Tag Archiv für Czichos

FC Rot-Weiß Erfurt vs. VfL Osnabrück 2:1 / Die Stunde der Veteranen

Sekunden vor der Entscheidung: Nielsen wartet auf Engelhardt © fototifosi.de

Er ist noch nicht fit genug, um 90 Minuten Drittligafußball spielen zu können. Sobald er es aber ist, werden die Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt noch viel Freude an ihm haben. Die Rede ist von Morten Nielsen, dem dänischen Neuzugang. Woher ich das weiß? Nun, ich weiß es natürlich nicht wirklich. Sagen wir, es ist eher so eine Ahnung. Das geht doch jedem zuweilen so; man sieht einen Spieler und denkt sofort: Das passt! Ist aber schon länger her, dass sich bei einem neuen RWE-Spieler diese Ahnung einstellte. Lässt sich in diesem Fall sogar exakt datieren – auf den 12.07.2011, als Smail Morabit im Testspiel gegen Werder Bremen am Steigerwald debütierte.

Mir hat die Vorbereitung des Siegtreffers durch den Dänen sehr imponiert, vor allem wegen der Dinge, die Morten Nielsen nicht tat. Als er den Ball von Morabit in den Fuß gespielt bekommt, wird er nicht hektisch. Er versucht des Weiteren nicht, nach innen zu ziehen und selbst zu schießen, genauso wenig probiert er es mit einem Alibizuspiel auf die beiden im Strafraum befindlichen, jedoch abgedeckten, Mitspieler. Während in der Szene alle anderen beteiligten Spieler nur auf den Ball starren, hat er den Kopf oben, sieht Engelhardt heranstürmen, verzögert kurz und legt das Spielgerät exakt in den Raum des Spielfeldes, der für den VfL in diesem Moment nicht zu verteidigen ist. Marco Engelhardt vollendet mit einem der spektakulärsten Tore der jüngeren Erfurter Fußballgeschichte. Selten war ein Sieg so verdient und zugleich so überlebensnotwendig – wie die Resultate einiger Konkurrenten um den Ligaverbleib zeigen sollten.

Das alles war um 13.59 Uhr nicht absehbar. Zur Liste der langzeitverletzten, rekonvaleszenten und gesperrten RWE-Spieler gesellte sich kurzfristig noch Dominick Drexlers Name. Ich war nicht amused. Alois Schwartz wohl ebenfalls nicht – er war zu massiven personellen Umbauten seiner Startelf gezwungen. Was er nicht veränderte, war die taktische Grundordnung. Engelhardt übernahm die defensive Position im zentralen Mittelfeld von Oumari  – der für den gesperrten Kopilas in die Innverteidigung rückte. Neben Pfingsten-Reddig spielte Baumgarten – und der Youngster machte seine Sache ausgesprochen gut. In welche taktische Notation lässt sich die Formation des RWE eigentlich fassen? Nun ja, der eine sagt so, der andere so. Für transfermarkt.de war es ein 4-2-3-1, für den Kicker ein 4-3-3. Der Kicker hat mehr recht. In der offensiven Ordnung ist es eindeutig ein 4-1-4-1. Engelhardt (oder Oumari) spielen absichernd zwischen den zwei Viererketten. Das erlaubt es Nils Pfingsten-Reddig in der Vorwärtsbewegung viel höher zu agieren (quasi als Mischung aus Achter und Zehner), wovon das Angriffspiel des RWE am Samstag ungemein profitierte. Das verlangt unserem Kapitän jedoch einen enormen läuferischen Aufwand ab, da er sich bei Ballverlusten schnell nach hinten orientieren muss. Dann wird aus dem 4-1-4-1 ein System mit drei Sechsern, eben jenes vom Kicker erkannte 4-3-3. Die Taktiknerds sprechen in solchen Fällen von einer Hybridformation. Fußball hat schon lange aufgehört ein einfaches Spiel zu sein.

