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Dortmund II vs. Rot-Weiß Erfurt 0:3 / Göbel&Co rocken den BVB

RWE - YoungstersDer Ballspielverein Borussia Dortmund e.V. eignet eine ruhmreiche Vergangenheit, durchlebt eine in jeder Hinsicht erfolgreiche Gegenwart und darf – nach allem was man weiß – einer ebensolchen Zukunft entgegen sehen. Über was er allerdings nicht verfügt, ist ein vernünftiger Rasen für die Austragung der Heimspiele seiner Drittligamannschaft. Aber wir wollen die Erregung darüber gar nicht allzu hoch dimmen, denn vermutlich hat von diesen miserablen Platzverhältnissen der samstägliche Gegner des BVB, der FC Rot-Weiß Erfurt, durchaus profitiert. Eine Art höhere Fußball-Ironie. Quittieren wir gerne und mit einem milden Lächeln.

Der BVB begann stark, wurde dem Ruf der Zweitvertretungen gerecht, spielte technisch beschlagenen Fußball, spielte über die Flügel, kam zu einigen Halbchancen und dachte wohl, dies genüge zunächst als Arbeitsnachweis. Errare humanum est, würden die alten Römer und Wilfried Mohren sagen. Nach etwa zehn gespielten Minuten übernahm Erfurt die Hoheit und gab die Spielkonsole bis zum Abpfiff nicht mehr her. Am Ende stand ein ungefährdeter, kühl, kontrolliert und zu Teilen sogar ansehnlich herausgespielter Erfolg für die rot-weißen Farben. Punkt. (Oder richtiger: drei davon.) Ja, Marvin Ducksch war nicht dabei, seines Zeichens der teuerste Spieler der 3. Liga. Er sollte mit den Profis in Wolfsburg siegen, was – wie man inzwischen weiß – auch so ein BVB-Plan war, der in dieser Woche nicht wirklich aufging.

Dortmund versuchte es fortan fast nur noch mit hohen Zuspielen auf den Sturmhirten Balint Bajner, der jedoch bei Laurito und Engelhardt in besten Händen war und deshalb gar nichts ausrichten konnte. Nach der Führung durch Wiegel (Assist: Pfingsten-Reddig) gewann Erfurt Selbstvertrauen und Sicherheit und verwaltete den Vorsprung, ohne dass der geneigte Zuschauer oder -hörer jede Minute einen kleinen Herzkasper erlitt, wie das noch eine Woche zuvor gegen Chemnitz der Fall war, als RWE-Verteidiger vier Mal auf der Linie klären mussten. Dann kam Patrick Göbel und machte den Sack zu. Er schoss das zweite Tor selbst und spielte einen wunderbaren Pass in die Schnittstelle der Dortmunder Abwehrkette, den Nietfeld quer legte und damit Mijo Tunjic ein Angebot unterbreitete, das dieser nicht ablehnen konnte.

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass Marco Engelhardt, als Innenverteidiger für den gesperrten Kleineheismann aufgeboten, sein bestes Spiel für RWE machte, seitdem er wieder am Steigerwald die Töppen schnürt. Ob das zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Was ich glaube beurteilen zu können, ist der Umstand, dass spielerisch sehr starke Innenverteidiger dem Aufbauspiel jeder Fußballmannschaft gut tun, natürlich auch dem von RWE. Womit ich keinesfalls sagen möchte, dass Kleineheismann Schwächen in dieser Disziplin hat – eher ist das Gegenteil der Fall. Aber Engelhardt ist in dieser Hinsicht natürlich noch mal eine andere Nummer. Mit Pfingsten-Reddig und Möhwald im zentralen Mittelfeld hat Erfurt alle drei Spiele gewonnen, eine durchaus bemerkenswerte Statistik. Das ist jetzt kein Plädoyer, diese Konstellation gegen Dortmund in jedem weiteren Spiel aufs Neue zu erproben. Es soll nur zeigen, dass Kogler eine Situation zu nutzen weiß, die er selbst mitgeschaffen hat: Obwohl Kleineheismann, Czichos und Möckel nicht aufgeboten werden können (mithin drei der vier Spieler die bisher in der IV standen), ist er in der Lage mit Engelhardt einen weiteren Akteur in die Startelf zu stellen, der ohne jeden Substanzverlust diese Position zu spielen weiß. Und auf dessen eigentlicher Planstelle im zentralen Mittelfeld agiert dann mit Pfingsten und Möhwald ein äußerst spielstarkes Duo. Diese Variabilität ist über das Resultat vom Samstag hinaus eine äußerst erfreuliche Botschaft für jeden Anhänger der Rot-Weißen.

Patrick Göbel. Ich muss gestehen, ich hatte meine Zweifel, ob sich der kleine offensive Mittelfeldspieler mit dem sensationellen rechten Fuß bei den Profis würde durchsetzen können. Aber gerade bei ihm macht sich eine weitere Personalentscheidung der sportlichen Leitung peu à peu bezahlt. Es ist sicherlich für die jungen Spieler von großem Wert, dass mit Christian Preußer ein Ko-Trainer installiert wurde, der sie seit Jahren kennt und der sich im Umgang mit ihnen stets für Vertrauen und Geduld ausspricht. Das zahlen Klewin, Möhwald, Nietfeld, Göbel, Baumgarten und Stolze jetzt mit harter Währung in Form von guten Leistungen zurück.

Man kann überhaupt nicht genug würdigen, wie großartig das ist.

Rot-Weiß Erfurt vs. Elversberg 2:0 / Ich liebe Arbeitssiege

Geduld will bei dem Werke sein, ließ schon Goethe die Nachwelt wissen. Es hätte gestern weit weniger davon benötigt, wenn Schiedsrichter Badstübner dem RWE nach Foul an Öztürk in der ersten Halbzeit einen Elfmeter nicht verweigert hätte. Und damit die Fortsetzung des inzwischen schon legendären Klassikers Oztürk-Foul-Elfmeter-Pfingsten-Tor verhinderte. Oder wenn die Rot-Weißen eine ihrer Chancen, die Größte durch Brandstetter nach tollem Pass von Pfingsten, nutzen. So aber dauerte es 75 Minuten, bis die Elversberger endgültig und spielentscheidend die Übersicht verloren und es für irgendwie überflüssig erachteten, Möhwald beim Freistoß von Pfingsten zu decken. Dieses Führungstor lag von den ersten Minuten an, in der – Wilfried Mohren würde schreiben – bratwurstgeschwängerten Luft des Steigerwaldstadions. Dass Kevin Möhwald es erzielte, hat mich zusätzlich erfreut, weil er aus einer sehr guten Mannschaft noch einen (seinen) schwarzen Haarschopf breit, herausragte. Momentan drängt weniger die Frage, ob Möhwald im zentralen Mittelfeld spielt, sondern wen Kogler neben ihn platziert. Ich stelle es mir nicht vergnügungsteuerpflichtig vor, beispielsweise Pfingsten-Reddig zu erklären, dass er nach einer gleichfalls prima Leistung (mit vielen klugen Pässen) wieder für Engelhardt Platz machen muss. Einerseits. Andererseits sind das genau jene Sorgen, die eine Mannschaft braucht. Allemal besser als langfristig verpachtete Stammplätze. Hatten wir ebenfalls schon, ist gar nicht so lange her. Es sei mal der Name Bernd Rauw exemplarisch genannt.

Stabiles System mit immer größerer Fluidität

Andere wollen in den letzten Spielen ein 4-1-3-2 beim RWE ausgemacht haben, für mich war es in allen bisherigen Spielen, so auch gestern, ein deutlich erkennbares 4-4-2 mit Doppelsechs. Defensiv ohnehin: die beiden Stürmer versuchen den Spielaufbau des Gegners, in der Regel mittels passivem Pressing, zu unterbinden. Hinter ihnen verschieben zwei Viererketten. Situativ (wenn der aufbauende Gegner Probleme mit der Ballkontrolle hat) wird aus dem passiven ein aktives Pressing, die Stürmer und mindestens zwei nachrückende Mittelfeldspieler attackieren aggressiv den Gegner, um einen Ballverlust zu provozieren. In diesen Situationen geht quasi ein Ruck durch die Mannschaft, weil auch die Abwehrkette nach vorne schieben muss, um die Räume im Mittelfeld möglichst klein zu halten, sollte das Pressing fehlschlagen. Insgesamt ist dies, gerade in dieser Liga, ein sehr probates taktisches Rezept, weil die aufbauende Mannschaft auf diese Weise oft zu langen Bällen gezwungen wird.

Eines der gravierenden Defizite eines 4-4-2 (mit Doppelsechs) ist die numerische Unterzahl im offensiven Mittelfeld bei eigenem Spielaufbau. Die wird noch dadurch verstärkt, wenn sich einer der 6er bei der Spieleröffnung auf Höhe der beiden Innenverteidiger fallen lässt. Er kann sich dann nämlich schlecht selbst anspielen. Interessant ist jetzt, dass dies nicht Koglers präferierte Spieleröffnung darstellt. Die beiden 6er postieren sich zunächst relativ hoch und es wird entweder über einen halblangen hohen oder über einen flachen Ball versucht, sie ins Spiel zu bringen. Variante zwei ist, dass das Spiel des RWE über die Außen bis mindestens zur Spielfeldmitte getragen wird. Erst wenn all das keine Option ist, lässt sich einer der 6er nach hinten fallen, um den Spielaufbau zu unterstützen. Maßgabe ist stets, lang und hoch geschlagene Bälle auf die Stürmer zu vermeiden. (Die es natürlich trotzdem gibt, weil auch die anderen Mannschaften aggressiven Druck auszuüben in der Lage sind.)

Im Angriff wird versucht, variabel und somit für den Gegner wenig ausrechenbar zu spielen. Gestern tauschten Göbel und Öztürk manchmal minutenlang die Seiten. Außerdem orientiert sich Göbel ohnehin häufig in den Halbraum auf Öztürks Seite. Diese asynchrone Überladung des linken Flügels soll Öztürks Stärke im Dribbling mittels Überzahl und damit einhergehender Passoptionen zusätzlich aufwerten. Ein Vorbild dafür sind sicherlich die Bayern, die diese Variante mit Ribery und Robben perfekt beherrschen.

Und da wäre noch Mijo Tunjic. Er kann mich noch immer überraschen. Sowieso spielt er auf einem völlig anderen Niveau als in der letzten Saison. Nach eigener Aussage begründet sich das nicht zuletzt mit einer viel besseren Fitness. Aber jetzt fängt er auch noch an die Bälle zu verteilen wie ein Zehner. Kaum Zufall, dass es sein kluger Pass auf Öztürk war, der das Spiel endgültig entschied. Da fiel selbst Brandstetters diesmal eher durchwachsene Leistung kaum negativ ins Gewicht. Für die es sowieso eine plausible Begründung gab – er konnte die Woche über verletzungsbedingt nicht trainieren.

