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Walter Kogler äußert sich zum Spielsystem

In einem Interview auf kicker.de (durchgeführt vom TA-Mitarbeiter Marco Alles) äußert sich Walter Kogler zum ersten Mal ausdrücklich zum zukünftigen Spielsystem des RWE: «Als Basis dient das 4-4-2-System, was sich aber auch als 4-2-3-1 interpretieren lässt. Wichtig ist mir aber, dass sich die beiden Sechser immer wieder mit in die Offensive einschalten und nicht nur als reine Abräumer fungieren.» Bei dieser Vorgabe ihres Chefs werden Pfingsten und Engelhardt kein Bauchweh bekommen, beides sind Spieler, die in der Offensive große Potenziale haben, auch wenn Engelhardt dies, seit er wieder für den RWE kickt, nur sporadisch offenbaren konnte. Was aber oft genug taktische Ursachen hatte.

Mit dem Interview des RWE-Cheftrainers hat sich meine bislang vertretene These (die hauptsächlich auf Koglers einst in Österreich favorisierten Systemen beruhte), und von einer 4-1-4-1-Formation ausging, erledigt. Ich denke jetzt, dass wir ein Hybridsystem zu erwarten haben, das defensiv ein 4-4-2 und offensiv ein 4-2-3-1 sein wird. Da man im Fußball während des Spiels nicht permanent aus- und einwechseln kann, impliziert diese Annahme ebenfalls, dass ich nicht von zwei nominellen Stürmern in der Anfangsformation ausgehe. Oder genauer: dass ich zwei Stürmer für unwahrscheinlich halte.

Das 4-4-2 ist die Mutter aller zeitgemäßen Spielsysteme, erfunden Ende der 80er Jahre von Arrigo Sacchi während seiner großen Jahre beim AC Mailand. Die Hauptvorteile des 4-4-2 aus meiner Sicht:

  • Einfaches, quasi organisches Verschieben der Mannschaftsteile hin zum Ball
  • Hohe Kompaktheit; alle möglichen Gegnerpositionen können gut gedoppelt werden
  • Mannschaften, die schnell viele neue Spieler integrieren müssen, ist dieses System methodisch am einfachsten zu vermitteln
  • Alle gängigen taktischen Stilmittel, wie aktives und passives Pressing, Gegenpressing nach Ballverlust, schnelles Umkehrspiel, etc. sind mit einem 4-4-2 abbildbar

Ein beispielhaftes 4-4-2-System des RWE in der defensiven Grundordnung:

Das sieht doch wohlgeordnet aus, so auf dem Papier.

Wie erfolgreich und ansehnlich ein 4-4-2 funktionieren kann, hat der SC Freiburg unter Christian Streich in der letzten Saison eindrucksvoll vorgeführt. Die potenziellen Nachteile dieser Formation liegen in der Gefahr der Unverbundenheit der einzelnen Linien, den Lücken, die sich zwangsläufig ergeben, wenn der Abstand der beiden Viererketten zu groß gerät, sowie dem nominellen Fehlen eines zentralen offensiven Spielers/Ballverteilers – was oft dazu führt, dass die Stürmer keine (verwertbaren) Bälle bekommen. Um das zu umgehen, mutiert die 4-4-2-Defensivordnung fast immer zu einem 4-2-3-1-Angriffsystem, wir sprechen dann von einem Hybriden. Man operiert bei eigenem Ballbesitz mit einem Mittelstürmer und kann (und muss) ansonsten ein variables Offensivspiel aufziehen, wobei alle Spieler eine hohe Laufbereitschaft, gutes Passspiel und kluges taktisches Verhalten gleichermaßen auf sich vereinigen sollten. Auch der einzige Stürmer darf nicht einfach auf Zuspiele oder Flanken seiner Teamkollegen hoffen, sondern hat sich permanent zu bewegen, muss im Zweikampf robust auftreten und gleichfalls eine hohe Passqualität eignen. Als Beispiele seien Lewandowski, Mandzukic und Klose genannt. Ein Gegenbeispiel wurde unlängst in die Toskana transferiert.

