Archiv für Juni 19, 2012

EM 2012: Gedanken in Stichworten

  • Großkotzig: Mehmet Scholl hat mich einst mit den Bayern versöhnt. So ein bisschen wenigstens. Inmitten der ARD-ZDF-Seichtigkeit ist er auch bei diesem Turnier gelegentlich ein Trost. Und trotzdem: Seine mantrahaft vorgetragene Unterscheidung in guten und schlechten Fußball nervt. Die Griechen spielen keinen schlechten (oder gar bösen) Fußball, sie spielen nicht einmal wirklich unattraktiven Fußball. Sie holen aus ihren Möglichkeiten das Maximale heraus. Davor habe ich großen Respekt, im Fußball wie auch sonst im Leben.
  • Weltekel I: Mein Lieblingstrainer bei diesem Turnier – der Portugiese Fernando Santos, Trainer der Griechen. Der wohl am mürrischsten und übellaunigsten dreinschauende Übungsleiter der Welt. Große Geste, öfter zu sehen: nach einem Fehler seiner Mannschaft vergräbt er sein Gesicht für lange Sekunden in den Händen. Danach hat er wieder eine Falte mehr in der Fassade. Wäre eine Rolle für Charles Bronson gewesen.
  • Unverständnis: Immer mal wieder wird der Ballbesitzfußball (possession play) der Spanier kritisiert und wahlweise als langweilig, stumpfsinnig oder nervend denunziert. Ich halte das für ausgemachten Unfug. Selbst wenn (weil der Gegner gut verteidigt, wie Italien, wie Kroatien) das Tika-Taka mal keine Großchancen in Reihe erzeugt, bleibt die Mannschaft in des Gegners Hälfte in Ballbesitz, was die Chancen eines Gegentores per se drastisch reduziert. Ich werde langsam alt (Brille, Laktoseintoleranz, zu schnelles Auto), ich sollte darüber nachdenken, Fan eines so spielenden Teams zu werden. Oder warum sonst haben spanische Männer die höchste Lebenserwartung in Europa?
  • Weltekel II: Diesmal rede ich von meinem. Waldis EM-Klub ist so ziemlich die Größte Erdenkliche Zumutung (GEZ), die sich Redakteure einfallen lassen können, um Sendezeit nach einem EM-Spiel zu füllen. Matze Knop ist als Comedian eine Ausgeburt der deutsche Humorhölle, so witzig wie eine Darmspiegelung und so subtil wie die Rechte von Wladimir Klitschko. Gegen ihn erscheint selbst Mario Barth als Reinkarnation von Loriot. Dann beginnt jeder zweite “Stargast” seine Ausführungen mit dem Satz: “Eigentlich habe ich ja gar keine Ahnung von Fußball”. Müsste niemand sagen, merkt der Zuschauer auch so. Danke, ARD!
  • Schlampigkeit: Ich vermisse bei der deutschen Mannschaft die Präzision und Geschwindigkeit im Umkehrspiel. Das war bei der WM deutlich besser. Schon klar, die Gegner stehen tiefer und verteidigen nicht mehr so naiv wie England und Argentinien. Umso wichtiger wäre, die Kontermöglichkeiten, die es dann doch gibt, konzentrierter vorzutragen. So wurde, gegen die in der ersten Halbzeit desolaten Holländer, eine deutlichere Führung leichtfertig vergeigt.
  • Mentalität: Die Holländer sind nach Hause gefahren, weil sie keine Spieler wie Bender, Badstuber, Hummels oder Khedira haben. Wer dort was werden will, muss Stürmer (oder zumindest offensiver Mittelfeldspieler) werden. Ihre Angriffsreihe ist Weltklasse, alles dahinter kommt über europäisches Mittelmaß nicht hinaus. Das genügte bei der WM noch, bei dieser EM, mit ihrer schier unglaublichen Leistungsdichte, war es zu wenig.
  • Späte Liebe: Dass ich das jemals schreibe, war nicht wirklich zu vermuten: Ich finde die Spielweise der Italiener bei diesem Turnier großartig. Die Zuneigung scheint gegenseitig zu sein, denn bei allen bisherigen Spielen der Azzurri habe ich exakt das richtige Resultat getippt. Kein Zweifel, Balotelli und Cassano sind außerhalb des Spielfeldes (und manchmal auch darauf) veritable Assis. Davon abgesehen muss man jedoch zugeben, dass sie ein infernalisch gutes Sturmduo bilden. Über die Qualitäten von Spielern wie Pirlo und de Rossi muss man kein weiteres Wort verlieren. Cesare Prandelli hat eine Mannschaft zusammengestellt, die mindestens so schwer zu besiegen sein wird wie die Spanier. Meiner Meinung nach sind die Italiener besser als 2006. Der einzige Trost für ein evtl. Halbfinale gegen Italien ist, dass das auf die deutsche Mannschaft ebenfalls (und hoffentlich in noch größerem Maße) zutrifft.
  • Unfug: Der von der UEFA angewandte Qualifikationsmodus bei Punktgleichheit nach drei Gruppenspielen ist schwachsinnig. Was genau sollte man zwei Mannschaften vorwerfen, denen beispielsweise ein 1:1 zum Weiterkommen reicht und die sich – ohne jede Verschwörung, ohne dass auch nur ein Wort fällt – auf dem Platz, quasi symbiotisch, auf dieses Resultat einigen, nachdem es sich aus dem Spiel heraus so ergeben hat. Während der punktgleiche Gegner gegen den Gruppenvierten ein nutzloses Tor nach dem anderen erzielt. So ein Szenario auch nur theoretisch zuzulassen, ist fahrlässig.
  • Zwischenbilanz: Das ist eine großartige EM mit fast durchweg spannenden Spielen. Klar, viele Spiele in der Champions League sind qualitativ besser. Klubmannschaften sind eingespielter und müssen sich nicht darauf verlassen, dass es in ihren Landesgrenzen Eltern gibt, die begabte Linksverteidiger zur Welt bringen. Andererseits ist das Überraschungs- und Erregungspotenzial großer Länderturniere viel höher. Das Herz schlägt einfach schneller. Jedenfalls bei mir.

