Archiv für Januar 31, 2012

Der Stadionbau zu Erfurt – A never ending story?

Michael Panse scheint sich in einer verzweifelten Lage zu befinden. Dass er die bevorstehende OB-Wahl in Erfurt nicht gewinnen wird ist jetzt schon absehbar. Es geht nur noch um die Dimension der Niederlage. Damit diese im Rahmen bleibt ist offensichtlich jedes Mittel recht. Acht Monate nach der Vorstellung des Projektes für den Umbau der Stadien in Erfurt und Jena artikuliert Panse nun unvermittelt seine Bedenken. Dabei assistieren ihm – auf Landesebene – seine Parteifreunde Mohring und Geibert nach Kräften. Die Vampire entdecken den Vegetarismus.

Öffentliche Investitionen und Subventionen wohin das Auge blickt

Es gab innerhalb der CDU schon immer Tendenzen den ordnungspolitischen Oberlehrer zu geben. Zumindest in der Theorie. In der Praxis hatte die CDU noch nie Probleme damit, ihre Klientel (oder was sie dafür hält) mit Staatsknete zufrieden zu stellen. Wie natürlich auch die SPD, die Grünen, die Linken, die FDP, usw. usf. damit kein Problem haben. In den vergangenen 20 Jahren wurden in Thüringen unzählige Vorhaben aller Art auf diese Weise finanziert: kostspielige und weniger kostspielige, sinnvolle und weniger sinnvolle, notwendige und überflüssige, erfolgreiche und desaströse. Allein die Bewertung ob eine öffentliche Investition ihr Geld wert war, liegt meist im Auge des Betrachters. Auch ist es eine Illusion – eine dieser Allmachtsphantasien denen Politiker gerne anhängen – vorher genau wissen zu wollen, ob eine Investition langfristig einen Mehrwert erbringt oder nicht. Beispielsweise schien es höchst vernünftig, den Erfurter Flughafen zu modernisieren und diesen Flughafen mittels einer Straßenbahn mit dem Stadtzentrum zu verbinden. Heute, nachdem der Flugbetrieb praktisch eingestellt wurde, ist doch sehr zweifelhaft ob sich die mindestens 250 Millionen Euro für diese dereinst völlig schlüssig scheinende Investition wirklich rentiert haben. Wohl eher nicht.

Stadien gehören zur Infrastruktur einer Stadt

Das heutige Steigerwaldstadion wurde von der Stadt Erfurt erbaut und befand sich immer in deren Besitz. Heute ist es in weiten Teilen marode und der Stadt fehlen die Mittel um an dieser Situation etwas zu ändern. Es ist gleichermaßen unredlich wie unrealistisch vom Hauptnutzer des Stadions (sprich: Mieter), dem FC Rot-Weiß Erfurt, zu verlangen, dass er, an Stelle des Eigentümers eine Sanierung der Immobilie mit eigenen Mitteln durchführen soll. Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind alle Stadionumbauten der letzten Jahre in Deutschland von den Kommunen unter wesentlicher Ko-Finanzierung der Länder und des Bundes durchgeführt worden. So wie es in Erfurt geplant ist.  Sicher, man wünschte sich, wie es immer so schön heißt, ein stärkeres Engagement privater Investoren. Der RWE versucht auf diesem Gebiet einiges. Aber es wäre nichts weniger als ein Wunder, wenn es gelänge, eine Firma zu finden die bereit ist einen hohen zweistelligen Millionenbetrag in eine Stadionsanierung zu stecken. So viele erfolgreiche Hersteller roter Brause gibt es nun auch wieder nicht.

Klar, das für die Förderbewilligung notwendige Konzept ist, sagen wir mal, verquer. Man ist quasi genötigt ein Kongresszentrum mit zugehöriger Rasenfläche zu bauen. Doch mal ehrlich, ist das wirklich verrückter als der Neubau einer Oper für 60 Millionen Euro? Wo doch das nächste Opernhaus (mit Weltklasseorchester) gerade mal 20 km entfernt ist. Mein Großvater ist noch nach Bayreuth gelaufen, um seinen geliebten Wagner zu hören. Eine zwanzigminütige Zugfahrt nach Weimar hingegen, scheint den Erfurter Musikfreunden zuviel der Mühsal.

Das Konzept von Wirtschaftsminister Matthias Machnig, des letzten Rock’n Rollers der deutschen Politik, ist den Umständen geschuldet, die eine Förderung des Anliegens zulassen. Nicht optimal, aber auch nicht völlig abwegig. Die der IFS-Studie zu Grunde liegenden Zahlen erwecken jedenfalls nicht den Eindruck als wären sie pures Wunschdenken. Auf der Habenseite steht zudem die Zerschlagung eines gordischen Knotens: zwei neue Arenen zu überschaubaren Kosten für die beiden Städte Erfurt und Jena und ihre Fußballvereine. Das hätte niemand mehr für möglich gehalten. Jetzt arbeiten die Herren Panse und Mohring mit Nachdruck daran den Knoten erneut zu knüpfen. Beiden ist im Grunde völlig egal, ob diese Stadien gebaut werden oder eben nicht. Die vorgebliche Sachfrage dient nur als Vehikel. Der Eine möchte bei der Erfurter OB-Wahl eine krachende Niederlage vermeiden, die seine ohnehin stockende politische Karriere endgültig ruinieren würde. Der Andere – begabtere – will einfach seinen Intimfeind Machnig abstrafen.

