Tag Archiv für Hansa Rostock

Hansa Rostock vs. Rot-Weiß Erfurt 1:1

2013_09_28_[H]_Erfurt_3-1_Osnabrück

Der erste Punkt der neuen Saison ist auf der Habenseite verbucht. Nichts was man ausgelassen bejubeln müsste, aber ein Unentschieden in Rostock ist auch nicht Nichts.

Zunächst schien es, als ob Rostock an die erste Halbzeit gegen Münster anknüpfen wollte, doch als diese ersten zehn Minuten hanseatischen Sturm und Drangs überstanden waren, passierte bis zu Brandstetters Tor nicht viel. Rot-Weiß verteidigte geschickt, das heißt kompakt und vermied zudem größere Risiken in der Vorwärtsbewegung. Gegen eine solcherart agierende Erfurter Mannschaft fiel Hansa wenig ein. Die Zuschauer sahen ein schwaches Drittligaspiel, das seinen fußballerischen Höhepunkt in der 78. Minute hatte, als der eingewechselte Brandstetter eine glänzende Kombination über Möhwald und Wiegel zur Erfurter Führung einköpfte.

In der Logik dieses chancenarmen Spiels hätte es gelegen, dass dieser einsame fußballerische Gipfel für einen Dreier genügt. Leider stand dem die zwingendere Logik einer obskuren Erfurter Fußballtradition entgegen: Unaufmerksamkeit nach eigenen Toren. Bereits nach dem direkten Wiederanstoß schlief Judt den berühmt-berüchtigten Juri-Schlaf. Leider kennt man diese Konzentrationsschwächen von ihm zur Genüge, hauptverantwortlich dafür, dass seine bisherige Karriere weit unter seinen fußballerischen Fähigkeiten verläuft. Das ging zunächst noch einmal gut, er wurde – Fußball ist oft ein ironischer Sport – von Kleineheismann zusammengefaltet. Ein paar Minuten später traf unser Innenverteidiger ins eigene Netz. Es gibt Eigentore, bei denen man dem Verursacher nicht wirklich einen Vorwurf machen kann. Der Ausgleich gestern zählt nicht dazu.

Wiewohl Kleineheismann natürlich wieder mal nur am Ende einer Fehlerkette stand. Los geht es eigentlich schon bei Tyrala, der bei der Hereingabe von der rechten Rostocker Seite viel zu weit wegsteht von seinem Gegenspieler; dann gewinnt Judt einen Zweikampf, aber Möckel kann den Ball nicht klären und am Ende kickt eben Kleineheismann eine eigentlich harmlose Hereingabe ins eigene Tor. Manchmal denke ich: Sic transit gloria mundi (so vergeht der Ruhm der Welt) ist das eigentliche Motto des Erfurter Fußballs. Natürlich ist das Unentschieden gerecht, schon allein, weil eigentlich keiner der beiden Mannschaften gestern drei Punkte verdient gehabt hätte. Aber seien wir ehrlich, gestern hätten wir gut mit dieser im universalen Maßstab vergleichsweise kleinen Gerechtigkeitslücke leben können.

Gesicherte Angaben zum Spielsystem liegen Stand jetzt noch nicht vor. Wieder mal herausragend verwirrend die Grafik des mdr-Spielberichtes, mit einer taktischen Formation, die man in Leipzig vermutlich vom kleinen Bruder des Praktikanten hat zusammenwürfeln lassen. Wenn man schon keine Ahnung hat, steht einem ja offen, das Spielsystem bei den Verantwortlichen zu erfragen – man nennt es Journalismus.

Nach allen was mir an Informationen und Bildern vorliegt, würde ich mal mit einiger Sicherheit von einem 4-1-4-1 ausgehen. Mit Menz auf der zentralen defensiven Position im Mittelfeld, davor die beiden Achter Tyrala und Möhwald, Bukva und Eichmeier auf den beiden Außenpositionen und Falk als einziger Spitze. Werden wir – je nachdem wie Kogler den Fitnesszustand von Brandstetter einschätzt – möglicherweise am Dienstag gegen den VfB noch einmal zu sehen bekommen. Wie es in dieser Systemfrage (ein oder zwei Mittelstürmer) weitergeht, wird interessant zu verfolgen sein. Ich habe da keine besondere Präferenz, für mich ist es wichtiger, dass die Passgenauigkeit und die darauf aufbauende Variabilität des Offensivspiels peu à peu besser wird.

