Tag Archiv für Preußer

Einige lose Gedanken zur Situation des FC Rot-Weiß Erfurt

Befänden wir uns in einem Filmdrama, wäre jetzt der Zeitpunkt, an dem ein Mitglied der Familie dem Priester zuflüstert: «Danke für Ihr Kommen Hochwürden, aber Sie können erst mal wieder nach Hause gehen.» Der Patient Rot-Weiß Erfurt befindet sich nach wie vor in einem kritischen Zustand, aber die Letzte Ölung kann getrost verschoben werden.

Das verdankt sich in nicht geringem Umfang dem neuen Trainer des Vereins, Stefan Krämer. Er hat es in vergleichsweise kurzer Zeit verstanden, eine erschreckend hinfällige Mannschaft zu revitalisieren. Ich will damit nicht sagen, dass der Kampf gegen den Abstieg bereits gewonnen sei, allerdings deutet vieles darauf hin, dass wir uns in der nächsten Saison, dann in einem neuen Stadion, auf ein weiteres Jahr Dritte Liga freuen dürfen.

Was sind die Gründe für die sportliche Schubumkehr? Ich denke zunächst, dass Stefan Krämer ein außergewöhnlich talentierter Kommunikator ist. Quasi alles, was er seit seiner Berufung sagte (in Interviews, Pressekonferenzen, etc.), war geeignet, die öffentliche Meinung für sich und seine Arbeit einzunehmen. In der auf Weltniveau agierenden Unmut-Fabrik namens Erfurter Fußball eine Leistung, von nicht zu unterschätzendem Wert.

In der Spielidee sehe ich gar keine so grundlegenden Unterschiede zu unseren ersten Saisonspielen unter Christian Preußer. (Man erinnere sich an die unglückliche Niederlage in Magdeburg.) Auch Preußer wollte schnell vertikal spielen lassen, Räume verdichten, forderte Pressing und Gegenpressing von seiner Mannschaft. Zumindest war das die initiale Spielidee. Die aber in einer Mühle aus halb garen taktischen Änderungen, individuellen Defiziten der verfügbaren Spieler (vor allem in der Offensive) und immer größer werdendem Druck bis zur Unkenntlichkeit zermahlen wurde.

Mit anderen Worten: Stefan Krämer ist es bis hierher offensichtlich gelungen, Theorie und Praxis des Fußballs in Einklang zu bringen. (Hier lag wohl das größte Defizit seines Vorgängers.) Und nichts im Fußball ist erfolgsfördernder als Erfolg. Die Mannschaft glaubt dem Trainer, weil sich mit ihm Erfolge einstellen. Dazu benötigt es allerdings immer einen Anteil Glück. Die Spiele gegen Würzburg und Dresden hätten wir bei gleicher Leistung ebenso gut verlieren können. Daher sollten wir uns bei allem Optimismus nach wie vor Zurückhaltung auferlegen. Die Liga ist so unglaublich leistungsdicht, jedes Nachlassen der eigenen Konzentration, jede Pechsträhne (Verletzungen, Schiedsrichterentscheidungen, Chancenverwertung) haben das Potenzial, die Tore zur Hölle (aka Regionalliga) erneut weit aufzustoßen.

Die Fairness gebietet es, die Winterverpflichtungen von Daniel Brückner und Samir Benamar als gleichfalls essenziell für die Leistungssteigerung der Mannschaft zu notieren. Beides Spieler, die – mit unterschiedlichen Fertigkeiten ausgestattet – deutlich über Liganiveau agieren. Zumindest an guten Tagen. Daniel Brückner ist vielleicht nicht mehr so dominant in der Offensive wie in seiner ersten Zeit in Erfurt. (Als die Rechtsverteidiger der Gegner reihenweise zur Halbzeit ausgewechselt wurden.) Aber seine große Ruhe am Ball, seine Passsicherheit und die inzwischen hinzugekommenen defensiven Fähigkeiten machen ihn zu dem Spieler, der uns vorher fehlte. Gleiches trifft auf Benamar zu: technisch brillant, schnell und – im besten Sinn – unberechenbar.

Es ist bei Weitem nicht alles gut im Fußballspiel des FC Rot-Weiß Erfurt. Niemand weiß das besser als Stefan Krämer und er hat keinerlei Scheu es zuzugeben. Standards, Raumaufteilung, Umkehr- und Aufbauspiel – mit den nach wie vor vorhandenen Defiziten lassen sich ganze Schwarzbücher über Fußballtaktik füllen. Aber ihr kennt ja den alten Witz: Man muss nicht schneller sein als der Löwe. Für diese Saison genügt es, einfach nur schneller zu sein als drei andere Teilnehmer der Drittliga-Safari. Diesbezüglich darf man optimistisch sein, dass wir den Priester nicht so schnell erneut rufen müssen.

Überlegungen zur Trainerfrage

Ich habe im Oktober 2012 ein langes Interview mit Christian Preußer geführt. Damals war er Trainer der U19 und Chef unseres Nachwuchs-Leistungszentrums. Mir fiel die Akribie auf, mit der er sich allen Dingen seines Aufgabenbereichs offensichtlich widmete. (Und ja, sie gefiel mir diese Akribie, weil sie im Gegensatz zu der sonstigen Wurschtigkeit stand und steht, mit der in diesem Verein sonst so vieles betrieben wird.) Es saß mir ein junger, sympathischer, intelligenter Trainer gegenüber und ich hatte keinen Zweifel, dass er eines Tages seinen Weg im Profifußball gehen wird. An dieser Einschätzung halte ich bis heute fest.

Natürlich weiß ich, dass es gute Argumente gibt, die in der gegenwärtigen, zweifellos sehr schwierigen, Situation gegen ihn sprechen. Es ist auch keineswegs so, dass ich mit allen Äußerungen und Entscheidungen Christian Preußers als Trainer unserer Profimannschaft einverstanden bin, bzw. genauer formuliert, dass ich diese verstehe.

Die Mannschaft spielt überwiegend schlechten Fußball. Auf diesen kurzen Satz können sich wohl alle Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt schnell einigen. Aber er ist, meiner Meinung nach, nur halb richtig. Korrekter müsste er lauten: Die Mannschaft spielt überwiegend schlechten Offensivfußball. Hingegen sind das Abwehrverhalten und die Defensivleistung in vielen Spielphasen in Ordnung. Mir ist klar, dass dies für den Klassenerhalt zu wenig sein könnte, nichtsdestotrotz muss es erwähnt werden, will man zu einer halbwegs soliden Einschätzung der Situation gelangen.

Im Grunde spiegelt dieser Offensiv-Defensiv-Kontrast nur wider, in welcher Qualität es gelungen ist, die personellen Abgänge am Ende der Saison zu ersetzen. Und da ist zu konstatieren, dass fast alle verpflichtenden Defensivspieler gute bis sehr gute Leistungen zeigen, während der Nachweis stabiler Drittligareife bei den Transfers im Offensivbereich aussteht. Besonders weh tut das bei der Spätverpflichtung Marc Höcher, der außer einigen Standards bisher alles vermissen lässt, was man sich von ihm versprochen hatte.

Christian Preußer ist nach wie vor von der Qualität all seiner Neuverpflichtungen überzeugt. Ich kann ihm nicht grundsätzlich widersprechen, da mir die Trainings-Eindrücke fehlen. Aber ich habe Zweifel. Außer den bisher wenig überzeugenden Leistungen der neuen Offensivspieler ist es natürlich verheerend, dass Spieler bei denen man davon ausgehen durfte, dass sie über gutes Drittliganiveau verfügen, dieses nur sehr eingeschränkt abzurufen in der Lage sind. Die Leistungen von Menz und Tyrala sind bestenfalls als schwankend zu charakterisieren. Sie werden im zentralen Mittelfeld aufgeboten, der Do-or-Die-Zone des Fußballs. Ist man hier dem Gegner unterlegen, verliert man Fußballspiele. Es wird von essenzieller Bedeutung sein, und zwar für jeden Trainer dieser Mannschaft, diese beiden Schlüsselspieler wieder in eine Form zu trainieren, die sie nicht zur Belastung, sondern zu Leistungsträgern des Teams werden lässt. Andererseits muss man Preußer zugute halten, dass er mit Nikolaou eine sehr kreative Lösung aus dem Hut zauberte, dem man gewisse strategische Fähigkeiten auf dem Platz nicht absprechen kann. Er verfügt über ein gutes Zweikampfverhalten (ein großer Mangel bei Menz und Tyrala), hat aber auch eine passable Grundtechnik und (das ist auf der Position sein größtes Plus) er spielt fast durchweg die richtigen Pässe, kann enge Situation durch Spielverlagerung auflösen. Er wäre mit einem Sebastian Tyrala in guter Verfassung ein absolut wettbewerbsfähiges Duo im zentralen Mittelfeld.