Aus Talenten werden Profis und die Neuen sind ein Gewinn

Nachdem Kevin Möhwald in der letzten Saison Stammspieler wurde, hat zu Beginn der laufenden Spielzeit auch Philipp Klewin diesen Status erreicht. Beide sind inzwischen unangefochtene Leistungsträger. Womit man bei Möhwald rechnen durfte, kommt im Falle unseres Torwarts einer kleinen Sensation gleich. Jeder, der ihn als Jugendspieler sah, wusste, dass dem Verein da ein großes Talent zuwächst. Wie er jedoch nach Sponsels plötzlichem Abgang, mit dem unleugbaren Druck und den großen Erwartungen umgeht plötzlich Stammtorhüter zu sein, davor kann man nur den Hut ziehen. Und es geht weiter. Patrick Göbel stand in den letzten drei Spielen (alle gewonnen) in der Startelf, was an sich bereits darauf hindeutet, dass er seine Sache jeweils recht gut gemacht haben muss. Der Nächste in der Reihe der Eigengewächse, Maik Baumgarten, hat das Pech, dass auf seiner Position im zentralen Mittelfeld Hochkaräter wie Engelhardt, Pfingsten und Möhwald vor ihm rangieren. Trotzdem ist er völlig in den gegenwärtigen Kader eingebunden. Immer wenn Kogler einen Vorsprung absichern will, und das ist erfreulich häufig der Fall, ist er die erste Wahl des Trainers. Kommt ins Spiel und macht abgeklärt seinen Job. Somit haben sich vier der fünf dafür auserkorenen A-Junioren des vorvergangenen Jahrgangs bei den Profis etabliert (nur Tobias Ahrens gelang das nicht). Das ist eine herausragende Quote. Spätestens jetzt ist es hohe Zeit, hier weitere Namen zu nennen. Christian Preußers Berufung zum Co-Trainer war, ist und bleibt ein Segen für diese jungen Spieler. Erkannt zu haben, dass dies auch ein Segen für den Verein Rot-Weiß Erfurt sein kann, ist das Verdienst von Sportvorstand Alfred Hörtnagl.

Das gilt ebenso für die relativ unvermittelten Verpflichtungen von Spielern wie Kreuzer und Wiegel, die beide quasi aus dem Stand Startelf-Format nachgewiesen haben. Beides sind perfekt ausgebildete Spieler (Kreuzer: FC Basel, Wiegel: Schalke 04), beide hatten Berufungen für deutsche Nachwuchsnationalmannschaften und beide sind polyvalent einsetzbar. Soll heißen, sie können ohne Leistungsminderung mehrere Positionen spielen. Klar, muss man ihre weitere Entwicklung abwarten, bevor man ein fundiertes Urteil abgeben kann. Die Idee, die hinter ihrer Verpflichtung steht, finde ich jedoch jetzt bereits bestätigt.

Den Zuschauern wurde gestern kein Spektakel geboten. Das Wort vom Arbeitssieg hatte Konjunktur. Zeit für ein Geständnis: Ich liebe solche Siege. Die eigene Mannschaft ist besser und kontrolliert das Spiel. Spielkontrolle ist für mich beim Fußball das höchste aller Güter. Sie verdeutlicht, dass die Spieler vor allem am Ergebnis orientiert sind und individuelle Interessen zurückstellen. Anders ist sie nicht zu haben. Ich will keinen Zirkus sehen, ich will, dass meine Mannschaft gewinnt. Walter Koglers Team beweist gerade, dass Ergebnisorientierung und ansehnlicher Fußball miteinander gut zu vereinbaren sind, selbst mit den Mitteln des FC Rot-Weiß Erfurt. Dafür haben alle Mitwirkenden meinen Respekt.

PS: Anderes Thema. Die neueste Ausgabe von Ostderby – Magazin für den Fußballosten ist erschienen und kann hier erworben werden. Ich bin mit einer Buchbesprechung vertreten und habe gemeinsam mit Michael Kummer ein Interview mit zwei ausgewiesenen Kennern der überaus turbulenten Leipziger Fußballszene geführt. Das sind aber nur zwei von vielen interessanten Beiträgen.

Von trostlos zu makellos in 72 Stunden / FC RWE vs. Wehen Wiesbaden 3:0

Es waren denkwürdige 90 Fußballminuten die gestern um 20.49 Uhr im Steigerwaldstadion mit dem Schlusspfiff von Schiedsrichter Stein ihr Ende fanden. Nicht weil der FC Rot-Weiß Erfurt gegen den Spitzenreiter SV Wehen Wiesbaden gewonnen hatte. Hier ist jenen recht zu geben, die stets darauf verweisen, dass bei allen wahrnehmbaren Unterschieden, die Kader- und damit auch die Leistungsstärke der Mannschaften dieser Liga sich vergleichsweise ähneln. Tagesform, Schiedsrichterentscheidungen, Spielglück entscheiden einfach öfter mal eine Partie als bei Bewerben, in denen die Leistungsunterschiede a priori viel größer sind. Denkwürdig war die Art und Weise, wie der RWE den Spitzenreiter aus Hessen über die komplette Spieldauer hinweg fußballerisch dominierte. Und zu denken gab ebenfalls, dass dies drei Tage zuvor – nach dem Spiel gegen Duisburg – völlig unabsehbar war.

Alte Tugenden entscheiden: Ordnung, Disziplin, Fleiß

Woran also lag es? Den wichtigsten Fingerzeig gab Walter Kogler selbst. Nach dem Spiel gegen Duisburg kritisierte er die fehlende Ordnung im Spiel seiner Mannschaft. Gestern stellte er die geschlossene Grundordnung als Schlüssel zum Sieg heraus. Und tatsächlich, wohin immer man blickte, die Mannschaft agierte gegen den Ball sehr kompakt. In so gut wie keiner Spielsituation musste man befürchten, dass Wiesbadener Angreifer in freier Position oder Überzahl das Tor des RWE attackieren würden. Es wurde gedoppelt, schnell verschoben, die Abstände der Mannschaftsteile hätte man für ein Lehrbuch ablichten können, so wohldistanziert waren sie. Mit einem Wort: Kontrolle. Der RWE kontrollierte den Gegner und somit das Spiel. Dazu kam eine kluge, dem jeweiligen Spielstand Rechnung tragende, taktische Balance. Beide Teams begannen abwartend und vorsichtig, keines wollte in Folge zu hohen Risikos in einen Konter laufen. Dann war es nicht der SVWW (wie es zu befürchten und ein bisschen auch zu erwarten war), sondern der RWE, der sehr dosiert das Risiko erhöhte und anfing das Spiel zu dominieren. Die Außenverteidiger positionierten sich höher und begannen in das Offensivspiel einzugreifen. Der Ball wurde schneller und damit einhergehend risikoreicher bewegt. Es kam zu ersten Möglichkeiten und in der 25. Minute schloss Öztürk einen perfekt gespielten Angriff zum 1:0 ab.

Die Reaktion des SVWW bestand darin, dass es keine gab. Also spielte der RWE mit dieser kontrollierten Offensivtaktik weiter und wurde dafür mit dem zweiten Tor belohnt. Nach dem Wechsel standen die Rot-Weißen deutlich tiefer, verlegten sich aufs Kontern und waren auch in dieser, im Grunde bis zum Abpfiff andauernden Phase, einem weiteren Tor näher als die Wiesbadener ihrem Ersten. So kam es dann auch. Am Ende stand ein 3:0 für Erfurt, mit dem die Gäste gut leben konnten, weil es für sie noch viel schlimmer hätte kommen können.

Götterdämmerung im zentralen Mittelfeld?

Derzeit wird in dieser Angelegenheit über die Medien Verbalschach gespielt. Kogler sagt, Pfingsten-Reddig sei nach seiner Erkrankung noch nicht wirklich fit. Der wiederum kontert, und lässt wissen: Er sei körperlich in einem guten Zustand und seine Versetzung auf die Bank könne nur sportliche Gründe haben. Jeder, der diesen Blog einigermaßen regelmäßig verfolgt, wird wissen, dass ich sehr viel von Pfingsten-Reddigs Leistung halte, seit er für den RWE die Töppen schnürt. Er hat sich hier durchweg als Musterprofi gezeigt. Nebst einigen anderen war vor allem er es, der den Verein in der letzten Saison mit seiner Konstanz, seinen Torvorlagen und seinen Standards vor dem Abstieg bewahrte. (Herrje, das klingt schon jetzt wie ein sportlicher Nachruf.)

Allerdings: Panta rhei, alles fließt. Es hatte sich beim Spiel gegen RB in Leipzig angekündigt. Pfingsten war erkrankt, dafür spielte Möhwald auf seiner Position. Er und Engelhardt machten, obwohl das Spiel etwas unglücklich verloren ging, bella figura gegen das spielstarke Leipziger Mittelfeld. Möhwald, der inzwischen kein Rookie mehr ist, hatte schon des Öfteren, wenn auch klugerweise nie lautstark, durchblicken lassen, dass er sich im zentralen Mittelfeld wohler fühlt als auf der rechten Außenbahn. Man darf davon ausgehen, dass diese Sichtweise in Co-Trainer Christian Preußer einen prominenten Fürsprecher findet. Gegen Duisburg wechselte Kogler Pfingsten in der Halbzeit aus, allein: Dieses durch und durch verkorkste Spiel war nicht mehr zu retten. Und es war selbstverständlich keinesfalls Pfingsten allein, der diese Nichtleistung zu verantworten hatte. Danach sah sich der RWE-Trainer in der Pflicht eine Art Reboot des Systems RWE vorzunehmen und auf der DVD mit dem Betriebssystem stand gestern: Möhwald & Engelhardt. Beide ergänzten sich in der Spielzentrale aufs Trefflichste und man kann sich jetzt nur schwer vorstellen, dass Kogler in Kiel erneut Pfingsten auf die 6er-Position beordert. Sollte sich der RWE mit den beiden in seinen Leistungen stabilisieren, wird es Pfingsten schwer haben auf seine angestammte Position zurückzukehren. So die Prognose. Mal sehen, was sie wert ist.

Patrick Göbel, ein Talent wird erwachsen. Hoffentlich.

Dass beide zentralen Mittelfeldspieler gestern derart glänzen konnten, hatte auch damit zu tun, dass Patrick Göbel zeigte, dass er nicht gedenkt, die Rolle des ewigen Talents bis ans Ende seiner RWE-Zeit für sich zu beanspruchen. Göbel eignet einen wirklich herausragenden rechten Fuß (herausragend im fußballerischen Sinn, natürlich). Man hatte nur zuweilen den Eindruck, dass er sich allzu sehr auf diese Gabe verlässt. Gestern war dem nicht so. Er war hellwach, zweikampfstark und lief und lief und lief. Und zwar nicht taktisch sinnlos umher, sondern immer dahin, wo die Mannschaft ihn gerade benötigte. Ich bin sicher, wenn es eine Spieler-Heatmap in der 3. Liga gebe, die wäre gestern beim ihm flächendeckend tiefrot gewesen. Es wurde zudem deutlich, dass wir mit ihm einen Spieler haben, der dem Team mit seinen Standards sehr helfen kann. In seiner letzten A-Jugendsaison war das eine seiner herausragenden Qualitäten. Ihm kann man nur wünschen: Weiter so!