Letzten Samstag hat nicht viel zu einem Punkt gefehlt, gestern trennten uns nur drei Minuten vom ersten Sieg. Die Hoffnung auf drei Punkte am Dienstag ist also nicht völlig abwegig. Das wird schwer genug gegen die bereits jetzt unter Druck stehenden Talente des VfB Stuttgart. Gelingt es, kann man aber mit einiger Berechtigung von einem halbwegs gelungenen Start in die neue Saison sprechen. Von einem, auf dem sich aufbauen lässt.

Last but not least bleibt zu hoffen, dass sich unser Kapitän nicht so schwer verletzt hat, wie es die ersten Bilder und Nachrichten vermuten ließen. Gute Besserung, André Laurito!

Rot-Weiß Erfurt im November 2013: eine emotionale Achterbahnfahrt

NPRIch muss gestehen, dass ich das Blog betreffend momentan eine kleine Novemberdepression durchleide. Der mitteilbare Neuigkeitswert der letzten Spiele ist gering. Die Mannschaft macht einen gefestigten Eindruck, spielt einen Fußball, den sie beherrscht, und hat die letzten drei Partien ohne Gegentor gewonnen. Das ist fraglos großartig. Die Spiele ähneln einander: Man beginnt mit der klaren Vorgabe ein Gegentor zu vermeiden, defensive Kompaktheit dominiert die Taktik. Je nach Spielentwicklung und Gegner wird dann das Risiko überschaubar erhöht. Faszinierend, dass wir mit dieser Spielweise inzwischen die meisten Tore der Liga erzielt haben. Und ein Indiz dafür, dass Walter Kogler seiner Mannschaft inzwischen diesen Stil sehr gekonnt in die fußballerische DNA gemendelt hat. Allerdings bietet dies, man muss es ja eigentlich gar nicht betonen, keine Gewähr dafür, dass es mit dem Siegen so weiter geht. Siehe die Niederlagen im Oktober, bei denen die Mannschaft kaum schlechter Fußball spielte, allerdings nicht das nötige Spielglück auf ihrer Seite hatte.

Nachrichten aus der Hölle: die Verletzungen von Brandstetter und Möhwald

Kevin Möhwald musste im Spiel gegen Darmstadt nach 20 Minuten verletzt vom Platz. Das sah schon vor Ort übel aus, und leider haben sich die unguten Ahnungen bestätigt. Er wird in diesem Jahr dem Verein nicht mehr zur Verfügung stehen. Eine erhebliche Schwächung, denn auf der 6er-Position hat sich der Nachwuchsnationalspieler mit dynamischer Spielweise, uneitler Mannschaftsdienlichkeit und technischer Beschlagenheit unentbehrlich gemacht. Für das Spiel gegen Hansa steht vermutlich auch Pfingsten-Reddig nicht zur Verfügung (Virusbefall), sodass entweder Baumgarten mal wieder eine Startelf-Chance bekommt und neben Engelhardt aufläuft, oder, da die Sperre von Czichos abgelaufen ist, dieser in die Innenverteidigung rückt und Kleineheismann ins zentrale defensive Mittelfeld. Da mit Leonhard Haas der beste (und offensivstärkste) zentrale Mittelfeldspieler der Rostocker gegen RWE fehlen wird, könnte Kogler sich für die offensivere Variante mit Baumgarten entscheiden. Andererseits wäre die Doppelsechs mit Engelhardt und Kleineheismann vielleicht das entscheidende Quantum zu viel an defensiver Kompetenz für die ohnehin zu Hause bisher nicht sonderlich offensivstarken Hanseaten.

Fast noch dramatischer liest sich Brandstetters Prognose. Vor allem, weil sich der Eindruck orthopädischer Ratlosigkeit nachgerade aufdrängt. Zwei Operationen, dann Reha, Rückkehr ins Mannschaftstraining, erneute Schmerzen, jetzt wieder Physiotherapie. Keine halbwegs gesicherte Genesungsprognose in Sicht. Man kann Simon Brandstetter schlichtweg nur wünschen, dass sich alles noch zum Guten wendet und er möglichst bald wieder seinem Beruf nachzugehen in der Lage ist. Aus der egoistischen Sicht eines Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt heißt dies vor allem: Wir müssen auf unabsehbare Zeit auf unseren besten Stürmer verzichten. Es ist ohnehin ein kleiner Triumph, dass wir trotzdem die meisten Tore erzielt haben.

Was ist nur in dich gefahren, Nils?