Wer könnte beim RWE diese Positionen ausfüllen? Tunjic stand in den letzten Spielen immer in der Startelf, deshalb sehe ich ihn Koglers Gunst derzeit vor Brandstetter – auch wenn dieser, meiner Auffassung nach, die Anforderungen an einen modernen Mittelstürmer besser erfüllt. Als zentraler Offensivspieler böte sich Derici an, er ist jedoch offensichtlich nicht fit genug für 90 Minuten Profifußball. Aus diesem Grund glaube ich, dass zunächst Möhwald diese Stelle in Koglers Startelf besetzen wird. Auf der rechten offensiven Außenbahn könnte tatsächlich Patrick Göbel eine Chance gegen die Stuttgarter Kickers erhalten. Indizien: er  stand in den Spielen gegen Brentford und Ingolstadt in der Anfangsformation und erhielt jeweils viele Einsatzminuten. Die offensive Dreierreihe muss sich durch eine hohe Fluidität auszeichnen, ständig die Positionen wechseln, mit den nachrückenden Sechsern und Außenverteidigern Passdreiecke schaffen, um Überzahlsituationen am Ball erzeugen zu können.

Hier die von mir momentan erwartete Startelf gegen die Stuttgarter Kickers (4-2-3-1)

Womöglich aber überrascht uns das Trainerteam ja noch mit einer ganz anderen Variante. Christian Preußer hatte in der letzten A-Jugend-Saison aus der Not eine Tugend gemacht. Er verfügte über zwei sehr gute Mittelstürmer (Nietfeld und Stolze), aber keinen herausragenden Zehner. Deshalb ließ er beide Mittelstürmer spielen, man konnte hier völlig zu Recht von einem 4-4-2 auch in der Offensive sprechen. Beide bewegten sich sehr variabel, nahmen wechselweise die zentrale Sturmposition ein oder ließen sich in die Halbräume fallen. In den besten Spielen der Saison (vor der Winterpause) war zudem Felix Robrecht in bestechender Form. Er spielte als zentraler Mittelfeldspieler (mehr Achter als Sechser) grandiose, öffnende Pässe auf die beiden Stürmer. Nun, ich glaube nicht, dass Robrecht (der wohl zudem verletzt ist) und Stolze in der Startelf des 1. Spieltages stehen werden, aber ein derartiges System würde ich zum jetzigem Zeitpunkt nicht (mehr) kategorisch ausschließen. Dann aber besetzt mit Brandstetter und Nietfeld.

Es bleibt spannend. Mal sehen, was uns das Spiel gegen den FCM an weiteren Erkenntnissen beschert.

RWE vs. SV Wehen Wiesbaden 2:2 / Stabil auf der Intensivstation

Vom Punkt nicht zu stoppen: Nils Pfingsten-Reddig © www.fototifosi.de

Alois Schwartz hatte vor dem Spiel gewarnt. Wehen Wiesbaden sei fußballerisch besser als Rostock und gehöre eigentlich in gehobenere Regionen der Tabelle. Diese Einschätzung des RWE-Cheftrainers erwies sich als richtig. Mir ist es ein Rätsel, wie eine technisch so talentierte und taktisch reife Mannschaft sich Sorgen um den Ligaverbleib machen muss. Ist aber nur eine von vielen Fragen rund um diese seltsame 3. Liga. Und an dieser Stelle naturgemäß nicht die wichtigste.

