Tag Archiv für Göbel

SV Elversberg vs. Rot-Weiß Erfurt 2:0 / Die Substanz ist aufgebraucht

Ich habe es noch nie für sonderlich sinnvoll gehalten, auf eine Fußballmannschaft, die gerade sehr schlecht spielt und, ja, am Boden liegt, verbal einzudreschen. Schon gar nicht, wenn ich ein Anhänger dieser Mannschaft bin. Ist davon irgendwo jemals etwas besser geworden? Aber ich gebe zu, dass mir die Wahrung dieses Grundsatzes nach den zuletzt gezeigten Leistungen des FC Rot-Weiß Erfurt, eine nicht zu unterschätzende zivilisatorische Anstrengung abverlangt.

Motto des Spiels:

Stairway to hell.

Die Aufstellung:

Nach Mijo Tunjics Mittelfußbruch und Kammlotts 5. Gelber Karte gingen Walter Kogler die Stürmer für das ansonsten gesetzte 4-4-2-System aus, was wohl der Hauptgrund war, dass RWE in Elversberg nur mit einem Angreifer in der Startelf antrat. Odak war noch nicht wieder bei 100 Prozent, deshalb nahm er nur auf der Bank Platz und Kreuzer seine Position rechts hinten in der Viererkette ein. Göbel erhielt den Vorzug vor Strangl, was nach seiner frühen Auswechslung gegen Kiel nicht selbstverständlich war.

Taktiksplitter:

Eine Rubrik, die ich eigentlich sehr kurz halten wollte, wenn ich das Spiel nicht live oder wenigstens in voller Länge im Fernsehen verfolgt habe. Geht diesmal nicht, denn hier tun sich Rätsel auf. Tatsache ist, wir haben mit nur einem Stürmer (Nietfeld) begonnen, was sich dann dahinter abspielte, darüber existieren unterschiedliche Auffassungen. Inklusive der, die es für völlig nebensächlich erachtet, welches System der FC RWE momentan spielt, weil andere Faktoren für die miserablen Leistungen der Mannschaft verantwortlich sind. Die zum Beispiel wären: Qualität der Spieler, Einstellung derselben, Passqualität, etc. Dem kann man nicht wirklich widersprechen, diese Dinge spielen tatsächlich eine große Rolle. Aber ich beharre mit meinem Hausrecht hier im Blog darauf, dass dies auf die systemische Grundpositionierung einer Fußballmannschaft ebenfalls zutrifft. Basta!

Jedenfalls haben der mdr, transfermarkt.de und die Thüringer Allgemeine eine 4-1-4-1-Formation erkannt. Und auch die relevanten Spielausschnitte des mdr deuten auf dieses System hin. Das ist überraschend, weil sich ein 4-1-4-1 doch deutlich vom bisher ausschließlich gespielten 4-4-2 unterscheidet. Es würde zu weit führen, hier alle Vor- und Nachteile eines 4-1-4-1 aufzuführen. Nur soviel: Es benötigt zwingend einen sowohl spieltaktisch wie technisch und physisch herausragenden defensiven Mittelfeldspieler. Da fallen mir bei RWE zwei Spieler ein, denen ich das grundsätzlich zutraue: Engelhardt und Möhwald. Tatsächlich gespielt hat auf der Position aber Baumgarten. Mir ist dabei schon klar, dass Engelhardt in der Innenverteidigung benötigt wurde, während Möhwald, nach seiner Verletzung, vermutlich noch nicht in der Verfassung war, diese Rolle auszufüllen. Dann aber hätte man ein anderes System wählen müssen, denn, dass diese Schuhe für Baumgarten noch (?) zu groß sind, war absehbar.

Das Coaching:

Gesetzt dem Fall, dass mit dem 4-1-4-1 stimmt, dann hat sich Walter Kogler gehörig vercoacht. Passiert. Der Zeitpunkt war halt äußerst unglücklich.

Spieler des Tages:

Simon Brandstetter. Weil er weiß, wo das Tor steht und wie man es attackiert.

Bilanz des Spiels:

Eine zu allen Befürchtungen Anlass gebende Vorstellung des FC Rot-Weiß Erfurt.

Der Gegner:

Elversberg war für viele vor der Saison der erste Abstiegskandidat, das hat sich inzwischen stark relativiert. Die Mannschaft spielt (und punktet) im permanenten Klassenkampfmodus. Das (aber nicht nur das) hatte sie den Rot-Weißen am Samstag voraus. Ich denke, die Saarländer werden die Klasse halten.

Die Konsequenzen:

Der Abwärtstrend hält an. Tabellarisch sowieso, aber zum ersten Mal hat die Mannschaft nach einer sehr schwachen Leistung eine noch schwächere folgen lassen. Diese Tatsache beunruhigt mich noch mehr als die Niederlage an sich.

Die Öffentlichkeit:

Ein ganzseitiger Total-Verriss in der Thüringer Allgemeinen. Nicht besonders aufschlussreich, aber sehr total. Was BILD heute schreibt, kann ich mir denken, will es aber so genau gar nicht wissen. Die Reaktion in den Foren finde ich interessanter: desto ernster die Situation wird, umso sachlicher werden die Beiträge – jedenfalls die meisten. Eine ziemlich erwachsene Entwicklung, auf deren Fortsetzung ich aber gerne verzichte. Mir ist lieber, es wird gemeckert aber wir gewinnen wenigstens ab und an.

Die Aussichten:

Wenn die Mannschaft sich nicht schleunigst fängt, werden wir absteigen. Mit der Leistung der letzten beiden Spiele kann man vielleicht ab und zu glücklich einen Punkt ergattern (Kiel), wird aber in der Regel deutlich verlieren (Elversberg). Wir leben von der Substanz, doch die ist fast aufgebraucht. Dies, Freunde, ist die Lage.

Wenn ich der Trainer wäre …

… würde ich in dieser Woche schlaflose Nächte haben. Ich halte nicht viel von kollektiv-psychologischen Ansätzen, würde aber vielleicht doch der Mannschaft das Heimspiel gegen Wehen Wiesbaden zeigen (3:0). Und sie darauf hinweisen, wie gut sie an diesem Abend Fußball gespielt hat. Außerdem würde ich alles Menschenmögliche unternehmen, damit Andre Laurito am Samstag (mit Maske) in der Startaufstellung steht. Und ich würde Simon Brandstetter von Anfang an spielen lassen, auch wenn es vielleicht nur für eine Halbzeit reicht.

Rot-Weiß Erfurt vs. Holstein Kiel 0:0 / Schwer erträglich

Da ich aus beruflichen Gründen momentan keine Zeit finde, 800 bis 1000 Worte halbwegs sinnvoll zu einem Text zu arrangieren, jedoch auf eine Wortmeldung zu RWE nicht völlig verzichten möchte, gibt es ab jetzt eine Kurzanalyse jedes Spiels. Ich habe mir ein paar Kategorien ausgedacht und werde zu jeder einige Sätze schreiben.

Motto des Spiels:

Fußball – dieses Ding aus einer anderen Welt.

Die Aufstellung:

Da Odak verletzungsbedingt ausfiel, kam Kreuzer zu seinem 10. Pflichtspieleinsatz. Ansonsten bot die Startelf keine Überraschungen. Warum auch, die Mannschaft hatte in Wiesbaden eine solide Leistung geboten, die sie gegen akut abstiegsbedrohte Kieler nur bestätigen musste, um den ersten Dreier des Jahres einzufahren. Soweit die Hoffnung vor dem Spiel.

Taktiksplitter:

Was sofort nach Anpfiff auffiel, war, dass die Abwehr nervös wirkte. Die beiden Innenverteidiger wurden einige Male sowohl in der Luft als auch am Boden ausgespielt. Es fehlte Lauritos Lufthoheit. Der Einzige, der halbwegs sicher wirkte, war Czichos, über dessen Seite allerdings nur wenige Angriffe vorgetragen wurden. Kreuzer begann fahrig, wurde aber im Laufe des Spiels sicherer. Trotzdem taten sich über unsere rechte Seite viele Lücken auf, was daran lag, dass Göbel offensiv meist stark in die Mitte rückte und bei Ballverlusten weite Wege hatte, um Kreuzer unterstützen zu können. Das offensive Einrücken von Göbel ist taktisch nachvollziehbar, um so eine weitere Anspielstation im Mittelfeld zu haben. Aber eben auch riskant, wenn die Ballverlustrate so exorbitant hoch ist wie am Freitagabend.

Tunjic ließ sich weniger ins Mittelfeld fallen als in den letzten Spielen. Was auch immer das Ziel dieser Anweisung war – es wurde verfehlt. Beide Stürmer bekamen so gut wie keine brauchbaren Anspiele. Ausnahmslos alle lang geschlagenen Bälle wurden sichere Beute der aufmerksamen Kieler Verteidigung. Vor allem deshalb: keine Torchancen für RWE.

Das Coaching:

Ich fand die Entscheidungen Koglers nachvollziehbar. Bei Möhwalds Einwechslung war natürlich die Frage: Pfingsten oder Baumgarten raus? Kogler entschied sich für das geringere Risiko und beließ den lauf- und defensivstärkeren Baumgarten auf dem Feld. Die frühe Auswechslung Göbels muss man als ein Signal an die Mannschaft werten, dass ihr Trainer mit dem bis dahin Gebotenen nicht einverstanden war. Ich denke, sie hat das auch verstanden, ohne jedoch die Mittel zu besitzen, Entscheidendes verbessern zu können.

