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Blogstöckchen Länderspielpause

Ehrlich gesagt musste ich mich erst einmal ein bisschen kundig machen, was es mit so einem Blogstöckchen auf sich hat, nachdem es mir vom Ballsalat aus Dresden zugeworfen wurde. Historisch geht diese Tradition wohl auf Gotthold Ephraim Lessing zurück, der bereis 1771 in den Sinngedichten wusste: “Wer wird nicht einen Blogstock loben? // Doch wird ihn jeder lesen? Nein! // Wir wollen weniger erhoben // Und fleißiger gelesen sein.” Nun ja, die Gefahr des “Erhebens” hat Lessing wohl überschätzt. – In medias res:

Bislang bestes Spiel 2013/2014?

Der FC Rot-Weiß Erfurt hat in dieser Saison bereits einige formidable Spiele geboten. Herausragend war jedoch das 3:0 gegen den damaligen Spitzenreiter SV Wehen Wiesbaden. Mag sein, dass die Wiesbadener an diesem Tag etwas indisponiert waren, trotzdem hat mich die durchgehende Kontrolle des Geschehens auf dem Platz durch RWE gleichermaßen beeindruckt wie erfreut. Das war quasi der Goldstandard für diese Saison. Ich weiß jetzt, zu was die Mannschaft an guten Tagen in der Lage ist.

Absolutes Langweilerspiel 2013/2014?

Da geht es mir wie dem Kollegen aus Leipzig – Spiele der eigenen Mannschaft langweilen mich nie. Frustrieren: ja, durchaus möglich; langweilen: nein.

Aber ich möchte an dieser Stelle eine Diskussion aufgreifen, die es immer mal wieder unter Sportbloggern bei Twitter gibt. Ein Spiel wie das des FC Bayern gegen Nürnberg ist schon sehr einseitig. 81 Prozent Ballbesitz für den FCB, totale Dominanz einer Mannschaft, Tore sind nur eine Frage der Zeit. Als ob der Hulk gegen Philipp Rösler boxt. Dies ist keine Kritik an einer der beiden Mannschaften, schon gar nicht an den Bayern. Die haben ein – in jeder Hinsicht – großes Potenzial und verstehen es zu nutzen. Problematisch ist, dass auf diese Weise der Abstand zu 90 % der Mannschaften in der Bundesliga stetig wächst und der Spannungsgehalt, der jedenfalls für mich unabdingbar zum Fußball gehört, in solchen Partien sukzessive gegen null konvergiert. Ich habe dafür keinerlei vorzeigbaren Lösungsansatz, befürchte aber, wie der Trainer Baade, einen stetigen Bedeutungsverlust der nationalen Ligen, zugunsten einer paneuropäischen Fußball-Aristokratie.

Welcher Trainer ist mir angenehm positiv aufgefallen?

Hier sollte natürlich der Name Walter Kogler stehen und würde es auch, wenn er nicht bereits vom Rotebrauseblogger in dessen Blogstöckchen «nominiert» worden wäre. Im Grunde sind heuer fast alle meine Postings zu den Spielen von RWE kleine Huldigungen an unseren Cheftrainer.

Schon in Paderborn, Gladbach und Augsburg hat mich die Arbeit von Jos Luhukay beeindruckt. Wie er sich im schwierigen, dauernervösen Umfeld der Hertha mit akribischer Arbeit und exzessiv sachlichem Auftritt durchgesetzt hat, bestätigt diesen Eindruck vortrefflich. Da versteht jemand sein Handwerk. Ein später flämischer Meister.

Welcher Trainer nicht?

Mit Kritik an Trainern halte ich mich per se zurück. Sie sind wie Dirigenten. Man erwartet, dass das Resultat ihrer Arbeit harmonisch ist. Oder sogar ekstatisch. Nur, dass die Musiker teilweise keine Noten lesen können, das Publikum jede, meist unpassende, Gelegenheit zu Bei- oder Missfallenskundgebungen nutzt und der Impresario sich oft selbst für einen Wiedergänger Karajans hält.

Apropos Impresario. Diese Rolle hat Thomas Linke nach seiner aktiven Laufbahn für sich entdeckt. Seit er 1988 im Dress des FC Rot-Weiß Erfurt in der Oberliga debütierte, verfolge ich seinen Weg und muss sagen: in Relation zu seinem Talent hat er als Fußballer sehr, sehr viel erreicht. Auf seine Karriere als Sportdirektor trifft dies nicht zu. Bei Red Bull (Salzburg, Leipzig) und in Ingolstadt fand und findet er sehr opulente Bedingungen vor, mit denen er – Stand heute – recht wenig anzufangen wusste.

Welcher mediale Hype hat zuletzt genervt?

Stefan Kießling. Den ich für einen sehr guten Bundesligaspieler und – soweit man das beurteilen kann – für einen äußerst angenehmen Zeitgenossen halte. Man kann darüber diskutieren, ob man ihn für die Nationalmannschaft nominiert und somit auf einen (oder sogar mehrere) der folgenden Offensiv-Spieler verzichtet: Klose, Gomez, Reus, Özil, Kroos, Schürle, Podolski, Gündogan, Götze, Schürle, Müller, Kruse. Aber darum geht es bei der Diskussion gar nicht. Nicht bei Kießling und ebenfalls nicht bei Weidenfeller. Es geht immer um Joachim Löw. Dem man nicht zutraut einen Titel zu holen und den man wahlweise der Inkompetenz und/oder der egoistischen Sturheit überführen möchte. Deshalb werden von vielen interessierten Seiten diese Scheindiskussionen angezettelt. Über schlechten Fußball der Mannschaft kann sich ja niemand ernsthaft beklagen.

Meine Mannschaft hat bislang…

… eine unerwartet gute Saison gespielt, die so weder fußballerisch noch tabellarisch abzusehen war.

In der Länderspielpause werde ich…

… nicht mit Tränen in den Augen vor einem schwarzen Bildschirm sitzen.

Blockstöcken – das Prinzip:

Fragen kopieren, im eigenen Blog beantworten. Ob auf Zuwurf oder mit Aufheben des Stöckchens, entscheidet Ihr ganz alleine. Alles kann, nichts muss! Ich für meinen Teil bin an der Stelle raus und gebe in der Konferenz zurück nach Dresden: “Hallo Endreas, Zeit und Muse etwas zu schreiben?”  http://endreasmueller.blogspot.de/

Mehr Horst wagen?

Interessanter Artikel in der FAZ über Horst Hrubesch und seine Ansichten wie eine Fußballmannschaft zu führen sei. Er ist seinem Naturell gemäß nicht auf Krawall gebürstet, aber seine Meinung (und Art) unterscheiden sich doch gravierend von jener der windschnittigeren Herrn Löw, Flick und Bierhoff. In dem Artikel wird – zurecht – gefragt, warum ein so erfolgreicher Trainer eigentlich nur die U18 des DFB trainieren darf. Für mich ist Hrubesch die norddeutsche Variante von Vicente del Bosque. So rein wesensmäßig. Es dem großen Spanier im Erfolg gleich zu tun, war ihm bisher verwehrt. Zumindest im Profibereich. Aber wer weiß? Del Bosque galt in Spanien auch schon als Auslaufmodell; 2003 wurde er wegen, na ja, fehlender Weltgewandheit, bei Real Madrid entlassen. Der Ausgang ist bekannt.