Was mich irritiert ist das überlange Festhalten an Dingen, die offenkundig nicht erfolgreich sind. Hier wäre das 4-4-2-System zu nennen, welches gegen Stuttgart II zwar prima klappte. Aber nur, weil die Innenverteidiger des VfB die Kopfballablagen von Szimayer nicht verteidigen konnten und die Stuttgarter ganz generell einen schlechten Tag in der Defensive erwischt hatten. In quasi allen Spielen danach (bis man es gegen Osnabrück wieder mit nur einem Stürmer versuchte) wurde diese Taktik der langen Bälle wieder und wieder neu erprobt. Auch gegen Gegner bei denen a priori klar war, dass es nicht funktionieren würde, eben weil die Qualität der Innenverteidiger viel zu gut für diese doch recht simple Form des Fußballs ist. Es gab auch Spiele, in denen man diese Taktik zur Halbzeit hätte revidieren können und müssen. Wenn die Stürmer keine verwertbaren Bälle erhalten, weil das Passspiel im Mittelfeld im Grunde nicht vorhanden ist, macht es keinerlei Sinn einen gelernten Mittelstürmer durch einen anderen zu ersetzen. Ich denke, dass es von großer Bedeutung ist, die Passqualität im Angriffsdrittel drastisch zu erhöhen. Aus diesem Grund würde ich derzeit eher ein System bevorzugen, in dem nur ein nomineller («gelernter») Mittelstürmer aufgeboten wird. Ob man das dann als 4-4-2 oder 4-2-3-1 typisiert ist völlig nachrangig, wichtig ist, das die Anzahl der Passdreiecke (vulgo Anspielstationen) erhöht wird, um die Anzahl der Fehlabspiele zu verringern.

Sachen wie diese habe ich allerdings bereits kritisiert als Stefan Emmerling oder Alois Schwartz hier Trainer waren. Nicht wenige habe die jetzige Situation (Abstiegskampf) bereits vor der Saison prognostiziert. Und bei fast jedem Saisonspiel – selbst nach gewonnenen – wurde deutlicher, dass die Prognose nicht ausschließlich der chronischen Schwarzmalerei am Steigerwald geschuldet war. Nun ist also eingetreten, was zu befürchten war. Wir stehen – wenigstens gefühlt – auf einem Abstiegsplatz. Trotzdem rate ich dem Verein, sich dem schnellen Impuls einer Trainerentlassung zu verweigern. Sollten die Verantwortlichen der Auffassung sein, dass Christian Preußer fachlich gute Arbeit leistet, und sollte sein Verhältnis zur Mannschaft intakt sein, liegen keine Gründe vor, ihn zum jetzigen Zeitpunkt zu entlassen. Die Tabellensituation ist fraglos kritisch und gefährlich, noch aber hat die Mannschaft locker alle Möglichkeiten, ausreichend Punkte für den Verbleib in der Liga zu holen. Es ist jedoch völlig klar, dass sich die Frage nach der Qualität des behandelnden Arztes so lange stellt, wie der Patient auf der Intensivstation liegt. Insofern ist meine Meinung in dieser Frage durchaus abhängig von den Resultaten der nächsten Spiele (falls es die mit Preußer noch geben sollte), mehr aber noch von den dabei gezeigten Leistungen. Auch aus diesem Grund halte ich Ultimaten an den Trainer (sollte es sie denn wirklich geben) für kompletten Blödsinn.

Rot-Weiß Erfurt vs. VfB Stuttgart II 3:0 / Hoch und weit und erfolgreich

taktik 1Bereits nach drei Minuten wurde deutlich, wie Christian Preußer den ersten Saisonsieg zu erringen gedachte. Auf dem (durch und durch exemplarischen) Foto ist zu sehen, dass es so etwas wie einen Spielaufbau über die zentralen Mittelfeldspieler nicht geben würde, weshalb auch keiner von ihnen im Bildausschnitt zu sehen ist. Die Außenverteidiger stehen unglaublich tief – normalerweise sind sie mindestens an der Mittellinie, meist aber noch höher – positioniert. Auch sie werden an der Überbrückung des Mittelfeldes nicht beteiligt sein. In der Szene wird gleich ein langer Ball folgen, vermutlich geschlagen von Mario Erb, auf den sechs Erfurter Spieler im Angriffsdrittel des VfB-Nachwuchses lauern.

Ich will ehrlich sein, das ist nicht unbedingt der Fußball, den ich schätze. Und hätten wir das Spiel verloren, würde das hier noch sehr viel nachdrücklicher ein Thema sein. Mit dieser taktischen Vorgabe aber gelang dem FC Rot-Weiß Erfurt der dringend benötigte erste Sieg in dieser Saison. Der VfB machte über die gesamte Spieldauer hinweg den Fehler, dass unsere Verteidiger diese Bälle in aller Ruhe nach vorn schlagen konnten, was vor allem bei Mario Erb mit einer erstaunlichen Präzision einherging. Adressat der Bälle war nicht selten Sebastian Szimayer, der via Körpergröße, physischer Präsenz und Zweikampfgeschick eine Reihe dieser Bälle unter Kontrolle bzw. zum Mitspieler bringen konnte. Die Raumaufteilung unserer Offensivspieler war glänzend abgestimmt, sodass viele unklare, abprallende Bälle eine Beute der beiden zentralen Mittelfeldspieler wurden. Man könnte dafür den Begriff Raumdominanz verwenden. Das alles führte selten direkt zu klaren Torgelegenheiten, jedoch gelang es den Erfurtern, permanent Bälle in die Red-Zone zwischen Fünfmeterraum und Sechzehnmeterlinie zu transportieren. Der VfB fand dagegen kein Mittel, Tore waren eine Frage der Zeit. Nur in der Viertelstunde nach der Pause war zu sehen, dass im Team des Stuttgarter Nachwuchses eine Reihe begabter Techniker aufgeboten waren. Drei hochkarätige, gekonnt erspielte Chancen, gab es zu verzeichnen. Dem bereitete Carsten Ich-weiß-wo-das-Tor-steht Kammlott ein jähes Ende. Danach hätte der souveräne Manuel Gräfe abpfeifen können. Das Ding war durch.

Ein Wort zur Diskussion um Sebastian Tyrala. Zunächst denke ich, dass die Taktik vom Samstag nicht in jedem Fall, soll heißen: bei jedem Gegner, zum Erfolg führen wird. Wir werden auf Mannschaften treffen, deren Innenverteidiger geschickter sind, mehr Zweikämpfe gewinnen, es besser als der VfB verstehen, zweite Bälle zu sichern und zu behaupten. Wir werden Sebastian Tyralas Spielintelligenz mithin weiterhin dringend benötigen. Egal, mit welcher Taktik Preußer agieren lässt, unser Spiel wird in dieser Saison von hoher physischer Intensität geprägt sein. Will man Spiele gegen fußballerisch bessere Mannschaften gewinnen, werden gerade die Spieler im zentralen Mittelfeld mehr als der Gegner laufen und viele Zweikämpfe bestreiten müssen. Der körperliche und mentale Verschleiß wird entsprechend hoch sein. Es ist somit unzweifelhaft ein Vorteil, möglicherweise sogar eine Voraussetzung für Erfolg, im zentralen Mittelfeld personelle Optionen im Kader zu haben.