Nach der frühen Führung des VfL zeigte sich schnell, dass der RWE im Winter 2013 nicht mehr die Mannschaft des ersten Saisondrittels ist. Von Panik und Ratlosigkeit keine Spur. Stattdessen wurde kämpferisch und fußballerisch alles unternommen, um sofort zurück ins Spiel zu finden. Pfingsten-Reddigs Können und Abgebrühtheit bei Elfmetern beginnt, historische Dimensionen anzunehmen. Bei nächster Gelegenheit mache ich mir mal die Arbeit, die besten Trefferquoten im deutschen Profifußball auszurechen – da ist er von der Spitze nicht mehr sehr weit weg, wenn überhaupt. Wie wichtig es ist, Elfmeter zu variieren, vor allem aber konzentriert zu schießen, konnte man sich am Sonntag bei Blaszczykowskis zweitem Elfmeter anschauen. Der verlässt sich immer darauf, dass er den Torhüter «ausguckt». Wenn dies nicht gelingt – und der Torwart in die richtige Ecke springt, dann hält er ihn oft auch, weil die Qualität des Schusses miserabel ist. Ganz anders bei Pfingsten-Reddig: Kein Keeper der Welt hält diesen Ball – scharf, hoch, platziert in die linke Torwartecke. Ein Weltklasse-Strafstoß.

Wenn der VfL Osnabrück gefährlich vor das von Sponsel gut gehütete Tor des RWE kam, dann war fast immer ein Spieler beteiligt, der bis Juni noch im Trikot der Erfurter auflief – wenn er denn mal auflief. Und den man dann sang- und klanglos aus seinem noch laufenden Vertrag gen Osnabrück ziehen ließ. Gaetano Manno wird in dieser Saison bei der Rangliste von kicker.de als notenbester Stürmer (und insgesamt zweitbester Feldspieler) der 3. Liga geführt. Warum das so ist, konnte am Samstag sehen, wer es sehen wollte. Nach der letzten Saison wurden viele Fehler gemacht, einer der größeren war, sich in der Einschätzung der fußballerischen Wertigkeit eines Gaetano Manno grundsätzlich geirrt zu haben.

Die Absenz von Kopilas merkte man nicht nur der RWE-Abwehr an, seine physische Präsenz fehlte auch bei Standards in der gegnerischen Hälfte, die allesamt von der VfL-Abwehr problemlos entsorgt wurden. Oumari agierte ungewohnt fahrig, Möckel solide, leistete sich allerdings einige Fehler im Spielaufbau. Die größte Baustelle der Mannschaft von Alois Schwartz bleibt die rechte defensive Außenbahn. Ofosu-Ayeh wusste zwar durchaus in der Offensive in einigen Szenen zu gefallen, kam mit Manno aber überhaupt nicht klar, was dessen starke Leistung natürlich noch zusätzlich animierte. Czichos spielte unauffällig, was ich als Kompliment verstanden wissen möchte. Thomas Ströhl ist für mich die größte positive Überraschung der bisherigen Saison. Mit seinem Comeback im Profifußball hatte ich nicht mehr gerechnet. Aber, ich bin ja nicht der Vatikan, hier werden Urteile schon mal nach weniger als tausend Jahren revidiert. Schade, dass er nicht wenigstens eine seiner beiden Großchancen nutzen konnte. Bei der Zweiten (nach kluger Vorarbeit Ofosus) sah man allerdings, dass sein rechter Fuß exklusiv dafür gut ist, nicht umzufallen.

Doch dieser Text soll nicht als gebloggte Krümelkackerei enden. Unterm Strich war es ein großartiger Sieg des RWE über einen starken Gegner. Wenn die Mannschaft sich weiter so entwickelt, dann bleibt uns vielleicht doch ein Zittern bis zum Ende erspart. Und dieser Däne, ihr werdet es erleben, wird daran einen erfreulichen Anteil haben.