Der Erfurter Fußball hat sich dieses Stadion verdient

Derzeit scheint die ganze Angelegenheit eine für den RWE höchst bittere Wendung zu nehmen. Während man in Jena wie ein Mann hinter dem Projekt steht, geraten in Erfurt die Felle ins schwimmen. Und das obwohl es Rolf Rombach war, der Präsident des RWE, der mir großer Energie für ein neues Stadion gekämpft, gestritten und gelitten hat. Ohne ihn gebe es dieses Zwillingsprojekt nicht. Unter seine Präsidentschaft hat der Verein eine gedeihliche Entwicklung genommen. Schulden wurden abgebaut, die Reputation des Klubs konnte durch Seriosität und Berechenbarkeit wieder hergestellt werden. Anhänger eines Vereins sind selten vollauf zufrieden. Dennoch, auch die sportliche Bilanz kann sich sehen lassen: der RWE ist eine feste Größe in der 3.Liga, spielte im letzten Jahr um den Aufstieg und kann das – mit etwas Glück – auch in diesem Jahr schaffen. Aber selbst für eine sportliche Zukunft in der dritten deutschen Profiliga ist ein renoviertes Stadion unerlässlich. Die Verhältnisse sind nun mal so, dass auf die zusätzlichen Einnahmen durch das Plus an Zuschauern, Businesslogen und Werbung nicht verzichten kann, wer wettbewerbsfähig bleiben will. Der Fußballverein Rot-Weiß Erfurt hat – unter schwierigen Voraussetzungen – in den letzten Jahren viel erreicht. Es ist nicht recht einsehbar, warum ausgerechnet dem Fußball die Unterstützung verwehrt bleiben soll, die anderen, wesentlich weniger populären Sportarten, in Millionenhöhe gewährt wurde.

Wer das jetzige Konzept – als offensichtliches ultima ratio für eine Sanierung des SWS – ablehnt, der sollte deutlich vernehmbar dazu sagen, dass er gegen Profifußball in Erfurt ist. Denn in letzter Konsequenz bedeutet es genau das.

Unverständliche und schwer erträgliche Subventionshierarchien

Ich habe ein bisschen gegoogelt, konnte aber trotz intensiver Recherchen keine Bedenken der hiesigen CDU gegen die – mit 5,4 Millionen nicht eben schnäppchenverdächtige – Renovierung des Radstadions im Erfurter Andreasried entdecken. Bezüglich der vor allem als Trainingsbahn genutzten Gunda Niemann-Stirnemann Halle für Eisschnellläufer sind ebenfalls keine warnenden Einlassungen überliefert. Beide vollständig mit Steuermitteln modernisiert bzw. errichtet, versteht sich. Randsportarten mit Nachwuchs- und Dopingproblemen werden in Erfurt seit Jahrzehnten mit Wonne alimentiert. Nur beim Fußball hält man sich zurück. Warum das so ist? Weil es sich dabei um gute Sportarten handelt. Gute Sportarten sind in den Augen der Erfurter Polit-Eliten Sportarten, für die sich möglichst wenige Menschen interessieren. In weiten Kreisen der im Stadtrat vertretenen Parteien «genießt» Fußball noch immer den Ruf eines proletarischen Massenvergnügens, das man nicht auch noch mit Steuergeld begünstigen sollte.

Nun, in Jena ist man da deutlich weiter. Wieder einmal. Dort war es sogar möglich, sich im letzten Moment zu revidieren und das völlig sinnfreie Beharren auf einer Laufbahn in der neuen Fußballarena aufzugeben. Dort bekommt die Leichtathletik ein neues, modernes, aber kleines, ihrer jetzigen und absehbaren Bedeutung angemessenes Stadion. Diesen Vorschlag gab es in Erfurt auch. Er hatte keine Chance und daran hat sich bis heute nichts geändert.

RWE – VfB Stuttgart II 3:1 / Ein Wintervergnügen

Der kleine Teufel in mir flüsterte leise, aber unüberhörbar: «Es ist arschkalt da draußen, das Spiel wird im Internet live übertragen (wow, ganz schön up-to-date – der Leibhaftige), sie werden wieder nicht gewinnen und ein Grottenkick wird es sowieso.» Ich ließ mich nicht beirren, meine Hoffnungen auf den ersten Heimsieg seit Ende August waren zwar nicht überschwänglich, man kann sich jedoch nicht gut über Event-Fans lustig machen, um dann bei den ersten Minusgraden selbst zu kneifen.

Der Erfurter OB zeigt Flagge

Auch der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein schien ausreichend Gründe für einen Besuch dieses Heimspiels zu haben. Er gilt nicht wirklich als Fußballfanatiker, hat sich aber – gemeinsam mit RWE-Präsident Rombach und Wirtschaftsminister Machnig – auf den schnellstmöglichen Um- und Ausbau des Steigerwaldstadions festgelegt. Es wäre übertrieben zu behaupten, seine politische Zukunft hinge von diesem Projekt ab, aber auf Grund der plötzlich von der CDU entdeckten ordnungspolitischen Skrupel wird uns (und ihm) diese Kontroverse als Wahlkampfthema an prominenter Steller erhalten bleiben. Er zeigte Gesicht und das ist – angesichts der leicht hysterischen Diskussion – auch gut so.

Keine Überraschungen in der Startaufstellung

Nach der internen Suspendierung Oumaris rückte Bernd Rauw in die Innenverteidigung (und machte dort ein makelloses Spiel). Auf der rechten Abwehrseite entschied sich Emmerling für Ofosu-Ayeh, der, nach nervösem Beginn, eine solide Leistung bot. Engelhardt, spielte, wie bereits in Bremen, links in der Viererkette. Somit konnte Caillas ins linke Mittelfeld vorrücken, was sich als segensreich für die spielerische Performance des RWE herausstellen sollte. Allein sein Steilpass auf Reichwein war das Eintrittsgeld wert. Formal bot Emmerling ein leicht asymmetrisches 4-4-2 auf, in dem Weidlich – bei Angriffen des RWE – nicht selten auf Höhe der beiden nominellen Stürmer agierte. Diese wiederum zeigten sich taktisch sehr flexibel, einer von beiden ließ sich stets als offensive Relaisstation (sprich: Zehner) ins Mittelfeld zurückfallen, was bei ihrer spielerischen Stärke zu einem ungemein belebenden Element des Erfurter Spiels an diesem Nachmittag wurde.