Apropos Optionen im Kader: Gestern wurde Marc Höcher von Roda Kerkrade verpflichtet. Bin mir noch nicht sicher, ob er so ein typisch holländischer Flügelstürmer oder doch eher ein offensiver Mittelfeldspieler ist. Bemerkenswert, dass er über die Jahre eine konstant hohe Zahl von Torvorlagen zu verzeichnen hat. Das werden Kammlott und Szimayer erwartungsvoll zur Kenntnis nehmen. Er hat bei mir schon jetzt einen Bonus, weil er sich lieber auf das Wagnis einer für ihn völlig neuen Liga einlässt, statt seinen Vertrag in der obersten Klasse des Nachbarlandes (immerhin!) auf der Bank abzusitzen.

Rot-Weiß Erfurt vs. Preußen Münster 1:1 / Quo vadis RWE?

dunkle wolkenMein erster Impuls nach dem Spiel am Samstag: Es muss eine Abrechnung her, ein rhetorisches Gemetzel, bei dem kein Auge trocken bleibt. Mit der Mannschaft, der sportlichen Leitung, mit einfach allem und jedem, der bei drei nicht auf den Bäumen ist.

Dann kehrte peu à peu die Vernunft zurück. Es sind vier Partien gespielt, tabellarisch ist nichts Entscheidendes passiert. Wir haben in dieser Woche zwei Spiele vor uns; noch weilt die Hoffnung auf Besserung unter den Lebenden.

Deshalb nur einige – eher zurückhaltende – Sätze als Spielkritik.

Die scheinbare Einheitsmeinung von der Unterscheidung in eine gute erste und eine schlechte zweite Halbzeit kann ich nicht nachvollziehen. Die ersten 45 Minuten waren schlecht, nach der Pause wurde es noch schlechter. Klar, es gab das Tor, unser erster (und einziger) vernünftiger Angriff in drei Spielen (Wiesbaden, Dresden, Münster). Was in Halbzeit eins noch einigermaßen funktionierte (bis auf das Gegentor), war die Unterbindung der Ballzirkulation der Preußen. Im Angriff aber gab es, über die vollen 90 Minuten das Woodstock unter den Fehlpassfestivals zu bestaunen erleiden.

Mir ist es letztendlich völlig egal, ob Christian Preußer mit ein oder zwei nominellen (ausgebildeten) Stürmern spielen lässt. Solange die Angreifer beweglich sind, sich fallen lassen, auf die Flügel ausweichend Räume im Zentrum schaffen. Das ist zwingend notwendig, um genügend Raum und Anspielstationen aus dem Mittelfeld heraus zu haben. Unter keinen Umständen will ich zwei Spitzen sehen, die zwischen den Verteidigern der gegnerischen Viererkette auf Bälle warten. Das ist Fußball der 90iger Jahre und wird auch von schlechteren Defensiven als der von Preußen Münster problemlos verteidigt.

Im Spielbericht der TA beklagt Marco Alles zu Recht die mangelhafte Raumaufteilung. Der Abstand unserer hinteren Viererkette zur Mittelfeldkette war in der 2. Halbzeit über weite Strecken viel zu groß. Was die Preußen immer wieder für eindrucksvolle Ballpassagen in diesem Raum zu nutzen wussten. (Exkurs: Gott sei Dank scheint es eine Art Preußen-Münster-Gen zu geben, denn manchmal hatte man den Eindruck, dass sie sich an ihrer Ballfertigkeit erfreuten, ohne entschlossen zum Abschluss kommen zu wollen. Scheint mir den Fußball der Preußen bereits seit Jahren zu prägen.)

Summarisch muss ich konstatieren, und das hat mir nachdrücklich das Wochenende verhagelt, dass wir unser bestes Spiel am 1. Spieltag in Magdeburg gemacht haben. Meine Hoffnung, dass sich die neue Mannschaft steigert (indem sich auch die neuen Offensivspieler langsam an die Liga gewöhnen), bestätigt sich bisher leider ganz und gar nicht. Eher ist das Gegenteil der Fall. Mit der Realitätskonfrontation scheint das Selbstvertrauen zu schwinden. Dies hat im Fußball noch nie etwas besser gemacht.

Trotz meiner Kritik an den Preußen war ihr Spiel guter Anschauungsunterricht für genau das, was den Rot-Weißen abgeht: Spiel- und Passsicherheit im Mittelfeld. In allen Zonen des Mittelfelds, zentral, offensiv und bei den Spielern auf den Außenbahnen. Ehrlich gesagt habe ich bei den derzeit gehandelten potenziellen Spielern Zweifel, ob sie leisten können, was bitter vonnöten ist – uns sofort weiterhelfen. Noch ein oder zwei talentierte Spieler zu verpflichten, die aber ebenfalls Monate benötigen, um sich an das Spieltempo der Liga zu gewöhnen (mit offenem Ausgang), erscheint mir nicht sinnvoll. Mir jedenfalls käme eine Leihe von Spielern aus dem Kader eines deutschen Zweitligateams oder eines ausländischen Erstligisten (Polen, Ungarn, Tschechien, etc.) erfolgversprechender vor.

Ja, ich weiß, die maladen Finanzen. Aber haben wir nicht etwas Handlungsspielraum durch die doch recht erfolgreiche Ausgabe der Genussscheine bekommen? Wenn ja, wäre es an der Zeit ihn auszuschöpfen. Nur mit einer halbwegs stabilen Abwehr, der Eroberung von zweiten Bällen, Toren nach Standards und Carsten Kammlott als einzigem, wirklich durchgängig ligatauglichen Offensivspieler wird es schwer bis unmöglich, die Klasse zu halten.

Erfurt vs. Wiesbaden 0:0 / Ein mühsamer Punktgewinn

2013_09_28_[H]_Erfurt_3-1_Osnabrück

Nein, ein Pfeifkonzert habe ich am Ende des Spiels nicht vernommen. Anschwellenden Unmut schon. Vereinzelte Pfiffe. Zu denen kann ich nur feststellen: Das ist ein freies Land, jeder darf sich nach seiner Fasson blamieren.

Es war das erste Heimspiel der Saison, wir haben es nicht verloren, einen Punkt verbucht. Das Spiel der Mannschaft bot durchaus Anlass zu Besorgnis und Kritik. Pfiffe halte ich jedoch für absurd. Hier einige lose Gedanken zum Spiel:

Im Stadion und in den Foren angeregt diskutiert (bzw. kritisiert) wurde die Leistung der beiden offensiven Außenspieler Eichmeier und Bichler. Fakt ist, dass wir auf diesen Positionen Qualität verloren haben. Andreas Wiegel hat zwar eine sehr gemischte Saison abgeliefert, gehört aber generell einer inzwischen raren Spezies an. Ein «richtiger» Außenstürmer, robust, dribbel- und tempostark, dem mehrere Optionen zu Gebote stehen. Er kann sowohl zur Grundlinie starten und flanken als auch zentral abschließen. Weshalb er auch kein Problem hatte, von einem Zweitligisten verpflichtet zu werden. Auf der linken Seite spielte in der vergangenen Saison oft Okan Aydin. Der ist ein komplett anderer Spielertyp, überdies kein Linksfuß, mithin ein sogenannter inverser Winger. Er zog meist von der linken Seite ins Angriffszentrum. Nach Möhwalds Weggang soll er nun dessen Rolle im zentralen offensiven Mittelfeld übernehmen. Beide Positionen mussten also neu vergeben werden. Einen Spieler wie Wiegel haben wir nicht mehr im Kader, demzufolge ist auch die Option der Tempodribblings obsolet. Dies bedeutet, dass quasi alle Angriffe auf den Flügeln durch Passspiel erzeugt werden müssen. Da man Pässe in der Regel nicht mit sich selbst spielt, bedarf dies der Unterstützung der Mitspieler. Wobei es dabei – wenn man auf einen Gegner in der defensiven Grundordnung trifft – meist nicht ausreicht, wenn der Außenverteidiger nachrückt. Da man für Raumgewinn Überzahl erzeugen sollte, ist es notwendig, dass entweder einer der Sechser sich am Flügelspiel beteiligt oder der ballferne offensive Außenspieler ebenfalls auf diese Seite wechselt. Terminus technicus: Überladen einer Angriffsseite. Das klingt nicht nur einigermaßen komplex, das ist es tatsächlich auch. Vor allem weil bei allem Angriffsdrang beachtet werden sollte, dass man bei einem Ballverlust (plus fehlgeschlagenem Gegenpressing) nicht völlig ohne defensive Absicherung bleiben darf. Beim Überladen einer Seite durch den zweiten Außen geht zudem die Option einer Spielverlagerung auf die andere Seite verloren, weshalb man diese Variante ziemlich selten sieht. Dem Spiel kommt schlichtweg Breite abhanden.