Preußen Münster vs. FC Rot-Weiß Erfurt 3:2

Noch einer der Besten: Thomas Ströhl © www.fototifosi.de

«Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!» Hätte Hölderlin den RWE am Samstag kicken gesehen, dieser Satz wäre nie geschrieben worden. Dabei hatte ich mir vorher einiges ausgerechnet. Die Preußen waren drei Ligaspiele sieglos geblieben und lieferten unter der Woche dem FC Augsburg einen ebenso beachtlichen wie kraftraubenden Pokalfight. Als dann jedoch klar wurde, dass Drexler und Möckel nicht auflaufen würden, verflüchtigten sich diese Hoffnungen sofort. Fata Morgana nichts dagegen. Ich war sicher, dass diese Ausfälle nicht kompensiert werden könnten – und behielt leider recht.

Das Endresultat war noch das Beste an der Leistung der Erfurter Mannschaft. Oder das Schlimmste. Es ermöglichte Wilfried Mohren die irreführende Überschrift «Knappe Niederlage nach großem Kampf». Das klingt nach Fußball auf Augenhöhe, nach Hoffnung für die nächsten Aufgaben. Stand jetzt, alles falsch: kein Fußball, keine Augenhöhe, keine Hoffnung. Geschenkt, Mohren ist Pressesprecher des Vereins, er wird dafür bezahlt, das Positive aus jedem Spiel zu destillieren, selbst wenn man dafür ein Elektronenmikroskop benötigt. Im Grunde hat Marco Alles in der heutigen Ausgabe der TA sowohl meine Gemütslage als auch meine Einschätzung des Spiels treffend zusammengefasst: Trostlos.

Dann doch noch einige taktische Anmerkungen:

Seit Beginn der Rückrunde der letzten Saison hat der RWE Probleme bei hohen gegnerischen Standards. Alois Schwartz lässt Ecken mit einer Manndeckung verteidigen, wie das auch schon bei Stefan Emmerling der Fall war. Leicht verständlich: Jedem Spieler wird ein Gegenspieler zugeteilt, es kommt darauf an, gegen diesen das Kopfballduell zu gewinnen oder ihn zumindest entscheidend zu stören. Klappt aber nicht und das tut uns in dieser Saison noch sehr viel mehr weh als in der Letzten. Quasi existenzielle Pein. Christian Preußer hatte auf eine kombinierte Raum-Mann-Deckung bei Ecken umgestellt. Diese trägt dem Fakt Rechnung, dass zwei Drittel aller Tore nach Ecken über den sogenannten kurzen Pfosten erzielt werden. In den Spielen unter Preußer versammelten sich in dieser Zone die kopfballstärksten Erfurter Spieler: Möckel und Oumari. Beim Führungstor von Münster war überhaupt nicht zu erkennen, ob es sich um eine Raum- oder Manndeckung handelte. Es herrschte das pure Chaos im Strafraum. Und Oumari stand völlig wirkungslos am langen Pfosten herum.

Alois Schwartz am 11.09.2012 in der Thüringer Allgemeinen: «Ich bin ein Verfechter der offensiven Verteidigung, um den Gegner unter Druck zu setzen, den Ball zu erobern und schnell in die Tiefe zu spielen. Eher der Dortmunder als der Münchner Stil.» Niemand hier hätte etwas dagegen, wenn der RWE diesen Dortmunder Stil beherrschen würde. Nach dem Spiel in Münster müssen daran allerdings große Zweifel angemeldet werden. Die Mannschaft griff oft mit vier Spielern die Preußen tief in deren Hälfte an. Daran beteiligt waren Tunjic, Baumgarten, der ballnahe offensive Außenbahnspieler und Pfingsten-Reddig. Probleme gab es immer, wenn Münster dieses Pressing umspielen konnte, und dies war häufig der Fall. Dann öffnete sich ein gewaltiges Loch im Mittelfeld des RWE. Es ist immer etwas falsch gelaufen im Fußball, wenn Spieler des verteidigenden Teams mit dem Gesicht zum eigenen Tor Ball und Gegner hinterher rennen. Wie bereits bei einschlägigen Versuchen mit dieser Taktik in der letzten Saison (z.B. in Jena) war der Abstand zwischen der pressenden Offensivreihe und der Viererkette (plus Engelhardt davor) viel zu groß. Jegliche Kompaktheit ging dabei flöten. Das war beim Heimspiel gegen Offenbach noch völlig anders: Da liefen nur Tunjic und Möhwald (als zentraler Offensivspieler) die spielaufbauenden Gegner an, dahinter agierten zwei eng verbundene Viererketten. Ich habe den Eindruck, dass die Mannschaft mit dieser Vorwärtsverteidigung völlig überfordert ist. Wenn dem so ist, sollte dieses Experiment unverzüglich und zugunsten einer weniger komplexen Spieltaktik beendet werden. Es nützt nämlich nichts, wenn sie es am 30. Spieltag einigermaßen beherrscht, wir dann aber bereits 25 Punkte Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz haben.