Rot-Weiße Aussichten (II) – Nachrichten from Hell

Das hatte ich mir fein ausgemalt: Ein letztes, optimistisches und versöhnliches Posting zum RWE, bevor die EM unsere Aufmerksamkeit aufzehrt. Dann kamen die ersten Gerüchte um Dominick Drexler und Greuther Fürth, die dann sehr schnell vom Verein bestätigt wurden. Auch der Verbleib Smail Morabits in Erfurt ist unsicherer denn je. Der Vertrag zwischen ihm und dem FCK soll ausverhandelt sein. Was noch aussteht, ist eine Einigung zwischen den Vereinen.

Dominick Drexler hat in der abgelaufenen Spielzeit ein herausragendes letztes Saisonviertel gespielt. Zwischen dem 29. und 38. Spieltag schoss er sechs seiner acht Saisontore. Seine Leistungen davor waren (mit wenigen Ausnahmen) tristes Mittelmaß, wenn überhaupt. Insofern ist es schon sehr überraschend, dass sich mit dem Greuther Fürth plötzlich ein Erstligist an seiner Verpflichtung interessiert zeigt. Allerdings: Die sportliche Expertise von Mike Büskens und Rachid Azzouzi sollte von niemandem in Abrede gestellt werden. In aller Regel werden dort neue Spieler äußerst bedacht ausgewählt. Machen wir uns also nichts vor – wenn die Absichten der Fürther ernsthaft sind (und gegen diese Annahme spricht derzeit rein gar nichts), wird Dominick Drexler in der nächsten Saison Spieler eines Erstligisten sein. Ich bin zwar nach wie vor skeptisch, dass er sich dort sportlich durchsetzen wird, wünsche ihm jedoch alles Gute dafür. Dass sein Verlust für den RWE keine gute Nachricht wäre, bedarf an dieser Stelle einer besonderen Erwähnung nicht.

In Fall Morabit müsste man leider von einer Katastrophe sprechen, sollte er den RWE in Richtung Betzenberg verlassen. Der RWE sollte alles in seinen Möglichkeiten stehende tun, dies zu vermeiden – und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Verantwortlichen dies ebenso sehen. Die Verpflichtung von Smail Morabit (bei einem Marktwert von quasi null) war im letzten Jahr der Transfercoup der dritten Liga schlechthin, das hat seine sportliche Entwicklung während der letzten Saison eindrucksvoll gezeigt. In meinen Augen ist diese sportliche Entwicklung noch weit davon entfernt, abgeschlossen zu sein. Soll heißen: Da ist sogar noch reichlich Luft nach oben. Trotzdem ist er in der Rangliste von kicker.de der notenbeste Stürmer der letzten Saison.

Kommen wir nun – wie annonciert – zur bisher spektakulärsten Neuverpflichtung: Mijo Tunjic. Nach allem was ich bisher über ihn gelesen und gesehen habe, muss man konstatieren, dass er, was seine sportlichen Qualitäten betrifft, quasi ein Wiedergänger von Marcel Reichwein ist. Und somit eine höchst nachvollziehbare Verpflichtung darstellt. Trotz seiner 1,86 Meter Körpergröße ist er ein technisch begabter, mitspielender Centerstürmer, der sich vor allem als Wandspieler initiativ in die eigenen Angriffsbemühungen einschaltet. Er ist kopfballstark und wird dies beim RWE auch in der Defensive (vor allem bei gegnerischen Standards) unter Beweis stellen müssen. In diesem Blog wird – aus naheliegenden Gründen – in der Regel eher weniger über charakterliche Qualitäten von Spielern spekuliert. Bei Mijo Tunjic jedoch, gewinnt man schon den Eindruck, dass seiner sportlichen Performance eine positive öffentliche Wahrnehmung förderlich ist. Vielleicht mehr als dies bei anderen Spielern der Fall ist. Nun, nach zwei Jahren trostloser Unterhachinger Heimspielatmosphäre, soll es daran beim RWE nicht mangeln. Aber, er ist eben ein Mittelstürmer und als solcher auf Vorlagen und sonstige Zuarbeiten anderer Offensivspieler zwingend angewiesen. Und es ist eben ein Unterschied, ob ich einen Mittelstürmer in ein erprobtes Spielsystem einpassen kann, oder ob ich, hinsichtlich fast aller Personalien das letzte Spieldrittel betreffend, quasi bei Null anfange. Was der Fall wäre, wenn Morabit und Drexler den Verein verlassen.