Spieler des Tages:

Kevin Möhwald. Schon allein, weil er wieder längere Zeit auf dem Platz stand und zumindest versuchte, dem Spiel der Rot-Weißen Struktur und Ideen zu geben.

Bilanz des Spiels:

Ein fußballerischer Offenbarungseid.

Der Gegner:

Man sah, warum Holstein Kiel da steht, wo sie stehen. Erschreckend, dass sie trotzdem die bessere Mannschaft waren und eigentlich den Sieg verdient gehabt hätten. Prognose: Wenn sie offensiv weiter so schludrig mit ihren Chancen umgehen, wird es eng mit dem Klassenerhalt.

Die Konsequenzen:

Tabellarisch hat sich auf den ersten Blick wenig geändert, es sind weiter relativ beruhigende sieben Punkte nach unten. Nach oben muss man im Moment keinen Blick verschwenden. Selbst der noch mögliche vierte Platz (DFB-Pokal-Teilnahme, 4 Punkte weg) ist mit einer Leistung wie am Freitag eine unerreichbare Fata Morgana.

Kammlotts fünfte Gelbe Karte war völlig überflüssig und ist deshalb verdammt ärgerlich. Er fehlt gegen Elversberg.

Die Öffentlichkeit:

Egal ob Medien, Foren oder soziale Netzwerke. Die öffentliche Resonanz auf das Spiel war katastrophal. Das weckt in mir normalerweise eine Art Beschützerinstinkt gegenüber der Mannschaft. Ebenso diesmal. Doch vorerst ist die Zeit der Kuschelpädagogik auch im Blog vorüber.

Die Aussichten:

Saarland. Elversberg. Abstiegskampfvermeidungsspiel. Dort wartet eine gut organisierte, kampfstarke Mannschaft mit überschaubarem spielerischen Vermögen. Quasi: Holstein Kiel – die Fortsetzung.

Wenn ich der Trainer wäre …

… würde ich über eine Systemveränderung hin zu einem 4-2-3-1 intensiv nachdenken. Es hat keinen Sinn stur an der Zweistürmervariante festzuhalten, wenn beide Stürmer keine verwertbaren Zuspiele aus dem Mittelfeld erhalten, weil es dort an offensiven Anspieloptionen mangelt und am Ende nur lange Verzweiflungsbälle geschlagen werden. Meine erste Wahl für die neu entstehende Position im zentralen offensiven Mittelfeld wäre: Patrick Göbel. Trotz seiner schlechten Leistung am Freitag. Er kann das, glaubt mir.

Wacker Burghausen vs. FC Rot-Weiß Erfurt 1:1

Kogler & Preusser

Ihr Improvisationtalent ist gefragt: Kogler und Preusser

Die mäßig originelle Überschrift «Wacker geschlagen» werde ich in diesem Bloggerleben wohl nicht mehr verwenden können. Wieder kein Sieg der Rot-Weißen gegen die Oberbayern. Dass es wenigstens zu einem Punkt reichte, haben wir Philipp Klewin zu verdanken, der für seine Leistung vom Kicker-Sportmagazin völlig zu Recht zum Spieler des Spieltags erkoren wurde.

Dabei begann es halbwegs passabel. Ein Adjektiv, das ich schon zu nutzen bereit bin, wenn die Mannschaft in der Anfangsviertelstunde nicht in Rückstand gerät. Bei 7 von 9 Saisonniederlagen war dies der Fall. Aber Anfangs-Lethargie war am Samstag nicht das Problem. In den ersten 25 Minuten wurde wach und konzentriert verteidigt, Burghausen konnte das Selbstbewusstsein des Sieges in Leipzig nicht unmittelbar in Torgefahr umsetzen. Leider waren in der Offensive der Erfurter keine gravierenden Fortschritte im Vergleich zum Spiel gegen Münster erkennbar. Jedenfalls nicht hinsichtlich herausgespielter Torchancen. Die Spielanlage war in Ordnung. Beide zentralen Mittelfeldspieler (Engelhardt und Pfingsten-Reddig) gingen bei eigenem Ballbesitz konsequent mit nach vorn; die offensiven Außen (vor allem Göbel) rückten situativ ins Zentrum ein, um auf diese Weise zusätzlich Passoptionen in Strafraumnähe zu bieten. Auch die beiden Stürmer bewegten sich viel, wobei vor allem Kammlott öfter einen Innenverteidiger auf die Außenposition lockte, um die nötige Breite der Angriffe zu erwirken. Diese Fluidität sollte Unruhe in der Defensive von Burghausen stiften, was aber nur in homöopathischen Dosen gelang. Also eigentlich gar nicht. Wie bei allen offensivtaktischen Plänen im Fußball ist alles Makulatur, wenn die Passqualität des Vertikalspiels mangelhaft ist. Und das war – mit Ausnahme des Tores – über die gesamte Spieldauer hinweg der Fall. Und hier landen wir wieder beim zentralen Mittelfeld. Ungefähr nach 25 Minuten gab es kurz nacheinander zwei Szenen, die ich als typisch für das gegenwärtige Angriffspiel der RWE erachte: einen Fehlpass von Pfingsten auf Göbel in zentraler Position und danach einen von Engelhardt, auf den am Flügel startenden Kammlott. Beides waren keine völlig verunglückten, gravierenden Fehlabspiele. Es fehlten die berühmten Zentimeter. Die benötigt es aber, um gegen gut organisierte Defensiven überhaupt aussichtsreich vors gegnerische Tor zu kommen.

Das machte Burghausen zunehmend besser. Die Angriffe von Wacker gewannen an Präzision, welche man für geschickte Spielverlagerungen nutzte, bei denen die Abwehr des RWE von einer Verlegenheit in die nächste taumelte. Um das Führungstor herum hatte Burghausen hochkarätige Gelegenheiten, die allesamt von Klewin großartig abgewehrt zernichtet wurden. Sein Marktwert hat sich seit Saisonbeginn mehr als verdreifacht, was durchaus als ein Indiz für seine sportliche Entwicklung (und ihre Außenwirkung) gelten kann. Im Interview nach dem Spiel zeugten seine forschen (und überdies völlig korrekten) Äußerungen zum mangelhaften Offensivspiel seiner Vorderleute davon, dass er auch neben dem Platz an Selbstbewusstsein zugelegt hat.

Eine gelungene Angriffsaktion des RWE kann der Nachwelt dann doch überliefert werden. Der letztlich von Kammlott finalisierte Konter war genial gespielt, besser kann man das nicht machen. Kreuzer fängt einen Ball ab, der über Pfingsten, Göbel und wieder Pfingsten vom energisch durchlaufenden Mittelstürmer zum überraschenden Ausgleich mitten ins Herz aller Burghauser Hoffnungen versenkt wurde. Ein schönes Tor kann freilich nicht über die weitgehende Tristesse des ansonsten Gebotenen hinweg täuschen.

Mit 1:1 ging es in die Pause. Über Halbzeit zwei gibt es nichts Nennenswertes zu erzählen, außer dass Klewin noch zwei weitere Großchancen vereitelte und Pfingsten-Reddig mit einen Distanzschuss das Tor nur knapp verfehlte. Ein glücklicher Punktgewinn des FC Rot-Weiß Erfurt.

Die Kritik an der Spielweise der Mannschaft war schon nach dem Spiel gegen Münster unüberhörbar und naturgemäß ist sie nach dem Remis in Burghausen nicht leiser geworden. Ich kritisiere hier auch vieles, was sich mir während eines Spiels als mangelhaft darstellt. Die einen stimmen zu, andere halten mich für einen dilettantischen Narren. So what! Was mich an mancher Kritik sehr anfasst, ist der aggressiv-fordernde Sound, mit dem sie zuweilen vorgetragen wird. Das hat die Mannschaft nicht verdient. Sie hat in einigen Spielen der Vorrunde am Optimum dessen agiert, was sie zu leisten vermag. Daraus Ansprüche auf Kontinuität abzuleiten, halte ich für verständlich, aber vermessen. Es gelingt ihr oft nicht, sich gegen gut geordnete Defensiven Torchancen zu erarbeiten? Stimmt, dieses chronische Defizit teilt sie jedoch mit so gut wie allen anderen Mannschaften dieser Liga, Heidenheim mal ausgenommen. Es werden aus der Abwehr zu viele lange Bälle nach vorn geschlagen? Stimmt auch. Nur, dass das auf die jeweiligen Gegner meist ebenfalls zutrifft. Quasi alle defensivtaktischen Folterinstrumente der Fußballgegenwart sind exakt auf dieses Ziel hin konzipiert: jeden konstruktiven gegnerischen Spielaufbau unterbinden und nur die Option lang nach vorn geschlagener Bälle übrig lassen. Von der Bundes- bis hinab zu Oberliga. Wenn’s reicht.