Das trifft in gleichem Umfang auf Andreas Wiegel zu, der sich nach seiner Einwechslung sofort präsent zeigte und bei dem niemand auf den Gedanken gekommen wäre, dass dies seine allerersten Minuten im Trikot der Rot-Weißen waren. So soll es sein.

Am Sonnabend geht es nach Kiel. Der Aufsteiger überraschte bisher alle, möglicherweise sich selbst und seinen Anhang am meisten. Die Kieler sind eine äußerst unangenehm zu bespielende, homogen funktionierende und mittels gutem Umschaltspiel stets torgefährliche Mannschaft. Es ist müßig zu erwähnen, dass sie bei alldem selbstredend nicht unschlagbar sind. Aber um dort etwas mitzunehmen, benötigt das Spiel des RWE alle Tugenden und Fertigkeiten, die es gegen Wehen Wiesbaden ausgezeichnet haben.

Gestern Abend, das war der Goldstandard für diese Spielzeit. Wir wissen jetzt, was die Mannschaft kann, wenn sie erwachsenen Fußball spielt und dabei ihr Potenzial abruft. Kämpferisch, spielerisch, mental. Daran wird sie sich fortan bei jedem Spiel messen lassen müssen. (Was nicht mal ansatzweise heißen soll, dass ich ab jetzt nur noch 3:0-Siege als standesgemäß einstufe. Dies wäre dumm und anmaßend und würde die sportlichen Gegebenheiten der 3.Liga sowie die quasi natürlichen Leistungs-Schwankungen einer jungen Mannschaft wie unserer fahrlässig ignorieren.)

Im Übrigen lässt sich ohne Übertreibung konstatieren, dass die Dritte Deutsche Profiliga bislang eine richtig gute Show bietet. Ausgeglichen, fußballerisch auf beachtlichem Niveau, mit vielen stimmungsvollen Spielen. Und das Beste daran: der RWE spielt eine interessante Charakterrolle. Man weiß noch nicht so genau wohin sie sich entwickelt, aber es gab bereits einige große Auftritte.

Walter Kogler äußert sich zum Spielsystem

In einem Interview auf kicker.de (durchgeführt vom TA-Mitarbeiter Marco Alles) äußert sich Walter Kogler zum ersten Mal ausdrücklich zum zukünftigen Spielsystem des RWE: «Als Basis dient das 4-4-2-System, was sich aber auch als 4-2-3-1 interpretieren lässt. Wichtig ist mir aber, dass sich die beiden Sechser immer wieder mit in die Offensive einschalten und nicht nur als reine Abräumer fungieren.» Bei dieser Vorgabe ihres Chefs werden Pfingsten und Engelhardt kein Bauchweh bekommen, beides sind Spieler, die in der Offensive große Potenziale haben, auch wenn Engelhardt dies, seit er wieder für den RWE kickt, nur sporadisch offenbaren konnte. Was aber oft genug taktische Ursachen hatte.

Mit dem Interview des RWE-Cheftrainers hat sich meine bislang vertretene These (die hauptsächlich auf Koglers einst in Österreich favorisierten Systemen beruhte), und von einer 4-1-4-1-Formation ausging, erledigt. Ich denke jetzt, dass wir ein Hybridsystem zu erwarten haben, das defensiv ein 4-4-2 und offensiv ein 4-2-3-1 sein wird. Da man im Fußball während des Spiels nicht permanent aus- und einwechseln kann, impliziert diese Annahme ebenfalls, dass ich nicht von zwei nominellen Stürmern in der Anfangsformation ausgehe. Oder genauer: dass ich zwei Stürmer für unwahrscheinlich halte.

Das 4-4-2 ist die Mutter aller zeitgemäßen Spielsysteme, erfunden Ende der 80er Jahre von Arrigo Sacchi während seiner großen Jahre beim AC Mailand. Die Hauptvorteile des 4-4-2 aus meiner Sicht:

  • Einfaches, quasi organisches Verschieben der Mannschaftsteile hin zum Ball
  • Hohe Kompaktheit; alle möglichen Gegnerpositionen können gut gedoppelt werden
  • Mannschaften, die schnell viele neue Spieler integrieren müssen, ist dieses System methodisch am einfachsten zu vermitteln
  • Alle gängigen taktischen Stilmittel, wie aktives und passives Pressing, Gegenpressing nach Ballverlust, schnelles Umkehrspiel, etc. sind mit einem 4-4-2 abbildbar

Ein beispielhaftes 4-4-2-System des RWE in der defensiven Grundordnung:

Das sieht doch wohlgeordnet aus, so auf dem Papier.

Wie erfolgreich und ansehnlich ein 4-4-2 funktionieren kann, hat der SC Freiburg unter Christian Streich in der letzten Saison eindrucksvoll vorgeführt. Die potenziellen Nachteile dieser Formation liegen in der Gefahr der Unverbundenheit der einzelnen Linien, den Lücken, die sich zwangsläufig ergeben, wenn der Abstand der beiden Viererketten zu groß gerät, sowie dem nominellen Fehlen eines zentralen offensiven Spielers/Ballverteilers – was oft dazu führt, dass die Stürmer keine (verwertbaren) Bälle bekommen. Um das zu umgehen, mutiert die 4-4-2-Defensivordnung fast immer zu einem 4-2-3-1-Angriffsystem, wir sprechen dann von einem Hybriden. Man operiert bei eigenem Ballbesitz mit einem Mittelstürmer und kann (und muss) ansonsten ein variables Offensivspiel aufziehen, wobei alle Spieler eine hohe Laufbereitschaft, gutes Passspiel und kluges taktisches Verhalten gleichermaßen auf sich vereinigen sollten. Auch der einzige Stürmer darf nicht einfach auf Zuspiele oder Flanken seiner Teamkollegen hoffen, sondern hat sich permanent zu bewegen, muss im Zweikampf robust auftreten und gleichfalls eine hohe Passqualität eignen. Als Beispiele seien Lewandowski, Mandzukic und Klose genannt. Ein Gegenbeispiel wurde unlängst in die Toskana transferiert.

Wer könnte beim RWE diese Positionen ausfüllen? Tunjic stand in den letzten Spielen immer in der Startelf, deshalb sehe ich ihn Koglers Gunst derzeit vor Brandstetter – auch wenn dieser, meiner Auffassung nach, die Anforderungen an einen modernen Mittelstürmer besser erfüllt. Als zentraler Offensivspieler böte sich Derici an, er ist jedoch offensichtlich nicht fit genug für 90 Minuten Profifußball. Aus diesem Grund glaube ich, dass zunächst Möhwald diese Stelle in Koglers Startelf besetzen wird. Auf der rechten offensiven Außenbahn könnte tatsächlich Patrick Göbel eine Chance gegen die Stuttgarter Kickers erhalten. Indizien: er  stand in den Spielen gegen Brentford und Ingolstadt in der Anfangsformation und erhielt jeweils viele Einsatzminuten. Die offensive Dreierreihe muss sich durch eine hohe Fluidität auszeichnen, ständig die Positionen wechseln, mit den nachrückenden Sechsern und Außenverteidigern Passdreiecke schaffen, um Überzahlsituationen am Ball erzeugen zu können.

Hier die von mir momentan erwartete Startelf gegen die Stuttgarter Kickers (4-2-3-1)

Womöglich aber überrascht uns das Trainerteam ja noch mit einer ganz anderen Variante. Christian Preußer hatte in der letzten A-Jugend-Saison aus der Not eine Tugend gemacht. Er verfügte über zwei sehr gute Mittelstürmer (Nietfeld und Stolze), aber keinen herausragenden Zehner. Deshalb ließ er beide Mittelstürmer spielen, man konnte hier völlig zu Recht von einem 4-4-2 auch in der Offensive sprechen. Beide bewegten sich sehr variabel, nahmen wechselweise die zentrale Sturmposition ein oder ließen sich in die Halbräume fallen. In den besten Spielen der Saison (vor der Winterpause) war zudem Felix Robrecht in bestechender Form. Er spielte als zentraler Mittelfeldspieler (mehr Achter als Sechser) grandiose, öffnende Pässe auf die beiden Stürmer. Nun, ich glaube nicht, dass Robrecht (der wohl zudem verletzt ist) und Stolze in der Startelf des 1. Spieltages stehen werden, aber ein derartiges System würde ich zum jetzigem Zeitpunkt nicht (mehr) kategorisch ausschließen. Dann aber besetzt mit Brandstetter und Nietfeld.

Es bleibt spannend. Mal sehen, was uns das Spiel gegen den FCM an weiteren Erkenntnissen beschert.

Interview mit Christian Preußer

Aus gegebenem Anlass – Klassenerhalt der U19, DFB-Pokalteilnahme derselben Mannschaft, seine Vertragsverlängerung, und weil nicht alles schlecht ist beim FC Rot-Weiß Erfurt, hier die vollständige Version eines Interviews, das ich am 25.10.2012 mit Christian Preußer geführt habe. (Erstabdruck in Heft 1 von OstDerby – Magazin für den Fußballosten)

Zur Person: Christian Preußer wurde 1984 in Berlin geboren. Er absolvierte eine Ausbildung an der Sportakademie des Landessportbundes Thüringen, ist im Besitz der A-Lizenz des Deutschen Fußball-Bundes und hat soeben die Ausbildung zum DFB-Fußballlehrer begonnen. Seit April 2010 leitet er das Nachwuchsleistungszentrum des FC Rot-Weiß Erfurt und ist – in Personalunion – Trainer der U19-Mannschaft, die in der A-Junioren-Bundesliga spielt. Einer größeren Öffentlichkeit wurde er als Interimstrainer der Drittligamannschaft des FC RWE bekannt, die er zwei Spiele lang betreute.

Fedor Freytag: Herr Preußer, Sie sind Fußball-Trainer. In den Ohren vieler hört sich das nach einem Traumberuf an. Wie kam es dazu?

Preußer: Es ist wirklich mein Traumberuf. Wie wohl fast alle Jungs habe ich sehr früh angefangen Fußball zu spielen. Mein Heimatverein ist die VSG Altglienicke Berlin. Ich habe fast alle Nachwuchsmannschaften dort durchlaufen, wobei relativ schnell klar war, dass es mit einer Karriere als Spieler im Profifußball nichts werden würde.

Ich bin sehr demütig, dass ich den Fußball trotzdem zu meinem Beruf machen konnte. Ich finde es toll, jungen Leuten dabei helfen zu können ihre sportlichen Ziele zu erreichen und sich auch als Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Die Jungs arbeiten daran sehr konsequent. Von den 23 Spielern unserer A-Jugend wollen 21 Fußballprofi werden. Diesem Ziel ordnen sie alles unter. Es ist einfach großartig, mit ihnen Dinge zu trainieren und dann zu sehen, wie diese Dinge im Spiel erfolgreich umgesetzt werden.

