientieren, damit wenigstens ab und an eine dieser Situationen in einen Erfolg versprechenden Angriff mündet (z.B. über die Eroberung bereits abgewehrter «zweiter» Bälle.)

Wie bereits in den Spielen zuvor brach die Mannschaft nach dem Rückstand komplett auseinander, obwohl Schwartz relativ früh und nur positionsersetzend tauschte. Die Grundordnung blieb (nominell) erhalten, nachdem in den Spielen zuvor die Herausnahme eines Sechser bzw. die Auflösung der Viererkette gleichfalls völlig in die Hose gegangen war. Ich hätte bereits zur Halbzeit Tunjic aus dem Spiel genommen und Drexler in die Mitte beordert, einfach um einen Spieler im Sturmzentrum zu haben, der Bälle festmachen und auf nachrückende Mitspieler prallen lassen kann. Etwas was Mijo Tunjic (bei aller Laufbereitschaft) durchweg nicht gelang (und was wohl insgesamt nicht zu seinen Stärken zählt). Keine Ahnung, ob dies etwas verbessert hätte, aber ich hatte nach 45 Minuten schlichtweg das Gefühl (womit ich kaum der Einzige war), dass wir dieses Spiel verlieren werden, wenn sich nichts ändert.

Wie auch immer, momentan haben die Apokalyptiker Konjunktur. Und gute Argumente. Jedenfalls, wenn man Rechthaberei zum obersten Vereinsziel erklärt. Nach dem jetzigen Stand der Dinge wird zutiefst offenbar, dass Rolf Rombach und seine Jünger mit vielem was sie in den letzten Monaten getan, veranlasst und unterlassen haben grandios falsch lagen. Um das zu erkennen, benötigt es nicht viele Worte, ein Blick auf die Tabelle bzw. auf die Leistung der Mannschaft genügt. Dennoch, wozu genau in der gegenwärtigen Lage ein Machtvakuum beim RWE gut sein soll, erschließt sich mir nicht. Die Forderungen nach einem Rücktritt des Präsidenten (mitsamt seiner zugegeben semiprofessionellen Entourage) sind suizidal. Es existiert momentan keine erkennbare Alternative zu ihm, weder personell und schon gar nicht konzeptionell. Ich weiß, dass viele große Sorgen um die Zukunft ihres Vereins haben und auch, dass es allzu menschlich ist, jemanden für Niederlagen sofort haftbar machen zu wollen. Allerdings: Jegliches hat seine Zeit, und gerade jetzt ist der denkbar ungünstigste Zeitpunkt für Scharmützel zwischen Fans und Vereinsführung.

Wir werden diese Scheiße gemeinsam durchstehen oder die Zeit des RWE im deutschen Profifußball ist vorerst abgelaufen.

Karlsruher SC vs. RWE 3:0 / Hört die Signale!

Es ist schwer, nach solchen Spielen die Balance zu wahren. Auf der einen Seite waren die Kräfteverhältnisse im Wildpark keineswegs so eindeutig, wie es das Resultat nahe legt. Andererseits ist fast ein Drittel der Saison absolviert, der RWE ist 19. der Tabelle und die Leistung gestern war nicht geeignet, auf baldige Genesung des Patienten zu hoffen.