Ich kann die Enttäuschung gut verstehen, dass wir an den letzten Spieltagen nicht näher an die Aufstiegsplätze herangekommen sind. Ich teile sie sogar. Nüchtern betrachtet muss man jedoch konstatieren: die Mannschaft ist weiterhin im Soll. Leistungsschwankungen eingeschlossen. Ich kann nicht in einem Satz das Nachwuchskonzept des Vereins feiern, um im nächsten zu kritisieren, dass diese junge Mannschaft nicht unentwegt alle Gegner aus den Schuhen kickt.

Last but not least ein Grußwort an die Mitglieder jener Bruderschaft, die die Beleidigungen gegen Carsten Kammlott zu verantworten haben: Tiefer kann man nicht sinken. Sollte man meinen. In Eurem Fall jedoch bin ich optimistisch: Ihr schafft das locker!

FC Rot-Weiß Erfurt vs. SC Preußen Münster 0:0

engelhardt_01-2014Wir müssen nicht drum herum reden. Die ersten 30 Minuten des FC RWE im Spiel gegen Preußen Münster waren eine Zumutung. Was nicht an der sibirischen Kälte lag. Schwer zu sagen, welches die Gründe für den erneuten Fehlstart waren. Fehlende Wachheit möchte man bei Temperaturen von minus 6 Grad eigentlich ausschließen. Trotzdem sollte über die kollektive Verabreichung doppelter Espresso unmittelbar vor Anpfiff nachgedacht werden. Ich vermute allerdings, dass die Mannschaft vor allem dann Probleme bekommt, wenn ein Gegner (gerade auch im Steigerwaldstadion) nicht abwartend, sondern aggressiv beginnt. Wie die Stuttgarter Kickers und wie gestern die Preußen aus Münster. Nur mit Glück überstanden die Rot-Weißen diese Phase ohne Gegentor. Wäre der RWE zum neunten Mal in der Anfangsviertelstunde in Rückstand geraten, hätten wir – jedenfalls rein statistisch – alle Hoffnungen fahren lassen können.

Für diese halbe Stunde erübrigt sich eine Einzelkritik, alle spielten unter ihrem Niveau. Wenig hilfreich, dass ein Routinier wie Pfingsten-Reddig in dieser Phase vor allem durch eklatante Fehlabspiele und dürftiges Zweikampfverhalten auffiel.

Es gab einige spannende Fragen die Startformation betreffend: Kammlott oder Nietfeld neben Tunjic im Angriff? – Und, wer spielt auf den defensiven Außenpositionen? Hier waren nach den Vorbereitungsspielen noch drei Spieler in der Verlosung: Odak, Baumgarten, Serrek. Im Sturm entschied sich Kogler für Kammlott, eine richtige Entscheidung wie der Verlauf des Spiels zeigen sollte. In die Abwehr stellte der RWE-Coach Serrek auf die linke und Odak (wie gehabt) auf die rechte Seite der Viererkette.

Nach Ablauf dieser fürchterlichen 30 Minuten gelang es dem RWE, das eigene Spiel zu stabilisieren. Die Viertelstunde vor der Pause war dann das Beste, was wir an diesem Nachmittag zu sehen bekommen sollten.

Eine kurze Kritik der Mannschaftsteile. Abwehr: Klewin hat sich bisher jedes Lob verdient, das er bekam, aber in diesem Spiel war er in der Strafraumbeherrschung schlichtweg schlecht und hatte unübersehbare Probleme beim Herauslaufen. Dazu gab es eine interessante Szene in Halbzeit zwei. Bad Cop Engelhardt faltet ihn zusammen, weil er bei einer Flanke nicht herauskam, Good Cop Laurito tätschelte ihm beschwichtigend den Hinterkopf. Psychologisch raffinierte Aufgabenverteilung der Routiniers.

Odak solider als zuletzt, mit reichlich Luft nach oben, was die Qualität seiner Flanken betrifft. Die große Überraschung war Serrek, der so offensiv auftrat wie lange kein Außenverteidiger im Trikot von RWE. Was daran liegen könnte, dass er eigentlich kein Außenverteidiger, sondern gelernter Mittelfeldspieler ist. Nach vorne sah das gut aus, war allerdings bei Ballverlusten recht riskant, da die Abstimmung mit Strangl (und später mit Drazan) zu wünschen übrig ließ. (Was allerdings eher den Mittelfeldspielern anzulasten ist.) Philipp Serrek ist zweifellos eine Bereicherung des Kaders: technisch gut, kopfball- und passstark. Stellungsspiel und taktische Abstimmung müssen jedoch verbessert werden. Fraglich ist allerdings, ob wir uns davon werden überzeugen können, da Czichos für Burghausen wieder spielberechtigt ist und ich ihn für gesetzt halte.

Kleineheismann grundsolide wie immer, Laurito in jeder Hinsicht überragend.

Mittelfeld: Engelhardt defensiv sehr stark. Es war nicht zuletzt ihm zu verdanken, dass RWE das Spiel halbwegs in den Griff bekam. In Halbzeit zwei auch offensiv derjenige der beiden zentralen Mittelfeldspieler, der sich um Struktur mühte. Pfingsten-Reddig anfänglich mit einigen Zuspielen aus der Hölle. Das wurde – auf für seine Verhältnisse überschaubarem Niveau – besser. Er konnte nach vorne jedoch nie Impulse setzen. Ein schwaches Spiel des Kapitäns. Ich stelle mir schon die Frage, warum Okan Derici keine Chance bekam, sein Können zu beweisen. (Derici wird sich das wohl ebenfalls fragen.) Wie fast alle anderen startete Patrick Göbel besorgniserregend unkonzentriert in die Partie. Zeigte aber später ab und an, was er für eine Qualität vor und im Strafraum hat. Vor allem wenn er in zentraler Position agiert. Marius Strangl kann man kein schlechtes Spiel nachsagen. Aber auch kein wirklich gutes. Seine offensive Dynamik reicht oft nur bis zum gegnerischen Strafraum, hinzu kam in einigen Situationen die bereits erwähnte mangelhafte Absicherung für den offensiven Serrek. Da war er schlichtweg zu zögerlich in der Rückwärtsbewegung.

Angriff: Tja, Kammlott und Tunjic. Die beiden möchte ich aus der Generalkritik die ersten 30 Minuten betreffend ausnehmen. Sie hätte sich schon mit einer Kaskade von Doppelpässen von der eigenen Grundlinie bis zum gegnerischen Tor kombinieren müssen, um Wirkung zu erzielen. Auf brauchbare Pässe ihrer Mitspieler jedenfalls konnten sie nicht hoffen. Es war auch  Mijo Tunjics Verdienst, dass das Vakuum im offensiven Mittelfeld halbwegs überbrückt werden konnte. Er ließ sich öfter recht tief fallen und bewegte sich für einen Spieler seiner Größe erstaunlich flink auf dem teils glatten, teils tiefen Boden des Steigerwaldstadions. Diesbezüglich ein richtig gutes Spiel des Holländers. Was ihm bei der öffentlichen Bewertung seines Spiels immer – und nicht völlig zu Unrecht – angelastet werden wird, ist das weitgehende Fehlen direkter, eigener Torgefahr.

Hätte man mit leben können, wenn denn Kammlott das vermutlich entscheidende Tor gelungen wäre. Aber so märchenhaft ist Fußball leider selten. Trotzdem war es ein gutes Spiel des Rückkehrers. Kogler stellte ihn dahin, wo er hingehört, zentral in die Sturmspitze. Wie viele andere im Stadion konnte ich seine frühe Auswechslung nicht verstehen. Ein Leistungsabfall war für mich (noch) nicht zu erkennen. Er hatte unmittelbar vor der Auswechslung seine beste Szene, als er zwei Verteidiger (die ja während des Spiels ebenfalls nicht frischer werden) düpierte. Das Kalkül Koglers war wohl, mit Nietfeld einen Stürmer mit Strafrauminstinkt in die Schlacht zu werfen. Dumm nur, dass es nicht die dafür notwendigen Strafraum-Situationen, nach z.B. Standards, gab. Bei Jonas Nietfeld sah man in jeder Sekunde, die er auf dem Platz stand, dass Stürmer die fast 1,90 Meter groß sind, auf derart instabilem Geläuf nicht gerade bevorteilt sind. Die Ausnahme Tunjic hatte ich schon erwähnt.

Christopher Drazan hat mir gut gefallen. Sehr dynamisch, mit dem Zutrauen bei Angriffen von außen in die Mitte zu marschieren. Ich hatte nach dem Spiel gegen Zwickau auf Facebook geschrieben, dass es mit seiner Schnelligkeit möglicherweise nicht so gut bestellt sei. Das nehme ich ausdrücklich zurück. Mit seiner Schnelligkeit ist alles in Ordnung. Man darf gespannt sein, wie er sich entwickelt. Wenn es so läuft, wie ich hoffe, könnte es einen heißen Tanz um die Position im linken Mittelfeld zwischen ihm und Öztürk geben. Je nach Wetterlage irgendwann im Frühjahr.

Summarisch ein völlig leistungsgerechtes Unentschieden. Nach der Niederlage von Leipzig gegen Burghausen sollte nun wirklich jedem klar sein, dass die jeweilige Tabellenposition kein hinreichend eindeutiges Indiz für den Ausgang eines Spiels darstellt. In dieser Liga noch weit weniger als in anderen. Heidenheim zähle ich schon gar nicht mehr dazu.