Chancenlose Stuttgarter

Mit dem rekonvaleszenten Delpierre und Rathgeb standen zwei Spieler mit Bundesligaerfahrung in den Reihen des VfB. Sein erstes Spiel in der 3.Liga machte Rani Kedhira, der kleine Bruder des Real-Stars und deutschen Nationalspielers. Aber weder von vermeintlich großen Namen noch von der depressiv stimmenden Statistik ließen sich die Erfurter beeindrucken. Praktisch von Beginn des Spiels an, dominierten sie den Gegner nach Belieben. Nur bei Standards ging vom VfB so etwas wie Gefahr aus. Kein Zufall also, dass aus einer Ecke das Tor der Stuttgarter fiel. Die erste Halbzeit des RWE ließ keine Wünsche offen und die Kälte vergessen. Aus einer sehr guten Mannschaft möchte ich dann doch Smail Morabit herausheben. Seine Vorarbeit zum zweiten Tor war bemerkenswert, auch wenn sie nicht sonderlich spektakulär aussah. Nachdem er den Ball tief in der eigenen Hälfte bekommen hatte, lief er zunächst in zentraler Position auf das Stuttgarter Tor zu. Vor ihm boten sich Pfingsten-Reddig und Weidlich an. Die Stuttgarter Verteidiger konzentrierten sich auf die Absicherung des Raumes auf dieser Seite, hatten aber – schon numerisch – keine Möglichkeit Reichwein auf links adäquat zu decken. Genau diesen räumlichen Vorteil erkannte Morabit: Er verzögerte kurz, spielte dann Reichwein den Ball in den Fuß. Dass der mit solchen Situationen etwas anzufangen weiß, konnte man in dieser Szene aufs Schönste sehen. Alles in allem ein perfekt vorgetragener Konter des RWE, Lehrbuchmaterial. Das machte beim Zuschauen richtig Spaß.

Entlastung durch und für die beiden Sechser

Kaum schlechter (wenn auch etwas einfacher, weil viel mehr Raum vorhanden war), sah das erlösende 3:1 (wiederum Reichwein) aus. Die brillante Vorarbeit dazu liefert Nils Pfingsten-Reddig mit einem gefühlvollen Pass. Meine Meinung zu ihm habe ich hier schon mehrfach kund getan: Kaum ein schlechtes Spiel in anderthalb Jahren RWE, dafür viele richtig gute. Er ist das Herz des RWE-Mittelfeldspiels: effizient, leise, unspektakulär, präzise. Emmerling hatte offensichtlich die Verantwortlichkeiten der beiden zentralen Mittelfeldspieler neu justiert. Zedi verzichtete weitgehend auf Ausflüge in den gegnerischen Strafraum, dachte und spielte in erster Linie defensiv und beeindruckte den Stuttgarter Nachwuchs mit wuchtiger Körperlichkeit. Diese Maßnahme war geeignet, unserer Innenverteidigung einen weitgehend sorgenfreien Nachmittag zu ermöglichen.

Dafür hatte Pfingsten mehr Freiheiten nach vorn. Mit Weidlich und Caillas, sowie wechselweise Morabit oder Reichwein boten sich ihm immer mehrere Anspielmöglichkeiten für die Spieleröffnung. Daran hatte es in den letzten Heimspielen vor allem gemangelt. Man muss natürlich einschränkend sagen, dass die Stuttgarter ein deutlich offensiverer und mitspielwilligerer Gegner waren als z.B. Chemnitz oder Babelsberg. Aus ihrer Sicht war das ein Fehler, denn dass die gegenwärtige Mannschaft des RWE fußballspielen kann (so man sie denn lässt) sollte sich bis ins Schwabenland herumgesprochen haben.

Ein Hoch den Greenkeepern des Steigerwaldstadions

Das jetzt folgende liegt mir seit längerem auf der Seele. Ich finde nämlich, dass die Verantwortlichen für die Spielfläche des SWS seit Jahren einen sehr, sehr guten Job machen. Schaut man sich in diesen Tagen so manchen Acker in anderen Stadien an – selbst in der 1. Bundesliga -, kann man ihnen nur ein Kompliment machen. Das Stadion mag alt und die Liga drittklassig sein, der Rasen im SWS ist selbst bei widrigsten Wetterverhältnissen passabel bespielbar. So auch am Samstag und dies war gleichfalls ein Grund dafür, dass knapp 4.000 Zuschauer die vielleicht beste Saisonleistung des RWE zu sehen das Vergnügen hatten.

Bildquellen: Foto von Marco Engelhardt – kicker.de; Spielfotos – mdr

Werder Bremen II – RWE 1:1

Kein Liveticker, kein Liveradio, nur spärliche Informationen fanden den Weg von Platz 11 des Weserstadions auf die Monitore der zu Hause gebliebenen RWE-Anhänger. Was die Qualität der Berichterstattung betraf, fühlte ich mich in die längst vergangene Zeit versetzt, als deutsche Fußball-Nationalmannschaften in Albanien oder auf Malta spielten. Auf staubtrockenen Hartplätzen ging es um Punkte für die EM- oder WM-Qualifikation. Rundfunk-Korrespondenten knarrten schwer verständliche Umständlichkeiten durch den Mittelwellen-Äther, so denn die brüchige Telefonverbindung nach Tirana oder La Valetta überhaupt zu Stande kam. Nie gab es Erhebendes zu vermelden, allenfalls ein knapper Pflichtsieg war dort zu holen. Und manchmal blamierte man sich bis auf die berühmten Knochen – wie beim 0:0 der DFB-Elf am 17.12.1967 in Tirana.