Aber es ist nicht allein der sportliche Aspekt: Ich arbeite jeden Tag mit Jugendlichen und begleite sie beim Erwachsenwerden. Erlebe, wie sie ihre erste Freundin haben, den Führerschein machen. Da ist auch viel Spaß dabei.

Fedor Freytag: Welche Rolle spielen Eltern und Spielberater? Wenn man am Spielfeld steht, gewinnt man nicht immer den Eindruck, dass der Ehrgeiz einiger Eltern die Dinge zum Besseren wendet. Was Spielerberater angeht, so gibt es sicherlich viele Klischees. Ich könnte mir vorstellen, dass jemand wie Jens Nowotny (Insoccer) seriöser agiert, als andere Vertreter dieses Geschäfts.

Preußer: Spielerberatung im Nachwuchsbereich ist ein schwieriges Thema. In erster Linie weil der Zugriff auf die Spieler immer früher erfolgt. Vor drei Jahren wurde die C-Jugend-Regionalliga eingeführt. Bei manchen Spielen sehen sie dort bereits 15 bis 20 Spielerberater neben dem Platz. Wir reden hier von 14-Jährigen. Das ist für mich völlig unsinnig, weil man in diesem Alter noch keine Prognose über die Entwicklung in drei bis vier Jahren geben kann. Aber es gibt in der Tat große Unterschiede bei den Beratern. Welche mit denen wir gut zusammenarbeiten und andere, bei denen nach 5 Minuten klar ist, dass man nicht zueinander findet. Prinzipiell gilt jedoch: man muss sich mit dem Gewerbe arrangieren. Das hat auch mit den fehlenden rechtlichen Grundlagen zu tun. Die Entwicklung des Jugendlichen bzw. des Spielers muss bei allen Entscheidungen des Beraters im Vordergrund stehen, das ist leider nicht immer der Fall.

Fedor Freytag: Wäre es denn sinnvoll, die gesetzlichen Grundlagen bzw. die Verbandsregularien zu verschärfen?

Preußer: Das ist schwierig. Vom DFB lizenzierte Spielerberater gibt es ja bereits, aber grundsätzlich herrscht in Deutschland Vertragsfreiheit. Jeder kann sich quasi von jedem beraten lassen. Gerade wenn das pro forma über Rechtsanwälte abgewickelt wird, ist es kaum zu unterbinden. Bei unseren U19-Spielern suche ich aktiv das Gespräch mit den Beratern. Wenn man mit ihnen über Dinge wie Leistungsentwicklung und Perspektive reden kann, ist viel gewonnen. So kann man vielleicht verhindern, dass ein Spieler nur des Geldes wegen zu einem finanzstärkeren Verein wechselt.

Fedor Freytag: Die Eltern?

Preußer: Sie sind der Schlüssel. Inklusive der Vormittagstrainings im Sportinternat  sehe ich die Jungs 8 bis 10 mal pro Woche, also deutlich öfter als ihre Eltern sie sehen. Die Eltern vertrauen uns ihre Kinder an, also muss man den Kontakt zu den Eltern permanent suchen. Das betrifft viele Bereiche, auch das Außersportliche. Hinzu kommt das Alter. Mit 18 Jahren gibt es Abnabelungsprozesse die es zu begleiten und zu moderieren gilt. Nur wenn alle drei beteiligten Parteien am selben Strang in eine Richtung ziehen, werden sich die gewünschten Erfolge einstellen.

Fedor Freytag: Wie sieht das konkret aus, wenn ein Nachwuchsspieler nach Erfurt kommt. Wer kümmert sich zum Beispiel um Wohnraum.

Preußer: Das machen wir. Und hier liegt fraglos eine unserer Stärken. Wir versuchen, ein sehr angenehmes, persönliches Umfeld zu schaffen. Davon sind die Eltern sehr angetan, weil das offensichtlich bei den wenigsten Vereinen in dieser Weise der Fall ist. Die Jungs sollen sich hier wohl fühlen und wenn das gelingt ist viel gewonnen. Durch die Sportinternate haben wir in der Regel auch kein Problem eine geeignete Unterkunft anzubieten.

Fedor Freytag: Der große Trumpf ostdeutscher Nachwuchsleistungszentren sind die Sportgymnasien. Gibt es da noch Verbesserungspotenziale, z.B.  durch stärkere Angebote im Bereich der Berufausbildung.

Preußer: 90 Prozent unserer Spieler sind noch in der schulischen Ausbildung. Dafür ist die Zusammenarbeit mit dem Sportgymnasium optimal geeignet. Auch weil auf der schulischen Seite traditionell viel Verständnis für die speziellen Belange des Leistungssports vorhanden ist. Hier im Verein würde ich mir wünschen, dass wir einen dezidierten Ausbildungsbetreuer hätten. Also jemanden, der sich ausschließlich um den Kontakt zur Schule kümmert. Das wird derzeit von mir und meinem Mitarbeitern quasi nebenbei wahrgenommen. Ohne es aktuell zu vernachlässigen, ist dies nicht die optimale Lösung. Wenn Bedarf besteht, kümmern wir uns auch um eine geeignete nachschulische Ausbildung. Das ist allerdings sehr individuell und hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt von der sportlichen Perspektive des jeweiligen Spielers.

Fedor Freytag: Warum scheitern so viele Talente beim Übergang von der A-Jugend in den Männerbereich?

Preußer: Es gibt vielfältige Ursachen, in erster Linie sportliche. Die Unterschiede im Spieltempo und der geforderten Handlungsschnelligkeit selbst zwischen A-Junioren Bundesliga und 3. Liga sind enorm. Und an diese Unterschiede müssen sich die Spieler schnellstmöglich gewöhnen. Für diese Gewöhnung gibt es maximal ein Jahr Zeit, dann hat sich ein Trainer festgelegt, ob er mit diesem Spieler weiter plant oder nicht. Dann kommen anderweitige Versuchungen. Bleibt ein Spieler fokussiert oder lässt er sich vom Geld bzw. von der eventuellen öffentlichen Aufmerksamkeit ablenken? Wir versuchen vor allem in der U19 die Spieler darauf vorzubereiten. Indem wir sehr kritisch mir ihren Leistungen umgehen und ihnen deutlich machen, dass es, obwohl sie vielleicht gerade ein tolles Spiel gemacht haben, noch immer diese große Differenz zum Männerbereich gibt. Allerdings sind mahnende Worte das eine. Selbstzufriedenheit ist das andere. Manchen ist leider nicht klar, dass ein sechster Platz in der Nordoststaffel der Junioren-Bundesliga, kein Freifahrtschein in den Profifußball darstellt. Das ist eine notwendige Voraussetzung, hinreichend ist sie nicht.

Fedor Freytag: Eine große Herausforderung eines Nachwuchstrainers ist sicherlich der beständige personelle Wandel. Sie haben in diesem Jahr vier Ihrer talentiertesten Spieler an das Drittliga-Team des RWE abgegeben. Es fällt auf, dass vergleichsweise viele Neuzugänge von etablierten, höherklassigen Vereinen aus den Alt-Bundesländern kamen. Wie werden Sie auf diese Spieler aufmerksam?

Preußer: Es ist nicht unser Ziel, jedes Jahr 10 Neuzugänge aus anderen Leistungszentren in die A-Jugend zu integrieren. Natürlich sind wir in erster Linie bestrebt eine Durchlässigkeit unserer eigenen Talente von der D-Jugend in die A-Jugend zu erreichen. Das ist das eine. Andererseits wollen wir in der A-Junioren Bundesliga konkurrenzfähig sein. Es ist ganz wichtig für den Verein, dass die A-Jugend in der Bundesliga vertreten ist. Wir haben vor drei Jahren bitteres Lehrgeld gezahlt, als wir mit nur 12 Punkten abgestiegen sind. Dann wird es sehr schwer, Spieler wie Kevin Möhwald oder Maik Baumgarten davon zu überzeugen, dass sie hier Regionalliga spielen sollen. Glücklicherweise haben wir dann den direkten Wiederaufstieg geschafft. Wir können uns ein aufwendiges Scouting nicht leisten, deshalb bedarf es eines guten persönlichen Netzwerkes für die Akquise neuer Spieler. Aber es werden uns inzwischen auch aktiv Spieler angeboten. Es hat sich herumgesprochen, dass in der A-Jugend des RWE guter, attraktiver und erfolgreicher Fußball gespielt wird. Außerdem wurde wahrgenommen, dass die Durchlässigkeit zur 1. Mannschaft relativ hoch ist. Das ist eine starke Motivation für Spieler, die Nummer 13, 14 oder 15 in den A-Jugend-Mannschaften von Hertha BSC, Werder Bremen oder Hannover 96 sind.

Fedor Freytag: Matthias Sammer war neben seiner Funktion als DFB-Sportdirektor seit 2010 auch für die Talentförderung des Verbandes zuständig. Wie bewerten Sie seine Arbeit?

Preußer: Seine tägliche Arbeit kann ich natürlich nicht beurteilen. Ich bin ihm persönlich einige Male begegnet, anlässlich der Tagung der Leiter der Nachwuchsleistungszentren, wo er als Referent auftrat. Dort hat er äußerst engagiert seine Auffassungen vorgetragen, zu quasi alle relevanten Punkten der Nachwuchsarbeit: von den Feldgrößen angefangen, über die Struktur der Nachwuchsnationalmannschaften bis hin zur Qualität der Hotels während eines Turniers. Das alles fand ich sehr fundiert. Er hat natürlich ein streitbares Auftreten und verteidigt mit aller Vehemenz seine Meinung, lässt aber andere Auffassungen durchaus gelten.

Fedor Freytag: Wie wirkt der DFB in die Arbeit der Leistungszentren hinein? Mal abgesehen von den Sonntagsreden? Gibt es jeden Morgen ein Fax aus Frankfurt?

Preußer: Nein. Unser Hauptberührungspunkt ist die  Zertifizierung der Nachwuchsleistungszentren. Die Zertifizierung wird im Auftrag des DFB durch die Firma Double Pass durchführt. Diese erfolgt alle drei Jahre und ist für Drittligisten freiwillig. Die Zertifizierung dauert drei Tage und während dieser Zeit werden quasi alle Bereiche des NLZ begutachtet: das Training, die Schule, die Infrastruktur. Als Resultat erhalten wir einen Bericht, in dem sehr detailliert beschrieben steht, was gut und was weniger gut ist. Aber, das sind Gespräche auf Augenhöhe, sehr konstruktiv und keinesfalls paternalistisch. Auf Basis dieser Begutachtung, erfolgt dann die Einstufung und die Vergabe der Mittel durch den DFB. Es gibt dabei ein 3-Sterne-System. Wir in Erfurt sind als Nachwuchsleistungszentrum zertifiziert, allerdings ohne Stern. Das liegt in erster Linie an unseren Defiziten bei der Infrastruktur. Alles sehr dezentral, das Trainingsgelände liegt 5 km vom Sportgymnasium entfernt, wir verfügen über keinen Kunstrasenplatz, usw. usf.  Das heißt, man bekommt sehr genau aufgezeigt in welchen Bereichen man sich noch verbessern kann, bzw. muss. Auch RWE sollte hier in den nächsten Jahren den nächsten Schritt gehen, um den Anschluss an die anderen Vereine in den Junioren-Bundesligen nicht zu verlieren und der Kampf um Talente dann immer schwieriger wird.