Sollte das Wetter es zulassen und wir spielen nächste Woche in Burghausen: Doppelte Espresso stehen nicht auf der Dopingliste.

Dortmund II vs. Rot-Weiß Erfurt 0:3 / Göbel&Co rocken den BVB

RWE - YoungstersDer Ballspielverein Borussia Dortmund e.V. eignet eine ruhmreiche Vergangenheit, durchlebt eine in jeder Hinsicht erfolgreiche Gegenwart und darf – nach allem was man weiß – einer ebensolchen Zukunft entgegen sehen. Über was er allerdings nicht verfügt, ist ein vernünftiger Rasen für die Austragung der Heimspiele seiner Drittligamannschaft. Aber wir wollen die Erregung darüber gar nicht allzu hoch dimmen, denn vermutlich hat von diesen miserablen Platzverhältnissen der samstägliche Gegner des BVB, der FC Rot-Weiß Erfurt, durchaus profitiert. Eine Art höhere Fußball-Ironie. Quittieren wir gerne und mit einem milden Lächeln.

Der BVB begann stark, wurde dem Ruf der Zweitvertretungen gerecht, spielte technisch beschlagenen Fußball, spielte über die Flügel, kam zu einigen Halbchancen und dachte wohl, dies genüge zunächst als Arbeitsnachweis. Errare humanum est, würden die alten Römer und Wilfried Mohren sagen. Nach etwa zehn gespielten Minuten übernahm Erfurt die Hoheit und gab die Spielkonsole bis zum Abpfiff nicht mehr her. Am Ende stand ein ungefährdeter, kühl, kontrolliert und zu Teilen sogar ansehnlich herausgespielter Erfolg für die rot-weißen Farben. Punkt. (Oder richtiger: drei davon.) Ja, Marvin Ducksch war nicht dabei, seines Zeichens der teuerste Spieler der 3. Liga. Er sollte mit den Profis in Wolfsburg siegen, was – wie man inzwischen weiß – auch so ein BVB-Plan war, der in dieser Woche nicht wirklich aufging.

Dortmund versuchte es fortan fast nur noch mit hohen Zuspielen auf den Sturmhirten Balint Bajner, der jedoch bei Laurito und Engelhardt in besten Händen war und deshalb gar nichts ausrichten konnte. Nach der Führung durch Wiegel (Assist: Pfingsten-Reddig) gewann Erfurt Selbstvertrauen und Sicherheit und verwaltete den Vorsprung, ohne dass der geneigte Zuschauer oder -hörer jede Minute einen kleinen Herzkasper erlitt, wie das noch eine Woche zuvor gegen Chemnitz der Fall war, als RWE-Verteidiger vier Mal auf der Linie klären mussten. Dann kam Patrick Göbel und machte den Sack zu. Er schoss das zweite Tor selbst und spielte einen wunderbaren Pass in die Schnittstelle der Dortmunder Abwehrkette, den Nietfeld quer legte und damit Mijo Tunjic ein Angebot unterbreitete, das dieser nicht ablehnen konnte.

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass Marco Engelhardt, als Innenverteidiger für den gesperrten Kleineheismann aufgeboten, sein bestes Spiel für RWE machte, seitdem er wieder am Steigerwald die Töppen schnürt. Ob das zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Was ich glaube beurteilen zu können, ist der Umstand, dass spielerisch sehr starke Innenverteidiger dem Aufbauspiel jeder Fußballmannschaft gut tun, natürlich auch dem von RWE. Womit ich keinesfalls sagen möchte, dass Kleineheismann Schwächen in dieser Disziplin hat – eher ist das Gegenteil der Fall. Aber Engelhardt ist in dieser Hinsicht natürlich noch mal eine andere Nummer. Mit Pfingsten-Reddig und Möhwald im zentralen Mittelfeld hat Erfurt alle drei Spiele gewonnen, eine durchaus bemerkenswerte Statistik. Das ist jetzt kein Plädoyer, diese Konstellation gegen Dortmund in jedem weiteren Spiel aufs Neue zu erproben. Es soll nur zeigen, dass Kogler eine Situation zu nutzen weiß, die er selbst mitgeschaffen hat: Obwohl Kleineheismann, Czichos und Möckel nicht aufgeboten werden können (mithin drei der vier Spieler die bisher in der IV standen), ist er in der Lage mit Engelhardt einen weiteren Akteur in die Startelf zu stellen, der ohne jeden Substanzverlust diese Position zu spielen weiß. Und auf dessen eigentlicher Planstelle im zentralen Mittelfeld agiert dann mit Pfingsten und Möhwald ein äußerst spielstarkes Duo. Diese Variabilität ist über das Resultat vom Samstag hinaus eine äußerst erfreuliche Botschaft für jeden Anhänger der Rot-Weißen.

Patrick Göbel. Ich muss gestehen, ich hatte meine Zweifel, ob sich der kleine offensive Mittelfeldspieler mit dem sensationellen rechten Fuß bei den Profis würde durchsetzen können. Aber gerade bei ihm macht sich eine weitere Personalentscheidung der sportlichen Leitung peu à peu bezahlt. Es ist sicherlich für die jungen Spieler von großem Wert, dass mit Christian Preußer ein Ko-Trainer installiert wurde, der sie seit Jahren kennt und der sich im Umgang mit ihnen stets für Vertrauen und Geduld ausspricht. Das zahlen Klewin, Möhwald, Nietfeld, Göbel, Baumgarten und Stolze jetzt mit harter Währung in Form von guten Leistungen zurück.

Man kann überhaupt nicht genug würdigen, wie großartig das ist.

Rot-Weiß Erfurt vs. Chemnitzer FC 1:0 / Keine Krise. Nirgends.

2013_09_28_[H]_Erfurt_3-1_OsnabrückJetzt ist sogar ein leibhaftiger Tatort-Kriminaloberkommissar Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt. Ich alpträume bereits davon, ihn eines unschuldigen Sonntagabends in der Bettwäsche meines Herzensvereins beim Fuck & Go (Tatortjungdeutsch) abgelichtet zu sehen. Den Drehbuchautoren sei überdies, aus Gründen der Glaubwürdigkeit, bei der Entwicklung dieses Charakters dringend geraten, von einer nebenberuflichen Karriere nämlichen Kommissars in der Erfurter Lokalpolitik abzusehen. Kein Fan von RWE hatte dort jemals eine Chance.

Über das Spiel gegen Chemnitz ist bereits viel geschrieben worden. Die Sichtweise auf Resultat und Spielgeschehen darf man durchaus disparat nennen. War der Sieg jetzt glücklich oder doch verdient? Nun, da für beide Zuschreibungen keine objektiven Maßstäbe existieren, liegt das letztendlich stets im Auge des Betrachters. Man vergeht sich auch nicht an den Grundsätzen der Logik, wenn man beides gleichberechtigt nebeneinander gelten lässt. So oder so, der anschwellende Bockgesang von einer Erfurter Krise ist vom Tisch. Die Mannschaft hat ihn mit einer konzentrierten, einsatzstarken und (defensiv) fehlerarmen Performance verstummen lassen. Vorläufig.

Nach dem frühen Führungstor von RWE war Chemnitz bis zum Abpfiff die eindeutig spielbestimmende Mannschaft. Vier Mal musste ein Erfurter Verteidiger den Ball von der Linie bugsieren, da kann man das Adjektiv glücklich durchaus bemühen, ohne völlig daneben zu liegen. Es sei daran erinnert, dass der CFC vor der Saison – neben Heidenheim – als erster Aspirant für den direkten Aufstieg in die 2. Liga galt. Am Samstag konnte jeder der wollte sehen, dass die Mannschaft tatsächlich nicht von Vollblinden mit Vollblinden bestückt wurde. Fußballerisch gehören die Sachsen zweifellos zu den besten Teams der Liga. Trotzdem resultierten die Chancen zum überwiegenden Teil aus Standardsituationen. Die wurden mehrheitlich von Ronny Garbuschewski getreten, dem ich in dieser fußballerischen Teil-Disziplin Bundesliganiveau attestieren würde.

Ich komme jetzt zu den Argumenten, die ins Feld führen kann, wer den Sieg der Erfurter nicht in erster Linie als glücklich bezeichnen möchte. Wie unter Gerd Schädlich war die Spielanlage des CFC sehr auf die Außenpositionen hin angelegt. Kein Wunder, sie verfügen dort mit Pfeffer und Garbuschewski über begabte Individualisten. Nach anfänglichen Unsicherheiten stellten sich die Erfurter Außenverteidiger im Verbund mit den offensiven Außenbahnspielern und dem jeweils ballnahen Innenverteidiger gut auf dieses Mittel der Wahl des CFC ein. Mit einem Wort: es wurde kollektiv gut verschoben und gegen den Ball gearbeitet. Chemnitz fand auf den Flügeln nur selten frei bespielbare Räume. Sie waren stark bei Standards, blieben auf diese allerdings auch angewiesen, um überhaupt torgefährlich zu werden. Die beiden zentralen Stürmer der Chemnitzer hatten gegen Laurito und Kleineheismann in der Regel das Nachsehen.