Die Außenverteidigerpositionen waren in der letzten Saison bereits eine Dauerbaustelle. Hört sich ein bisschen nebensächlich an – Außenverteidiger. Nicht erst seit der Diskussion um Marcel Schmelzer wissen wir jedoch, dass Außenverteidigern im modernen Fußball eine exorbitant wichtige Rolle zukommt. Will man nicht permanent lange Bälle auf den Wide Receiver Mittelstürmer Mijo Tunjic schlagen müssen, sind sie für den Spielaufbau von kaum zu überschätzender Bedeutung. Spielaufbau bedeutet aber vor allem: sie müssen (als Minimalqualifikation) hohe Ball- und Passsicherheit mit gutem Zweikampfverhalten verbinden. Beides Attribute die momentan weder Czichos noch Ofosu-Ayeh auszeichnen. Hier ist guter Rat teuer, aber ich würde derzeit eher gelernte Mittelfeldspieler für diesen Positionen aufbieten. Baumgarten beispielsweise wäre einen Versuch wert.

Alle Mannschaften im Abstiegskampf haben ein spezifisches Dilemma, so auch der RWE. Nach schlechten Leistungen müsste die Mannschaft auf einigen Positionen umgebaut werden (wie z.B. in der Außenverteidigung). Diese permanenten Wechsel wiederum unterbinden jede Möglichkeit des Einspielens unter Wettkampfbedingungen. Das wäre notwendig, um Automatismen und Konstanz im Spiel zu etablieren. Ein Teufelskreis, um den ich Alois Schwartz nicht beneide.

Alois Schwartz? Alois Schwartz!

©kicker.de

Er ist mir damals nicht weiter aufgefallen. Er war der Mann neben Renè Müller, Feichtenbeiner und Kocian. Das ist natürlich kein Makel; die Aufgaben eines Assistenztrainers mögen vielfältig sein, die Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit zählt gewiss nicht dazu. Seine erste Erfurter Zeit endete 2005 mit dem Abstieg aus der 2. Liga.

Nach anderthalb erfolgreichen Jahren bei Wormatia Worms in der Oberliga Südwest verpflichtete ihn Anfang 2007 der FCK – auf dass er die zweite Mannschaft des Traditionsvereins vor dem Abstieg aus der Regionalliga bewahre. Das ging grandios schief. 2008 gelang jedoch der direkte Wiederaufstieg und seitdem schlägt sich der FCK II äußerst wacker in der starken Regionalliga West. Das wird wohl auch in dieser Saison so sein – seit zwei Tagen müssen sie in der Pfalz jedoch ohne Alois Schwartz auskommen.

Auch ich hatte eher mit Rico Schmitt als neuem Cheftrainer gerechnet, dessen Rausschmiss in Aue mir damals sehr voreilig erschien. Immerhin war er mit Aue aufgestiegen und unter ihm hatte Wismut 2010/2011 eine grandiose Saison in der 2. Bundesliga gespielt. Aus welchen Gründen auch immer, man hat sich mit ihm nicht einigen können. Ob er die bessere Wahl gewesen wäre, werden wir mithin nie erfahren.

