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RWE – VfB Stuttgart II 3:1 / Ein Wintervergnügen

Der kleine Teufel in mir flüsterte leise, aber unüberhörbar: «Es ist arschkalt da draußen, das Spiel wird im Internet live übertragen (wow, ganz schön up-to-date – der Leibhaftige), sie werden wieder nicht gewinnen und ein Grottenkick wird es sowieso.» Ich ließ mich nicht beirren, meine Hoffnungen auf den ersten Heimsieg seit Ende August waren zwar nicht überschwänglich, man kann sich jedoch nicht gut über Event-Fans lustig machen, um dann bei den ersten Minusgraden selbst zu kneifen.

Der Erfurter OB zeigt Flagge

Auch der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein schien ausreichend Gründe für einen Besuch dieses Heimspiels zu haben. Er gilt nicht wirklich als Fußballfanatiker, hat sich aber – gemeinsam mit RWE-Präsident Rombach und Wirtschaftsminister Machnig – auf den schnellstmöglichen Um- und Ausbau des Steigerwaldstadions festgelegt. Es wäre übertrieben zu behaupten, seine politische Zukunft hinge von diesem Projekt ab, aber auf Grund der plötzlich von der CDU entdeckten ordnungspolitischen Skrupel wird uns (und ihm) diese Kontroverse als Wahlkampfthema an prominenter Steller erhalten bleiben. Er zeigte Gesicht und das ist – angesichts der leicht hysterischen Diskussion – auch gut so.

Keine Überraschungen in der Startaufstellung

Nach der internen Suspendierung Oumaris rückte Bernd Rauw in die Innenverteidigung (und machte dort ein makelloses Spiel). Auf der rechten Abwehrseite entschied sich Emmerling für Ofosu-Ayeh, der, nach nervösem Beginn, eine solide Leistung bot. Engelhardt, spielte, wie bereits in Bremen, links in der Viererkette. Somit konnte Caillas ins linke Mittelfeld vorrücken, was sich als segensreich für die spielerische Performance des RWE herausstellen sollte. Allein sein Steilpass auf Reichwein war das Eintrittsgeld wert. Formal bot Emmerling ein leicht asymmetrisches 4-4-2 auf, in dem Weidlich – bei Angriffen des RWE – nicht selten auf Höhe der beiden nominellen Stürmer agierte. Diese wiederum zeigten sich taktisch sehr flexibel, einer von beiden ließ sich stets als offensive Relaisstation (sprich: Zehner) ins Mittelfeld zurückfallen, was bei ihrer spielerischen Stärke zu einem ungemein belebenden Element des Erfurter Spiels an diesem Nachmittag wurde.

Chancenlose Stuttgarter

Mit dem rekonvaleszenten Delpierre und Rathgeb standen zwei Spieler mit Bundesligaerfahrung in den Reihen des VfB. Sein erstes Spiel in der 3.Liga machte Rani Kedhira, der kleine Bruder des Real-Stars und deutschen Nationalspielers. Aber weder von vermeintlich großen Namen noch von der depressiv stimmenden Statistik ließen sich die Erfurter beeindrucken. Praktisch von Beginn des Spiels an, dominierten sie den Gegner nach Belieben. Nur bei Standards ging vom VfB so etwas wie Gefahr aus. Kein Zufall also, dass aus einer Ecke das Tor der Stuttgarter fiel. Die erste Halbzeit des RWE ließ keine Wünsche offen und die Kälte vergessen. Aus einer sehr guten Mannschaft möchte ich dann doch Smail Morabit herausheben. Seine Vorarbeit zum zweiten Tor war bemerkenswert, auch wenn sie nicht sonderlich spektakulär aussah. Nachdem er den Ball tief in der eigenen Hälfte bekommen hatte, lief er zunächst in zentraler Position auf das Stuttgarter Tor zu. Vor ihm boten sich Pfingsten-Reddig und Weidlich an. Die Stuttgarter Verteidiger konzentrierten sich auf die Absicherung des Raumes auf dieser Seite, hatten aber – schon numerisch – keine Möglichkeit Reichwein auf links adäquat zu decken. Genau diesen räumlichen Vorteil erkannte Morabit: Er verzögerte kurz, spielte dann Reichwein den Ball in den Fuß. Dass der mit solchen Situationen etwas anzufangen weiß, konnte man in dieser Szene aufs Schönste sehen. Alles in allem ein perfekt vorgetragener Konter des RWE, Lehrbuchmaterial. Das machte beim Zuschauen richtig Spaß.

Entlastung durch und für die beiden Sechser

Kaum schlechter (wenn auch etwas einfacher, weil viel mehr Raum vorhanden war), sah das erlösende 3:1 (wiederum Reichwein) aus. Die brillante Vorarbeit dazu liefert Nils Pfingsten-Reddig mit einem gefühlvollen Pass. Meine Meinung zu ihm habe ich hier schon mehrfach kund getan: Kaum ein schlechtes Spiel in anderthalb Jahren RWE, dafür viele richtig gute. Er ist das Herz des RWE-Mittelfeldspiels: effizient, leise, unspektakulär, präzise. Emmerling hatte offensichtlich die Verantwortlichkeiten der beiden zentralen Mittelfeldspieler neu justiert. Zedi verzichtete weitgehend auf Ausflüge in den gegnerischen Strafraum, dachte und spielte in erster Linie defensiv und beeindruckte den Stuttgarter Nachwuchs mit wuchtiger Körperlichkeit. Diese Maßnahme war geeignet, unserer Innenverteidigung einen weitgehend sorgenfreien Nachmittag zu ermöglichen.

Dafür hatte Pfingsten mehr Freiheiten nach vorn. Mit Weidlich und Caillas, sowie wechselweise Morabit oder Reichwein boten sich ihm immer mehrere Anspielmöglichkeiten für die Spieleröffnung. Daran hatte es in den letzten Heimspielen vor allem gemangelt. Man muss natürlich einschränkend sagen, dass die Stuttgarter ein deutlich offensiverer und mitspielwilligerer Gegner waren als z.B. Chemnitz oder Babelsberg. Aus ihrer Sicht war das ein Fehler, denn dass die gegenwärtige Mannschaft des RWE fußballspielen kann (so man sie denn lässt) sollte sich bis ins Schwabenland herumgesprochen haben.

Ein Hoch den Greenkeepern des Steigerwaldstadions

Das jetzt folgende liegt mir seit längerem auf der Seele. Ich finde nämlich, dass die Verantwortlichen für die Spielfläche des SWS seit Jahren einen sehr, sehr guten Job machen. Schaut man sich in diesen Tagen so manchen Acker in anderen Stadien an – selbst in der 1. Bundesliga -, kann man ihnen nur ein Kompliment machen. Das Stadion mag alt und die Liga drittklassig sein, der Rasen im SWS ist selbst bei widrigsten Wetterverhältnissen passabel bespielbar. So auch am Samstag und dies war gleichfalls ein Grund dafür, dass knapp 4.000 Zuschauer die vielleicht beste Saisonleistung des RWE zu sehen das Vergnügen hatten.

Bildquellen: Foto von Marco Engelhardt – kicker.de; Spielfotos – mdr