Ein Wort zur zweifellos starken Leistung von Andre Laurito, der noch in der Vorwoche das Epizentrum des Unmuts vieler Erfurter Anhänger war. Hierzu sollte man sich zunächst einmal die Stärken und Schwächen Lauritos vor Augen führen. Zu seinen Stärken zählen das Spiel mit dem Kopf, robuste Physis, ein sicheres Stellungsspiel, große Ruhe am Ball und eine solide Technik. Diese Vorzüge konnte er am Samstag allesamt über die gesamte Spieldauer hinweg einbringen. Rot-Weiß stand fast durchweg relativ tief und es bestand selten die Gefahr, dass Andre Lauritos größtes Manko, nämlich Schnelligkeitsdefizite gegen antrittsstarke, agile Stürmer, offenbar wurde. Es hängt meist nicht vom Willen und der Motivation der Spieler ab, ob sie ein gutes oder schlechtes Spiel abliefern, sondern ob sie mehrheitlich in Spielsituationen geraten, die ihre Stärken oder eben Schwächen hervorheben.

Diesen etwas umständlichen Satz habe ich mir deshalb zurechtgelegt, weil er gleichsam für Tunjic und Nietfeld gilt, die beiden Stürmer in der Anfangself von RWE. Beide sind, wie letztens bereits vermerkt, ähnliche Stürmertypen: groß, physisch durchsetzungsfähig, laufstark. Filigrantechniker sind sie nicht. Mir hat bei ihrem Zusammenspiel am Samstag sowohl die Breite als auch die Tiefe gefehlt. Soll heißen: sie standen zu nah beieinander, wo es besser gewesen wäre, dass sich einer als Anspielstation ins offensive Mittelfeld oder in die flügelnahen Halbräume bewegt. Wobei das nicht wirklich ihr Spiel ist, was aber nichts daran ändert, dass es notwendig gewesen wäre. Um mal wieder einen dieser coolen neuen Fußball-Termini zu benutzen: dem Angriffsspiel des RWE mangelte es an Fluidität. So wurde die Chemnitzer Abwehr ihrerseits nur sehr selten auseinandergezogen. Die langen angriffseinleitenden Bälle von RWE konnten die Verteidiger leicht neutralisieren. Der Erfurter Zielspieler im Angriff war meist die ärmste Sau auf dem Feld, weil er einen schwierig zu verarbeitenden Ball gegen eine Überzahl von Gegnern behaupten musste, was dann auch selten gelang. Dieses Problem des RWE-Offensivspiels ist nicht wirklich neu und es wird Zeit Folgendes zu konstatieren: alle bisherigen Versuche, unter formaler Beibehaltung des 4-4-2, Simon Brandstetter halbwegs adäquat zu ersetzen, müssen als mehr oder weniger gescheitert angesehen werden.

Weshalb ich für eine Änderung des Systems hin zu einem 4-2-3-1 plädiere – bis Brandstetter wieder einsatzfähig ist. Wenn es gut funktioniert auch darüber hinaus. Warum? Engelhardt und Pfingsten-Reddig haben am Samstag defensiv ein sehr gutes Spiel gemacht. Sie waren mit Abwehraufgaben allerdings weitgehend ausgelastet, dahinter musste zwangsläufig der Spielaufbau zurückstehen. In Folge davon (und weil Chemnitz früh ins Pressing ging) mussten die Stürmer meist über lange Bälle ins Spiel einbezogen werden, was meist schnell den direkten Ballverlust zur Folge hatte. Ich verspreche mir von der Implementierung eines offensiven Mittelfeldspielers schlichtweg mehr spielerische Impulse und eine höhere Passqualität. Und ich kann auch mit einem personellen Vorschlag aufwarten: Patrick Göbel hat nach meinem Dafürhalten in dieser Saison eine sehr erfreuliche Entwicklung genommen und nach seiner Einwechslung am Samstag einen quirligen, ballsicheren, laufstarken sowie selbstbewussten Eindruck hinterlassen. Er wäre der RWE-Spieler meiner Wahl für diese zentrale, offensive Aufgabe. Ganz sicher kein Zehner klassischer Prägung wie Netzer, Overath oder Riquelme, aber für die moderne Interpretation dieser Position verfügt er über alle nötigen Talente.

Rot-Weiß Erfurt vs. Elversberg 2:0 / Ich liebe Arbeitssiege

Geduld will bei dem Werke sein, ließ schon Goethe die Nachwelt wissen. Es hätte gestern weit weniger davon benötigt, wenn Schiedsrichter Badstübner dem RWE nach Foul an Öztürk in der ersten Halbzeit einen Elfmeter nicht verweigert hätte. Und damit die Fortsetzung des inzwischen schon legendären Klassikers Oztürk-Foul-Elfmeter-Pfingsten-Tor verhinderte. Oder wenn die Rot-Weißen eine ihrer Chancen, die Größte durch Brandstetter nach tollem Pass von Pfingsten, nutzen. So aber dauerte es 75 Minuten, bis die Elversberger endgültig und spielentscheidend die Übersicht verloren und es für irgendwie überflüssig erachteten, Möhwald beim Freistoß von Pfingsten zu decken. Dieses Führungstor lag von den ersten Minuten an, in der – Wilfried Mohren würde schreiben – bratwurstgeschwängerten Luft des Steigerwaldstadions. Dass Kevin Möhwald es erzielte, hat mich zusätzlich erfreut, weil er aus einer sehr guten Mannschaft noch einen (seinen) schwarzen Haarschopf breit, herausragte. Momentan drängt weniger die Frage, ob Möhwald im zentralen Mittelfeld spielt, sondern wen Kogler neben ihn platziert. Ich stelle es mir nicht vergnügungsteuerpflichtig vor, beispielsweise Pfingsten-Reddig zu erklären, dass er nach einer gleichfalls prima Leistung (mit vielen klugen Pässen) wieder für Engelhardt Platz machen muss. Einerseits. Andererseits sind das genau jene Sorgen, die eine Mannschaft braucht. Allemal besser als langfristig verpachtete Stammplätze. Hatten wir ebenfalls schon, ist gar nicht so lange her. Es sei mal der Name Bernd Rauw exemplarisch genannt.

Stabiles System mit immer größerer Fluidität

Andere wollen in den letzten Spielen ein 4-1-3-2 beim RWE ausgemacht haben, für mich war es in allen bisherigen Spielen, so auch gestern, ein deutlich erkennbares 4-4-2 mit Doppelsechs. Defensiv ohnehin: die beiden Stürmer versuchen den Spielaufbau des Gegners, in der Regel mittels passivem Pressing, zu unterbinden. Hinter ihnen verschieben zwei Viererketten. Situativ (wenn der aufbauende Gegner Probleme mit der Ballkontrolle hat) wird aus dem passiven ein aktives Pressing, die Stürmer und mindestens zwei nachrückende Mittelfeldspieler attackieren aggressiv den Gegner, um einen Ballverlust zu provozieren. In diesen Situationen geht quasi ein Ruck durch die Mannschaft, weil auch die Abwehrkette nach vorne schieben muss, um die Räume im Mittelfeld möglichst klein zu halten, sollte das Pressing fehlschlagen. Insgesamt ist dies, gerade in dieser Liga, ein sehr probates taktisches Rezept, weil die aufbauende Mannschaft auf diese Weise oft zu langen Bällen gezwungen wird.

Eines der gravierenden Defizite eines 4-4-2 (mit Doppelsechs) ist die numerische Unterzahl im offensiven Mittelfeld bei eigenem Spielaufbau. Die wird noch dadurch verstärkt, wenn sich einer der 6er bei der Spieleröffnung auf Höhe der beiden Innenverteidiger fallen lässt. Er kann sich dann nämlich schlecht selbst anspielen. Interessant ist jetzt, dass dies nicht Koglers präferierte Spieleröffnung darstellt. Die beiden 6er postieren sich zunächst relativ hoch und es wird entweder über einen halblangen hohen oder über einen flachen Ball versucht, sie ins Spiel zu bringen. Variante zwei ist, dass das Spiel des RWE über die Außen bis mindestens zur Spielfeldmitte getragen wird. Erst wenn all das keine Option ist, lässt sich einer der 6er nach hinten fallen, um den Spielaufbau zu unterstützen. Maßgabe ist stets, lang und hoch geschlagene Bälle auf die Stürmer zu vermeiden. (Die es natürlich trotzdem gibt, weil auch die anderen Mannschaften aggressiven Druck auszuüben in der Lage sind.)

Im Angriff wird versucht, variabel und somit für den Gegner wenig ausrechenbar zu spielen. Gestern tauschten Göbel und Öztürk manchmal minutenlang die Seiten. Außerdem orientiert sich Göbel ohnehin häufig in den Halbraum auf Öztürks Seite. Diese asynchrone Überladung des linken Flügels soll Öztürks Stärke im Dribbling mittels Überzahl und damit einhergehender Passoptionen zusätzlich aufwerten. Ein Vorbild dafür sind sicherlich die Bayern, die diese Variante mit Ribery und Robben perfekt beherrschen.