Intensiv diskutiert wird auch die Zwei-Stürmer-Problematik. Oder besser, das angebliche Fehlen eines zweiten Stürmers. Ein Evergreen in Erfurt. Hierzu ist festzustellen, dass so gut wie keine Mannschaft mehr mit zwei «klassischen» Strafraumstürmern agiert. Das ist irgendwann Mitte der Nullerjahre aus dem Repertoire verschwunden. Sogar Mannschaften, die nominell ein 4-4-2 aufbieten, wie zum Beispiel Favres Gladbacher der vergangenen Saison, spielen dieses System sogar ohne «echten, richtigen» Mittelstürmer. Sowohl Kruse als auch Raffael sind quasi freie Radikale. Sie ziehen sich teilweise bis an die Mittellinie zurück, um bereits beim Aufbau eines Angriffs in die Ballzirkulation eingebunden werden zu können. Selbst wenn Preußer Kammlott und Uzan gemeinsam spielen ließe, müssten beide gestaffelt agieren und sich in rückwärtige Räume fallen lassen, um angespielt werden zu können. Soll heißen: Das Spiel sehe keinen Jota anders aus, nur weil der eine (Aydin) als offensiver Mittelfeldspieler und der andere (Uzan) als Stürmer bei transfermarkt.de firmiert. Zurzeit hat – aus Sicht des Trainers – Aydin auf dieser Position Vorteile. Diese Sicht kann sich ändern.

Es existiert eine Korrelation von exakt 0,0 zwischen der Anzahl der nominellen Stürmer und der Qualität des Offensivspiels einer Mannschaft.

Insgesamt fand ich das Spiel der Rot-Weißen so miserabel nicht. Ich will aber auch nicht zwingend unterhalten werden, wenn ich ins Stadion (oder dem was von ihm übrig ist) gehe. Die Mannschaft erspielte sich in der zweiten Hälfte der 1. Halbzeit deutliche Vorteile und Chancen, die leider – wie bereits in Magdeburg – ungenutzt blieben. Dann wurde Wiesbaden besser, Erfurt kam mit der (notwendigen) taktischen Umstellung nach der Roten Karte nicht zurecht. Mut macht auf jeden Fall die Qualität der Defensivarbeit – aus dem Spiel heraus wurde sehr wenig zugelassen und bei den wenigen Standards der Wiesbadener war man konzentriert.

Daran lässt sich anknüpfen. Aber das allein wird in Dresden nicht genügen. Um dort zu bestehen, braucht es zwingend eine Steigerung im Angriffsspiel, und zwar in allen Punkten: Abstimmung, Passgenauigkeit, Effizienz. Es liegt viel Arbeit vor Christian Preußer und seinen Spielern.

1. FC Magdeburg vs. FC Rot-Weiß Erfurt 2:1

Am Freitag um 22.18 Uhr sah ich mich genötigt, die Welt via Twitter mit folgender Auskunft zu behelligen:

Tweet fcm

Es war eine unverdiente Niederlage, die die Rot-Weißen in Magdeburg kassierten. Ein bisschen Wehklagen hielt ich deshalb für angemessen.

Trotzdem überwog die Erleichterung. Einfach weil Preußers Mannschaft über weite Abschnitte des Spiels so ziemlich genau den Fußball spielte (oder zumindest versuchte zu spielen), den ich für zielführend halte, will man in dieser höllisch schwierigen Liga erfolgreich sein. (Anmerkung: Für mich ist diese Saison bereits ein Erfolg, wenn möglichst früh erkennbar wird, dass wir nichts mit dem Abstieg zu tun haben werden.)

Was zeichnete unseren Fußball am Freitag aus? Zunächst ist dies auch eine Frage der individuellen Qualität. Einige der Niederlagen des letzten Saisondrittels wären (trotz viel schlechten Fußballs) vermeidbar gewesen, wenn bessere Innenverteidiger zur Verfügung gestanden hätten. Oder, genauer ausgedrückt, wenn die verfügbaren Innenverteidiger in ihrer Normalform gespielt hätten. So aber erwies sich der langfristige Ausfall von Jens Möckel als fatal. Kleineheismann, Laurito und Gohouri schienen in einen seltsamen Wettbewerb eingetreten zu sein: Wer begeht bis zum Saisonende die meisten Fehler? Schlimmer noch, ihre einzige Option zur Eröffnung eines Spiels, schien aus langen, unpräzisen Pässen zu bestehen. Insofern ist die Leistung der beiden zentralen Verteidiger am Freitag hoffentlich richtungweisend. Mario Erb, beweglich, handlungsschnell, stellungssicher, technisch gut; man kann verstehen, dass Preußer über seine Verpflichtung sehr glücklich war. Der andere Neuzugang: Andre Laurito! Endlich wieder in der Form, die er in seiner ersten Saison am Steigerwald hatte. Schade, dass Kammlott seinen grandiosen Vierzig-Meter-Pass nicht einnetzen konnte. Es wäre die Krönung einer formidablen Leistung gewesen.

Das große Übrige bestand aus einer kristallklaren Spielidee. Nach einer Balleroberung wurde viel schneller nach vorn gespielt, als das bisher der Fall war. Dabei gab es (vereinfachend dargestellt) zwei Optionen. Zum einen halblange oder lange, das Mittelfeld mit einem Ball überbrückende, Pässe auf die beiden zentral offensiven Spieler (z.B. Lauritos Ball auf Kammlott). Wobei diese Option nicht um jeden Preis ergriffen werden soll, sondern nur, wenn es eine erkennbare Chance für den Stürmer gibt, den Ball verarbeiten zu können. Zur Erhöhung dieser Chance ließ sich vor allem Kammlott tiefer fallen als letztes Jahr, um auch mit längeren flachen Anspielen bedient werden zu können.

Die zweite Option waren schnelle Passfolgen durch das Mittelfeld. Gelang es, den Ball im Mitteldrittel des Spielfeldes unter Kontrolle zu bringen, schaltete sich der ballnahe Außenverteidiger sofort in den Angriff ein. Je zentraler die Ballkontrolle stattfand, umso höher war die Wahrscheinlichkeit, dass auch der zweite Außenverteidiger als zusätzliche Anspielstation vor- (und eben nicht erst irgendwann nach-) rückte. Mangelnde Breite und zu wenig Dreiecksbildung waren ein großes Problem des Erfurter Angriffsspiels in den vergangenen Jahren. Sie soll durch diese taktische Maßnahme überwunden werden.

Das ist natürlich sehr riskant. Sobald sich mehr Spieler  in die Offensivaktion einschalten, desto höher müssen die (noch verbliebenen) Abwehrspieler aufrücken, damit die Kompaktheit beibehalten wird. Zudem haben sie große Räume zu kontrollieren, sodass sie (und das war mehr als einmal der Fall) recht häufig in die Situation kommen, im Eins-gegen-Eins absicherungslos zu verteidigen. Das ist am Freitag fast durchgehend gut gelungen.

Der von Preußer präferierte Fußball folgt zwei Prämissen: Man schaltet schnell um, weil dies die einzige Möglichkeit darstellt, auf einen defensiv unorganisierten Gegner zu treffen. Und zweitens: Fehlpässe werden in Kauf genommen. Das hohe Aufrücken soll zudem bewirken, dass die Mannschaft sofort ins Gegenpressing gehen kann, weil sie versucht in den entscheidenden Zonen des Platzes Überzahl herzustellen.