Fedor Freytag: Jogi Löw möchte Fußballspiele schön gewinnen, Jose Mourinhos diesbezüglicher Ehrgeiz ist deutlich bescheidener, dem reicht ein ergurktes 1:0. Wie ist ihre Meinung?

Preußer: Das ist aus meiner Perspektive eine Frage des Aufgabenbereiches in dem man tätig ist. Klar wollen wir mit der A-Jugend die Klasse, sprich die Bundesliga, halten. Dazu benötigt man ca. 30 Punkte in einer Saison. Aber man darf natürlich auch den Ausbildungscharakter nicht völlig aus den Augen verlieren. Wenn meine Innenverteidiger in einem Spiel 25 lange Bälle ohne Gegnerdruck nach vorne schlagen, dann werden sie wahrscheinlich nicht dritte Liga spielen. Da gilt es immer eine Balance zu finden. Unsere Grundregel ist: je jünger die Mannschaften sind, desto unwichtiger ist das Ergebnis und umso dominanter ist der Ausbildungscharakter. Ein gutes Beispiel ist die C-Jugend-Regionalliga. Das ist in Mitteldeutschland eine reine Ausbildungsliga, aus der man nicht absteigen kann. Und das ist auch gut so. Wenn ich jedoch Interimstrainer der Männermannschaft in der 3. Liga bin und wir haben zu diesem Zeitpunkt einen Punkt auf der Habenseite, dann ist es egal wie wir Fußball spielen, so lange wir punkten. Wie gesagt, es ist eine Frage der Perspektive. Trotzdem ist es mein persönlicher Anspruch als Trainer so häufig wie möglich erfolgreichen und begeisternden Fußball mit meiner Mannschaft zeigen zu können.

Fedor Freytag: Ich habe im letzten auf Youtube ein Spiel zwischen der U11 FC Barcelona und der U11 von Arsenal gesehen. Dort sah man bereits recht eindeutig die Spielphilosophie beider Vereine, also Ballbesitzorientiertheit und Kurzpassspiel. Ist dies unter den Bedingungen eines ostdeutschen Nachwuchsleistungszentrums überhaupt reproduzierbar.

Preußer: Im Grunde schon, weil es in erster Linie keine finanzielle Frage ist. Die Jungs müssen mit Spaß dabei sein und Fußball spielen wollen. Hier hat sich in den letzten Jahren beim DFB sehr viel geändert. Eine U13-Mannschaft mit einer Körpergröße von 1,30 Metern, sollte halt nicht auf einem Großfeld herumrennen, sondern auf einem Kleinfeldplatz lernen, wie man Spielsituationen fußballerisch löst. Ich denke, da sind wir hier in Erfurt auf einem guten Weg.

Fedor Freytag: Jetzt eine sicherlich erwartbare Frage zu RB Leipzig. In einem FAZ-Interview äußerte Ralf Rangnick sein Ziel, die besten Nachwuchsfußballer der Region – wobei Region einen Radius von 200 km umfasst – nach Leipzig zu holen. Hat diese Ankündigung bereits praktische Konsequenzen?

Preußer: Konkret und Stand heute, ist noch kein Spieler den wir haben oder halten wollten zu RB Leipzig gegangen. Andere Vereine – wie Dynamo Dresden, der HFC und Jena – sind davon momentan mehr betroffen.

Fedor Freytag: Eine Abwehrstrategie dagegen ist nur schwer vorstellbar?

Preußer: Wir können nur mit dem argumentieren was uns stark macht: Der Verbindung von Leistungsorientiertheit mit großer Fürsorge für die Spieler und einer überdurchschnittlichen Durchlässigkeit zur 1.Mannschaft. Aber wir können letztendlich niemanden zwingen, für den FC Rot-Weiß Erfurt Fußball zu spielen. Man sollte auch anerkennen, dass Red Bull unglaublich viel  in den  Nachwuchsbereich investiert und dies für die Region durchaus nützlich werden kann, wenn dieser Weg auch langfristig verfolgt wird. Ich war letztens in Leipzig, weil ich mir das Spiel RB gegen Meuselwitz angesehen habe und nutzte die Gelegenheit, mir auch mal das Gelände des Nachwuchsleistungszentrums anzusehen. Da stehen jetzt als Übergangslösung Container. Allein von dieser Übergangslösung sind wir infrastrukturell weit entfernt.

Fedor Freytag: Ist es nicht sehr schade, dass hierzulande der Nachwuchssport, mithin auch der Nachwuchsfußball, so wenig öffentliche Aufmerksamkeit erfährt? Zu einem A-Junioren-Bundesligaspiel kommen 100 Leute, die acht Heimspiele des American Football-Teams der University of Notre Dame sahen jeweils 80.000 Zuschauer.

Preußer: Ich hatte selbst die Gelegenheit ein Jahr in den USA die Schule zu besuchen und habe in dieser Zeit in der Fußballmannschaft meiner High School gespielt. Selbst dort hatten wir manchmal 2.000 Zuschauer. Sehr beeindruckend. Aber natürlich sind die Strukturen völlig verschieden und wir werden dieses amerikanische High School und College-Sportsystem in Deutschland nicht mehr installieren können. Was die A-Junioren Bundesliga betrifft, unternimmt der DFB bereits eine Menge, um die öffentliche Aufmerksamkeit zu erhöhen. Mit ersten Erfolgen: Sport1 überträgt mittlerweile immer wieder Spiele der A-Junioren Bundesliga live, die Endspiele zur Meisterschaft wurden ebenfalls live gesendet. Es ist ambivalent: Auf der einen Seite schützt die mangelnde öffentliche Wahrnehmung die Spieler auch, auf der anderen Seite ist der Schritt von der A-Jugend in die 3. Liga dann auch in dieser Beziehung enorm.

Fedor Freytag: Es gibt derzeit sehr intensive Diskussionen um die taktische Ausrichtung. Barcelona, die spanische Nationalmannschaft aber auch andere Teams spielen teilweise ohne „echten“ Mittelstürmer mit einer sogenannten „falschen Neun.“ Wird man dieses System in Zukunft häufiger sehen.

Preußer: Das ist unzweifelhaft eine ernst zu nehmende Entwicklung.  Den klassischen, im Sturmzentrum auf ein Anspiel wartenden Mittelstürmer wird man immer seltener sehen. Etwas radikal formuliert, könnte man auch von einem 4-6-0 sprechen. Es ist inzwischen ein Nachteil nur ein Spielsystem zu beherrschen, weil es gegen jedes taktische System probate Mittel gibt. Erfolg wird sich in Zukunft vor allem durch überraschende taktische Variationen einstellen. Das betrifft, aus meiner Sicht, auch die Standards. Wir haben inzwischen die Möglichkeit alle Spiele der A-Junioren-Bundesliga per Videostream zu analysieren. Unsere Gegner habe diese Möglichkeit selbstredend ebenfalls. Für meine Arbeit als Trainer hat das die Konsequenz, dass ich versuchen muss, auf dem Spielfeld Situationen herbeizuführen, mit denen der Gegner nicht rechnet. Taktische Flexibilität ist nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts.

Fedor Freytag: Das ist ja wohl generell eine neue Herausforderung, jedenfalls in der Komplexität. Neben den fußballerischen und körperlichen Qualitäten muss der moderne Fußballer eine Menge von diesen vielen taktischen Details begreifen und umsetzen.

Preußer: Absolut. Spielintelligenz ist heute fast schon eine zwingende Voraussetzung für Erfolg. Das ist nicht einfach, da man den Fakt kaum ignorieren kann, dass auch hier die Spieler sehr unterschiedliche Begabungen mitbringen. Manchen Spielern fällt es schwer Vorgaben zu verstehen und umzusetzen. Mit denen muss man anders sprechen, als beispielsweise mit einem Kevin Möhwald, der eine hohe Spielintelligenz aufweist. Auch die Fähigkeit zur offensiven Improvisation ist nur bedingt trainierbar. In der Defensive ist das vergleichsweise einfach: „Du läufst diesen Spieler so oder so an.“ Versteht jeder. Bei Angriffen gegen eine gut abgestimmte Defensive kann man Laufwege, etc. trainieren. Was man kaum trainieren kann, ist die Qualität den richtigen Zeitpunkt zu erkennen um Zuspiele in die Schnittstellen einer Verteidigungskette zu spielen.

Fedor Freytag: Inwieweit spielt es eine Rolle, dass Sie kein Fußballprofi waren? Oder ist es sogar ein Vorteil, einen unverstellten Blick von außen auf dieses Geschäft zu haben?

Preußer: Vor allem anlässlich meines Intermezzos als Trainer des Erfurter Drittligateams habe ich mir diese Frage auch gestellt.  Ich habe zwei Jahre sehr eng mit Norman Loose zusammengearbeitet, der jahrelang in der 2. Bundesliga aktiv war. Es ist einfach so, dass ich bestimmte Erfahrungen nicht gemacht habe. Das muss man sich auch eingestehen. Ich glaube, dass Norman Loose und ich voneinander viel gelernt haben. Ich profitierte sehr von seinen Erfahrungen als Profi, er von meinem sportwissenschaftlichen Wissen. Ich glaube, durch Neugier und die Bereitschaft von anderen zu lernen entstehen Erfahrungen mit denen sich vorhandene Defizite ausgleichen lassen. Zudem gibt es ja Trainer die sehr erfolgreich arbeiten, aber nie Profifußballer waren. Mir fallen da direkt Robin Dutt, Mirko Slomka oder Ralf Rangnick ein.

Fedor Freytag: Sie stammen aus Berlin. Wie intensiv verfolgen Sie noch den Berliner Fußball.

Preußer: Sehr intensiv. Ein guter Freund, Christoph Menz, spielt in der 2. Bundesliga bei Union (Anmerkung: Menz wurde inzwischen von Dynamo Dresden verpflichtet). Mein Heimatverein, VSG Altglienicke, hat in den letzten Jahren eine gewaltigen Aufstieg erlebt, spielt momentan sogar in der Oberliga im oberen Tabellendrittel. Auch Union hat in den letzten Jahren eine großartige Entwicklung genommen, sportlich und infrastrukturell.

Fedor Freytag: Herr Preußer, ich danken Ihnen für dieses Gespräch.