Den Ausgleich schoss Johann Morabit

Aber jeden Samstag, ab 16.30 Uhr, wird ja Licht am Ende des Tunnels. Sport im Osten, jenes journalistische Glanzstück unseres geliebten heimatlichen Kuschelsenders würde verlässliche Informationen über das Spielgeschehen in La Valetta Bremen liefern. Allerdings, ja klar, da gab es zunächst wichtigere Dinge über die es zu berichten galt. Bevor der mdr die Zeit fand, sich den Spielberichten der Profifußballer aus Chemnitz, Erfurt und Jena zuzuwenden, musste das sportliche Highlight des Wochenendes opulent versendet werden: ein Frauenfußballhallenturnier. Handgestoppte 26 Minuten verwendeten die Schmocks des mdr auf diesen Charity-Event, der den sportlichen Wert einer südthüringischen Kreismeisterschaft im Handyweitwurf noch deutlich unterschritt. Mir ist schon klar, dass Lira Bajramajs Sex-Appeal um Nuancen höher liegt, als jenes von – sagen wir mal – Rudi Zedi, trotzdem scheinen dem mdr die Maßstäbe für die Relevanz von Sportveranstaltungen endgültig abhanden gekommen zu sein.

Auf 26 Minuten Frauenhallenfußball folgten dann 11 Minuten Profifußball mit dem RWE. Es sollte nicht der letzte Fauxpas des mdr an diesem Nachmittag bleiben. Der Reporter aus Bremen hatte wohl nicht die nötige Zeit, sich mit den Spielernamen der Teams näher vertraut zu machen, jedenfalls hieß Smail Morabit bei ihm durchgängig Johann mit Vornamen. Wahrscheinlich eine Verwechslung mit Oumaris Rufnamen, der Joan lautet und von logopädisch sparsam ausgebildeten Sprechern auch schon mal Johann artikuliert wird.

Kleiner Kader – bei Sperren, Geburten und Verletzungen wird es eng

Der RWE hat mit 23 Akteuren, neben Saarbrücken, den kleinsten Kader aller Drittligisten. Caillas und Drexler waren gesperrt, Manno nach seiner Verletzung noch nicht fit und Danso Weidlich einen Tag vor dem Spiel Vater geworden. So musste Emmerling auf vier Stammkräfte verzichten, von Jovanovic und Serge Yohoua redet ja irgendwie niemand mehr. So kam es, dass die personell-taktische Ausrichtung der Mannschaft zum einen sehr gewöhnungsbedürftig war, zum anderen saßen auf der Bank eigentlich nur noch ein paar Jungpioniere Nachwuchsspieler, von denen allein Hauck in der 87. Minute einer Einwechslung für wert befunden wurde. Das macht ein weiteres Dilemma im Kader des RWE deutlich: nach den ersten 15 kommt nicht mehr viel. Können von den Stammkräften einige nicht spielen, wird es schnell sehr, sehr eng. Und auch wenn es so klingen mag, das ist keine Kritik an der sportlichen Leitung des Vereins. Es bleibt strategisch richtig, sich bei den Neuverpflichtungen für Spieler wie Oumari, Manno, Rauw, Morabit und Engelhardt zu entscheiden, die zwar teuer sind, bei denen man aber davon ausgehen kann, dass sie der Mannschaft sofort helfen können, anstatt eine größere Anzahl preiswerterer Spieler zu verpflichten, von denen es möglicherweise niemand in die erste Mannschaft schafft. Mehr gibt der Etat eben nicht her. Die Aufgabe unseres Trainers wurde zudem dadurch verkompliziert, dass sich Engelhardt für eine laufintensive Mittelfeldposition noch nicht fit genug fühlte, so dass er Ströhls Stelle auf der linken Abwehrseite einnahm. Alles in allem waren das nicht die allergünstigsten Vorzeichen, den derzeit deutlich negativen Trend zu stoppen.

Dem Spielverlauf entsprechendes Remis

Ob man das Unentschieden als Punktgewinn oder -verlust ansieht, liegt im Auge des Betrachters. Eingedenk der nach wie vor nicht völlig gegenstandslosen Ambitionen in Richtung Relegationsplatz kommt man wohl nicht umhin, von einem enttäuschenden Resultat beim Tabellenletzten zu sprechen.

Es ist schwierig die Leistungen einzelner Spieler fair zu bewerten. Engelhardt trifft jedenfalls definitiv keine Schuld am schnellen Rückstand. Der Bremer Ayik hatte bereits unsere beiden Innenverteidiger hinter sich gelassen und war dabei allein auf Sponsel zuzulaufen, als Engelhardt von links einrückte und dies zu verhindern suchte. Sein Abfälschen des Balles über unseren Torhüter hinweg war einfach nur verdammtes Pech.

Nach dem sehenswert heraus gespielten Ausgleich durch Morabit war Erfurt der Führung deutlich näher als die Bremer. Zedi und Morabit hatten danach noch zwei erstklassige Chancen. Überhaupt, Morabit, er hatte schon gegen die Bayern zu gefallen gewusst, und bestätigte mit seiner Leistung in Bremen diesen Aufwärtstrend. Wenn in dieser Saison noch etwas nach oben gehen soll beim RWE, dann wird Morabit dabei eine wichtige Rolle zukommen. Deshalb kann man nur hoffen, dass sich unser talentiertester Offensivallrounder nicht noch einmal verletzt. Take care, Smail. Auch Reichwein wusste mit dem für ihn typischen Spiel zu gefallen: mannschaftsdienlich, kopfballstark, engagiert. Beim Rest scheiden sich die Geister: dem Notengeber der Thüringer Allgemeinen gefielen Ströhl und Ofosu-Ayeh besser als Zedi und Pfingsten, sein Pendant beim Kicker bewertete die Leistungen unseres Mittelfelds genau anders herum. Herrje, wenn man nicht alles selbst macht.