Auf der gestrigen Pressekonferenz führte Rolf Rombach aus, dass für Alois Schwartz gesprochen habe, dass er das Nachwuchskonzept des RWE befördern wolle. Dies ist wieder so eine Aussage des Präsidenten, die ich für unglücklich halte. Ein Nachwuchskonzept kann ich auch in der Thüringenliga haben und befördern. Es kann unmöglich die primäre Intention eines auf einem Abstiegsplatz liegenden Drittligavereins sein, dies in der gegenwärtigen Situation zur ersten Maxime zu erheben. Nachwuchsarbeit ist immer und überall Mittel zum Zweck, nicht mehr und nicht weniger. Alles – inklusive das schönste Nachwuchskonzeptes – ist Makulatur, wenn der Profimannschaft der Klassenerhalt nicht gelingt. Für diesen Fall wird das Nachwuchskonzept zu unseren geringsten Sorgen zählen.

Aber, für die rhetorischen Unbeholfenheiten Rombachs kann Alois Schwartz nicht die Bohne. Er hat in Kaiserslautern nachgewiesen, dass es möglich ist, mit einem eher durchschnittlichen Kader attraktiven und durchaus erfolgreichen Fußball zu spielen. Wenn es ihm gelänge, die Mannschaft schrittweise von den Abstiegsplätzen ins gesicherte Mittelfeld zu führen, sollte man die Saison schon als Erfolg werten.

Einfach wird das nicht. Zu vielfältig sind – nach wie vor – die fußballerischen Defizite des Teams. Christian Preußer hatte im Pokal in Heiligenstadt Mijo Tunjic eine Einsatzchance in der Startelf gewährt. Genutzt hat er sie nicht. Er agiert nach wie vor wie ein Fremdkörper im Spiel der Mannschaft: einfache Bälle verspringen, Pässe über kurze Distanzen erreichen den Mitspieler nicht, selbst das Stellungsspiel bei gegnerischen Standards (also im eigenen Strafraum) gibt ihm nach wie vor Rätsel auf. Womöglich gelingt es ja Alois Schwartz den Holländer aufzubauen.

Wenn nicht, hat der RWE in der Offensive ein gewaltiges Problem. Dann lastet alles auf Drexler und Morabit. Fällt auch nur einer von beiden aus, ist das Angriffsspiel der Mannschaft sehr leicht ausrechenbar. Selbst für einen Verbandsligisten wie Heiligenstadt. Die nächste große Baustelle tut sich auf der linken Abwehrseite auf. Rafael Czichos hat gegen Dortmund defensiv recht gut gestanden, sein großes Manko liegt in der Spieleröffnung. Da spielt er chronisch haarsträubende Pässe in die Beine des Gegners. Gegen die Eichsfelder Amateure war das verkraftbar, in der Dritten Liga ist es das nicht.

Eine Menge Arbeit für den neuen Cheftrainer des RWE. Viel Glück dafür, Alois Schwartz! Ob er noch einmal auf dem – ohnehin sehr ausgedünnten – Spielermarkt tätig wird (werden kann oder darf) ist momentan ungewiss. Aber ich glaube, dass man dies wird tun müssen, zu offensichtlich sind die fußballerischen Mängel auf einigen Positionen. Ansonsten erwarte ich für das Spiel gegen Saarbrücken keine großen Veränderungen. Schwartz bevorzugt – wie Preußer – eine 4-2-3-1-Formation. Wir werden wohl dieselben Spieler wie gegen Dortmund auflaufen sehen – so sie denn gesund sind.

Alemannia Aachen vs. RWE: Den freien Fall gestoppt. Vorerst.

Ich habe gerade das Internet leer gelesen. Jedenfalls was die Berichte über das 1:1 des FC Rot-Weiß Erfurt bei Alemannia Aachen betrifft. Sehr viel schlauer bin ich nicht geworden. Im Grunde hätte ich es auch beim RWE-Ticker belassen können. Soviel jedoch scheint klar: Christian Preußer hat es geschafft die Mannschaft so zu stabilisieren, dass Sie bei einem Aufstiegsaspiranten ein verdientes Remis erreichte. Da er nicht selbst gespielt hat, ist es naheliegend, dass die von ihm vorgenommenen taktischen und personellen Änderungen dabei eine gewisse Rolle spielten.