Vor allem gibt mir zu denken, dass die Mannschaft nicht in der Lage war, offensichtlich verunsicherte Karlsruher zu einem Zeitpunkt zu attackieren, als sich dafür Gelegenheit bot. Der KSC begann ganz schwach, doch irgendwie verließen sich die Erfurter darauf, dass dieser Zustand die gesamte Spielzeit über anhält. Das war viel zu passiv. Außer Tunjics Gewaltschuss gab es in Halbzeit eins keinen nennenswerten Torabschluss. Wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, als der RWE noch mit allen Spielern auf dem Platz stand. Die zeitweilige spielerische Impotenz eines Gegners darf nicht mit eigener Spielkontrolle verwechselt werden. Das ist Selbstbetrug. Barcelona und die Bayern haben Spiele im Griff, in denen sie deutlich führen, um dann dem Gegner in schier endlosen Ballstafetten den letzten Nerv zu rauben. Daran gemessen hatte der RWE gestern zu keinem Zeitpunkt irgendetwas «im Griff». Karlsruhe verfügt über den individuell stärksten Kader aller Drittligisten. Spieler wie Calhanoglu, Krebs, Henning oder Haas können Spiele auch entscheiden, wenn die Mannschaft als Ganzes nicht wirklich funktioniert. Umso wichtiger wäre gewesen, den KSC unter Druck zu setzen. Niemand weiß, ob das zu einem erfolgreicheren Ausgang geführt hätte – mir wäre aber wohler, wenn man es wenigstens beherzt versucht hätte.

Ich hatte anlässlich der Roten Karte gegen Rauw im letzten Spiel ja bereits beklagt, dass die Hemmschwelle für Platzverweise stetig sinkt. Selbiges könnte ich heute erneut vortragen. Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Gemessen an den Vorgaben des DFB sind die beiden Gelben Karten gegen Strangl gerechtfertigt. Der Spieler kennt die Regelauslegung natürlich auch, insofern trägt nicht der Schiedsrichter (der ja auch noch was werden will in seiner Karriere), sondern Marius Strangl die alleinige Schuld an dieser Herausstellung. Einerseits. Andererseits flog er mit einem Allerweltsfoul vom Platz (es war zudem sein erstes überhaupt). Ich bleibe dabei, die Bestrafung – 50 Minuten mit einem Spieler weniger auskommen zu müssen – steht hier in keinem Verhältnis zum begangenen Delikt. Womit wir wieder bei Zeitstrafen wären, der einzigen Alternative, die mir spontan einfällt. Und mit denen ich auch nicht richtig glücklich bin, weil mir schon klar ist, dass sie den Rhythmus eines Fußballspiels schwer beschädigen können.

Wie auch immer. Der RWE hat nunmehr das Fünfte von elf Ligaspielen kartenbedingt in Unterzahl beendet. Nur eines davon ging nicht verloren. Hohe Zeit für Alois Schwartz also, seine Spieler daran zu erinnern, dass es von beträchtlicher Bedeutung ist, ein Spiel in numerischer Gleichzahl mit dem Kontrahenten zu beenden. Wenn das nicht hilft, sollte der Verein über eine Antiaggro-Therapie für einschlägige Kandidaten wie Oumari und Strangl nachdenken. Hätte man womöglich bei Kumbela schon machen sollen.

Ein weiterer Grund zur Sorge ist die mangelhafte Tiefe des rot-weißen Kaders. Wir haben mit Fillinger einen langzeitverletzten Leistungsträger. Ob die Bezeichnung Leistungsträger auf Thomas Ströhl zutrifft, muss er erst noch unter Beweis stellen, sobald er wieder fit für die erste Mannschaft ist. Morabit laboriert noch immer an seinem Muskelfaserriss, hier vernimmt man derzeit ebenfalls keinen konkreten Termin für eine Rückkehr. Die hoffentlich nicht mehr lange auf sich warten lässt, denn er fehlt dem Angriffsspiel des RWE an allen Ecken und Enden. Allein Drexler wird es auf Dauer nicht richten können. Der gegnerische Trainer muss kein Jose Mourinho sein, um zu wissen, dass man sich vor allem auf ihn konzentrieren sollte, will man das Offensivspiel der Erfurter unterbinden. Ich will mir gar nicht vorstellen was passiert, wenn Drexler, Pfingsten-Reddig oder Engelhardt sich verletzen sollten. Wo es in der letzten Saison noch Weidlich, Zedi und Manno gab, gibt es in diesem Jahr nur talentierte aber weitgehend unerfahrene Spieler um diese Positionen ersatzweise einzunehmen.