Jetzt kann es schnell gehen und wir liegen aussichtslos hinten

Unnötig über die weiteren Aussichten viele Wort zu verlieren: Jetzt müssen Siege her. Sonst verdämmert die Saison im sportlichen Nirgendwo. Das wäre schade, aber es gibt Schlimmeres, wie uns ein Blick 50 Kilometer ostwärts lehrt. Jedenfalls ist es gut, dass Caillas, Manno und Weidlich nächste Woche wieder dabei sind. Gegen die spielstarke Reserve des VFB braucht es eine deutliche Steigerung in allen Mannschaftsteilen.

“Guck, der Arjen hat so schicke Strumpfhosen an.”

Die dritte Liga ist das Griechenland des deutschen Fußballs. Weswegen wir jeden Cent brauchen. Weswegen es Spiele wie gestern gibt. Weswegen wir sogar dankbar sein sollten. Das weiß ich alles. Trotzdem: Es ist Scheiße Gast im eigenen Stadion zu sein. Der titelgebende Satz stammt aus dem Mund einer Bayernfanmama, die damit ihrem Bayernfankind die wirklich wichtigen Dinge eines Fußballspiels ans Herz zu legen gedachte. Die ganze Familie, mitsamt Bayerfanpapa (dem vernehmlich ein 0:10 lieber gewesen wäre), kam aus Erfurt. Das ist bitter, aber darauf war ich mental vorbereitet. Etwas überrascht war ich dann doch vom Gebaren unseres Co-Trainers, der es für nötig erachtete, während des noch laufenden Spiels, wie ein Teenager um die Trikots von Lahm und Schweinsteiger Gomez zu betteln. Dies hätte man in der Kabine dezenter regeln können. Das Stadion war voll, erinnerte – ohne die Fahnen und Banner der Fangruppen – aber irgendwie an ein gut besuchtes Oberligaspiel in den 80iger Jahren. Optisch und akustisch eine triste Anmutung.

Der FCB war über die gesamte Spieldauer die dominierende Mannschaft. Warum sollte es dem RWE anders ergehen, als 4/5 aller Gegner der Münchner. Den vier Toren der Bayern gingen, teilweise haarsträubende, Abwehrfehler des RWE voraus. Was ärgerlich war, da die Defensive über weite Strecken des Spiels so schlecht nicht aussah. Emmerling experimentierte taktisch und personell. Der RWE startete mit einem 4-1-4-1, in dem Zedi als 6er vor der Abwehr und Reichwein als einzige Spitze agierten. Man sah es auf Grund der Dominanz der Bayern nur ansatzweise, aber dies ermöglicht eine offensivere Ausrichtung des zentralen Mittelfelds bei eigenem Ballbesitz. Wenn man so will die Implementierung einer Nummer 8 und 10 ins taktische Repertoire des RWE. Bei der drückenden Überlegenheit der Bayern wurde daraus aber ein System mit drei 6ern, also ein 4-5-1. Nachdem Marco Engelhardt gegen Halle Gotha bereits 90 Minuten spielte, war seine Aufstellung in der Startformation keine Sensation. Überzeugt hat er nicht wirklich, was nach mehr als einem halben Jahr ohne Spielpraxis niemanden verwundern kann. Trotzdem sollte seine Verpflichtung ernsthaft erwogen werden, denn in besserer körperlicher Verfassung kann er, mit seiner Ruhe am Ball, seiner Spielübersicht und seinen Standards der Mannschaft helfen.

Reichwein hat seine Mission Impossible als einzige Spitze gegen die beiden Nationalmannschafts-Verteidiger Badstuber und Boateng (2. Halbzeit) nicht schlecht erfüllt. Vor allem in der zweiten Halbzeit konnte er – mich jedenfalls – überzeugen. Er lies sich geschickt zurückfallen um als Anspielstation und Ballverteiler zur Verfügung zu stehen. Er gewann das ein oder andere Kopfballduell und konnte sich in strafraumnahen Zweikämpfen passabel behaupten. Das größte strukturell-taktische Manko seines Mittelstürmer-Spiels ist seine mangelnde Schnelligkeit. Weswegen er sich eben oft zurückfallen lässt um direkt angespielt werden zu können. Das hat zur Folge, gerade wenn er der einzige Stürmer ist, dass Steilpässe in die Spitze im Spiel des RWE so gut wie nie gespielt werden, da Reichwein – leider nicht nur gegen Kaliber wie Badstuber – keine Chance hätte den Ball vor dem Verteidiger zu erlaufen. Damit entfällt für den RWE ein wirksames Mittel im Konterspiel. Das war jetzt nicht exklusiv ein Plädoyer für Carsten Kammlott. Aber ein schneller, geradliniger, spielbegabter Konterstürmer seiner Qualität würde dem Spiel des RWE sehr, sehr gut tun. Ich schreibe das, wohl wissend, dass ein Transfer bzw. eine Ausleihe von Kammlott nicht sehr wahrscheinlich ist, abgesehen von dem nicht sehr angenehmen Gefühl, dabei weitgehend von der Gnade RB Leipzigs abhängig zu sein.

Neben dem Schatzmeister des RWE war der großer Gewinner des Tages Joan Oumari. Er war so gut, dass man schon wieder Angst haben muss, ob er seinen bis 2013 laufenden Vertrag überhaupt erfüllen wird, oder schon nach dieser Saison in die zweite Liga wechselt. An die Fleischtöpfe des Fußballs, wo Fans Spiele wie diese erspart bleiben.