Kleine taktische Revolution beim RWE: eine 4-2-3-1-Formation

Bertram, Tunjic und Rauw auf die Bank zu setzen war nach den bisherigen Saisonleistungen der drei Spieler konsequent. Sie wurden durch Czichos, Oumari und Strangl ersetzt, wobei vor allem Letzterem eine auffällige Partie nachgesagt wird. Dass er durch seine Dynamik dem Mittelfeldspiel gut tun könnte, hatte er bereits im Spiel gegen West Ham angedeutet.

Offensichtlich hat Preußer aber auch die taktische Ausrichtung der Mannschaft verändert. In allen Spielen unter Stefan Emmerling startete das Team mit einem 4-4-2: zwei Stürmer und eine flache Mittelfeldviererkette (also keine Raute) standen vor der Abwehr. Gestern verzichtete Preußer auf Tunjic, Morabit war der einzige nominelle Stürmer (der sich wohl ab und an mit Drexler ablöste). Es blieb bei zwei Sechsern (Engelhardt und Pfingsten-Reddig), davor spielten Czichos und Drexler auf den Flügeln und Möhwald als zentraler offensiver Mittelfeldspieler. Exakt die Position, die er unter Preußer auch bei den A-Junioren innehatte. Preußer stellte mithin auf ein 4-2-3-1-System um.

Allein die zahlenmäßige Aufwertung des Mittelfeldes scheint eine gewisse Konsolidierung der Defensiv-Offensiv-Balance mit sich gebracht zu haben, einhergehend mit einem deutlich konsequenteren Zweikampfverhalten. Gern möchte ich auch den Schilderungen glauben, die eine Verbesserung des Flügelspiels beobachtet haben wollen. Aber es wäre vermessen daraus bereits einen Trend ablesen zu wollen. Dazu kann ich erst nach dem Spiel gegen den BVB Verbindlicheres sagen. Hoffe ich jedenfalls.

Preußer ist Rombachs Favorit

Rolf Rombach hat offensichtlich die Absicht Christian Preußer als Cheftrainer zu berufen, sollte die Mannschaft am Samstag gegen den BVB gewinnen. Und würde damit das wohl größte Risiko seiner RWE-Präsidentschaft eingehen. Einerseits. Andererseits ist jede Entscheidung für einen neuen Trainer in dieser Situation ein Risiko. Man mag von den fachlichen, rhetorischen und menschlichen Qualitäten eines Coaches noch so überzeugt sein, eine Gewähr für sportlichen Erfolg sind sie nicht. Trotzdem wäre das eine sehr mutige Entscheidung, denn Christian Preußer hat keinerlei Meriten als Trainer im Profibereich vorzuweisen, ja mehr noch: er war nicht mal Profifußballer.

Aber, das waren Mirko Slomka und Ralf Rangnick ebenfalls nicht (vielen Dank an “RWE-Chris” für den Hinweis). Beide zählen zu den profiliertesten Fußballlehrern des Landes. Arrigo Sacchi, Trainer der brillanten Mannschaft des AC Mailand Ende der 80iger Jahre, sagte man nach, dass er nur mit Mühe geradeaus laufen konnte, geschweige denn in der Lage war, unfallfrei vor einen Ball zu treten. Andere Beispiele erfolgreicher Trainer ohne vorhergehende Profikarriere sind Volker Finke und Christoph Daum.

Ein grandioses Beispiel wie ein A-Jugendtrainer einen Verein vor dem Abstieg rettete, lieferte in der vergangenen Saison der SC Freiburg. Nach der Hinrunde noch abgeschlagener Tabellenletzter, holte Christian Streich mit dem Sportclub 27 Punkte in der Rückrunde und wurde für diese Leistung – völlig zu Recht – Dritter bei der Umfrage zum Trainer des Jahres. (Bei mir hätte er sie übrigens gewonnen.) Deshalb: Die mangelnde Erfahrung im Profibereich ist aus meiner Sicht kein stichhaltiges Argument gegen Christian Preußer.