Exakt hier liegt auch der Unterschied zu einer Mannschaft wie Unterhaching. Die dort eingesetzten jungen Spieler verfügen zumeist über Erfahrung in der Dritten oder wenigstens in der Regionalliga. Schaut man sich die Spieler von Unterhaching näher an, fällt noch eines auf. Fast alle kommen aus dem Fußballbiotop München. Nicht wenige sind bei Bayern oder 1860 ausgebildet worden, bzw. spielen seit ihrer Jugend in Unterhaching. Eine ähnliche Ballung an Talenten findet sich natürlich auch im Ruhrgebiet bis hin zu den ostwestfälischen Vereinen wie Osnabrück, Paderborn, Münster und Bielefeld. Vergleichbare Talentcluster (die sich auch gerne über Transfers regional mischen) existieren im Osten nicht (am ehesten noch in Berlin). Der Vorteil für die Spieler liegt auf der Hand: Sie müssen ihr soziales Umfeld nicht verlassen, wenn sie beispielsweise von 1860 zu Unterhaching wechseln, und bleiben zudem in steter Sichtweite für höhere (sprich besser bezahlte) Aufgaben.

Dieser kleine Exkurs scheint mir notwendig um deutlich zu machen: Die Situation in Erfurt ist eine völlig andere. Der RWE ist fußballerisch gesehen eine Insel ohne Brücken zum Festland. Nachwuchskonzept in Unterhaching bedeutet: Ich verpflichte junge, talentierte, aber durchaus erfahrene Spieler von den Vereinen Bayern München, 1860 München und aus dem eigenen Nachwuchs und forme daraus eine gute Mannschaft. Nachwuchskonzept in Erfurt bedeutet: ich haben einen richtig guten A-Jugend-Jahrgang, behaupte damit ein Konzept zu besitzen und verlasse mich anschließend darauf, dass diese 19-Jährigen schnell zu Stammspielern werden. Alle haben das Zeug dazu, aber sie müssen die Gelegenheit erhalten, behutsam, sachkundig und ihrem Leistungsstand gemäß an die erste Mannschaft herangeführt zu werden. Kaltes Wasser und so – keine gute Idee.

Wir brauchen dringend neues Personal. Das würde ich nicht schreiben, wenn Fillinger gesund und in formidabler Form wäre, Tunjic konstant gut in seinen Leistungen und Morabit nicht immer wieder mal wochenlang ausfallen würde. Denn dann hätte die Mannschaft das Potenzial relativ deutlich die Liga zu halten. Nun, die Realitäten sind leider andere. Deshalb halte ich Verstärkungen im Angriff und im Mittelfeld mittlerweile für unabdingbar. Wohl wissend, dass der Etat des Vereins bereits jetzt auf Kante genäht ist. Jedoch habe ich Rolf Rombach (zuletzt bei der Entlassung Emmerlings) stets so verstanden, dass da über externe Sponsoren immer noch etwas geht.

Holla! Da hat der Präsident wohl nicht zu viel versprochen. Aber sie hätten wenigstens warten können, bis ich den Post publiziert habe. Mist. Soeben lese ich nämlich, dass der RWE Mahmut Temür verpflichtet hat. Dies ist eine viel versprechende Nachricht. Beidfüßig, quasi im gesamten Mittelfeld einsetzbar. Torgefährlich. Klingt gut. Herzlich Willkommen und gleich an die Arbeit, Mahmut!

 

Alois Schwartz? Alois Schwartz!

©kicker.de

Er ist mir damals nicht weiter aufgefallen. Er war der Mann neben Renè Müller, Feichtenbeiner und Kocian. Das ist natürlich kein Makel; die Aufgaben eines Assistenztrainers mögen vielfältig sein, die Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit zählt gewiss nicht dazu. Seine erste Erfurter Zeit endete 2005 mit dem Abstieg aus der 2. Liga.