Wieso die Fans des FC Rot-Weiß Erfurt um den Erhalt des Profifußballs in ihrer Stadt bangen müssen, ist vergleichsweise einfach zu beantworten. Das Spiel am vergangenen Samstag bot besten Anschauungsunterricht. Ohne Zweifel, Alois Schwartz ist es gelungen, die Mannschaft zu stabilisieren. Die Frage ist jetzt, ob das dabei erreichte Niveau ausreichen wird, die Klasse zu halten. Sagen wir so: es könnte eng werden. Schwartz hat – sieht man von Änderungen aufgrund von Sperren und Verletzungen ab – seine Mannschaft und sein System gefunden. Der RWE hat in den letzten 5 Spielen nicht verloren und 9 Punkte geholt. Da die anderen Vereine in ähnlich prekärer Lage die unschöne und enervierende Angewohnheit haben ebenfalls Punkte zu sammeln, befinden wir uns aber wieder auf einem Abstiegsplatz. Die Leistung der Mannschaft ist fragil. Jede Substanzeinbuße bedeutet Punktverluste. Oumaris Ausfall war am Samstag nicht zu kompensieren. Weder defensiv noch offensiv. Seine beiden Innenverteidiger-Kollegen koproduzierten einträchtig den Elfmeter für Wiesbaden zum 2:2-Endstand. Erst Möckel mit einem Pass direkt aus der Hölle, dann Kopilas mit einem Zweikampfverhalten selben Ursprungs. Ich weiß, es ist nicht lange her, da hatte ich dem Duo Morabit und Drexler noch die Qualität einer RWE-Lebensversicherung zugesprochen – leider waren ihre Leistungen in den letzten beiden Heimspielen nicht durchweg geeignet, diese optimistische Prognose besonders plausibel erscheinen zu lassen.

Trotzdem, Möckel, Kopilas, Drexler und Morabit sind ganz eindeutig nicht das Problem der Mannschaft. Sie machen Fehler und/oder leisten sich schwächere Spiele, aber im Grunde gehören alle unbestritten zu den Leistungsträgern des Teams.

Es gibt allerdings zwei Positionen, bei denen ich den Langmut und das Zueinander-Finden-Lassen von Alois Schwartz nicht verstehe. Die eine betrifft die rechte Seite der Viererkette, momentan konstant besetzt mit Phil Ofosu-Ayeh. Defensiv werden uns derzeit die Schwächen auf dieser Seite von jedem Gegner um die Ohren gehauen. So auch am Samstag bei der Führung des SVWW, als sich Ofosu einen schlimmen Stellungsfehler leistete und wirkungslos im Niemandsland herumstand, als die torvorbereitende Eingabe über seine Seite erfolgte. Offensiv ist die mangelnde Passgenauigkeit unseres Rechtsverteidigers bereits in der vergangenen Saison ein steter Quell meiner Frustration gewesen. Daran hat sich leider nichts zum Besseren verändert. Warum, frage ich mich, sitzt beispielsweise Maik Baumgarten nur auf der Bank. Klar, die Position wäre für ihn ungewohnt, aber der Junge ist in der Lage mit neuen Situationen gut und schnell fertig zu werden. Und, mal ehrlich, so gewaltig ist das Risiko einer Verschlechterung nicht.

Die zweite eklatante Schwachstelle ist für mich Mijo Tunjic im Sturmzentrum. Es ist unstrittig: er läuft viel, er kämpft, gibt nie auf, wirft sich in jeden Ball. Ja, ja, ja. Aber, ein Zuspiel auf ihn bedeutet oft auch das abrupte Ende eines Erfurter Angriffs. Worin seine Fähigkeiten liegen, kann man erkennen, sobald der Ball im Strafraum ist – mit jeder Faser seines Körpers versucht er das Runde irgendwie ins Eckige zu bugsieren. In solchen Situationen ist er gefährlich. Dies jedoch ist ein Talent, dass beim RWE momentan vergeudet ist. Die Mannschaft erarbeitet sich viel zu wenige solcher Torbelagerungen. Vor allem eine Folge davon, dass das Flügelspiel nicht forciert wird (oder aufgrund mangelnder Qualität nicht forciert werden kann). Wenn aus dem Spiel heraus Gefahr für das gegnerische Tor entsteht, dann meist mit schnellen Kombinationen, die über die Mitte oder die Halbräume vorgetragen werden. Das aber ist nicht das Spiel des Mijo Tunjic und wird es vermutlich nie werden. Weshalb er bei diesen Gelegenheiten oft wie ein Fremdkörper agiert. Alternativen? Wenige! Dazu alle verbunden mit mehr oder weniger großen Umbauten in der Mannschaft. Hier muss in der anstehenden Transferperiode gehandelt werden. Ein Stürmer vom Typ des Wiesbadener Wohlfarth sollte eigentlich zu bekommen sein, der erzielt zwar auch nicht in jedem Spiel fünf Tore, ist aber in der Lage, Bälle sicher zu behaupten und auf nachrückende Spieler zu verteilen.