Viel essenzieller für den Erfolg Preußers wird sein, dass Mitglieder, Vorstand, Aufsichtsrat und Anhängerschaft des Vereins auch noch hinter dieser Entscheidung und ihrem jungen Trainer stehen, wenn mal zwei Spiele nacheinander verloren gehen. Dieser Fall wird eintreten, früher oder später.

Last but not least: Die Mannschaft muss den Trainer akzeptieren. Das lässt sich nicht verordnen. Der Vorstand sollte sich sehr sicher sein, dass gerade die erfahrenen Spieler hinter Preußers Stil und Konzept stehen. Dabei sollte man leicht dahin gelabernden Lippenbekenntnissen misstrauen. Die werden bereits bei geringsten Differenzen keinen Wert mehr besitzen.

Zusammenfassung im Konjunktiv (weil es allein von der sportlichen Entwicklung abhängig ist, ob es dazu kommt): Aus rein fachlicher Sicht würde ich eine Berufung Christian Preußers für völlig gerechtfertigt erachten. Trotzdem ginge der Verein, namentlich Rolf Rombach, damit ein exorbitantes Risiko ein. Ein größeres Risiko jedenfalls, als mit der Berufung eines anerkannten, erfahrenen Fußballlehrers. Im Falle des Misserfolges (Definition Misserfolg: der RWE setzt sich auf den Abstiegsplätzen fest) werden alle die es mit Rolf Rombach nicht so gut meinen (und das scheinen angesichts der Wortmeldungen der letzten Tage nicht wenige zu sein) einen Shitstorm bisher ungeahnten Ausmaßes in seine Richtung lostreten.

Dem Präsidenten des RWE steht also – möglicherweise – in den nächsten Tagen eine Entscheidung bevor, um die ich ihn nicht beneide.

RWE vs. Heidenheim 0:4 / The Dark Night Rises?

Großartige Choreo der Ultras / © www.fototifosi.de (Mit freundlicher Genehmigung)

Nach so einem Spiel, verbleiben drei Optionen darüber zu schreiben: Draufhauen, Positives zusammenkratzen oder eine raffinierte Mischung aus beidem. Das ist alles nicht wirklich zufriedenstellend. Die Wucht dieser deprimierenden Niederlage lässt Worte als das erscheinen, was sie in Wirklichkeit ja auch sind: unzureichende Konstrukte unseres Geistes.

Okay, ich wollte nur auch mal ein bisschen rumjammern. Hilft aber nichts.

Die ersten 120 Sekunden sahen vielversprechend aus, danach wurde es mitten am Tag Nacht im Steigerwaldstadion. Das lag in erster Linie an den erfahrenen Spielern des FC Rot-Weiß Erfurt und nicht an Möhwald, Göbel, Jovanovic oder Czichos. Insofern hat mich Bernd Rauws Interview in der heutigen Ausgabe der Thüringer Allgemeinen ziemlich auf die Palme gebracht. Dort stellt er – nach der mangelnden Erfahrung der jungen Spieler befragt – gönnerhaft fest: «Solche Fehler wie vor dem 2:0 passieren, die Jungs müssen daraus lernen.» Bevor wir zum zweiten Tor kommen, beschäftigen wir uns ganz kurz mit der Entstehung des Ersten: Der RWE hat – in Person von Bernd Rauw – Ballbesitz in der Abwehr. Rauw schlägt einen Alibipass ins Mittelfeldzentrum. Sehr unwahrscheinlich, dass den ein Mitspieler bekommt. Noch unwahrscheinlicher, dass er ihn – angesichts der Überzahl an Heidenheimer Spielern – behaupten hätte können. Prompt kommt der Gegenangriff: Rauw und ein Heidenheimer stoßen unglücklich zusammen. Freistoß. Der Rest ist bekannt. Ein ähnliches Muster vor dem zweiten Tor. Rauw muss vor dem Zuspiel auf Möhwald erkennen, dass dieser – in einer sehr gefährlichen Zone – sofort unter Druck geraten wird. Er erkennt es nicht (oder schlimmer: es ist ihm egal), weshalb er auch an diesem Gegentor eine Mitschuld trägt. Die Spielverlagerung nach links auf den freien Bertram wäre hier die wesentlich sinnvollere Variante gewesen. Also, lieber Bernd Rauw: Bitte erst mal die eigenen Fehler abstellen, bevor man denen der Anderen öffentlich Absolution erteilt.