Nach anderthalb erfolgreichen Jahren bei Wormatia Worms in der Oberliga Südwest verpflichtete ihn Anfang 2007 der FCK – auf dass er die zweite Mannschaft des Traditionsvereins vor dem Abstieg aus der Regionalliga bewahre. Das ging grandios schief. 2008 gelang jedoch der direkte Wiederaufstieg und seitdem schlägt sich der FCK II äußerst wacker in der starken Regionalliga West. Das wird wohl auch in dieser Saison so sein – seit zwei Tagen müssen sie in der Pfalz jedoch ohne Alois Schwartz auskommen.

Auch ich hatte eher mit Rico Schmitt als neuem Cheftrainer gerechnet, dessen Rausschmiss in Aue mir damals sehr voreilig erschien. Immerhin war er mit Aue aufgestiegen und unter ihm hatte Wismut 2010/2011 eine grandiose Saison in der 2. Bundesliga gespielt. Aus welchen Gründen auch immer, man hat sich mit ihm nicht einigen können. Ob er die bessere Wahl gewesen wäre, werden wir mithin nie erfahren.

Auf der gestrigen Pressekonferenz führte Rolf Rombach aus, dass für Alois Schwartz gesprochen habe, dass er das Nachwuchskonzept des RWE befördern wolle. Dies ist wieder so eine Aussage des Präsidenten, die ich für unglücklich halte. Ein Nachwuchskonzept kann ich auch in der Thüringenliga haben und befördern. Es kann unmöglich die primäre Intention eines auf einem Abstiegsplatz liegenden Drittligavereins sein, dies in der gegenwärtigen Situation zur ersten Maxime zu erheben. Nachwuchsarbeit ist immer und überall Mittel zum Zweck, nicht mehr und nicht weniger. Alles – inklusive das schönste Nachwuchskonzeptes – ist Makulatur, wenn der Profimannschaft der Klassenerhalt nicht gelingt. Für diesen Fall wird das Nachwuchskonzept zu unseren geringsten Sorgen zählen.

Aber, für die rhetorischen Unbeholfenheiten Rombachs kann Alois Schwartz nicht die Bohne. Er hat in Kaiserslautern nachgewiesen, dass es möglich ist, mit einem eher durchschnittlichen Kader attraktiven und durchaus erfolgreichen Fußball zu spielen. Wenn es ihm gelänge, die Mannschaft schrittweise von den Abstiegsplätzen ins gesicherte Mittelfeld zu führen, sollte man die Saison schon als Erfolg werten.

Einfach wird das nicht. Zu vielfältig sind – nach wie vor – die fußballerischen Defizite des Teams. Christian Preußer hatte im Pokal in Heiligenstadt Mijo Tunjic eine Einsatzchance in der Startelf gewährt. Genutzt hat er sie nicht. Er agiert nach wie vor wie ein Fremdkörper im Spiel der Mannschaft: einfache Bälle verspringen, Pässe über kurze Distanzen erreichen den Mitspieler nicht, selbst das Stellungsspiel bei gegnerischen Standards (also im eigenen Strafraum) gibt ihm nach wie vor Rätsel auf. Womöglich gelingt es ja Alois Schwartz den Holländer aufzubauen.

Wenn nicht, hat der RWE in der Offensive ein gewaltiges Problem. Dann lastet alles auf Drexler und Morabit. Fällt auch nur einer von beiden aus, ist das Angriffsspiel der Mannschaft sehr leicht ausrechenbar. Selbst für einen Verbandsligisten wie Heiligenstadt. Die nächste große Baustelle tut sich auf der linken Abwehrseite auf. Rafael Czichos hat gegen Dortmund defensiv recht gut gestanden, sein großes Manko liegt in der Spieleröffnung. Da spielt er chronisch haarsträubende Pässe in die Beine des Gegners. Gegen die Eichsfelder Amateure war das verkraftbar, in der Dritten Liga ist es das nicht.