Jeder der hier schon länger ab und an vorbeischaut wird wissen, wie sehr ich den Fußballer Nils Pfingsten-Reddig schätze. Ich halte mir auch zugute, ihn stets gegen – aus meiner Sicht – ungerechtfertigte oder überzogene Kritik verteidigt zu haben. An dem Menschen und Fußballprofi gab es ohnehin nichts auszusetzen. Bis jetzt. Ich kann nachvollziehen, dass es einen Profifußballer ins Mark trifft, wenn er seinen Platz in der Startelf verliert. Geht einem ja beruflich oder privat nicht anders. Was ich nicht ausstehen kann, sind egomane Kaspereien wie der Torjubel unseres Kapitäns nach seinem Elfmetertor am Freitag. Gepaart mit dem per Interview geäußerten Ultimatum an den Verein, ihn entweder spielen oder zur Winterpause gehen zu lassen. Wie Möhwalds Verletzung deutlich macht, benötigen wir auf jeden Fall mehr als zwei überdurchschnittliche Spieler im zentralen Mittelfeld. Sportlich wäre es daher eine grandiose Schwächung, wenn man Pfingsten-Reddig ziehen lassen würde. Es sollte aber sichergestellt sein, dass solche öffentlichen Trotzposen ebenso unterbleiben wie auflagenstark lancierte Unverschämtheiten gegenüber dem eigenen Arbeitgeber. Wenn er das weiter so treibt, soll man ihn gehen lassen. Die ansonsten zu befürchtende permanente Unruhe braucht kein Mensch.

Finanzielle Hiobsbotschaft steht zu erwarten

In einem Artikel der Thüringischen Landeszeitung werden Äußerungen von RWE-Präsident Rolf Rombach zur wirtschaftlichen Situation des Vereins wie folgt wiedergegeben: «Als ‘desaströs’ beschreibt er die vergangene Saison, ohne im Vorfeld schon Einzelheiten nennen zu wollen.» Gemeint ist das Vorfeld der Mitgliederversammlung, die in der nächsten Woche stattfindet. Nun, wir alle wussten bereits, dass RWE sexy aber bettelarm ist. Diese Äußerung von Rombach hört sich allerdings nach Intensivstation an. Aber gut, ich will mich dem Vorbild unseres Präsidenten anschließen und «im Vorfeld» keine weiteren Spekulationen anstellen. Es soll allerdings schon Onkologen gegeben haben, die an Krebs starben. Hoffen wir einfach mal, dass Rot-Weiß Erfurt nicht der erste Verein im deutschen Profifußball sein wird, der vom hauseigenen Insolvenzverwalter in die Insolvenz geführt wird. Ehrlich gesagt mag ich daran nicht wirklich glauben. Es stünde für die berufliche Reputation Rolf Rombachs zu viel auf dem Spiel. Dennoch ist zu befürchten, dass für eventuell notwendige personelle Nachrüstungen in der Winterpause (siehe oben) kein Geld zur Verfügung steht. Beim tabellarischen Stand der Dinge wäre das keine Katastrophe. Womöglich aber eine vertane Chance. Und die sind im Fußball so launisch wie rar. Jedenfalls für einen Klub wie den unseren.

FC Rot-Weiß Erfurt vs. Hansa Rostock 1:1

© www.fototifosi.de

Ja, was denn nun? War das jetzt Pfingsten-Reddigs 15. (Marco Alles in der Thüringer Allgemeinen) oder 16. Elfmetertor (Thomas Czekalla in der TLZ) seit er für den RWE in der 3. Liga spielt. Fragte sich der Blogger, «recherchierte» selbst und stellte fest: Beides ist falsch. Es war sein 14. Treffer vom Punkt im 15. Versuch (2010/2011 – 7/8; 2011/2012 – 5/5; 2012/2013 – 2/2). Sagt jedenfalls der KICKER – und der ist, was Statistiken angeht über jeden Zweifel erhaben. Ergibt noch immer eine herausragende Quote von 93,3 Prozent. Herausragend deshalb, weil der Durchschnittswert im internationalen Profifußball seit Jahrzehnten stabil bei ziemlich exakt 75 % verharrt.

Ansonsten hatte das Spiel nicht wirklich einen Sieger verdient. Beide Mannschaften lieferten in der Defensive Überzeugendes, offensiv blieben fast alle Wünsche offen. Die Passgenauigkeit im Angriffsspiel des RWE lag bei gefühlten zehn Prozent. Damit konnte man die stabile Hansa-Abwehr so gut wie nie in Verlegenheit bringen. Drexler und Morabit hatten nicht ihren besten Tag und dieses Mal gab es auch keinen singulären Geniestreich, der noch eine Woche zuvor in Darmstadt die drei Punkte bescherte. Kein Beinbruch, am kommenden Sonnabend bereits kann das gegen Wehen Wiesbaden wieder ganz anders aussehen.