Und da wäre noch Mijo Tunjic. Er kann mich noch immer überraschen. Sowieso spielt er auf einem völlig anderen Niveau als in der letzten Saison. Nach eigener Aussage begründet sich das nicht zuletzt mit einer viel besseren Fitness. Aber jetzt fängt er auch noch an die Bälle zu verteilen wie ein Zehner. Kaum Zufall, dass es sein kluger Pass auf Öztürk war, der das Spiel endgültig entschied. Da fiel selbst Brandstetters diesmal eher durchwachsene Leistung kaum negativ ins Gewicht. Für die es sowieso eine plausible Begründung gab – er konnte die Woche über verletzungsbedingt nicht trainieren.

Aus Talenten werden Profis und die Neuen sind ein Gewinn

Nachdem Kevin Möhwald in der letzten Saison Stammspieler wurde, hat zu Beginn der laufenden Spielzeit auch Philipp Klewin diesen Status erreicht. Beide sind inzwischen unangefochtene Leistungsträger. Womit man bei Möhwald rechnen durfte, kommt im Falle unseres Torwarts einer kleinen Sensation gleich. Jeder, der ihn als Jugendspieler sah, wusste, dass dem Verein da ein großes Talent zuwächst. Wie er jedoch nach Sponsels plötzlichem Abgang, mit dem unleugbaren Druck und den großen Erwartungen umgeht plötzlich Stammtorhüter zu sein, davor kann man nur den Hut ziehen. Und es geht weiter. Patrick Göbel stand in den letzten drei Spielen (alle gewonnen) in der Startelf, was an sich bereits darauf hindeutet, dass er seine Sache jeweils recht gut gemacht haben muss. Der Nächste in der Reihe der Eigengewächse, Maik Baumgarten, hat das Pech, dass auf seiner Position im zentralen Mittelfeld Hochkaräter wie Engelhardt, Pfingsten und Möhwald vor ihm rangieren. Trotzdem ist er völlig in den gegenwärtigen Kader eingebunden. Immer wenn Kogler einen Vorsprung absichern will, und das ist erfreulich häufig der Fall, ist er die erste Wahl des Trainers. Kommt ins Spiel und macht abgeklärt seinen Job. Somit haben sich vier der fünf dafür auserkorenen A-Junioren des vorvergangenen Jahrgangs bei den Profis etabliert (nur Tobias Ahrens gelang das nicht). Das ist eine herausragende Quote. Spätestens jetzt ist es hohe Zeit, hier weitere Namen zu nennen. Christian Preußers Berufung zum Co-Trainer war, ist und bleibt ein Segen für diese jungen Spieler. Erkannt zu haben, dass dies auch ein Segen für den Verein Rot-Weiß Erfurt sein kann, ist das Verdienst von Sportvorstand Alfred Hörtnagl.

Das gilt ebenso für die relativ unvermittelten Verpflichtungen von Spielern wie Kreuzer und Wiegel, die beide quasi aus dem Stand Startelf-Format nachgewiesen haben. Beides sind perfekt ausgebildete Spieler (Kreuzer: FC Basel, Wiegel: Schalke 04), beide hatten Berufungen für deutsche Nachwuchsnationalmannschaften und beide sind polyvalent einsetzbar. Soll heißen, sie können ohne Leistungsminderung mehrere Positionen spielen. Klar, muss man ihre weitere Entwicklung abwarten, bevor man ein fundiertes Urteil abgeben kann. Die Idee, die hinter ihrer Verpflichtung steht, finde ich jedoch jetzt bereits bestätigt.

Den Zuschauern wurde gestern kein Spektakel geboten. Das Wort vom Arbeitssieg hatte Konjunktur. Zeit für ein Geständnis: Ich liebe solche Siege. Die eigene Mannschaft ist besser und kontrolliert das Spiel. Spielkontrolle ist für mich beim Fußball das höchste aller Güter. Sie verdeutlicht, dass die Spieler vor allem am Ergebnis orientiert sind und individuelle Interessen zurückstellen. Anders ist sie nicht zu haben. Ich will keinen Zirkus sehen, ich will, dass meine Mannschaft gewinnt. Walter Koglers Team beweist gerade, dass Ergebnisorientierung und ansehnlicher Fußball miteinander gut zu vereinbaren sind, selbst mit den Mitteln des FC Rot-Weiß Erfurt. Dafür haben alle Mitwirkenden meinen Respekt.

PS: Anderes Thema. Die neueste Ausgabe von Ostderby – Magazin für den Fußballosten ist erschienen und kann hier erworben werden. Ich bin mit einer Buchbesprechung vertreten und habe gemeinsam mit Michael Kummer ein Interview mit zwei ausgewiesenen Kennern der überaus turbulenten Leipziger Fußballszene geführt. Das sind aber nur zwei von vielen interessanten Beiträgen.

Von trostlos zu makellos in 72 Stunden / FC RWE vs. Wehen Wiesbaden 3:0

Es waren denkwürdige 90 Fußballminuten die gestern um 20.49 Uhr im Steigerwaldstadion mit dem Schlusspfiff von Schiedsrichter Stein ihr Ende fanden. Nicht weil der FC Rot-Weiß Erfurt gegen den Spitzenreiter SV Wehen Wiesbaden gewonnen hatte. Hier ist jenen recht zu geben, die stets darauf verweisen, dass bei allen wahrnehmbaren Unterschieden, die Kader- und damit auch die Leistungsstärke der Mannschaften dieser Liga sich vergleichsweise ähneln. Tagesform, Schiedsrichterentscheidungen, Spielglück entscheiden einfach öfter mal eine Partie als bei Bewerben, in denen die Leistungsunterschiede a priori viel größer sind. Denkwürdig war die Art und Weise, wie der RWE den Spitzenreiter aus Hessen über die komplette Spieldauer hinweg fußballerisch dominierte. Und zu denken gab ebenfalls, dass dies drei Tage zuvor – nach dem Spiel gegen Duisburg – völlig unabsehbar war.

Alte Tugenden entscheiden: Ordnung, Disziplin, Fleiß

Woran also lag es? Den wichtigsten Fingerzeig gab Walter Kogler selbst. Nach dem Spiel gegen Duisburg kritisierte er die fehlende Ordnung im Spiel seiner Mannschaft. Gestern stellte er die geschlossene Grundordnung als Schlüssel zum Sieg heraus. Und tatsächlich, wohin immer man blickte, die Mannschaft agierte gegen den Ball sehr kompakt. In so gut wie keiner Spielsituation musste man befürchten, dass Wiesbadener Angreifer in freier Position oder Überzahl das Tor des RWE attackieren würden. Es wurde gedoppelt, schnell verschoben, die Abstände der Mannschaftsteile hätte man für ein Lehrbuch ablichten können, so wohldistanziert waren sie. Mit einem Wort: Kontrolle. Der RWE kontrollierte den Gegner und somit das Spiel. Dazu kam eine kluge, dem jeweiligen Spielstand Rechnung tragende, taktische Balance. Beide Teams begannen abwartend und vorsichtig, keines wollte in Folge zu hohen Risikos in einen Konter laufen. Dann war es nicht der SVWW (wie es zu befürchten und ein bisschen auch zu erwarten war), sondern der RWE, der sehr dosiert das Risiko erhöhte und anfing das Spiel zu dominieren. Die Außenverteidiger positionierten sich höher und begannen in das Offensivspiel einzugreifen. Der Ball wurde schneller und damit einhergehend risikoreicher bewegt. Es kam zu ersten Möglichkeiten und in der 25. Minute schloss Öztürk einen perfekt gespielten Angriff zum 1:0 ab.

Die Reaktion des SVWW bestand darin, dass es keine gab. Also spielte der RWE mit dieser kontrollierten Offensivtaktik weiter und wurde dafür mit dem zweiten Tor belohnt. Nach dem Wechsel standen die Rot-Weißen deutlich tiefer, verlegten sich aufs Kontern und waren auch in dieser, im Grunde bis zum Abpfiff andauernden Phase, einem weiteren Tor näher als die Wiesbadener ihrem Ersten. So kam es dann auch. Am Ende stand ein 3:0 für Erfurt, mit dem die Gäste gut leben konnten, weil es für sie noch viel schlimmer hätte kommen können.

Götterdämmerung im zentralen Mittelfeld?

Derzeit wird in dieser Angelegenheit über die Medien Verbalschach gespielt. Kogler sagt, Pfingsten-Reddig sei nach seiner Erkrankung noch nicht wirklich fit. Der wiederum kontert, und lässt wissen: Er sei körperlich in einem guten Zustand und seine Versetzung auf die Bank könne nur sportliche Gründe haben. Jeder, der diesen Blog einigermaßen regelmäßig verfolgt, wird wissen, dass ich sehr viel von Pfingsten-Reddigs Leistung halte, seit er für den RWE die Töppen schnürt. Er hat sich hier durchweg als Musterprofi gezeigt. Nebst einigen anderen war vor allem er es, der den Verein in der letzten Saison mit seiner Konstanz, seinen Torvorlagen und seinen Standards vor dem Abstieg bewahrte. (Herrje, das klingt schon jetzt wie ein sportlicher Nachruf.)

