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RWE vs. HFC 3:0 / Some like it hot

So viel Beifall war lange nicht auf der Haupttribüne des Steigerwaldstadions. Das lag zum einen am starken Spiel der Erfurter Mannschaft, zum anderen waren die Fans des RWE schlichtweg erleichtert, dass ihnen ein Höllenstart wie in die letzte Saison erspart blieb. Zum ersten Mal seit dem Spieljahr 2000/2001 startete der FC Rot-Weiß Erfurt wieder mit zwei Siegen in eine Ligasaison. Dieser Rückgriff auf die Statistik macht allerdings ebenfalls deutlich, dass zu Euphorie kein Anlass besteht, denn am Ende nämlicher Saison stand der RWE auf einem Abstiegsplatz und vermied die Viertklassigkeit nur aufgrund des Lizenzentzuges für den SSV Ulm.

Fit wie ein Turnschuh

Über die Tropenhitze wurde vor dem Spieltag viel diskutiert, vielleicht ein bisschen zu viel für meinen Geschmack, sie sollte am Ende keine entscheidende Rolle spielen. Natürlich dauert die Regeneration der Spieler länger als nach einem Spiel bei «Normaltemperatur». Doch Fußballprofis sind austrainierte Leistungssportler, und hätte man nicht gewusst, dass auf dem Spielfeld über 40 Grad herrschen, dem Spieltempo wäre es nicht zu entnehmen gewesen. Das dritte Tor für den RWE fiel nach der fußballerisch schönsten Kombination des ganzen Spiels – in der letzten Spielminute. Wie bereits in Stuttgart machte der RWE am Ende des Spiels sogar den, im Vergleich zum Gegner, etwas frischeren Eindruck. Dies ebenfalls ein Indiz für die exzellente Vorbereitung unter Walter Kogler.

Das 4-4-2-System funktioniert

Die Systemfrage hatte Walter Kogler eine gute Woche vor Saisonstart entschieden. Er legte sich (vorerst) auf ein 4-4-2 fest. Das kommt Mijo Tunjic sehr zu passe, er profitiert am meisten davon, nicht mehr alleiniger Zielspieler im Sturmzentrum zu sein. Es gestattet ihm, sich häufiger auf die Flügel zu orientieren, mit den Außen das Kombinationsspiel zu suchen, von dort nach innen zu ziehen oder für nachrückende Mittelfeldspieler Räume zu eröffnen, indem er dem strafraumnahen Spiel solcherart mehr Breite verleiht. Am Samstag ist mir überdies aufgefallen, dass er auffallend oft Kopfballduelle gewann, das war in der letzten Saison ebenfalls ein Manko, jedenfalls, wenn man seine körperlichen Vorzüge in dieser Disziplin berücksichtigt. Sollte er diese Form konservieren und gemessen an seinen oft glücklosen Darbietungen in der letzten Saison, ist es kaum übertrieben zu behaupten: Wir begrüßen (diesen) Mijo Tunjic als weiteren Neuzugang beim FC Rot-Weiß Erfurt.

Brandstetter kommt sukzessive besser in Form. Schade, dass sein Schuss nur die Latte traf, denn ein Tor wäre auch ihm zu gönnen gewesen. Ich schreibe jetzt allerdings nicht, dass sein erstes Tor nur eine Frage der Zeit ist, denn als ich dies das letzte Mal getan habe, hat man von dem Spieler nie wieder was gehört (Tobias Ahrens). Klar ist aber: wenn Brandstetter gesund bleibt, werde ich hier noch sehr enthusiastische Dinge über ihn zu berichten wissen.

So wie über Aykut Öztürk, diesem Gott des körpernahen Kleindribblings. Keine Ahnung, wie oft es diese Abfolge jetzt bereits gab: Dribbling Öztürk, Foul an Öztürk. Elfmeter. Pfingsten. Tor. Ich bin mir sicher, dass der HFC-Coach Köhler seine Jungs exakt davor gewarnt hatte. Allein, es nützte nichts. Öztürks enge Ballführung, sein geschicktes Abschirmen des Balls mit dem Körper und die kurzen, minimalistischen Ballberührungen provozieren Abwehrspieler immer wieder das zu tun, was sie besser bleiben ließen: einen Tritt in Richtung des Balles zu riskieren, der aber schon gar nicht mehr an der vermuteten Stelle ist. Nur Aykut Öztürks Standbein ist noch da.

Nach der Auswechslung Brandstetters in der 70. Minute stellte Kogler auf ein 4-2-3-1 um. Der ins Spiel gekommene Baumgarten rückte neben Engelhardt auf die Sechserposition und Pfingsten-Reddig gab bis zum Spielende den Zehner. Was er sehr gut machte, nicht von ungefähr ging von ihm die entscheidende Aktion vor dem dritten Tor aus. Seine Beidfüßigkeit kommt ihm auf dieser Position ebenso entgegen wie sein Antizipationstalent – findet er keine sinnvolle vertikale Passoption, versucht er das Spiel zu verlagern oder gänzlich neu aufzubauen. Wilfried Mohren würde hier von einem retardierenden Moment sprechen, man könnte – etwas vulgärer – auch sagen: Pfingsten verzögert das Spiel bis er eine sinnvolle Fortführung entdeckt. In jedem Fall –  keine riskanten Dribblings, Vermeidung unnötiger Ballverluste.