Eine Menge Arbeit für den neuen Cheftrainer des RWE. Viel Glück dafür, Alois Schwartz! Ob er noch einmal auf dem – ohnehin sehr ausgedünnten – Spielermarkt tätig wird (werden kann oder darf) ist momentan ungewiss. Aber ich glaube, dass man dies wird tun müssen, zu offensichtlich sind die fußballerischen Mängel auf einigen Positionen. Ansonsten erwarte ich für das Spiel gegen Saarbrücken keine großen Veränderungen. Schwartz bevorzugt – wie Preußer – eine 4-2-3-1-Formation. Wir werden wohl dieselben Spieler wie gegen Dortmund auflaufen sehen – so sie denn gesund sind.

Alemannia Aachen vs. RWE: Den freien Fall gestoppt. Vorerst.

Ich habe gerade das Internet leer gelesen. Jedenfalls was die Berichte über das 1:1 des FC Rot-Weiß Erfurt bei Alemannia Aachen betrifft. Sehr viel schlauer bin ich nicht geworden. Im Grunde hätte ich es auch beim RWE-Ticker belassen können. Soviel jedoch scheint klar: Christian Preußer hat es geschafft die Mannschaft so zu stabilisieren, dass Sie bei einem Aufstiegsaspiranten ein verdientes Remis erreichte. Da er nicht selbst gespielt hat, ist es naheliegend, dass die von ihm vorgenommenen taktischen und personellen Änderungen dabei eine gewisse Rolle spielten.

Kleine taktische Revolution beim RWE: eine 4-2-3-1-Formation

Bertram, Tunjic und Rauw auf die Bank zu setzen war nach den bisherigen Saisonleistungen der drei Spieler konsequent. Sie wurden durch Czichos, Oumari und Strangl ersetzt, wobei vor allem Letzterem eine auffällige Partie nachgesagt wird. Dass er durch seine Dynamik dem Mittelfeldspiel gut tun könnte, hatte er bereits im Spiel gegen West Ham angedeutet.

Offensichtlich hat Preußer aber auch die taktische Ausrichtung der Mannschaft verändert. In allen Spielen unter Stefan Emmerling startete das Team mit einem 4-4-2: zwei Stürmer und eine flache Mittelfeldviererkette (also keine Raute) standen vor der Abwehr. Gestern verzichtete Preußer auf Tunjic, Morabit war der einzige nominelle Stürmer (der sich wohl ab und an mit Drexler ablöste). Es blieb bei zwei Sechsern (Engelhardt und Pfingsten-Reddig), davor spielten Czichos und Drexler auf den Flügeln und Möhwald als zentraler offensiver Mittelfeldspieler. Exakt die Position, die er unter Preußer auch bei den A-Junioren innehatte. Preußer stellte mithin auf ein 4-2-3-1-System um.

Allein die zahlenmäßige Aufwertung des Mittelfeldes scheint eine gewisse Konsolidierung der Defensiv-Offensiv-Balance mit sich gebracht zu haben, einhergehend mit einem deutlich konsequenteren Zweikampfverhalten. Gern möchte ich auch den Schilderungen glauben, die eine Verbesserung des Flügelspiels beobachtet haben wollen. Aber es wäre vermessen daraus bereits einen Trend ablesen zu wollen. Dazu kann ich erst nach dem Spiel gegen den BVB Verbindlicheres sagen. Hoffe ich jedenfalls.

Preußer ist Rombachs Favorit

Rolf Rombach hat offensichtlich die Absicht Christian Preußer als Cheftrainer zu berufen, sollte die Mannschaft am Samstag gegen den BVB gewinnen. Und würde damit das wohl größte Risiko seiner RWE-Präsidentschaft eingehen. Einerseits. Andererseits ist jede Entscheidung für einen neuen Trainer in dieser Situation ein Risiko. Man mag von den fachlichen, rhetorischen und menschlichen Qualitäten eines Coaches noch so überzeugt sein, eine Gewähr für sportlichen Erfolg sind sie nicht. Trotzdem wäre das eine sehr mutige Entscheidung, denn Christian Preußer hat keinerlei Meriten als Trainer im Profibereich vorzuweisen, ja mehr noch: er war nicht mal Profifußballer.