Tom Bertram. Ich hatte in der Vorsaison schon mal darauf verwiesen, dass es Phasen wie diese in Bertrams Karriere schon öfter mal gab. Unvermittelte Leistungseinbrüche, haarsträubende Fehler, lethargisches Zweikampfverhalten sind ihre charakteristischen Merkmale. Er wird sich das vermutlich selbst nicht erklären können. Umso ratloser stehen wir damit da. Nur eines ist klar: er muss aus diesem Leistungsloch heraus – und zwar: so schnell wie irgend möglich.

Die Auswechslung Göbels zur Halbzeit war gerechtfertigt. In erster Linie, um den Spieler zu schützen. Es war nämlich wie so oft auf der Erfurter Haupttribüne: Diejenigen, die in der letzten Saison vehement nach jungen Spielern verlangten, sind die Ersten, die die Auswechslung dieser Spieler fordern, sobald sie Fehler machen. Vermutlich, weil sie selbst perfekte Geschöpfe des Herrn sind – auch wenn sie nicht so aussehen. Noch eines zu Patrick Göbel: Wir haben jetzt gefühlte Ewigkeiten mit mies ausgeführten Ecken und Freistößen leben müssen. Patrick Göbel kann dieses Defizit – zumindest teilweise – beheben, dies hat er in der A-Jugend-Bundesliga eindrucksvoll nachgewiesen. Er wird das auch in der 3.Liga tun, wenn ihm die dafür notwendige Zeit und Geduld eingeräumt wird. Für Göbel kam Strangl, der hatte sich gegen West Ham durchaus empfohlen, er konnte diese Leistung aber am Samstag leider nicht bestätigen.

Jetzt soll noch ein Innenverteidiger geholt werden. Das ist ein vernünftiges Unterfangen. Wichtiger wäre allerdings, Drexler und Morabit zu halten. Der Weggang der beiden würde eine – möglicherweise entscheidende – Schwächung der Mannschaft bedeuten, von der ich nicht weiß, wie sie ausgeglichen werden soll. Selbst wenn Paderborn die geforderten 400.000 EUR zu zahlen bereit wäre (was Wilfried Finke durchaus zuzutrauen ist), würde ich Morabit nicht ziehen lassen. Das Risiko, eventuell keinen – auch nur halbwegs adäquaten – Ersatz für ihn zu bekommen ist unkalkulierbar.

Jetzt geht es zum HFC. Die Hallenser hatten einen guten Start in die Liga. Wie schon in der Aufstiegssaison bauen sie auf eine kompakte, kaum zu überwindende Defensive. Wir müssen nicht lange herumreden: Der RWE wird dieses Spiel verlieren, wenn die fast schon atemberaubende Anhäufung individueller und taktischer Fehlleistungen nicht auf ein Normalmaß reduziert werden kann. Es könnte zudem nicht schaden, wenn ein wenig Glück hinzukäme. Da stehen wir also nach zwei Spieltagen, null Punkten und sieben Gegentoren: Wir rufen die Glücksgötter an. Holy shit!

Im Gegensatz zur Performance des RWE auf dem Rasen, fand ich die Choreo der Ultras definitiv bundesligareif. Ohne mich gleich mit allen Zielen einverstanden erklären zu müssen. Sie boten ein inhaltlich wie ästhetisch großartiges Gesamtkunstwerk, das die derzeitige Konstellation im deutschen Fußball treffend kommentiert: Der DFB macht momentan auf harter Hund und stellt sich – recht unreflektiert – gegen eine große, sehr aktive Gruppe von Fans. Die etwas nordkoreanisch anmutende Gesprächsverweigerung des DFB konterten die Erfurter Ultras mit Fantasie und Ironie. Wenigstens ein Sieg an diesem Nachmittag.