Wenn das alles so toll war, warum haben wir dann verloren? Weil Magdeburg die wenigen Chancen die es hatte, effizient nutzte. (Einschließlich der Fehler die RWE machte, damit es überhaupt zu diesen Chancen kam.) Und weil sich die Mannschaft (vor allem zwischen der 50. und 60. Minute) vom Magdeburger Druck desorientieren ließ, viel zu tief stand, ihre eigentliche Spielidee aufgab und folgerichtig den Ausgleich kassierte. Die gute Nachricht: Preußer coachte das aktiv weg. Er wechselte offensiv, sein Team verstand die Signale und schien sich am eigenen Schopf aus der Malaise befreien zu können. Die Magdeburger Überlegenheit war dahin, RWE spielte wieder planvoller nach vorn.

Alles war gut, bis einer der ganz wenigen Fehler der Erfurter Defensive zum Siegtreffer für den FCM führte. Klar kann Klewin den Ball auf die Tribüne dreschen, aber es sei daran erinnert, dass wir nur ein paar Minuten vorher kurz davor standen, die Führung zu erzielen. Magdeburg hatte sich mit dem Unentschieden eigentlich abgefunden, es gab kein Powerplay des Aufsteigers oder dergleichen. Deshalb der Versuch eines konstruktiven Aufbaus, der in die Hose ging.

Fazit: Preußer versucht, mit modernstem Fußball zum Erfolg zu kommen. Das ist riskant. Aber wenn es das Ziel des Vereins ist, mittelfristig eine aufstiegsfähige Mannschaft zu formen, dann ist diese Herangehensweise ohne Alternative. Bei unserem chronisch klammen Etat werden wir uns nie eine Spitzenmannschaft erkaufen können. Diese Variante muss ja auch nicht zum Erfolg führen, wie unser nächster Gegner seit Jahren zum Verdruss seiner Anhänger beweist.

Dortmund II vs. Rot-Weiß Erfurt 0:3 / Göbel&Co rocken den BVB

RWE - YoungstersDer Ballspielverein Borussia Dortmund e.V. eignet eine ruhmreiche Vergangenheit, durchlebt eine in jeder Hinsicht erfolgreiche Gegenwart und darf – nach allem was man weiß – einer ebensolchen Zukunft entgegen sehen. Über was er allerdings nicht verfügt, ist ein vernünftiger Rasen für die Austragung der Heimspiele seiner Drittligamannschaft. Aber wir wollen die Erregung darüber gar nicht allzu hoch dimmen, denn vermutlich hat von diesen miserablen Platzverhältnissen der samstägliche Gegner des BVB, der FC Rot-Weiß Erfurt, durchaus profitiert. Eine Art höhere Fußball-Ironie. Quittieren wir gerne und mit einem milden Lächeln.

Der BVB begann stark, wurde dem Ruf der Zweitvertretungen gerecht, spielte technisch beschlagenen Fußball, spielte über die Flügel, kam zu einigen Halbchancen und dachte wohl, dies genüge zunächst als Arbeitsnachweis. Errare humanum est, würden die alten Römer und Wilfried Mohren sagen. Nach etwa zehn gespielten Minuten übernahm Erfurt die Hoheit und gab die Spielkonsole bis zum Abpfiff nicht mehr her. Am Ende stand ein ungefährdeter, kühl, kontrolliert und zu Teilen sogar ansehnlich herausgespielter Erfolg für die rot-weißen Farben. Punkt. (Oder richtiger: drei davon.) Ja, Marvin Ducksch war nicht dabei, seines Zeichens der teuerste Spieler der 3. Liga. Er sollte mit den Profis in Wolfsburg siegen, was – wie man inzwischen weiß – auch so ein BVB-Plan war, der in dieser Woche nicht wirklich aufging.

Dortmund versuchte es fortan fast nur noch mit hohen Zuspielen auf den Sturmhirten Balint Bajner, der jedoch bei Laurito und Engelhardt in besten Händen war und deshalb gar nichts ausrichten konnte. Nach der Führung durch Wiegel (Assist: Pfingsten-Reddig) gewann Erfurt Selbstvertrauen und Sicherheit und verwaltete den Vorsprung, ohne dass der geneigte Zuschauer oder -hörer jede Minute einen kleinen Herzkasper erlitt, wie das noch eine Woche zuvor gegen Chemnitz der Fall war, als RWE-Verteidiger vier Mal auf der Linie klären mussten. Dann kam Patrick Göbel und machte den Sack zu. Er schoss das zweite Tor selbst und spielte einen wunderbaren Pass in die Schnittstelle der Dortmunder Abwehrkette, den Nietfeld quer legte und damit Mijo Tunjic ein Angebot unterbreitete, das dieser nicht ablehnen konnte.

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass Marco Engelhardt, als Innenverteidiger für den gesperrten Kleineheismann aufgeboten, sein bestes Spiel für RWE machte, seitdem er wieder am Steigerwald die Töppen schnürt. Ob das zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Was ich glaube beurteilen zu können, ist der Umstand, dass spielerisch sehr starke Innenverteidiger dem Aufbauspiel jeder Fußballmannschaft gut tun, natürlich auch dem von RWE. Womit ich keinesfalls sagen möchte, dass Kleineheismann Schwächen in dieser Disziplin hat – eher ist das Gegenteil der Fall. Aber Engelhardt ist in dieser Hinsicht natürlich noch mal eine andere Nummer. Mit Pfingsten-Reddig und Möhwald im zentralen Mittelfeld hat Erfurt alle drei Spiele gewonnen, eine durchaus bemerkenswerte Statistik. Das ist jetzt kein Plädoyer, diese Konstellation gegen Dortmund in jedem weiteren Spiel aufs Neue zu erproben. Es soll nur zeigen, dass Kogler eine Situation zu nutzen weiß, die er selbst mitgeschaffen hat: Obwohl Kleineheismann, Czichos und Möckel nicht aufgeboten werden können (mithin drei der vier Spieler die bisher in der IV standen), ist er in der Lage mit Engelhardt einen weiteren Akteur in die Startelf zu stellen, der ohne jeden Substanzverlust diese Position zu spielen weiß. Und auf dessen eigentlicher Planstelle im zentralen Mittelfeld agiert dann mit Pfingsten und Möhwald ein äußerst spielstarkes Duo. Diese Variabilität ist über das Resultat vom Samstag hinaus eine äußerst erfreuliche Botschaft für jeden Anhänger der Rot-Weißen.

Patrick Göbel. Ich muss gestehen, ich hatte meine Zweifel, ob sich der kleine offensive Mittelfeldspieler mit dem sensationellen rechten Fuß bei den Profis würde durchsetzen können. Aber gerade bei ihm macht sich eine weitere Personalentscheidung der sportlichen Leitung peu à peu bezahlt. Es ist sicherlich für die jungen Spieler von großem Wert, dass mit Christian Preußer ein Ko-Trainer installiert wurde, der sie seit Jahren kennt und der sich im Umgang mit ihnen stets für Vertrauen und Geduld ausspricht. Das zahlen Klewin, Möhwald, Nietfeld, Göbel, Baumgarten und Stolze jetzt mit harter Währung in Form von guten Leistungen zurück.

Man kann überhaupt nicht genug würdigen, wie großartig das ist.

Rot-Weiß Erfurt vs. Elversberg 2:0 / Ich liebe Arbeitssiege

Geduld will bei dem Werke sein, ließ schon Goethe die Nachwelt wissen. Es hätte gestern weit weniger davon benötigt, wenn Schiedsrichter Badstübner dem RWE nach Foul an Öztürk in der ersten Halbzeit einen Elfmeter nicht verweigert hätte. Und damit die Fortsetzung des inzwischen schon legendären Klassikers Oztürk-Foul-Elfmeter-Pfingsten-Tor verhinderte. Oder wenn die Rot-Weißen eine ihrer Chancen, die Größte durch Brandstetter nach tollem Pass von Pfingsten, nutzen. So aber dauerte es 75 Minuten, bis die Elversberger endgültig und spielentscheidend die Übersicht verloren und es für irgendwie überflüssig erachteten, Möhwald beim Freistoß von Pfingsten zu decken. Dieses Führungstor lag von den ersten Minuten an, in der – Wilfried Mohren würde schreiben – bratwurstgeschwängerten Luft des Steigerwaldstadions. Dass Kevin Möhwald es erzielte, hat mich zusätzlich erfreut, weil er aus einer sehr guten Mannschaft noch einen (seinen) schwarzen Haarschopf breit, herausragte. Momentan drängt weniger die Frage, ob Möhwald im zentralen Mittelfeld spielt, sondern wen Kogler neben ihn platziert. Ich stelle es mir nicht vergnügungsteuerpflichtig vor, beispielsweise Pfingsten-Reddig zu erklären, dass er nach einer gleichfalls prima Leistung (mit vielen klugen Pässen) wieder für Engelhardt Platz machen muss. Einerseits. Andererseits sind das genau jene Sorgen, die eine Mannschaft braucht. Allemal besser als langfristig verpachtete Stammplätze. Hatten wir ebenfalls schon, ist gar nicht so lange her. Es sei mal der Name Bernd Rauw exemplarisch genannt.