Aber, das waren Mirko Slomka und Ralf Rangnick ebenfalls nicht (vielen Dank an “RWE-Chris” für den Hinweis). Beide zählen zu den profiliertesten Fußballlehrern des Landes. Arrigo Sacchi, Trainer der brillanten Mannschaft des AC Mailand Ende der 80iger Jahre, sagte man nach, dass er nur mit Mühe geradeaus laufen konnte, geschweige denn in der Lage war, unfallfrei vor einen Ball zu treten. Andere Beispiele erfolgreicher Trainer ohne vorhergehende Profikarriere sind Volker Finke und Christoph Daum.

Ein grandioses Beispiel wie ein A-Jugendtrainer einen Verein vor dem Abstieg rettete, lieferte in der vergangenen Saison der SC Freiburg. Nach der Hinrunde noch abgeschlagener Tabellenletzter, holte Christian Streich mit dem Sportclub 27 Punkte in der Rückrunde und wurde für diese Leistung – völlig zu Recht – Dritter bei der Umfrage zum Trainer des Jahres. (Bei mir hätte er sie übrigens gewonnen.) Deshalb: Die mangelnde Erfahrung im Profibereich ist aus meiner Sicht kein stichhaltiges Argument gegen Christian Preußer.

Viel essenzieller für den Erfolg Preußers wird sein, dass Mitglieder, Vorstand, Aufsichtsrat und Anhängerschaft des Vereins auch noch hinter dieser Entscheidung und ihrem jungen Trainer stehen, wenn mal zwei Spiele nacheinander verloren gehen. Dieser Fall wird eintreten, früher oder später.

Last but not least: Die Mannschaft muss den Trainer akzeptieren. Das lässt sich nicht verordnen. Der Vorstand sollte sich sehr sicher sein, dass gerade die erfahrenen Spieler hinter Preußers Stil und Konzept stehen. Dabei sollte man leicht dahin gelabernden Lippenbekenntnissen misstrauen. Die werden bereits bei geringsten Differenzen keinen Wert mehr besitzen.

Zusammenfassung im Konjunktiv (weil es allein von der sportlichen Entwicklung abhängig ist, ob es dazu kommt): Aus rein fachlicher Sicht würde ich eine Berufung Christian Preußers für völlig gerechtfertigt erachten. Trotzdem ginge der Verein, namentlich Rolf Rombach, damit ein exorbitantes Risiko ein. Ein größeres Risiko jedenfalls, als mit der Berufung eines anerkannten, erfahrenen Fußballlehrers. Im Falle des Misserfolges (Definition Misserfolg: der RWE setzt sich auf den Abstiegsplätzen fest) werden alle die es mit Rolf Rombach nicht so gut meinen (und das scheinen angesichts der Wortmeldungen der letzten Tage nicht wenige zu sein) einen Shitstorm bisher ungeahnten Ausmaßes in seine Richtung lostreten.

Dem Präsidenten des RWE steht also – möglicherweise – in den nächsten Tagen eine Entscheidung bevor, um die ich ihn nicht beneide.

Der RWE im August 2012: Zum Stand der Dinge

Alle wollen in Osnabrück eine Verbesserung gesehen haben. Nun, gemessen am Größten Anzunehmenden Scheißspiel (GAS) der bisherigen Saison (in Halle) war es wohl eine. Aber dieser fußballerische Offenbarungseid sollte wohl kaum als Maßstab dienen. Wenn es so wie in Halle weitergegangen wäre, hätte man die Mannschaft gleich vom Spielbetrieb abmelden können.