Marginalien und Ausblicke

Der Umzug der Ultras auf die Haupttribüne hat der Stimmung insgesamt gut getan – was hoffentlich auch bei weniger günstigen Spielverläufen und -ausgängen so bleibt. Der neue Stadionsprecher befindet sich noch in der Ausbildung, da sollte ihm der ein oder andere Verhaspler großherzig verziehen werden. Im Grunde ist mir jedoch völlig egal wie die Tore des RWE der Welt verkündet werden – Hauptsache bleibt, sie fallen in hinreichender Anzahl.

Das Pokalfiasko bei Schott Jena hat ja womöglich doch einen kleinen Kollateralnutzen. Es gibt Walter Kogler zwei weitere Wochen Zeit, in Ruhe mit der Mannschaft zu arbeiten. Bis hierher scheint jeder Trainingstag unter seiner Anleitung, dem Team gut getan zu haben.

Rot-Weiss Erfurt vs. Hallescher FC 2:1 / Keine Luftgitarre

Das war eine gute Woche für den Fußballclub Rot-Weiß Erfurt. Erst wurde Präsident Rolf Rombach mit einem erstaunlichen Resultat im Amt bestätigt. Dann bestätigten die angestellten Kicker ihren Willen und ihre Fähigkeit, den Verein in der 3. Liga zu halten. Am Verdienst dieses Sieges gegen den Halleschen FC sind Zweifel unangebracht, selbst wenn er am Ende glücklich zustande kam.

Ich war sehr gespannt, wie RWE-Trainer Alois Schwartz mit dem Ausfall Morabits und dem personellen Überangebot überzeugend spielender Innenverteidiger umzugehen gedachte. Er ließ sich etwas Überraschendes einfallen: Oumari wurde als rein defensiver Sechser aufgestellt, während Pfingsten-Reddig und Engelhardt deutlich davor agierten. Mittels Oumaris Absicherung sollten sie mehr Druck nach vorn entfalten, um auf diese Weise Morabits Ausfall zu kompensieren. Das gelang zufriedenstellend. Oumari merkte man nicht an, dass er diese Position zum ersten Mal spielte, er gewann viele Zweikämpfe und leistete sich nur wenige Abspielfehler. Nach Ströhls Auswechslung stellte er seine Polyvalenz endgültig unter Beweis, als er für diesen auf die linke Seite der Viererkette wechselte. Engelhardt und Pfingsten-Reddig schlugen manchen klugen Pass nach vorne, leisteten sich aber auch das ein oder andere nicht ungefährliche Fehlabspiel. Aber der HFC war am Samstag nicht die Mannschaft, dies verwerten zu können. Ich wette darauf, dass wir diese Aufstellung im Mittelfeld, taktisch wie personell, nicht zum letzten Mal gesehen haben.

Ofosu-Ayeh verbrachte auf der rechten Abwehrseite einen ruhigen Nachmittag, was er leider nicht für eine aktivere Rolle im offensiven Flügelspiel zu nutzen wusste (oder durfte). Wenn der HFC über die Außen kam, dann mit dem sehr gefälligen Lindenhahn auf der anderen Seite. Dort hatte Ströhl große Mühe den quirligen Angreifer zu kontrollieren. Er wurde allerdings auch oft allein gelassen. Möckel und Kopilas absolvierten ihre defensiven Aufgaben routiniert und waren bei quasi allen eigenen Standards in der Hälfte des HFC präsent. Diese Präsenz sollte am Ende spielentscheidend werden. Tunjic zeigte sich deutlich verbessert. Es gelang ihm, einige Bälle im Angriff zu behaupten und zu verteilen. Er leistete sich nur wenige leichte Abspielfehler. Leider blieb ihm ein Tor versagt. Ganz ohne Zweifel war dies einer der besten Auftritte von Mijo Tunjic im Trikot des RWE.

Eines wird zudem immer offensichtlicher. Alois Schwartz baut auf Standards. Wir haben am Samstag 10 Ecken zugesprochen bekommen, gut die Hälfte davon war von brauchbarer Qualität. Das ist – gemessen an der Vorsaison – ein guter, fraglos aber noch steigerungsfähiger Wert. Doch die Qualität der Eingaben ist das eine, die Qualität der potenziellen Abnehmer ist mindestens ebenso relevant. Und hier hat sich gewaltig etwas zum Besseren verändert. Allein die körperliche Präsenz von Möckel, Kopilas und Oumari im gegnerischen Strafraum ist beeindruckend. Kein Zufall, dass dem Siegtor ein gewonnener Kopfball von Möckel vorausging, der (über kleine Umwege) Öztürk den Ball vor die einschussbereiten Füße geraten ließ und den Fans des RWE einen versöhnlichen Abschluss dieses aufgeregten und aufregenden Fußballjahres bescherte.

Ich wünsche Euch und Euren Familien ein richtig schönes Weihnachtsfest und einen rundum gelungenen Start ins Neue Jahr. Je nach persönlichem Temperament: besinnlich, fröhlich oder knallig laut.

Bedanke möchte ich mich für die Treue aller Leser dieses Blogs und die durchweg positive, sehr freundliche Resonanz. Bleibt mir gewogen.

Fedor Freytag