Stabiles System mit immer größerer Fluidität

Andere wollen in den letzten Spielen ein 4-1-3-2 beim RWE ausgemacht haben, für mich war es in allen bisherigen Spielen, so auch gestern, ein deutlich erkennbares 4-4-2 mit Doppelsechs. Defensiv ohnehin: die beiden Stürmer versuchen den Spielaufbau des Gegners, in der Regel mittels passivem Pressing, zu unterbinden. Hinter ihnen verschieben zwei Viererketten. Situativ (wenn der aufbauende Gegner Probleme mit der Ballkontrolle hat) wird aus dem passiven ein aktives Pressing, die Stürmer und mindestens zwei nachrückende Mittelfeldspieler attackieren aggressiv den Gegner, um einen Ballverlust zu provozieren. In diesen Situationen geht quasi ein Ruck durch die Mannschaft, weil auch die Abwehrkette nach vorne schieben muss, um die Räume im Mittelfeld möglichst klein zu halten, sollte das Pressing fehlschlagen. Insgesamt ist dies, gerade in dieser Liga, ein sehr probates taktisches Rezept, weil die aufbauende Mannschaft auf diese Weise oft zu langen Bällen gezwungen wird.

Eines der gravierenden Defizite eines 4-4-2 (mit Doppelsechs) ist die numerische Unterzahl im offensiven Mittelfeld bei eigenem Spielaufbau. Die wird noch dadurch verstärkt, wenn sich einer der 6er bei der Spieleröffnung auf Höhe der beiden Innenverteidiger fallen lässt. Er kann sich dann nämlich schlecht selbst anspielen. Interessant ist jetzt, dass dies nicht Koglers präferierte Spieleröffnung darstellt. Die beiden 6er postieren sich zunächst relativ hoch und es wird entweder über einen halblangen hohen oder über einen flachen Ball versucht, sie ins Spiel zu bringen. Variante zwei ist, dass das Spiel des RWE über die Außen bis mindestens zur Spielfeldmitte getragen wird. Erst wenn all das keine Option ist, lässt sich einer der 6er nach hinten fallen, um den Spielaufbau zu unterstützen. Maßgabe ist stets, lang und hoch geschlagene Bälle auf die Stürmer zu vermeiden. (Die es natürlich trotzdem gibt, weil auch die anderen Mannschaften aggressiven Druck auszuüben in der Lage sind.)

Im Angriff wird versucht, variabel und somit für den Gegner wenig ausrechenbar zu spielen. Gestern tauschten Göbel und Öztürk manchmal minutenlang die Seiten. Außerdem orientiert sich Göbel ohnehin häufig in den Halbraum auf Öztürks Seite. Diese asynchrone Überladung des linken Flügels soll Öztürks Stärke im Dribbling mittels Überzahl und damit einhergehender Passoptionen zusätzlich aufwerten. Ein Vorbild dafür sind sicherlich die Bayern, die diese Variante mit Ribery und Robben perfekt beherrschen.

Und da wäre noch Mijo Tunjic. Er kann mich noch immer überraschen. Sowieso spielt er auf einem völlig anderen Niveau als in der letzten Saison. Nach eigener Aussage begründet sich das nicht zuletzt mit einer viel besseren Fitness. Aber jetzt fängt er auch noch an die Bälle zu verteilen wie ein Zehner. Kaum Zufall, dass es sein kluger Pass auf Öztürk war, der das Spiel endgültig entschied. Da fiel selbst Brandstetters diesmal eher durchwachsene Leistung kaum negativ ins Gewicht. Für die es sowieso eine plausible Begründung gab – er konnte die Woche über verletzungsbedingt nicht trainieren.

Aus Talenten werden Profis und die Neuen sind ein Gewinn

Nachdem Kevin Möhwald in der letzten Saison Stammspieler wurde, hat zu Beginn der laufenden Spielzeit auch Philipp Klewin diesen Status erreicht. Beide sind inzwischen unangefochtene Leistungsträger. Womit man bei Möhwald rechnen durfte, kommt im Falle unseres Torwarts einer kleinen Sensation gleich. Jeder, der ihn als Jugendspieler sah, wusste, dass dem Verein da ein großes Talent zuwächst. Wie er jedoch nach Sponsels plötzlichem Abgang, mit dem unleugbaren Druck und den großen Erwartungen umgeht plötzlich Stammtorhüter zu sein, davor kann man nur den Hut ziehen. Und es geht weiter. Patrick Göbel stand in den letzten drei Spielen (alle gewonnen) in der Startelf, was an sich bereits darauf hindeutet, dass er seine Sache jeweils recht gut gemacht haben muss. Der Nächste in der Reihe der Eigengewächse, Maik Baumgarten, hat das Pech, dass auf seiner Position im zentralen Mittelfeld Hochkaräter wie Engelhardt, Pfingsten und Möhwald vor ihm rangieren. Trotzdem ist er völlig in den gegenwärtigen Kader eingebunden. Immer wenn Kogler einen Vorsprung absichern will, und das ist erfreulich häufig der Fall, ist er die erste Wahl des Trainers. Kommt ins Spiel und macht abgeklärt seinen Job. Somit haben sich vier der fünf dafür auserkorenen A-Junioren des vorvergangenen Jahrgangs bei den Profis etabliert (nur Tobias Ahrens gelang das nicht). Das ist eine herausragende Quote. Spätestens jetzt ist es hohe Zeit, hier weitere Namen zu nennen. Christian Preußers Berufung zum Co-Trainer war, ist und bleibt ein Segen für diese jungen Spieler. Erkannt zu haben, dass dies auch ein Segen für den Verein Rot-Weiß Erfurt sein kann, ist das Verdienst von Sportvorstand Alfred Hörtnagl.

Das gilt ebenso für die relativ unvermittelten Verpflichtungen von Spielern wie Kreuzer und Wiegel, die beide quasi aus dem Stand Startelf-Format nachgewiesen haben. Beides sind perfekt ausgebildete Spieler (Kreuzer: FC Basel, Wiegel: Schalke 04), beide hatten Berufungen für deutsche Nachwuchsnationalmannschaften und beide sind polyvalent einsetzbar. Soll heißen, sie können ohne Leistungsminderung mehrere Positionen spielen. Klar, muss man ihre weitere Entwicklung abwarten, bevor man ein fundiertes Urteil abgeben kann. Die Idee, die hinter ihrer Verpflichtung steht, finde ich jedoch jetzt bereits bestätigt.

Den Zuschauern wurde gestern kein Spektakel geboten. Das Wort vom Arbeitssieg hatte Konjunktur. Zeit für ein Geständnis: Ich liebe solche Siege. Die eigene Mannschaft ist besser und kontrolliert das Spiel. Spielkontrolle ist für mich beim Fußball das höchste aller Güter. Sie verdeutlicht, dass die Spieler vor allem am Ergebnis orientiert sind und individuelle Interessen zurückstellen. Anders ist sie nicht zu haben. Ich will keinen Zirkus sehen, ich will, dass meine Mannschaft gewinnt. Walter Koglers Team beweist gerade, dass Ergebnisorientierung und ansehnlicher Fußball miteinander gut zu vereinbaren sind, selbst mit den Mitteln des FC Rot-Weiß Erfurt. Dafür haben alle Mitwirkenden meinen Respekt.