Momentan liegt das Angriffsspiel in Trümmern

Im Vergleich zum Auftritt gegen die VfB-Reserve vermag ich allerdings nicht wirklich einen Fortschritt zu erkennen. Es fällt auf, dass in es den letzten beiden Auswärtsspielen keine zwingende Torchance für den RWE zu notieren gab. Das war in Wiesbaden noch anders. Dafür gibt es Gründe. Emmerling stellt schon nominell defensiver auf (mit dem Abwehrspieler Ofosu-Ayeh in der Mittelfeld-Viererkette) und die taktischen Vorgaben an die Mannschaft korrespondieren mit der Formation. Alles ist in erster Linie darauf ausgerichtet, Gegentore zu vermeiden: Wie Dominick Drexler in der gestrigen TA völlig richtig analysierte, beteiligen sich zu wenige Spieler an den Offensivaktionen. Er sprach von mindestens vier Spielern; Ralf Rangnick nannte letztens sogar die Zahl von fünf Akteuren, die in einen Angriff eingebunden sein müssen, wenn dieser gefährlich werden soll. Sonst fehlt es an allem, was einen Angriff zu einem solchen macht: an Breite (um die Abwehr des Kontrahenten auseinanderzuziehen), an Anspielstationen, und an der Möglichkeit, Überzahlsituationen zu erzeugen. Dies führt zu Verzweiflungsflanken auf den einen zentralen Stürmer, der in der Regel von mehreren Gegenspielern abgedeckt und somit chancenlos ist, mit so einem Ball etwas anzufangen. Wenigstens wurde in Osnabrück konsequent versucht, Ballverluste im Vorwärtsgang zu vermeiden. So wurde, wenn keine Passoption verblieb, einfach aufs Tor geschossen. Meist aus recht aussichtsloser Lage. Aber selbst diese Vermeidung von Ballverlusten muss man ambivalent bewerten, denn sie führte auch dazu, dass nur selten schnell und direkt gespielt wurde. Was wiederum eigentlich die einzige Option darstellt, eine Unterzahlsituation erfolgreich aufzulösen.

Wie gehabt: Taktische und individuelle Fehler im Abwehrverhalten

Über all das müsste man nicht so viele Worte verlieren, wenn die eigentliche Intention einer defensiven Spielweise erfüllt worden wäre: Vermeidung von gegnerischen Großchancen. Aber bereits vor dem Führungstor und der Herausstellung von Oumari hatte der VfL einige gute Einschussmöglichkeiten, danach sowieso.

Zwei exemplarische Szenen, die das derzeitige Dilemma verdeutlichen: Das zentrale Mittelfeld attackiert im Gegenpressing einen VfL-Spieler in Höhe des Mittelkreises, bekommt aber keinen Zugriff auf ihn und kann auch den einfachen Pass in den dahinter liegenden Raum nicht unterbinden. Eine Szene aus der Taktikhölle, weil beide Sechser sofort aus dem Spiel sind. Manno kann den Ball in aller Ruhe kontrollieren, sich orientieren und mit einem Torschuss abschließen (1. Halbzeit). Szene zwei: Vor dem Pfostenschuss von Nagy trabt Bernd Rauw schattenhaft neben diesem her und wirkt dabei wie die Karikatur eines Verteidigers.

Diese unselige Verquickung von taktischen Unfertigkeiten und individuellem Larifari war leider auch in Osnabrück das größte Manko des RWE. Wie konzentriertes Defensivspiel aussehen kann, konnte man sich im Livestream des mdr am Sonntag bei Hansa gegen den CFC ansehen. In der 2. Halbzeit bekamen beide Mannschaften nach vorne kaum etwas auf die Reihe, trotzdem war der CFC die überlegene Mannschaft – mit gefühlten 80 Prozent Ballbesitz. Wer Fan der Chemnitzer ist, konnte sich die Sache relativ entspannt betrachten, denn eines war klar: hinten stand der CFC so ungemein stabil – Hansa hätte bis zur Wiederauferstehung Störtebekers spielen können und trotzdem kein Tor erzielt. Von dieser defensiven Grundsicherheit ist der RWE derzeit ganze Fußballuniversen entfernt, und das trotz einer auf die Abwehr hin konzipierten Spielweise.