Heimkehr der verlorenen Söhne?

Der Tag begann mit einem Interview Carsten Kammlotts in der Thüringer Allgemeinen. Genauer gesagt, war es eine Initiativ-Bewerbung des in Leipzig fremdelnden Stürmers bei seinem alten Arbeitgeber, dem Fussballklub Rot-Weiß Erfurt. Das umgehend via LVZ online lancierte Dementi des RB-Sportdirektor Wolfgang Loos sollte niemanden ernsthaft irritieren; wir wissen alle, dass solche Aussagen während der Transferperiode die Solidität eines griechischen Sparprogramms allenfalls marginal übertreffen. Möglicherweise kann es jetzt schnell gehen, für den RWE hat Wilfried Mohren das Interesse an Kammlott bereits bestätigt. Mit der ihm eigenen Zurückhaltung und den Worten: «Das ist ein Junge von uns …». Wie auch immer. Gelingt es RB-Trainer Peter Pacult seinen Wunschstürmer Roman Wallner zu verpflichten, wäre wohl zumindest sportlich der Weg für eine Ausleihe frei. Ob der Verein finanziell dazu in der Lage ist – denn für Gotteslohn wird Kammlott nicht spielen – kann exklusiv das Präsidium des RWE beurteilen. Wenden wir uns jetzt der allein entscheidenden Frage zu: Würde er uns sportlich helfen? Sagen wir so: In der Form in der er (für sehr viel Geld) den RWE in Richtung Leipzig verlassen hat, auf jeden Fall. In meinen Augen ist er mit der Erwartungshaltung in Leipzig nicht zurecht gekommen und – eine Floskel, trotzdem wahr – mangelndes Selbstvertrauen ist der größte Feind des Stürmers. Dennoch: das er Tore schießen kann, hat er in seiner ersten Profisaison eindrucksvoll nachgewiesen. Er ist schnell und technisch begabt. Ein Knipser dem es an Nestwärme fehlt. Soll er haben. Wenn irgend möglich – her mit ihm. Subito!

Dann kam der Abend und aus Weißensee wurde Überraschendes vermeldet: Marco Engelhardt stand beim Testspiel gegen Halle in der Anfangsformation des RWE. Nach den dezidiert abschlägigen Äußerungen der letzten Woche seine Verpflichtung betreffend, kommt das einer kleinen Sensation gleich. Es ist löblich, einem arbeitslosen Spieler die Möglichkeit einzuräumen am Training teilzunehmen, um ihm so die Chance zu bieten sich fit für seinen Beruf zu halten. Eine völlig andere Qualität nimmt das Ganze an, wenn dieser Spieler in einem nicht unwichtigen Testspiel über die volle Spieldauer zum Einsatz kommt. Alles hier ist Spekulation. Doch scheint es so, dass die Verantwortlichen des RWE, allen voran Stefan Emmerling, im Fall Engelhardt umgedacht haben. Sonst würde der Einsatz des Ex-Nationalspieler überhaupt keinen Sinn ergeben. Woher der Meinungsumschwung rührt ist schwer zu beurteilen, möglicherweise hat er im Training schlichtweg einen überragenden Eindruck hinterlassen. Kann Marco Engelhardt uns helfen? Oh ja, er kann! Allein seine Qualitäten bei Freistößen und Ecken wären ein Gewinn für die Mannschaft. Er ist auf dem Platz ein Stratege und mit seinen 31 Jahren noch immer im besten Fußballeralter. Ich rechne nicht damit, dass er nach einem halben Jahr Spielpause bereits in der Lage ist 90 Minuten Drittligatempo durchzuhalten, aber dieses Defizit sollte sich schnell wegtrainieren lassen. Er kann auf der linken Außenbahn und im defensiven Mittelfeld flexibel eingesetzt werden und wäre – für Mannschaft und Anhänger des RWE – Führungsspieler und Integrationsfigur in einem.

Der Ball zieht den Jahrhundertweg

Möchte man wissen wie es war, als Männer zum ersten Mal Fußball spielten, gebe man einer Horde von Kindern einen Ball und lasse sie losstürmen. Ist man zudem etwas besinnlich gestimmt, fällt einem dazu vielleicht Goethes Paradoxon ein: Das Jahrhundert ist vorgerückt, jeder Einzelne aber fängt doch von vorne an.

Jonathan Wilson, englischer Sport-Journalist und Buchautor, hat ein großartiges Buch geschrieben. Darin zeichnet er den Jahrhundertweg der Fußballtaktik nach. Von den stürmischen, ungestümen Anfängen, wilder, aber edelmütiger Raufbolde, die nach Herzenslust einen Ball malträtierten, bis hin zu den wissenschaftlich getrimmten und systemisch scheinbar letztbegründeten Abläufen, die das Fußballspiel unserer Tage charakterisieren.