(Während ich den Artikel einstelle, gewinnt die U19 des 1. FC Köln gegen Kaiserlautern das Finale des DFB-Pokals. Im Viertelfinale dieses Wettbewerbs – eines gut besuchten Spiels übrigens – benötigten die Kölner einiges Glück, um sich gegen die von Christian Preußer trainierte U19 des RWE durchzusetzen. Auf ihn setzen viele beim Verein und im Umfeld ihre Hoffnungen für die Zukunft. Wie ich finde, zurecht.)

RWE vs. SV Wehen Wiesbaden 2:2 / Stabil auf der Intensivstation

Vom Punkt nicht zu stoppen: Nils Pfingsten-Reddig © www.fototifosi.de

Alois Schwartz hatte vor dem Spiel gewarnt. Wehen Wiesbaden sei fußballerisch besser als Rostock und gehöre eigentlich in gehobenere Regionen der Tabelle. Diese Einschätzung des RWE-Cheftrainers erwies sich als richtig. Mir ist es ein Rätsel, wie eine technisch so talentierte und taktisch reife Mannschaft sich Sorgen um den Ligaverbleib machen muss. Ist aber nur eine von vielen Fragen rund um diese seltsame 3. Liga. Und an dieser Stelle naturgemäß nicht die wichtigste.

Wieso die Fans des FC Rot-Weiß Erfurt um den Erhalt des Profifußballs in ihrer Stadt bangen müssen, ist vergleichsweise einfach zu beantworten. Das Spiel am vergangenen Samstag bot besten Anschauungsunterricht. Ohne Zweifel, Alois Schwartz ist es gelungen, die Mannschaft zu stabilisieren. Die Frage ist jetzt, ob das dabei erreichte Niveau ausreichen wird, die Klasse zu halten. Sagen wir so: es könnte eng werden. Schwartz hat – sieht man von Änderungen aufgrund von Sperren und Verletzungen ab – seine Mannschaft und sein System gefunden. Der RWE hat in den letzten 5 Spielen nicht verloren und 9 Punkte geholt. Da die anderen Vereine in ähnlich prekärer Lage die unschöne und enervierende Angewohnheit haben ebenfalls Punkte zu sammeln, befinden wir uns aber wieder auf einem Abstiegsplatz. Die Leistung der Mannschaft ist fragil. Jede Substanzeinbuße bedeutet Punktverluste. Oumaris Ausfall war am Samstag nicht zu kompensieren. Weder defensiv noch offensiv. Seine beiden Innenverteidiger-Kollegen koproduzierten einträchtig den Elfmeter für Wiesbaden zum 2:2-Endstand. Erst Möckel mit einem Pass direkt aus der Hölle, dann Kopilas mit einem Zweikampfverhalten selben Ursprungs. Ich weiß, es ist nicht lange her, da hatte ich dem Duo Morabit und Drexler noch die Qualität einer RWE-Lebensversicherung zugesprochen – leider waren ihre Leistungen in den letzten beiden Heimspielen nicht durchweg geeignet, diese optimistische Prognose besonders plausibel erscheinen zu lassen.

Trotzdem, Möckel, Kopilas, Drexler und Morabit sind ganz eindeutig nicht das Problem der Mannschaft. Sie machen Fehler und/oder leisten sich schwächere Spiele, aber im Grunde gehören alle unbestritten zu den Leistungsträgern des Teams.

Es gibt allerdings zwei Positionen, bei denen ich den Langmut und das Zueinander-Finden-Lassen von Alois Schwartz nicht verstehe. Die eine betrifft die rechte Seite der Viererkette, momentan konstant besetzt mit Phil Ofosu-Ayeh. Defensiv werden uns derzeit die Schwächen auf dieser Seite von jedem Gegner um die Ohren gehauen. So auch am Samstag bei der Führung des SVWW, als sich Ofosu einen schlimmen Stellungsfehler leistete und wirkungslos im Niemandsland herumstand, als die torvorbereitende Eingabe über seine Seite erfolgte. Offensiv ist die mangelnde Passgenauigkeit unseres Rechtsverteidigers bereits in der vergangenen Saison ein steter Quell meiner Frustration gewesen. Daran hat sich leider nichts zum Besseren verändert. Warum, frage ich mich, sitzt beispielsweise Maik Baumgarten nur auf der Bank. Klar, die Position wäre für ihn ungewohnt, aber der Junge ist in der Lage mit neuen Situationen gut und schnell fertig zu werden. Und, mal ehrlich, so gewaltig ist das Risiko einer Verschlechterung nicht.

Die zweite eklatante Schwachstelle ist für mich Mijo Tunjic im Sturmzentrum. Es ist unstrittig: er läuft viel, er kämpft, gibt nie auf, wirft sich in jeden Ball. Ja, ja, ja. Aber, ein Zuspiel auf ihn bedeutet oft auch das abrupte Ende eines Erfurter Angriffs. Worin seine Fähigkeiten liegen, kann man erkennen, sobald der Ball im Strafraum ist – mit jeder Faser seines Körpers versucht er das Runde irgendwie ins Eckige zu bugsieren. In solchen Situationen ist er gefährlich. Dies jedoch ist ein Talent, dass beim RWE momentan vergeudet ist. Die Mannschaft erarbeitet sich viel zu wenige solcher Torbelagerungen. Vor allem eine Folge davon, dass das Flügelspiel nicht forciert wird (oder aufgrund mangelnder Qualität nicht forciert werden kann). Wenn aus dem Spiel heraus Gefahr für das gegnerische Tor entsteht, dann meist mit schnellen Kombinationen, die über die Mitte oder die Halbräume vorgetragen werden. Das aber ist nicht das Spiel des Mijo Tunjic und wird es vermutlich nie werden. Weshalb er bei diesen Gelegenheiten oft wie ein Fremdkörper agiert. Alternativen? Wenige! Dazu alle verbunden mit mehr oder weniger großen Umbauten in der Mannschaft. Hier muss in der anstehenden Transferperiode gehandelt werden. Ein Stürmer vom Typ des Wiesbadener Wohlfarth sollte eigentlich zu bekommen sein, der erzielt zwar auch nicht in jedem Spiel fünf Tore, ist aber in der Lage, Bälle sicher zu behaupten und auf nachrückende Spieler zu verteilen.

Bilanz: Spielerisch war der SV Wehen Wiesbaden die klar bessere Mannschaft. Der RWE konnte mit den vorhandenen Kontergelegenheiten wenig anfangen, kämpferisch wusste die Mannschaft von Alois Schwartz allerdings erneut zu überzeugen. Pressing und Gegenpressing funktionierten zufriedenstellend. Wurde der Ball dem Gegner abgenommen, fehlte es jedoch meist an allem, was den Aufwand eines Pressings rechtfertigt: schnelles, entschlossenes Umkehrspiel, verbunden mit hoher Passgenauigkeit bei gut abgestimmten Laufwegen. Zwei Standardtore mussten her, sonst hätten wir das Spiel verloren. Auf der anderen Seite konnte der SVWW mit seinem spielerischen Potenzial verblüffend wenig anfangen. Vermutlich der Hauptgrund, warum eines der fußballerisch besten Teams der Liga so weit im Süden der Tabelle schmort.

Und wenn ich nicht mehr lachen kann, dann schau’ ich mir den Nachwuchs an. Sehr frei nach Erich Kästner. Es war schon in der letzten Saison ein probates Mittel – nach dürftigen Leistungen der Profis, ein Spiel der A-Junioren besuchen. Gestern gewann die Mannschaft von Christian Preußer 5:1 gegen den VfL Osnabrück. Der VfL ist Tabellenvierter und hatte bisher in 12 Ligaspielen ganze 11 Tore zugelassen. Spitzenwert in der Nordost-Staffel der Bundesliga. Gestern kamen fünf dazu. Bei eisigen Temperaturen sahen die Zuschauer eine kompakte, spielstarke Erfurter Mannschaft. Felix Robrecht, der im zentralen Mittelfeld defensiv wie offensiv den Takt vorgab, sowie Jonas Nietfeld ragten aus dem Kollektiv noch heraus. Nietfeld steht jetzt bei 9 Saisontoren und 15 Scorerpunkten. Damit führt er beide Liga-Statistiken an.

Was mir ungemein imponiert: Preußer gelingt es wieder, eine Mannschaft sukzessive zu verbessern. Im Vergleich zu den ersten Saisonspielen ist das fast komplett neu zusammengestellte Team kaum wieder zu erkennen. Selbst bei Pressing des Gegners wird versucht, die Situation spielerisch aufzulösen. Pressingresistenz nennen das die Taktikgurus. Die Mannschaft musste die letzte halbe Stunde in Unterzahl agieren. Der VfL machte Druck. Aber selbst während dieser Phase sah man kaum hektisch nach vorn gedroschene lange Bälle.

Ich weiß natürlich, dass man die 3.Liga und die A-Jugend-Bundesliga nur sehr behutsam miteinander vergleichen sollte. Doch genau dieser Mangel an Entwicklung zum fußballerisch Besseren (innerhalb einer Saison wohlgemerkt), nervt mich seit Jahren am Profiteam des RWE. Das war unter Emmerling nicht zu beobachten und daran hat sich leider wenig geändert. Nur, dass der Thrill diesmal existenzbedrohend ist.

Preußen Münster vs. FC Rot-Weiß Erfurt 3:2

Noch einer der Besten: Thomas Ströhl © www.fototifosi.de

«Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!» Hätte Hölderlin den RWE am Samstag kicken gesehen, dieser Satz wäre nie geschrieben worden. Dabei hatte ich mir vorher einiges ausgerechnet. Die Preußen waren drei Ligaspiele sieglos geblieben und lieferten unter der Woche dem FC Augsburg einen ebenso beachtlichen wie kraftraubenden Pokalfight. Als dann jedoch klar wurde, dass Drexler und Möckel nicht auflaufen würden, verflüchtigten sich diese Hoffnungen sofort. Fata Morgana nichts dagegen. Ich war sicher, dass diese Ausfälle nicht kompensiert werden könnten – und behielt leider recht.

Das Endresultat war noch das Beste an der Leistung der Erfurter Mannschaft. Oder das Schlimmste. Es ermöglichte Wilfried Mohren die irreführende Überschrift «Knappe Niederlage nach großem Kampf». Das klingt nach Fußball auf Augenhöhe, nach Hoffnung für die nächsten Aufgaben. Stand jetzt, alles falsch: kein Fußball, keine Augenhöhe, keine Hoffnung. Geschenkt, Mohren ist Pressesprecher des Vereins, er wird dafür bezahlt, das Positive aus jedem Spiel zu destillieren, selbst wenn man dafür ein Elektronenmikroskop benötigt. Im Grunde hat Marco Alles in der heutigen Ausgabe der TA sowohl meine Gemütslage als auch meine Einschätzung des Spiels treffend zusammengefasst: Trostlos.