Bilanz: Spielerisch war der SV Wehen Wiesbaden die klar bessere Mannschaft. Der RWE konnte mit den vorhandenen Kontergelegenheiten wenig anfangen, kämpferisch wusste die Mannschaft von Alois Schwartz allerdings erneut zu überzeugen. Pressing und Gegenpressing funktionierten zufriedenstellend. Wurde der Ball dem Gegner abgenommen, fehlte es jedoch meist an allem, was den Aufwand eines Pressings rechtfertigt: schnelles, entschlossenes Umkehrspiel, verbunden mit hoher Passgenauigkeit bei gut abgestimmten Laufwegen. Zwei Standardtore mussten her, sonst hätten wir das Spiel verloren. Auf der anderen Seite konnte der SVWW mit seinem spielerischen Potenzial verblüffend wenig anfangen. Vermutlich der Hauptgrund, warum eines der fußballerisch besten Teams der Liga so weit im Süden der Tabelle schmort.

Und wenn ich nicht mehr lachen kann, dann schau’ ich mir den Nachwuchs an. Sehr frei nach Erich Kästner. Es war schon in der letzten Saison ein probates Mittel – nach dürftigen Leistungen der Profis, ein Spiel der A-Junioren besuchen. Gestern gewann die Mannschaft von Christian Preußer 5:1 gegen den VfL Osnabrück. Der VfL ist Tabellenvierter und hatte bisher in 12 Ligaspielen ganze 11 Tore zugelassen. Spitzenwert in der Nordost-Staffel der Bundesliga. Gestern kamen fünf dazu. Bei eisigen Temperaturen sahen die Zuschauer eine kompakte, spielstarke Erfurter Mannschaft. Felix Robrecht, der im zentralen Mittelfeld defensiv wie offensiv den Takt vorgab, sowie Jonas Nietfeld ragten aus dem Kollektiv noch heraus. Nietfeld steht jetzt bei 9 Saisontoren und 15 Scorerpunkten. Damit führt er beide Liga-Statistiken an.

Was mir ungemein imponiert: Preußer gelingt es wieder, eine Mannschaft sukzessive zu verbessern. Im Vergleich zu den ersten Saisonspielen ist das fast komplett neu zusammengestellte Team kaum wieder zu erkennen. Selbst bei Pressing des Gegners wird versucht, die Situation spielerisch aufzulösen. Pressingresistenz nennen das die Taktikgurus. Die Mannschaft musste die letzte halbe Stunde in Unterzahl agieren. Der VfL machte Druck. Aber selbst während dieser Phase sah man kaum hektisch nach vorn gedroschene lange Bälle.

Ich weiß natürlich, dass man die 3.Liga und die A-Jugend-Bundesliga nur sehr behutsam miteinander vergleichen sollte. Doch genau dieser Mangel an Entwicklung zum fußballerisch Besseren (innerhalb einer Saison wohlgemerkt), nervt mich seit Jahren am Profiteam des RWE. Das war unter Emmerling nicht zu beobachten und daran hat sich leider wenig geändert. Nur, dass der Thrill diesmal existenzbedrohend ist.