PS: Anderes Thema. Die neueste Ausgabe von Ostderby – Magazin für den Fußballosten ist erschienen und kann hier erworben werden. Ich bin mit einer Buchbesprechung vertreten und habe gemeinsam mit Michael Kummer ein Interview mit zwei ausgewiesenen Kennern der überaus turbulenten Leipziger Fußballszene geführt. Das sind aber nur zwei von vielen interessanten Beiträgen.

Von trostlos zu makellos in 72 Stunden / FC RWE vs. Wehen Wiesbaden 3:0

Es waren denkwürdige 90 Fußballminuten die gestern um 20.49 Uhr im Steigerwaldstadion mit dem Schlusspfiff von Schiedsrichter Stein ihr Ende fanden. Nicht weil der FC Rot-Weiß Erfurt gegen den Spitzenreiter SV Wehen Wiesbaden gewonnen hatte. Hier ist jenen recht zu geben, die stets darauf verweisen, dass bei allen wahrnehmbaren Unterschieden, die Kader- und damit auch die Leistungsstärke der Mannschaften dieser Liga sich vergleichsweise ähneln. Tagesform, Schiedsrichterentscheidungen, Spielglück entscheiden einfach öfter mal eine Partie als bei Bewerben, in denen die Leistungsunterschiede a priori viel größer sind. Denkwürdig war die Art und Weise, wie der RWE den Spitzenreiter aus Hessen über die komplette Spieldauer hinweg fußballerisch dominierte. Und zu denken gab ebenfalls, dass dies drei Tage zuvor – nach dem Spiel gegen Duisburg – völlig unabsehbar war.

Alte Tugenden entscheiden: Ordnung, Disziplin, Fleiß

Woran also lag es? Den wichtigsten Fingerzeig gab Walter Kogler selbst. Nach dem Spiel gegen Duisburg kritisierte er die fehlende Ordnung im Spiel seiner Mannschaft. Gestern stellte er die geschlossene Grundordnung als Schlüssel zum Sieg heraus. Und tatsächlich, wohin immer man blickte, die Mannschaft agierte gegen den Ball sehr kompakt. In so gut wie keiner Spielsituation musste man befürchten, dass Wiesbadener Angreifer in freier Position oder Überzahl das Tor des RWE attackieren würden. Es wurde gedoppelt, schnell verschoben, die Abstände der Mannschaftsteile hätte man für ein Lehrbuch ablichten können, so wohldistanziert waren sie. Mit einem Wort: Kontrolle. Der RWE kontrollierte den Gegner und somit das Spiel. Dazu kam eine kluge, dem jeweiligen Spielstand Rechnung tragende, taktische Balance. Beide Teams begannen abwartend und vorsichtig, keines wollte in Folge zu hohen Risikos in einen Konter laufen. Dann war es nicht der SVWW (wie es zu befürchten und ein bisschen auch zu erwarten war), sondern der RWE, der sehr dosiert das Risiko erhöhte und anfing das Spiel zu dominieren. Die Außenverteidiger positionierten sich höher und begannen in das Offensivspiel einzugreifen. Der Ball wurde schneller und damit einhergehend risikoreicher bewegt. Es kam zu ersten Möglichkeiten und in der 25. Minute schloss Öztürk einen perfekt gespielten Angriff zum 1:0 ab.

Die Reaktion des SVWW bestand darin, dass es keine gab. Also spielte der RWE mit dieser kontrollierten Offensivtaktik weiter und wurde dafür mit dem zweiten Tor belohnt. Nach dem Wechsel standen die Rot-Weißen deutlich tiefer, verlegten sich aufs Kontern und waren auch in dieser, im Grunde bis zum Abpfiff andauernden Phase, einem weiteren Tor näher als die Wiesbadener ihrem Ersten. So kam es dann auch. Am Ende stand ein 3:0 für Erfurt, mit dem die Gäste gut leben konnten, weil es für sie noch viel schlimmer hätte kommen können.

Götterdämmerung im zentralen Mittelfeld?

Derzeit wird in dieser Angelegenheit über die Medien Verbalschach gespielt. Kogler sagt, Pfingsten-Reddig sei nach seiner Erkrankung noch nicht wirklich fit. Der wiederum kontert, und lässt wissen: Er sei körperlich in einem guten Zustand und seine Versetzung auf die Bank könne nur sportliche Gründe haben. Jeder, der diesen Blog einigermaßen regelmäßig verfolgt, wird wissen, dass ich sehr viel von Pfingsten-Reddigs Leistung halte, seit er für den RWE die Töppen schnürt. Er hat sich hier durchweg als Musterprofi gezeigt. Nebst einigen anderen war vor allem er es, der den Verein in der letzten Saison mit seiner Konstanz, seinen Torvorlagen und seinen Standards vor dem Abstieg bewahrte. (Herrje, das klingt schon jetzt wie ein sportlicher Nachruf.)

Allerdings: Panta rhei, alles fließt. Es hatte sich beim Spiel gegen RB in Leipzig angekündigt. Pfingsten war erkrankt, dafür spielte Möhwald auf seiner Position. Er und Engelhardt machten, obwohl das Spiel etwas unglücklich verloren ging, bella figura gegen das spielstarke Leipziger Mittelfeld. Möhwald, der inzwischen kein Rookie mehr ist, hatte schon des Öfteren, wenn auch klugerweise nie lautstark, durchblicken lassen, dass er sich im zentralen Mittelfeld wohler fühlt als auf der rechten Außenbahn. Man darf davon ausgehen, dass diese Sichtweise in Co-Trainer Christian Preußer einen prominenten Fürsprecher findet. Gegen Duisburg wechselte Kogler Pfingsten in der Halbzeit aus, allein: Dieses durch und durch verkorkste Spiel war nicht mehr zu retten. Und es war selbstverständlich keinesfalls Pfingsten allein, der diese Nichtleistung zu verantworten hatte. Danach sah sich der RWE-Trainer in der Pflicht eine Art Reboot des Systems RWE vorzunehmen und auf der DVD mit dem Betriebssystem stand gestern: Möhwald & Engelhardt. Beide ergänzten sich in der Spielzentrale aufs Trefflichste und man kann sich jetzt nur schwer vorstellen, dass Kogler in Kiel erneut Pfingsten auf die 6er-Position beordert. Sollte sich der RWE mit den beiden in seinen Leistungen stabilisieren, wird es Pfingsten schwer haben auf seine angestammte Position zurückzukehren. So die Prognose. Mal sehen, was sie wert ist.

Patrick Göbel, ein Talent wird erwachsen. Hoffentlich.

Dass beide zentralen Mittelfeldspieler gestern derart glänzen konnten, hatte auch damit zu tun, dass Patrick Göbel zeigte, dass er nicht gedenkt, die Rolle des ewigen Talents bis ans Ende seiner RWE-Zeit für sich zu beanspruchen. Göbel eignet einen wirklich herausragenden rechten Fuß (herausragend im fußballerischen Sinn, natürlich). Man hatte nur zuweilen den Eindruck, dass er sich allzu sehr auf diese Gabe verlässt. Gestern war dem nicht so. Er war hellwach, zweikampfstark und lief und lief und lief. Und zwar nicht taktisch sinnlos umher, sondern immer dahin, wo die Mannschaft ihn gerade benötigte. Ich bin sicher, wenn es eine Spieler-Heatmap in der 3. Liga gebe, die wäre gestern beim ihm flächendeckend tiefrot gewesen. Es wurde zudem deutlich, dass wir mit ihm einen Spieler haben, der dem Team mit seinen Standards sehr helfen kann. In seiner letzten A-Jugendsaison war das eine seiner herausragenden Qualitäten. Ihm kann man nur wünschen: Weiter so!

Das trifft in gleichem Umfang auf Andreas Wiegel zu, der sich nach seiner Einwechslung sofort präsent zeigte und bei dem niemand auf den Gedanken gekommen wäre, dass dies seine allerersten Minuten im Trikot der Rot-Weißen waren. So soll es sein.