Dann doch noch einige taktische Anmerkungen:

Seit Beginn der Rückrunde der letzten Saison hat der RWE Probleme bei hohen gegnerischen Standards. Alois Schwartz lässt Ecken mit einer Manndeckung verteidigen, wie das auch schon bei Stefan Emmerling der Fall war. Leicht verständlich: Jedem Spieler wird ein Gegenspieler zugeteilt, es kommt darauf an, gegen diesen das Kopfballduell zu gewinnen oder ihn zumindest entscheidend zu stören. Klappt aber nicht und das tut uns in dieser Saison noch sehr viel mehr weh als in der Letzten. Quasi existenzielle Pein. Christian Preußer hatte auf eine kombinierte Raum-Mann-Deckung bei Ecken umgestellt. Diese trägt dem Fakt Rechnung, dass zwei Drittel aller Tore nach Ecken über den sogenannten kurzen Pfosten erzielt werden. In den Spielen unter Preußer versammelten sich in dieser Zone die kopfballstärksten Erfurter Spieler: Möckel und Oumari. Beim Führungstor von Münster war überhaupt nicht zu erkennen, ob es sich um eine Raum- oder Manndeckung handelte. Es herrschte das pure Chaos im Strafraum. Und Oumari stand völlig wirkungslos am langen Pfosten herum.

Alois Schwartz am 11.09.2012 in der Thüringer Allgemeinen: «Ich bin ein Verfechter der offensiven Verteidigung, um den Gegner unter Druck zu setzen, den Ball zu erobern und schnell in die Tiefe zu spielen. Eher der Dortmunder als der Münchner Stil.» Niemand hier hätte etwas dagegen, wenn der RWE diesen Dortmunder Stil beherrschen würde. Nach dem Spiel in Münster müssen daran allerdings große Zweifel angemeldet werden. Die Mannschaft griff oft mit vier Spielern die Preußen tief in deren Hälfte an. Daran beteiligt waren Tunjic, Baumgarten, der ballnahe offensive Außenbahnspieler und Pfingsten-Reddig. Probleme gab es immer, wenn Münster dieses Pressing umspielen konnte, und dies war häufig der Fall. Dann öffnete sich ein gewaltiges Loch im Mittelfeld des RWE. Es ist immer etwas falsch gelaufen im Fußball, wenn Spieler des verteidigenden Teams mit dem Gesicht zum eigenen Tor Ball und Gegner hinterher rennen. Wie bereits bei einschlägigen Versuchen mit dieser Taktik in der letzten Saison (z.B. in Jena) war der Abstand zwischen der pressenden Offensivreihe und der Viererkette (plus Engelhardt davor) viel zu groß. Jegliche Kompaktheit ging dabei flöten. Das war beim Heimspiel gegen Offenbach noch völlig anders: Da liefen nur Tunjic und Möhwald (als zentraler Offensivspieler) die spielaufbauenden Gegner an, dahinter agierten zwei eng verbundene Viererketten. Ich habe den Eindruck, dass die Mannschaft mit dieser Vorwärtsverteidigung völlig überfordert ist. Wenn dem so ist, sollte dieses Experiment unverzüglich und zugunsten einer weniger komplexen Spieltaktik beendet werden. Es nützt nämlich nichts, wenn sie es am 30. Spieltag einigermaßen beherrscht, wir dann aber bereits 25 Punkte Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz haben.

Die Außenverteidigerpositionen waren in der letzten Saison bereits eine Dauerbaustelle. Hört sich ein bisschen nebensächlich an – Außenverteidiger. Nicht erst seit der Diskussion um Marcel Schmelzer wissen wir jedoch, dass Außenverteidigern im modernen Fußball eine exorbitant wichtige Rolle zukommt. Will man nicht permanent lange Bälle auf den Wide Receiver Mittelstürmer Mijo Tunjic schlagen müssen, sind sie für den Spielaufbau von kaum zu überschätzender Bedeutung. Spielaufbau bedeutet aber vor allem: sie müssen (als Minimalqualifikation) hohe Ball- und Passsicherheit mit gutem Zweikampfverhalten verbinden. Beides Attribute die momentan weder Czichos noch Ofosu-Ayeh auszeichnen. Hier ist guter Rat teuer, aber ich würde derzeit eher gelernte Mittelfeldspieler für diesen Positionen aufbieten. Baumgarten beispielsweise wäre einen Versuch wert.

Alle Mannschaften im Abstiegskampf haben ein spezifisches Dilemma, so auch der RWE. Nach schlechten Leistungen müsste die Mannschaft auf einigen Positionen umgebaut werden (wie z.B. in der Außenverteidigung). Diese permanenten Wechsel wiederum unterbinden jede Möglichkeit des Einspielens unter Wettkampfbedingungen. Das wäre notwendig, um Automatismen und Konstanz im Spiel zu etablieren. Ein Teufelskreis, um den ich Alois Schwartz nicht beneide.

1. FC Saarbrücken vs. RWE 0:2 / Der verdiente erste Auswärtssieg

Möhwald erzielte seinen ersten Drittligatreffer © www.fototifosi.de

Der Ludwigspark kündet eindrucksvoll von den großen Zeiten des 1. FC Saarbrücken. Und daran, dass diese bereits einige Zeit zurückliegen. Als Anhänger des RWE kommt einem das vertraut vor. Vertraut war einem auch die Aufstellung die Alois Schwartz ins Duell der beiden Traditionsvereine schickte. Wie bereits vermutet, änderte er Preußers Formation nur da wo er musste, und brachte Tunjic für den verletzten Morabit.

Die Spiele gegen Aachen und den BVB hatten der Mannschaft Sicherheit und Struktur gegeben. Das war von der ersten Minute an zu spüren. Wenn Saarbrücken das Spiel aus der Abwehr heraus aufbaute, versuchten Tunjic und Möhwald die Passwege ins Zentrum zu blockieren. Mit einigem Erfolg – der FCS war so gezwungen lange, hohe Bälle zu spielen oder verlegte seine Angriffsbemühungen viel zu früh auf eine der Außenbahnen. Beides war relativ einfach zu verteidigen. Möckel und Oumari machten ihren Job tadellos. Können sie diese Form konservieren, werden es Bertram und Rauw schwer haben ihre Stammplätze zurück zu erobern. Vor allem Möckel überzeugte mich dieses Mal nicht nur als Abwehrorganisator, sondern wusste sogar mit einigen gescheiten und genauen Bällen zur Spieleröffnung beizutragen. Bei eigenen Ballverlusten in der Hälfte von Saarbrücken wurde versucht – nicht selten mit Erfolg -, über Gegenpressing den Ball möglichst umgehend wieder in Besitz zu nehmen. Hier verdiente sich besonders der unglaublich agile und laufstarke Strangl Bestnoten, dem kein Weg zu weit und kein Zweikampf zu viel war. Im Grunde gilt dies ebenso für Drexler. Bei der Bewertung seiner Leistungen wird aufs Neue der Fehler wiederholt, der in der letzten Saison zu einem überkritischen Umgang mit Gaetano Manno führte. Beides sind von Haus aus Stürmer, müssen aber, wenn sie auf den Außenbahnen spielen, viel Energie aufwenden, um ihren defensiven Aufgaben nachzukommen. Exemplarisch erinnere man sich an die Defensivanfälligkeit der Bayern, sobald Robben und Ribéry ihre diesbezüglichen Pflichten vernachlässigen. Die Note 4 für Drexler in der heutigen TA ist eine Frechheit. Wer allein Tore zum Kriterium der Bewertung eines Spielers erhebt, versteht von der komplexen Aufgabenverteilung im modernen Fußball in etwa soviel wie Ottfried Fischer vom Vegetarismus.

Mijo Tunjic. Hier muss ich Abbitte leisten, denn eigentlich hatte ich nach dem Pokalspiel in Heiligenstadt alle Hoffnungen fahren lassen, dass es mit ihm und dem RWE noch jemals etwas werden könnte. Und jetzt das: Honeymoon – Kate und William vergleichsweise altes Ehepaar! Ganz abgesehen vom Tor – er nahm zum ersten Mal nennenswert am Spiel der Mannschaft teil, ließ sich tiefer fallen als zuletzt und erhielt so deutlich mehr Zugriff auf das Geschehen. Er leistete sich auch am Samstag das ein oder andere vermeidbare Fehlabspiel, glänzte aber andererseits mit einigen vertikalen, längeren Zuspielen. Und schoss – nach Freistoß von Pfingsten-Reddig – ein schönes, ungemein wichtiges Tor zur Führung des RWE. Wenn es ihm gelingt, diese Leistung zu verstetigen, werden wir noch viel Freude an ihm haben.

Meine einzige, klitzekleine Kritik am Coaching von Alois Schwartz: Ich hätte Tobias Ahrens schon zehn Minuten früher eingewechselt. Es sei an das Spiel der Erfurter in Wiesbaden in der letzten Saison erinnert. Bereits damals irrwischte Ahrens durch die Innenverteidigung und erzielte fast ein Tor. Diesmal hatte er (innerhalb von nur 4 verbleibenden Spielminuten) gleich zwei Großchancen, eine davon endete am Pfosten. Sobald nach einer Führung des RWE Konterräume vorhanden sind, ist Ahrens eine erstklassige Option. Mit seiner Schnelligkeit stellt er eine Heimsuchung für alle Verteidiger dar – noch dazu, wenn sie bereits 80 Minuten Spielzeit in den ausgelaugten Knochen haben.

Am nächsten Samstag kommt es im Steigerwaldstadion zum Spitzenspiel. Der Erste und Zweite der ewigen Drittligatabelle treffen aufeinander; gewinnt der RWE schubsen wir den OFC wieder vom Thron. Ein zweifelhaftes Vergnügen, ich weiß. Aber auch so ist das Wort vom Spitzenspiel nicht völlig absurd (sondern nur ein bisschen). Zwar ringen beide Mannschaften nach einem grandios verkorksten Ligastart vorerst um Anschluss ans Mittelfeld, allerdings befinden sich alle zwei Teams momentan in sehr guter Verfassung. Offenbach hat von den letzten 5 Ligaspielen drei gewonnen und keines verloren. Dazwischen fiel der so deutliche wie verdiente DFB-Pokalsieg gegen den Erstbundesligisten Greuther Fürth (2:0). Man muss kein Loddar Matthäus sein, um sicher davon ausgehen zu können, dass der OFC stärker sein wird als zuletzt Aachen, der BVB-Nachwuchs und Saarbrücken.

Ihr wisst schon: Prüfstein, harter Brocken und so.

Alois Schwartz? Alois Schwartz!

©kicker.de

Er ist mir damals nicht weiter aufgefallen. Er war der Mann neben Renè Müller, Feichtenbeiner und Kocian. Das ist natürlich kein Makel; die Aufgaben eines Assistenztrainers mögen vielfältig sein, die Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit zählt gewiss nicht dazu. Seine erste Erfurter Zeit endete 2005 mit dem Abstieg aus der 2. Liga.