Die Entscheidung der sportlichen Leitung, vier der begabtesten A-Junioren mit einem Profivertrag auszustatten, ist so konsequent wie erfreulich. Philipp Klewin, Maik Baumgarten, Kevin Möhwald und Patrick Göbel haben unter der Leitung von Christian Preußer eine herausragende Saison gespielt und zur Überraschung vieler (auch meiner eigenen) mehrheitlich auf Augenhöhe mit den Nachwuchsteams von Erstligisten agiert. Trotzdem ist ihre sportliche Perspektive im Kader der Profimannschaft sehr unterschiedlich.

Philipp Klewin muss sich als dritter Torhüter (hinter Sponsel und Rickert) erst einmal mit einer Reservistenrolle begnügen. Da es sich aber lohnt dabei nicht vorschnell die Geduld zu verlieren, hat Andreas Sponsel bewiesen, der sehr ausdauernd auf seine Chance gewartet hat, diese dann aber konsequent zu nutzen wusste.

Maik Baumgarten ist ja schon länger im Fokus der ersten Mannschaft. Sein Pech in der letzten Saison war, dass er ausgerechnet bei einer desolaten Vorstellung der gesamten Mannschaft in der Startelf stand (1. Halbzeit in Unterhaching). Auf seiner Position im zentralen Mittelfeld wird auch er sich zunächst schwer tun gegen die Konkurrenz von Engelhardt und Pfingsten-Reddig. Er ist aber ein körperlich robuster, technisch und taktisch ungemein solide ausgebildeter Mittelfeldspieler, der vor allem in der Arbeit nach hinten seine großen Stärken hat. Für ihn böten – meines Erachtens nach – die beiden defensiven Außenbahnen durchaus Alternativen zur Position im zentralen Mittelfeld.

Kevin Möhwald ist derjenige unter den vier Rookies, dem ich eigentlich sofort eine Chance in der ersten Mannschaft bieten würde. In Christian Preußers Team ist er verantwortlich für den zentralen offensiven Spielaufbau, inklusive der Spielverlagerungen auf die Außenpositionen. Mehr ein Achter als ein Zehner. Das Problem ist, dass es diese Position in Emmerlings 4-4-2 eigentlich nicht gibt. Diese Aufgabe teilen sich der offensive Sechser (meist Pfingsten-Reddig) und die hängende Spitze (meist Morabit). Allerdings könnte auch in Möhwalds Fall eine Außenposition (in dem Fall die offensive) eine Option sein, ihn in die Mannschaft einzubauen. Die Umstellung auf ein 4-2-3-1 – mit ihm als zentralen offensiven Mittelfeldspieler würde seinen Fähigkeiten allerdings am ehesten Rechnung tragen. Jedoch – in Anbetracht der völlig offenen Personalfragen in der Offensive – ist all das pure Spekulation.

Patrick Göbel. Für mich die Sphinx unter den vier Jungs. 13 Tore, 11 Torvorlagen in der gerade beendeten Saison – überragende Werte für einen linken Mittelfeldspieler. Göbel (1,73 Meter) ist ein grandioser Techniker, der schon allein mit seinen sensationellen Standards neue Impulse in der Profimannschaft setzen könnte. Aber: Technisch begabte Mittelfeldspieler bevölkern zu Dutzenden Ober- und Landesligen. Viele von ihnen setzen sich im Profibereich nie durch, weil sie sich zu sehr auf ihre Begabung verlassen und zu wenig an ihren körperlichen Defiziten arbeiten. Dass Patrick Göbel die fußballerischen Fähigkeiten mitbringt, Profifußball zu spielen, steht für mich außer Frage. Doch sollte man ihm klar machen, dass neben dem Fußballfeld die Hölle des Kraftraums auf ihn wartet, damit dies kein Traum für ihn bleibt.

So, nach der Europameisterschaft geht es weiter mit den Rot-Weißen Aussichten. Vielen Dank an alle Leser dieses Blogs für die fast durchgängig positive Resonanz. Uns allen wünsche ich grandiose Spiele in Polen und der Ukraine, vor allem natürlich von der deutschen Mannschaft. Aber da bin ich sehr optimistisch.

Habt Euch wohl in diesem Sommer.