Wilson Werk liegt unter dem etwas sperrigen Namen “Revolutionen auf dem Rasen” seit Mitte letzten Jahres auch in deutscher Sprache vor. Der Untertitel des Buches “Eine Geschichte der Fussballtaktik” verrät schon eher, worum es in dem 450 Seiten dicken Wälzer geht. Von den Anfängen des modernen Fußballs (um 1850) bis zum Triumph des 4-2-3-1 Systems bei der WM 2010 – jede bedeutende taktische Mutation des Weltfußballs wird von Wilson ausführlich beschrieben und bewertet. Zu den großen Stärken des Buches zählt, auf viele kontrovers diskutierte Themen eine eindeutige Antwort zu verweigern. Der Leser (dem Konzentration bei der Lektüre abverlangt wird) kann sich selbst eine Meinung bilden. Wilson referiert die Fakten, lässt seine Meinung durchaus anklingen, tut dies aber zurückhaltend und bei penibler Berücksichtigung von Gegenargumenten. Eine weitere, außerordentlich positive Eigenschaft dieser Publikation liegt in der Relativierung singulärer Genialität. Im Fußball ist nichts vom Himmel gefallen. Auch für die ganz großen Protagonisten der Fußballtaktik gilt: sie fügten vorhandene Erkenntnisse zu etwas Neuem zusammen, reagierten (manchmal unter großem Druck) auf Entwicklungen oder führten die Ideen ihrer Vordenker konsequent zu Ende. Zudem macht Wilson deutlich, dass Fußball schon immer ein globaler Sport war. Wenn der Informations- und Erkenntnisaustausch vor 100 Jahren auch unvergleichlich langsamer war als heute, er fand statt und befeuerte den Siegeszug des Fußballs zur unangefochtenen Nummer 1 des Weltsports.

Ästhetisch oder ergebnisorientiert spielen?

Diese Frage ist so alt wie der Fußball selbst. Nun, es handelt sich beim Fußball um einen Wettbewerbssport, deshalb wäre es mithin idiotisch ihn als eine Art Holiday on Ice völlig abgekoppelt von seinem fraglos vorhandenen Erfolgszwang zu bewerten. Die Frage muss natürlich lauten: Kann man mit schönem Fußball erfolgreich sein? Hier fällt die Antwort, basierend auf Wilson Buch, leicht: natürlich kann man das. Siehe Brasiliens Futebol de Arte von Cesar Luis Menotti1970, dem Triumph des – laut Menottis Selbstzuschreibung – «linken» argentinischen Fußballs bei der WM 1978 im eigenen Land (errungen während einer faschistischen Militärdiktatur), oder Arrigo Sacchis AC Mailand der späten 80iger Jahre. Der WM-Sieg Brasiliens 1970 ist allerdings ein ambivalentes Exempel, weil er – wie Wilson schreibt – einen Endpunkt darstellt. Der taktischen Formation der Mannschaft von Trainer Mario Zagallo kann nur sehr unzureichend in einer eindeutigen Notation fixiert werden. War es ein 4-4-2, ein 4-5-1 oder gar schon ein 4-2-3-1? Es war wohl ein bisschen von allem, aber das spielte keine Rolle. Es war der letzte Triumph der reinen Fußballkunst über die Instrumente des modernen Fußballs. In der dünnen Höhenluft und unerträglichen Hitze Mexikos waren Pressing und andere – bereits bekannte und bewährte – Mittel der Raumverengung nicht in der Weise anwendbar wie es nötig gewesen wäre um Pele, Gerson und Rivellino zu stoppen. Zum letzten Mal siegte die naive Schönheit des Spiels über die (wie einige meinen: finsteren) Mächte des Systemfußballs.

Sind taktische Systeme Kinder ihrer Zeit und ihrer Gesellschaft?

Hier lautet die klare Antwort: Jein. Wilson stellt beispielsweise eine evidente Verbindung zwischen der libertären Wiener Kaffeehauskultur der zwanziger Jahre und dem “Scheiberln”, dem Kombinationsfußball der in der ehemaligen Donaumonarchie so wunderbar gespielt wurde, her. Auch für den südamerikanischen Fußball fallen derartige Parallelen leicht: Brasiliens Samba-Unbeschwertheit und Argentiniens Tango-Melancholie, letztere noch heute sichtbar in der traurigen Anmut von Juan Román Riquelme, dem vielleicht Letzten (Spielmacher) seiner Art. Hier spiegelt der Fußball in der Tat aufs Trefflichste das Selbstbild einer Gesellschaft.

Aber tat er das auch im Holland der frühen siebziger Jahre? Klar, Amsterdam entwickelte sich zur Hippie-Hauptstadt der Welt, währenddessen Rinus Michels und Johan Cruyff den Totaalvoetbal bei Ajax zur ersten Blüte brachten. Doch dann wechselten beide nach Barcelona, ins Spanien des Diktators Franco: gleicher Fußball, völlig andere Gesellschaft. Wilson lässt auch einigermaßen bizarre Theorien nicht unerwähnt: Neben dem hippiesken Halligalli in Amsterdam soll nämlich auch die spezielle Geographie unseres Nachbarlandes für den Totaalvoetbal ursächlich sein. Die Holländer seien es seit Generationen gewohnt ihr kleines Land gegen das Meer zu verteidigen und deswegen falle es ihnen leichter als anderen Nationen, ausgeklügelte Systeme zur Gewinnung von Räumen zu ersinnen. Das klingt gut, irgendwie nach Lacan, Strukturalismus, Postmoderne und so, aber leider erklärt es nicht im mindesten, wie 2000 km von Amsterdam entfernt, im seit 50 Jahren kommunistisch regierten Kiew, das zudem fernab jeder Küstenlinie liegt, ein Mann namens Walerij Lobanowskyj ein durch und durch vergleichbares Spielsystem entwarf. Walerij Lobanowskyj: Fußballer, Trainer und diplomierter Kybernetiker. Ihm setzt Wilson ein kleines und völlig verdientes Denkmal. Wahrscheinlich gibt es bis heute keine einzelne Person, die sich derart intensiv analytisch mit Grundlagen und Konzepten des Spiels Fußball beschäftigt hat und die gewonnenen Erkenntnisse zugleich am lebenden Objekt (Dynamo Kiew) äußerst erfolgreich umzusetzen in der Lage war.