Trotzdem ärgerlich, dass wir uns das Gegentor erneut nach einer Ecke einfingen. Und dieses Mal bestätigte die Realität die Statistik. Zwei Drittel aller Tore nach Ecken fallen bei Aktionen über den eckennahen (vulgo: kurzen) Pfosten. Das war auch dieses Mal nicht anders. Von dort wurde der Ball durch einen Rostocker in die Mitte verlängert, wo er im Gewimmel seinen Abnehmer fand. Dieses Mal war die sensible Zone sogar mit zwei Erfurter Spielern abgedeckt, aber sowohl Möhwald als auch Tunjic flogen am Ball vorbei. Die beiden stärksten Erfurter Kopfballspieler Kopilas und Oumari konnten nicht eingreifen, weil sie mit der Manndeckung anderer Angreifer befasst waren. Vielleicht sollte man ernsthaft darüber nachdenken, einen von beiden aus der Manndeckung zu nehmen, umso mehr Stabilität bei der Abwehr von Ecken zu erreichen.

Der Mann des Tages war für mich ohne jeden Zweifel Joan Oumari. Er machte eines seiner stärksten Spiele im Trikot des RWE und verlor so gut wie keinen Zweikampf. Nicht zum ersten Mal machte er sich außerdem mit exakten, langen Bällen um die Spieleröffnung verdient. Ich bin ja grundsätzlich kein Freund von weiten, hohen Zuspielen aus der Abwehr, aber wenn sie die Qualität von Oumaris Pässen haben, kann man so viel dagegen nicht einwenden. Schon gar nicht in unserer Situation. Zudem zeigt er sich in den letzten Spielen deutlich verbessert, was sein taktisches Verhalten betrifft. Noch am Anfang der Saison rückte er situativ oft ins Mittelfeld oder auf die Außenpositionen, verfehlte dann aber den Ball oder verlor den Zweikampf, was zwangsläufig zu Lücken in der Innenverteidigung führte. Das passierte ihm am Samstag so gut wir gar nicht. Wann immer er entschied herauszurücken, klärte er die Situation. Fabelhaft!

Zum Abschluss ein paar Gedanken zur Situation von Alemannia Aachen. Wenn ich es recht verstanden habe, ist der Insolvenzantrag gestellt, das Insolvenzverfahren soll jedoch erst nach Beendigung der Saison eröffnet werden. Laut den Statuten des DFB bedeutet dies einen Zwangsabstieg in die Regionalliga, allerdings darf die laufende Spielzeit zu Ende absolviert werden. Wenn dem so ist (ich das also korrekt verstanden habe), dann ist dies eine äußerst fragwürdige Regelung. Vor der Winterpause sind noch drei Spiele der Rückrunde zu absolvieren. Danach beginnt die Transferperiode. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass Aachen versuchen wird eine Reihe von Leistungsträgern zu verkaufen. Zum einen, um noch ein wenig Kasse zu machen, zum anderen um Personalkosten zu senken. Die Mannschaft vor der Winterpause wird mit der Mannschaft nach der Winterpause nicht mehr allzu viel gemeinsam haben. Was aus wirtschaftlicher und insolvenzsrechtlicher Sicht geboten scheint, ist sportlich nur eins: Wettbewerbsverzerrung. Wenn feststeht, dass eine Mannschaft formal keine sportlichen Ambitionen mehr in einem Wettbewerb hat (haben darf), dann kann es nur eine Lösung geben: Diese Mannschaft muss sofort aus diesem Wettbewerb entfernt werden und all ihre bisher erzielten Resultate werden annulliert.

Niemanden freut es, wenn ein Traditionsverein pleitegeht. Aber die Alemannia wird sich berappeln, sie wird nicht dauerhaft von der fußballerischen Bildfläche verschwinden. Der Verein bezahlt nun den Preis für sein Fehlverhalten – und das ist mehr als legitim. Es ist gerecht. Es ist gerecht gegenüber den halbwegs solide wirtschaftenden Vereinen, die mit sportlichen Niederlagen dafür bezahlen, dass sie den Gang zum Konkursrichter nicht billigend in Kauf nehmen. Die – wie der RWE – aus der Vergangenheit gelernt haben.