Am Sonnabend geht es nach Kiel. Der Aufsteiger überraschte bisher alle, möglicherweise sich selbst und seinen Anhang am meisten. Die Kieler sind eine äußerst unangenehm zu bespielende, homogen funktionierende und mittels gutem Umschaltspiel stets torgefährliche Mannschaft. Es ist müßig zu erwähnen, dass sie bei alldem selbstredend nicht unschlagbar sind. Aber um dort etwas mitzunehmen, benötigt das Spiel des RWE alle Tugenden und Fertigkeiten, die es gegen Wehen Wiesbaden ausgezeichnet haben.

Gestern Abend, das war der Goldstandard für diese Spielzeit. Wir wissen jetzt, was die Mannschaft kann, wenn sie erwachsenen Fußball spielt und dabei ihr Potenzial abruft. Kämpferisch, spielerisch, mental. Daran wird sie sich fortan bei jedem Spiel messen lassen müssen. (Was nicht mal ansatzweise heißen soll, dass ich ab jetzt nur noch 3:0-Siege als standesgemäß einstufe. Dies wäre dumm und anmaßend und würde die sportlichen Gegebenheiten der 3.Liga sowie die quasi natürlichen Leistungs-Schwankungen einer jungen Mannschaft wie unserer fahrlässig ignorieren.)

Im Übrigen lässt sich ohne Übertreibung konstatieren, dass die Dritte Deutsche Profiliga bislang eine richtig gute Show bietet. Ausgeglichen, fußballerisch auf beachtlichem Niveau, mit vielen stimmungsvollen Spielen. Und das Beste daran: der RWE spielt eine interessante Charakterrolle. Man weiß noch nicht so genau wohin sie sich entwickelt, aber es gab bereits einige große Auftritte.

Walter Kogler äußert sich zum Spielsystem

In einem Interview auf kicker.de (durchgeführt vom TA-Mitarbeiter Marco Alles) äußert sich Walter Kogler zum ersten Mal ausdrücklich zum zukünftigen Spielsystem des RWE: «Als Basis dient das 4-4-2-System, was sich aber auch als 4-2-3-1 interpretieren lässt. Wichtig ist mir aber, dass sich die beiden Sechser immer wieder mit in die Offensive einschalten und nicht nur als reine Abräumer fungieren.» Bei dieser Vorgabe ihres Chefs werden Pfingsten und Engelhardt kein Bauchweh bekommen, beides sind Spieler, die in der Offensive große Potenziale haben, auch wenn Engelhardt dies, seit er wieder für den RWE kickt, nur sporadisch offenbaren konnte. Was aber oft genug taktische Ursachen hatte.

Mit dem Interview des RWE-Cheftrainers hat sich meine bislang vertretene These (die hauptsächlich auf Koglers einst in Österreich favorisierten Systemen beruhte), und von einer 4-1-4-1-Formation ausging, erledigt. Ich denke jetzt, dass wir ein Hybridsystem zu erwarten haben, das defensiv ein 4-4-2 und offensiv ein 4-2-3-1 sein wird. Da man im Fußball während des Spiels nicht permanent aus- und einwechseln kann, impliziert diese Annahme ebenfalls, dass ich nicht von zwei nominellen Stürmern in der Anfangsformation ausgehe. Oder genauer: dass ich zwei Stürmer für unwahrscheinlich halte.

Das 4-4-2 ist die Mutter aller zeitgemäßen Spielsysteme, erfunden Ende der 80er Jahre von Arrigo Sacchi während seiner großen Jahre beim AC Mailand. Die Hauptvorteile des 4-4-2 aus meiner Sicht:

  • Einfaches, quasi organisches Verschieben der Mannschaftsteile hin zum Ball
  • Hohe Kompaktheit; alle möglichen Gegnerpositionen können gut gedoppelt werden
  • Mannschaften, die schnell viele neue Spieler integrieren müssen, ist dieses System methodisch am einfachsten zu vermitteln
  • Alle gängigen taktischen Stilmittel, wie aktives und passives Pressing, Gegenpressing nach Ballverlust, schnelles Umkehrspiel, etc. sind mit einem 4-4-2 abbildbar

Ein beispielhaftes 4-4-2-System des RWE in der defensiven Grundordnung:

Das sieht doch wohlgeordnet aus, so auf dem Papier.

Wie erfolgreich und ansehnlich ein 4-4-2 funktionieren kann, hat der SC Freiburg unter Christian Streich in der letzten Saison eindrucksvoll vorgeführt. Die potenziellen Nachteile dieser Formation liegen in der Gefahr der Unverbundenheit der einzelnen Linien, den Lücken, die sich zwangsläufig ergeben, wenn der Abstand der beiden Viererketten zu groß gerät, sowie dem nominellen Fehlen eines zentralen offensiven Spielers/Ballverteilers – was oft dazu führt, dass die Stürmer keine (verwertbaren) Bälle bekommen. Um das zu umgehen, mutiert die 4-4-2-Defensivordnung fast immer zu einem 4-2-3-1-Angriffsystem, wir sprechen dann von einem Hybriden. Man operiert bei eigenem Ballbesitz mit einem Mittelstürmer und kann (und muss) ansonsten ein variables Offensivspiel aufziehen, wobei alle Spieler eine hohe Laufbereitschaft, gutes Passspiel und kluges taktisches Verhalten gleichermaßen auf sich vereinigen sollten. Auch der einzige Stürmer darf nicht einfach auf Zuspiele oder Flanken seiner Teamkollegen hoffen, sondern hat sich permanent zu bewegen, muss im Zweikampf robust auftreten und gleichfalls eine hohe Passqualität eignen. Als Beispiele seien Lewandowski, Mandzukic und Klose genannt. Ein Gegenbeispiel wurde unlängst in die Toskana transferiert.

Wer könnte beim RWE diese Positionen ausfüllen? Tunjic stand in den letzten Spielen immer in der Startelf, deshalb sehe ich ihn Koglers Gunst derzeit vor Brandstetter – auch wenn dieser, meiner Auffassung nach, die Anforderungen an einen modernen Mittelstürmer besser erfüllt. Als zentraler Offensivspieler böte sich Derici an, er ist jedoch offensichtlich nicht fit genug für 90 Minuten Profifußball. Aus diesem Grund glaube ich, dass zunächst Möhwald diese Stelle in Koglers Startelf besetzen wird. Auf der rechten offensiven Außenbahn könnte tatsächlich Patrick Göbel eine Chance gegen die Stuttgarter Kickers erhalten. Indizien: er  stand in den Spielen gegen Brentford und Ingolstadt in der Anfangsformation und erhielt jeweils viele Einsatzminuten. Die offensive Dreierreihe muss sich durch eine hohe Fluidität auszeichnen, ständig die Positionen wechseln, mit den nachrückenden Sechsern und Außenverteidigern Passdreiecke schaffen, um Überzahlsituationen am Ball erzeugen zu können.

Hier die von mir momentan erwartete Startelf gegen die Stuttgarter Kickers (4-2-3-1)

Womöglich aber überrascht uns das Trainerteam ja noch mit einer ganz anderen Variante. Christian Preußer hatte in der letzten A-Jugend-Saison aus der Not eine Tugend gemacht. Er verfügte über zwei sehr gute Mittelstürmer (Nietfeld und Stolze), aber keinen herausragenden Zehner. Deshalb ließ er beide Mittelstürmer spielen, man konnte hier völlig zu Recht von einem 4-4-2 auch in der Offensive sprechen. Beide bewegten sich sehr variabel, nahmen wechselweise die zentrale Sturmposition ein oder ließen sich in die Halbräume fallen. In den besten Spielen der Saison (vor der Winterpause) war zudem Felix Robrecht in bestechender Form. Er spielte als zentraler Mittelfeldspieler (mehr Achter als Sechser) grandiose, öffnende Pässe auf die beiden Stürmer. Nun, ich glaube nicht, dass Robrecht (der wohl zudem verletzt ist) und Stolze in der Startelf des 1. Spieltages stehen werden, aber ein derartiges System würde ich zum jetzigem Zeitpunkt nicht (mehr) kategorisch ausschließen. Dann aber besetzt mit Brandstetter und Nietfeld.

Es bleibt spannend. Mal sehen, was uns das Spiel gegen den FCM an weiteren Erkenntnissen beschert.