Die Antithese zu Lobanowskyj hieß Arrigo Sacchi. Dabei sah das Spiel ihrer Mannschaften sehr ähnlich aus und folgte denselben Prinzipien: Verengung der Räume für den Gegner durch Verschieben der Mannschaftsteile, aggressives Pressing, schnelles Umschalten, Dominanz durch Ballbesitz. Aber Lobanowskyj war ein Wissenschaftler im Trainingsanzug, während Sacchi ein Fußballphilosoph mit Künstlerseele war und ist. Als Spieler bestenfalls ein mittelmäßiger Amateurkicker (Wilson schreibt, dass selbst sein Chef beim AC Mailand, ein Typ mit dem Namen Silvio Berlusconi, ein besserer Fußballer war) trat er an, dem italienischen Fußball seine Destruktivität auszutreiben. Und das gelang, wenn auch nur für begrenzte Zeit und exklusiv mit dem AC Mailand. Drei Sommer tanzten die Rossoneri den Sacchi, gewannen die italienische Meisterschaft und je zweimal den Cup der Landesmeister sowie den Weltpokal. Bei jeder Umfrage unter Sportjournalisten nach den besten Klubmannschaften aller Zeiten, würde der AC Mailand jener Tage einen der drei ersten Plätze belegen. In einer der eindrucksvollsten Szenen des Buches lässt Wilson den beinahe schon künstlerischen Aspekt von Sacchis Methoden bildhaft werden: das Schattenspiel. Dabei handelt es sich um eine Trainingsform, bei der die Mannschaft sich in der Grundformation (4-4-2) aufstellte. Dann deutete Sacchi auf eine Stelle des Feldes wo sich der Ball befindet und die Spieler mussten ihre Formation entsprechend verschieben, dann eine andere Position des Balles, wieder verschieben, usw. usf. Alle ohne Ball und ohne Gegner. Tai-Chi in Norditalien. Dabei kam es ihm darauf an, dass ein Raum auf dem Spielfeld ideal genutzt wurde, welche Spieler welchen Raum abdeckten, wurde durch die konkrete Situation bestimmt und nicht durch die formale Aufstellung. Dies unterscheidet Sacchis Verständnis von Raumdeckung noch immer dramatisch von der heute bei den meisten Profiklubs üblichen. Es heißt aber auch, dass Sacchis Fußball wache, selbstständige und intelligente Spieler benötigt. Vielleicht ein Grund dafür, dass er seine Erfolge beim AC Mailand nie wiederholen konnte. Weit despektierlicher könnte man jedoch gleichfalls vermuten, dass es eben doch nicht an seinem einzigartigen taktischen Verständnis der Spiel-Räume lag, sondern doch eher an den überragenden Fußballern seiner Mannschaft: Gullit, van Basten, Rijkaard, Baresi und Donadoni.

Im Gegensatz zu Sacchi hasste Lobanowskyj mitdenkende Spieler. Vor allem, wenn sie sich bemüßigt fühlten ihm die Resultate ihrer Reflektionen mitzuteilen. Für den Kybernetiker Lobanowskyj waren Fußballer die unvollkommensten Elemente des energetischen Subsystems Mannschaft. Er hätte sie wohl gerne durch Roboter ausgetauscht. Insofern waren Sacchi und Lobanowskyj nicht nur sehr verschiedene Charaktere, sondern eindeutig Kinder ihrer Zeit und Gesellschaft.

Deutsche Beiträge zur taktischen Entwicklung des Fußballs

Es gibt keine. Keine nennenswerten jedenfalls. Gut, Beckenbauer hat als erster den Libero anders, sprich offensiver interpretiert. Er kreuzte quasi zwei Merkmale des Catennacio-Gesamtkunstwerkes Inter Mailand zu seinem eigenen Stil: Fachettis Offensivdrang als linker Verteidiger und den freien zentralen Mann hinter der Abwehr. Das erfährt man bereits auf der ersten Seite von Christoph Biermanns Vorwort. Danach: 449 Seiten Fehlanzeige. Sicher, Wilson erweist den herausragenden deutschen Mannschaften beiläufig seine Referenz: dem Schalker Kreisel, den Teams der Bayern und der Mönchengladbacher Borussia der siebziger Jahre, der EM-Mannschaft von 1972. Sie alle spielten großartigen, erfolgreichen Fußball, boten aber keine taktischen Innovationen. Muss ja auch nicht sein möchte man meinen, hat ja trotzdem zu jeweils drei Welt- und Europameisterschaften gelangt. Stimmt schon, gleichwohl ist es peinlich, dass das fußballbegeisterte Land der Dichter und Denker so erbärmlich wenig zum Fortschritt dieses großartigen Sports zu leisten im Stande war.

Dieser Mangel an taktischen Eigenleistungen ist das eine, weit verhängnisvoller war die fahrlässige Ignoranz mit der fußballerische Entwicklungen schlichtweg verpennt wurden. So etwas wie ballorientierte Raumdeckung galt vielen lange Zeit als akademische Spinnerei von aufgeblasenen Wichtigtuern a la Ralf Rangnick. Die hämischen medialen Reaktionen auf seinen aufklärerischen Auftritt im ZDF-Sportstudio 1998 (ist gar nicht so lange her) gehören zu den schwärzesten Stunden des deutschen Sport-Journalismus. Es bedurfte erst fataler Blamagen bei großen Turnieren in Reihe (WM 98, EM 2000, EM 2004), damit auch die letzten Hardcore-Traditionalisten gewahr wurden, dass allein mit deutschen Tugenden kein Blumentopf mehr zu gewinnen war.

Diese Lektion hat der deutsche Fußball inzwischen gelernt. Vielleicht bekommen Jogis Jungs ja bei der nächsten Auflage von Jonathan Wilsons Buch ein eigenes Kapitel.

Jonathan Wilson, Revolutionen auf dem Rasen, 464 Seiten, Verlag Die Werkstatt GmbH; 19,90 EUR