Was tun?

Kein vernunftbegabter Trainer, dessen Mannschaft nach fünf Spieltagen Tabellenletzter ist, würde eine Mitschuld an dieser Situation leugnen. Das tut auch Stefan Emmerling im heutigen Interview der Thüringer Allgemeinen nicht. Alles, was er darin sagt ist richtig. Alles, bis auf eines. Die Verpflichtung eines Stürmers “der aus dem Nichts Tore schießen kann”, wird wohl ein Traum bleiben. Keine Ahnung, wer ihm da vorschwebt. Zlatan Ibrahimović? Abgesehen von diesem Kaliber (aber im Grunde natürlich auch dort), sind Mittelstürmer auf die Zuarbeit ihrer Mitspieler angewiesen. Was nicht bedeutet, dass ein Stürmer nicht auch mal aus einer Einzelaktion heraus unvermittelt ein Tor schießt. Allerdings ist dies die Ausnahme, quasi Sahnehäubchen auf Torte. Ansonsten gilt (und es gilt umso mehr, je höher die Qualität der Liga ist): Stürmer sind das letzte Glied einer komplizierten Produktionskette namens Fußball. Sie sehen halt immer nur sehr dumm aus, wenn sie mit leeren Händen die Fabrikhalle verlassen. Schuld an der Misere sind jedoch meist andere.

Deshalb sehe ich das Problem des RWE vordergründig nicht im Sturm. Sollte Rolf Rombach noch einmal Zugriff auf die Schatulle eines Sponsors erhalten, würde ich eher einen lauf- und zweikampfstarken defensiven Mittelfeldspieler holen. Typ: Bender-Zwillinge, Luiz Gustavo. Einen Staubsauger vor der Abwehr, der zum einen diese entlastet und zum anderen den Kreativspielern mehr Sicherheit (sprich Absicherung) gibt. Außerdem ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, das nominelle 4-4-2 wenigstens zu hinterfragen. Im Grunde handelte es sich immer schon um ein 4-4-1-1, weil so gut wie nie zwei Stürmer im Strafraum auf ein Zuspiel warten. Morabit war bereits in der letzten Saison der freie Radikale hinter der Spitze (Reichwein). Um mehr Breite der Angriffe sicherzustellen, würde ich ihn und Drexler konsequent auf den Flügeln positionieren. (In der Grundordnung wohlgemerkt, denn natürlich sollen sie rochieren und Überzahlsituationen auf den Flügeln und im Zentrum schaffen). Dann wäre Platz für Möhwald im zentralen offensiven Mittelfeld – hier liegt ohnehin seine größte Stärke. Im Sturmzentrum wäre Tunjic meine erste Wahl. Auf den Sechserpositionen: Pfingsten-Reddig für den Spielaufbau aus der Abwehr und – wie erwähnt – ein in erster Linie defensiv denkender und agierender Mittelfeldspieler. Wir hätten dann ein 4-2-3-1-System, von dem ich mir vor allem mehr Präsenz (aber auch Qualität) in der spielentscheidenden Zone verspreche. Zudem würde unser momentan lebloses Flügelspiel reanimiert. Mit dem derzeitigen Personal wäre das irgendwie auch abbildbar, jedoch halt nur irgendwie. Für Trial and Error geht uns aber langsam die Zeit aus. Ich sehe derzeit keinen Spieler im Kader, der diese zentrale defensive Aufgabe übernehmen könnte.

Viel Arbeit auf und neben dem Platz für Stefan Emmerling, seine Co-Trainer und vor allem für die Spieler. Die Mannschaft gleicht momentan einer Großbaustelle. Berliner Flughafen nichts dagegen. Ich sehe es positiv, dass jetzt zwei Wochen bis zum nächsten Ligaspiel gegen die Arminia bleiben. Vorbereitung 2.0, sozusagen. Vielleicht beginnt ja dann – mit fünf Spielen Verspätung – die Saison des FC Rot-Weiß Erfurt.