Allerdings: Panta rhei, alles fließt. Es hatte sich beim Spiel gegen RB in Leipzig angekündigt. Pfingsten war erkrankt, dafür spielte Möhwald auf seiner Position. Er und Engelhardt machten, obwohl das Spiel etwas unglücklich verloren ging, bella figura gegen das spielstarke Leipziger Mittelfeld. Möhwald, der inzwischen kein Rookie mehr ist, hatte schon des Öfteren, wenn auch klugerweise nie lautstark, durchblicken lassen, dass er sich im zentralen Mittelfeld wohler fühlt als auf der rechten Außenbahn. Man darf davon ausgehen, dass diese Sichtweise in Co-Trainer Christian Preußer einen prominenten Fürsprecher findet. Gegen Duisburg wechselte Kogler Pfingsten in der Halbzeit aus, allein: Dieses durch und durch verkorkste Spiel war nicht mehr zu retten. Und es war selbstverständlich keinesfalls Pfingsten allein, der diese Nichtleistung zu verantworten hatte. Danach sah sich der RWE-Trainer in der Pflicht eine Art Reboot des Systems RWE vorzunehmen und auf der DVD mit dem Betriebssystem stand gestern: Möhwald & Engelhardt. Beide ergänzten sich in der Spielzentrale aufs Trefflichste und man kann sich jetzt nur schwer vorstellen, dass Kogler in Kiel erneut Pfingsten auf die 6er-Position beordert. Sollte sich der RWE mit den beiden in seinen Leistungen stabilisieren, wird es Pfingsten schwer haben auf seine angestammte Position zurückzukehren. So die Prognose. Mal sehen, was sie wert ist.

Patrick Göbel, ein Talent wird erwachsen. Hoffentlich.

Dass beide zentralen Mittelfeldspieler gestern derart glänzen konnten, hatte auch damit zu tun, dass Patrick Göbel zeigte, dass er nicht gedenkt, die Rolle des ewigen Talents bis ans Ende seiner RWE-Zeit für sich zu beanspruchen. Göbel eignet einen wirklich herausragenden rechten Fuß (herausragend im fußballerischen Sinn, natürlich). Man hatte nur zuweilen den Eindruck, dass er sich allzu sehr auf diese Gabe verlässt. Gestern war dem nicht so. Er war hellwach, zweikampfstark und lief und lief und lief. Und zwar nicht taktisch sinnlos umher, sondern immer dahin, wo die Mannschaft ihn gerade benötigte. Ich bin sicher, wenn es eine Spieler-Heatmap in der 3. Liga gebe, die wäre gestern beim ihm flächendeckend tiefrot gewesen. Es wurde zudem deutlich, dass wir mit ihm einen Spieler haben, der dem Team mit seinen Standards sehr helfen kann. In seiner letzten A-Jugendsaison war das eine seiner herausragenden Qualitäten. Ihm kann man nur wünschen: Weiter so!

Das trifft in gleichem Umfang auf Andreas Wiegel zu, der sich nach seiner Einwechslung sofort präsent zeigte und bei dem niemand auf den Gedanken gekommen wäre, dass dies seine allerersten Minuten im Trikot der Rot-Weißen waren. So soll es sein.

Am Sonnabend geht es nach Kiel. Der Aufsteiger überraschte bisher alle, möglicherweise sich selbst und seinen Anhang am meisten. Die Kieler sind eine äußerst unangenehm zu bespielende, homogen funktionierende und mittels gutem Umschaltspiel stets torgefährliche Mannschaft. Es ist müßig zu erwähnen, dass sie bei alldem selbstredend nicht unschlagbar sind. Aber um dort etwas mitzunehmen, benötigt das Spiel des RWE alle Tugenden und Fertigkeiten, die es gegen Wehen Wiesbaden ausgezeichnet haben.

Gestern Abend, das war der Goldstandard für diese Spielzeit. Wir wissen jetzt, was die Mannschaft kann, wenn sie erwachsenen Fußball spielt und dabei ihr Potenzial abruft. Kämpferisch, spielerisch, mental. Daran wird sie sich fortan bei jedem Spiel messen lassen müssen. (Was nicht mal ansatzweise heißen soll, dass ich ab jetzt nur noch 3:0-Siege als standesgemäß einstufe. Dies wäre dumm und anmaßend und würde die sportlichen Gegebenheiten der 3.Liga sowie die quasi natürlichen Leistungs-Schwankungen einer jungen Mannschaft wie unserer fahrlässig ignorieren.)

Im Übrigen lässt sich ohne Übertreibung konstatieren, dass die Dritte Deutsche Profiliga bislang eine richtig gute Show bietet. Ausgeglichen, fußballerisch auf beachtlichem Niveau, mit vielen stimmungsvollen Spielen. Und das Beste daran: der RWE spielt eine interessante Charakterrolle. Man weiß noch nicht so genau wohin sie sich entwickelt, aber es gab bereits einige große Auftritte.

Rot-Weiß Erfurt vs. Burghausen 1:1 / Ich. Bin. Nicht. Enttäuscht.

Die Erwartungshaltung um den wichtigsten Fußballklub der Thüringer Landeshauptstadt treibt zuweilen bizarre Blüten. Da schreibt einer bei Facebook (abgedruckt in der TA): «Landeshauptstadt gegen Dorf, es ist eine Schande.» Das würde als singulärer Blödsinn hier unerwähnt bleiben, wenn es nicht (zumindest teilweise) den Tenor der Meinungsbildung nach dem Spiel am Samstag wiedergeben würde. Der große FC Rot-Weiß Erfurt, Tabellendritter, ist nicht in der Lage, das kleine Wacker Burghausen, Tabellenletzter, aus dem Steigerwaldstadion zu schießen. Nun, die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Burghausen war in den letzten beiden Spielzeiten Sechster und Achter der Abschlusstabelle und ist mithin eine etablierte Größe in der dritten deutschen Profiliga. Beide Teams mussten vor der Saison Leistungsträger abgeben und ihren Etat deutlich reduzieren. Der RWE kam deutlich besser aus dem Saison-Startblock, da aber gerade einmal zehn Prozent der Spiele absolviert sind, handelt es sich nicht um einen Sprint, sondern um ein Langstreckenrennen, bei dem die Platzierung nach 400 Metern ja auch nicht mehr als einen Fingerzeig auf das finale Resultat liefert. Zudem hatte sich Burghausen in den ersten drei Saisonspielen schrittweise gesteigert, gegen Leipzig verlor man nur recht unglücklich in der Nachspielzeit. Es gibt keinen Grund dieses Unentschieden gleich wieder als Riesen-Enttäuschung rhetorisch in Szene zu setzen. Nach der Wolke 7 des Saisonstarts herrscht jetzt Liga-Alltag. So what?

Tunjic fehlte an allen Ecken und Enden

Walter Kogler gab Morten Nielsen eine Chance in der Startelf. Er ersetzte den rot-gesperrten Mijo Tunjic und konnte in dieser Rolle nicht überzeugen. Ich kann nicht wirklich beurteilen, ob Nielsen mit dieser Leistung bereits sein Potenzial erschöpft hat, denke aber, dass dies nicht der Fall ist. Zu seinen Gunsten sollte berücksichtigt werden, dass das sein erster Startelf-Einsatz seit Monaten war und er von Verletzungen immer wieder an einem stringenten Formaufbau gehindert wurde. Es wäre übertrieben zu behaupten, dass sich die beiden Buddys Brandstetter und Tunjic inzwischen blind verstehen, aber ihr Spiel wirkte schon ziemlich passabel aufeinander abgestimmt. Das konnte man vom Sturmduo Nielsen-Brandstetter kaum erwarten und dementsprechend sah das dann auch aus. Jedoch bot Brandstetter alles andere als eine schlechte Partie und auch Öztürk zeigt sich in der ersten Halbzeit gewohnt quirlig und für seine Gegenspieler schlecht ausrechenbar. Beide tendierten jedoch dazu, den Ball zu lange zu halten, was einige im Ansatz Erfolg versprechende Angriffe des RWE jäh und unnötig beendete. Aber, neben seiner offensiven Durchschlagskraft gingen dem Spiel der Rot-Weißen auch Tunjics Fleiß und Geschick beim Stören gegnerischer Angriffe ab. Bei einer 4-4-2-Formation ist eine unerlässliche Grundbedingung, dass die beiden Angreifer in der Lage sind, die zahlenmäßige Unterlegenheit des eigenen Mittelfelds gegen ein 4-2-3-1 des Gegners zu neutralisieren. Das gelang mit zunehmender Spieldauer immer weniger und sorgte dafür, dass die überdies ballsicheren Burghäuser in der entscheidenden Zone des Platzes die Hoheit über das Geschehen errangen. Nur gut, dass sie nicht in der Lage waren, diese Mittelfelddominanz mit besseren Zuspielen in die Spitze noch gefährlicher für die Abwehr des RWE werden zu lassen, als dies ohnehin schon der Fall war.

Das war kein gutes Spiel des FC Rot-Weiß Erfurt, jeder weiß das, weil jeder es sehen konnte. Es war ein völlig normales Spiel einer Liga, in der sich die Qualität der eingesetzten Spieler nur vergleichsweise wenig unterscheidet und es somit von Kleinigkeiten abhängig ist, ob ich ein Spiel gewinne oder verliere. Und der Gott der kleinen Dinge entschied sich an diesem Samstag eben für ein völlig leistungsgerechtes Unentschieden.