Nach anderthalb erfolgreichen Jahren bei Wormatia Worms in der Oberliga Südwest verpflichtete ihn Anfang 2007 der FCK – auf dass er die zweite Mannschaft des Traditionsvereins vor dem Abstieg aus der Regionalliga bewahre. Das ging grandios schief. 2008 gelang jedoch der direkte Wiederaufstieg und seitdem schlägt sich der FCK II äußerst wacker in der starken Regionalliga West. Das wird wohl auch in dieser Saison so sein – seit zwei Tagen müssen sie in der Pfalz jedoch ohne Alois Schwartz auskommen.

Auch ich hatte eher mit Rico Schmitt als neuem Cheftrainer gerechnet, dessen Rausschmiss in Aue mir damals sehr voreilig erschien. Immerhin war er mit Aue aufgestiegen und unter ihm hatte Wismut 2010/2011 eine grandiose Saison in der 2. Bundesliga gespielt. Aus welchen Gründen auch immer, man hat sich mit ihm nicht einigen können. Ob er die bessere Wahl gewesen wäre, werden wir mithin nie erfahren.

Auf der gestrigen Pressekonferenz führte Rolf Rombach aus, dass für Alois Schwartz gesprochen habe, dass er das Nachwuchskonzept des RWE befördern wolle. Dies ist wieder so eine Aussage des Präsidenten, die ich für unglücklich halte. Ein Nachwuchskonzept kann ich auch in der Thüringenliga haben und befördern. Es kann unmöglich die primäre Intention eines auf einem Abstiegsplatz liegenden Drittligavereins sein, dies in der gegenwärtigen Situation zur ersten Maxime zu erheben. Nachwuchsarbeit ist immer und überall Mittel zum Zweck, nicht mehr und nicht weniger. Alles – inklusive das schönste Nachwuchskonzeptes – ist Makulatur, wenn der Profimannschaft der Klassenerhalt nicht gelingt. Für diesen Fall wird das Nachwuchskonzept zu unseren geringsten Sorgen zählen.

Aber, für die rhetorischen Unbeholfenheiten Rombachs kann Alois Schwartz nicht die Bohne. Er hat in Kaiserslautern nachgewiesen, dass es möglich ist, mit einem eher durchschnittlichen Kader attraktiven und durchaus erfolgreichen Fußball zu spielen. Wenn es ihm gelänge, die Mannschaft schrittweise von den Abstiegsplätzen ins gesicherte Mittelfeld zu führen, sollte man die Saison schon als Erfolg werten.

Einfach wird das nicht. Zu vielfältig sind – nach wie vor – die fußballerischen Defizite des Teams. Christian Preußer hatte im Pokal in Heiligenstadt Mijo Tunjic eine Einsatzchance in der Startelf gewährt. Genutzt hat er sie nicht. Er agiert nach wie vor wie ein Fremdkörper im Spiel der Mannschaft: einfache Bälle verspringen, Pässe über kurze Distanzen erreichen den Mitspieler nicht, selbst das Stellungsspiel bei gegnerischen Standards (also im eigenen Strafraum) gibt ihm nach wie vor Rätsel auf. Womöglich gelingt es ja Alois Schwartz den Holländer aufzubauen.

Wenn nicht, hat der RWE in der Offensive ein gewaltiges Problem. Dann lastet alles auf Drexler und Morabit. Fällt auch nur einer von beiden aus, ist das Angriffsspiel der Mannschaft sehr leicht ausrechenbar. Selbst für einen Verbandsligisten wie Heiligenstadt. Die nächste große Baustelle tut sich auf der linken Abwehrseite auf. Rafael Czichos hat gegen Dortmund defensiv recht gut gestanden, sein großes Manko liegt in der Spieleröffnung. Da spielt er chronisch haarsträubende Pässe in die Beine des Gegners. Gegen die Eichsfelder Amateure war das verkraftbar, in der Dritten Liga ist es das nicht.

Eine Menge Arbeit für den neuen Cheftrainer des RWE. Viel Glück dafür, Alois Schwartz! Ob er noch einmal auf dem – ohnehin sehr ausgedünnten – Spielermarkt tätig wird (werden kann oder darf) ist momentan ungewiss. Aber ich glaube, dass man dies wird tun müssen, zu offensichtlich sind die fußballerischen Mängel auf einigen Positionen. Ansonsten erwarte ich für das Spiel gegen Saarbrücken keine großen Veränderungen. Schwartz bevorzugt – wie Preußer – eine 4-2-3-1-Formation. Wir werden wohl dieselben Spieler wie gegen Dortmund auflaufen sehen – so sie denn gesund sind.

Alemannia Aachen vs. RWE: Den freien Fall gestoppt. Vorerst.

Ich habe gerade das Internet leer gelesen. Jedenfalls was die Berichte über das 1:1 des FC Rot-Weiß Erfurt bei Alemannia Aachen betrifft. Sehr viel schlauer bin ich nicht geworden. Im Grunde hätte ich es auch beim RWE-Ticker belassen können. Soviel jedoch scheint klar: Christian Preußer hat es geschafft die Mannschaft so zu stabilisieren, dass Sie bei einem Aufstiegsaspiranten ein verdientes Remis erreichte. Da er nicht selbst gespielt hat, ist es naheliegend, dass die von ihm vorgenommenen taktischen und personellen Änderungen dabei eine gewisse Rolle spielten.

Kleine taktische Revolution beim RWE: eine 4-2-3-1-Formation

Bertram, Tunjic und Rauw auf die Bank zu setzen war nach den bisherigen Saisonleistungen der drei Spieler konsequent. Sie wurden durch Czichos, Oumari und Strangl ersetzt, wobei vor allem Letzterem eine auffällige Partie nachgesagt wird. Dass er durch seine Dynamik dem Mittelfeldspiel gut tun könnte, hatte er bereits im Spiel gegen West Ham angedeutet.

Offensichtlich hat Preußer aber auch die taktische Ausrichtung der Mannschaft verändert. In allen Spielen unter Stefan Emmerling startete das Team mit einem 4-4-2: zwei Stürmer und eine flache Mittelfeldviererkette (also keine Raute) standen vor der Abwehr. Gestern verzichtete Preußer auf Tunjic, Morabit war der einzige nominelle Stürmer (der sich wohl ab und an mit Drexler ablöste). Es blieb bei zwei Sechsern (Engelhardt und Pfingsten-Reddig), davor spielten Czichos und Drexler auf den Flügeln und Möhwald als zentraler offensiver Mittelfeldspieler. Exakt die Position, die er unter Preußer auch bei den A-Junioren innehatte. Preußer stellte mithin auf ein 4-2-3-1-System um.

Allein die zahlenmäßige Aufwertung des Mittelfeldes scheint eine gewisse Konsolidierung der Defensiv-Offensiv-Balance mit sich gebracht zu haben, einhergehend mit einem deutlich konsequenteren Zweikampfverhalten. Gern möchte ich auch den Schilderungen glauben, die eine Verbesserung des Flügelspiels beobachtet haben wollen. Aber es wäre vermessen daraus bereits einen Trend ablesen zu wollen. Dazu kann ich erst nach dem Spiel gegen den BVB Verbindlicheres sagen. Hoffe ich jedenfalls.

Preußer ist Rombachs Favorit

Rolf Rombach hat offensichtlich die Absicht Christian Preußer als Cheftrainer zu berufen, sollte die Mannschaft am Samstag gegen den BVB gewinnen. Und würde damit das wohl größte Risiko seiner RWE-Präsidentschaft eingehen. Einerseits. Andererseits ist jede Entscheidung für einen neuen Trainer in dieser Situation ein Risiko. Man mag von den fachlichen, rhetorischen und menschlichen Qualitäten eines Coaches noch so überzeugt sein, eine Gewähr für sportlichen Erfolg sind sie nicht. Trotzdem wäre das eine sehr mutige Entscheidung, denn Christian Preußer hat keinerlei Meriten als Trainer im Profibereich vorzuweisen, ja mehr noch: er war nicht mal Profifußballer.

Aber, das waren Mirko Slomka und Ralf Rangnick ebenfalls nicht (vielen Dank an “RWE-Chris” für den Hinweis). Beide zählen zu den profiliertesten Fußballlehrern des Landes. Arrigo Sacchi, Trainer der brillanten Mannschaft des AC Mailand Ende der 80iger Jahre, sagte man nach, dass er nur mit Mühe geradeaus laufen konnte, geschweige denn in der Lage war, unfallfrei vor einen Ball zu treten. Andere Beispiele erfolgreicher Trainer ohne vorhergehende Profikarriere sind Volker Finke und Christoph Daum.

Ein grandioses Beispiel wie ein A-Jugendtrainer einen Verein vor dem Abstieg rettete, lieferte in der vergangenen Saison der SC Freiburg. Nach der Hinrunde noch abgeschlagener Tabellenletzter, holte Christian Streich mit dem Sportclub 27 Punkte in der Rückrunde und wurde für diese Leistung – völlig zu Recht – Dritter bei der Umfrage zum Trainer des Jahres. (Bei mir hätte er sie übrigens gewonnen.) Deshalb: Die mangelnde Erfahrung im Profibereich ist aus meiner Sicht kein stichhaltiges Argument gegen Christian Preußer.

Viel essenzieller für den Erfolg Preußers wird sein, dass Mitglieder, Vorstand, Aufsichtsrat und Anhängerschaft des Vereins auch noch hinter dieser Entscheidung und ihrem jungen Trainer stehen, wenn mal zwei Spiele nacheinander verloren gehen. Dieser Fall wird eintreten, früher oder später.

Last but not least: Die Mannschaft muss den Trainer akzeptieren. Das lässt sich nicht verordnen. Der Vorstand sollte sich sehr sicher sein, dass gerade die erfahrenen Spieler hinter Preußers Stil und Konzept stehen. Dabei sollte man leicht dahin gelabernden Lippenbekenntnissen misstrauen. Die werden bereits bei geringsten Differenzen keinen Wert mehr besitzen.

Zusammenfassung im Konjunktiv (weil es allein von der sportlichen Entwicklung abhängig ist, ob es dazu kommt): Aus rein fachlicher Sicht würde ich eine Berufung Christian Preußers für völlig gerechtfertigt erachten. Trotzdem ginge der Verein, namentlich Rolf Rombach, damit ein exorbitantes Risiko ein. Ein größeres Risiko jedenfalls, als mit der Berufung eines anerkannten, erfahrenen Fußballlehrers. Im Falle des Misserfolges (Definition Misserfolg: der RWE setzt sich auf den Abstiegsplätzen fest) werden alle die es mit Rolf Rombach nicht so gut meinen (und das scheinen angesichts der Wortmeldungen der letzten Tage nicht wenige zu sein) einen Shitstorm bisher ungeahnten Ausmaßes in seine Richtung lostreten.

Dem Präsidenten des RWE steht also – möglicherweise – in den nächsten Tagen eine Entscheidung bevor, um die ich ihn nicht beneide.