RB Leipzig ist keine Übermannschaft

Unser nächster Gegner ist – wie der RWE – nach vier Spielen noch ohne Niederlage, hat aber – anders als der RWE – zu Hause noch nicht gewonnen, was doch so ein bisschen die Stimmung eintrübt. Diese statistische Gemengelage entspricht im Großen und Ganzen dem Eindruck, den ich vom Spiel des Aufsteigers habe: Taktisch sehr diszipliniert, mithin schwer zu besiegen. Fußballerisch aber erstaunlich selten in der Lage Druck auf gut abgestimmt verteidigende und körperlich robuste Gegner auszuüben. Was manchmal nicht so ins Gewicht fällt, da sie mit Daniel Frahn einen Stürmer besitzen, der Spiele über brillante Einzelaktionen entscheiden kann. Auffällig ist, dass relativ häufig lange Bälle auf die Angreifer gespielt werden. Und, dass im Mittelfeld viele sogenannte «zweite Bälle» gewonnen werden. Das verleiht dem Spiel von RB Konstanz sieht aber selten gefällig aus. Ein großes Manko von RB ist die Anfälligkeit bei gegnerischen Standards. Dazu muss man aber a.) erst mal welche in Tornähe bekommen und b.) selbst eine gewisse Überlegenheit in dieser Disziplin vorweisen.

Mit Öztürk, Brandstetter und Tunjic fehlen dem RWE in Leipzig seine drei gefährlichsten Offensivakteure. Das ist unerfreulich. Wir sollten trotzdem guten Mutes nach Leipzig fahren. Gestern hat Duisburg bewiesen, dass dort nicht exklusiv für Spitzenteams wie Münster etwas zu holen ist. In Anbetracht des Komplettausfalls unseres Sturms wird es gravierende Änderungen in der RWE-Formation geben müssen. Es könnte sein, dass wir zum ersten Mal in dieser Saison ein System mit nur einem nominellen Stürmer sehen werden. Ich denke, dass Strangl und Göbel recht gute Chancen für die Startelf haben, mir persönlich würde allerdings auch die Variante Engelhardt und Baumgarten auf den Sechserpositionen und Pfingsten zentral im offensiven Mittelfeld davor plausibel erscheinen. Wer der (möglicherweise) einzige Stürmer sein wird, ist derzeit völlig offen. Was mich für Stolze einnimmt, ist seine Schnelligkeit und seine Aggressivität beim Anlaufen des ballführenden Aufbauspielers der gegnerischen Mannschaft.

Walter Kogler äußert sich zum Spielsystem

In einem Interview auf kicker.de (durchgeführt vom TA-Mitarbeiter Marco Alles) äußert sich Walter Kogler zum ersten Mal ausdrücklich zum zukünftigen Spielsystem des RWE: «Als Basis dient das 4-4-2-System, was sich aber auch als 4-2-3-1 interpretieren lässt. Wichtig ist mir aber, dass sich die beiden Sechser immer wieder mit in die Offensive einschalten und nicht nur als reine Abräumer fungieren.» Bei dieser Vorgabe ihres Chefs werden Pfingsten und Engelhardt kein Bauchweh bekommen, beides sind Spieler, die in der Offensive große Potenziale haben, auch wenn Engelhardt dies, seit er wieder für den RWE kickt, nur sporadisch offenbaren konnte. Was aber oft genug taktische Ursachen hatte.

Mit dem Interview des RWE-Cheftrainers hat sich meine bislang vertretene These (die hauptsächlich auf Koglers einst in Österreich favorisierten Systemen beruhte), und von einer 4-1-4-1-Formation ausging, erledigt. Ich denke jetzt, dass wir ein Hybridsystem zu erwarten haben, das defensiv ein 4-4-2 und offensiv ein 4-2-3-1 sein wird. Da man im Fußball während des Spiels nicht permanent aus- und einwechseln kann, impliziert diese Annahme ebenfalls, dass ich nicht von zwei nominellen Stürmern in der Anfangsformation ausgehe. Oder genauer: dass ich zwei Stürmer für unwahrscheinlich halte.

Das 4-4-2 ist die Mutter aller zeitgemäßen Spielsysteme, erfunden Ende der 80er Jahre von Arrigo Sacchi während seiner großen Jahre beim AC Mailand. Die Hauptvorteile des 4-4-2 aus meiner Sicht:

  • Einfaches, quasi organisches Verschieben der Mannschaftsteile hin zum Ball
  • Hohe Kompaktheit; alle möglichen Gegnerpositionen können gut gedoppelt werden
  • Mannschaften, die schnell viele neue Spieler integrieren müssen, ist dieses System methodisch am einfachsten zu vermitteln
  • Alle gängigen taktischen Stilmittel, wie aktives und passives Pressing, Gegenpressing nach Ballverlust, schnelles Umkehrspiel, etc. sind mit einem 4-4-2 abbildbar

Ein beispielhaftes 4-4-2-System des RWE in der defensiven Grundordnung:

Das sieht doch wohlgeordnet aus, so auf dem Papier.

Wie erfolgreich und ansehnlich ein 4-4-2 funktionieren kann, hat der SC Freiburg unter Christian Streich in der letzten Saison eindrucksvoll vorgeführt. Die potenziellen Nachteile dieser Formation liegen in der Gefahr der Unverbundenheit der einzelnen Linien, den Lücken, die sich zwangsläufig ergeben, wenn der Abstand der beiden Viererketten zu groß gerät, sowie dem nominellen Fehlen eines zentralen offensiven Spielers/Ballverteilers – was oft dazu führt, dass die Stürmer keine (verwertbaren) Bälle bekommen. Um das zu umgehen, mutiert die 4-4-2-Defensivordnung fast immer zu einem 4-2-3-1-Angriffsystem, wir sprechen dann von einem Hybriden. Man operiert bei eigenem Ballbesitz mit einem Mittelstürmer und kann (und muss) ansonsten ein variables Offensivspiel aufziehen, wobei alle Spieler eine hohe Laufbereitschaft, gutes Passspiel und kluges taktisches Verhalten gleichermaßen auf sich vereinigen sollten. Auch der einzige Stürmer darf nicht einfach auf Zuspiele oder Flanken seiner Teamkollegen hoffen, sondern hat sich permanent zu bewegen, muss im Zweikampf robust auftreten und gleichfalls eine hohe Passqualität eignen. Als Beispiele seien Lewandowski, Mandzukic und Klose genannt. Ein Gegenbeispiel wurde unlängst in die Toskana transferiert.

Wer könnte beim RWE diese Positionen ausfüllen? Tunjic stand in den letzten Spielen immer in der Startelf, deshalb sehe ich ihn Koglers Gunst derzeit vor Brandstetter – auch wenn dieser, meiner Auffassung nach, die Anforderungen an einen modernen Mittelstürmer besser erfüllt. Als zentraler Offensivspieler böte sich Derici an, er ist jedoch offensichtlich nicht fit genug für 90 Minuten Profifußball. Aus diesem Grund glaube ich, dass zunächst Möhwald diese Stelle in Koglers Startelf besetzen wird. Auf der rechten offensiven Außenbahn könnte tatsächlich Patrick Göbel eine Chance gegen die Stuttgarter Kickers erhalten. Indizien: er  stand in den Spielen gegen Brentford und Ingolstadt in der Anfangsformation und erhielt jeweils viele Einsatzminuten. Die offensive Dreierreihe muss sich durch eine hohe Fluidität auszeichnen, ständig die Positionen wechseln, mit den nachrückenden Sechsern und Außenverteidigern Passdreiecke schaffen, um Überzahlsituationen am Ball erzeugen zu können.

Hier die von mir momentan erwartete Startelf gegen die Stuttgarter Kickers (4-2-3-1)

Womöglich aber überrascht uns das Trainerteam ja noch mit einer ganz anderen Variante. Christian Preußer hatte in der letzten A-Jugend-Saison aus der Not eine Tugend gemacht. Er verfügte über zwei sehr gute Mittelstürmer (Nietfeld und Stolze), aber keinen herausragenden Zehner. Deshalb ließ er beide Mittelstürmer spielen, man konnte hier völlig zu Recht von einem 4-4-2 auch in der Offensive sprechen. Beide bewegten sich sehr variabel, nahmen wechselweise die zentrale Sturmposition ein oder ließen sich in die Halbräume fallen. In den besten Spielen der Saison (vor der Winterpause) war zudem Felix Robrecht in bestechender Form. Er spielte als zentraler Mittelfeldspieler (mehr Achter als Sechser) grandiose, öffnende Pässe auf die beiden Stürmer. Nun, ich glaube nicht, dass Robrecht (der wohl zudem verletzt ist) und Stolze in der Startelf des 1. Spieltages stehen werden, aber ein derartiges System würde ich zum jetzigem Zeitpunkt nicht (mehr) kategorisch ausschließen. Dann aber besetzt mit Brandstetter und Nietfeld.

Es bleibt spannend. Mal sehen, was uns das Spiel gegen den FCM an weiteren Erkenntnissen beschert.