Archiv für Fußballkultur

OstDerby – Das Magazin für den Fußballosten

Am Freitag dieser Woche ist es soweit. Die 1. Ausgabe von OstDerby wird als eMagazin zum Download bereitstehen. Zwei Beiträge von mir sind darin vertreten – das Interview mit Christian Preußer und ein Artikel, der an den DDR-Olympiasieg im Fußball 1976 erinnert. Aber auch ansonsten gibt es viel Interessantes zu lesen, wie ihr dem Inhaltsverzeichnis entnehmen könnt. Natürlich würden wir uns sehr freuen, wenn der ein oder andere die Investition von 3 EUR ernsthaft in Erwägung zieht.

Die 3. Liga stellt sich vor

Das großartige FCSBlog 2.0 hatte eine prima Idee und stellt seit dieser Woche und in loser Folge Blogs vor, die sich mit Vereinen der 3. Liga befassen. Nach dem blog5 aus Bielefeld ist heute stellungsfehler.de an der Reihe. Mit so einem Einlauf am Ende der Saison könnten wir leben!

Vielen Dank nach Saarbrücken.

Der Ball zieht den Jahrhundertweg

Möchte man wissen wie es war, als Männer zum ersten Mal Fußball spielten, gebe man einer Horde von Kindern einen Ball und lasse sie losstürmen. Ist man zudem etwas besinnlich gestimmt, fällt einem dazu vielleicht Goethes Paradoxon ein: Das Jahrhundert ist vorgerückt, jeder Einzelne aber fängt doch von vorne an.

Jonathan Wilson, englischer Sport-Journalist und Buchautor, hat ein großartiges Buch geschrieben. Darin zeichnet er den Jahrhundertweg der Fußballtaktik nach. Von den stürmischen, ungestümen Anfängen, wilder, aber edelmütiger Raufbolde, die nach Herzenslust einen Ball malträtierten, bis hin zu den wissenschaftlich getrimmten und systemisch scheinbar letztbegründeten Abläufen, die das Fußballspiel unserer Tage charakterisieren.

Wilson Werk liegt unter dem etwas sperrigen Namen “Revolutionen auf dem Rasen” seit Mitte letzten Jahres auch in deutscher Sprache vor. Der Untertitel des Buches “Eine Geschichte der Fussballtaktik” verrät schon eher, worum es in dem 450 Seiten dicken Wälzer geht. Von den Anfängen des modernen Fußballs (um 1850) bis zum Triumph des 4-2-3-1 Systems bei der WM 2010 – jede bedeutende taktische Mutation des Weltfußballs wird von Wilson ausführlich beschrieben und bewertet. Zu den großen Stärken des Buches zählt, auf viele kontrovers diskutierte Themen eine eindeutige Antwort zu verweigern. Der Leser (dem Konzentration bei der Lektüre abverlangt wird) kann sich selbst eine Meinung bilden. Wilson referiert die Fakten, lässt seine Meinung durchaus anklingen, tut dies aber zurückhaltend und bei penibler Berücksichtigung von Gegenargumenten. Eine weitere, außerordentlich positive Eigenschaft dieser Publikation liegt in der Relativierung singulärer Genialität. Im Fußball ist nichts vom Himmel gefallen. Auch für die ganz großen Protagonisten der Fußballtaktik gilt: sie fügten vorhandene Erkenntnisse zu etwas Neuem zusammen, reagierten (manchmal unter großem Druck) auf Entwicklungen oder führten die Ideen ihrer Vordenker konsequent zu Ende. Zudem macht Wilson deutlich, dass Fußball schon immer ein globaler Sport war. Wenn der Informations- und Erkenntnisaustausch vor 100 Jahren auch unvergleichlich langsamer war als heute, er fand statt und befeuerte den Siegeszug des Fußballs zur unangefochtenen Nummer 1 des Weltsports.

Ästhetisch oder ergebnisorientiert spielen?

Diese Frage ist so alt wie der Fußball selbst. Nun, es handelt sich beim Fußball um einen Wettbewerbssport, deshalb wäre es mithin idiotisch ihn als eine Art Holiday on Ice völlig abgekoppelt von seinem fraglos vorhandenen Erfolgszwang zu bewerten. Die Frage muss natürlich lauten: Kann man mit schönem Fußball erfolgreich sein? Hier fällt die Antwort, basierend auf Wilson Buch, leicht: natürlich kann man das. Siehe Brasiliens Futebol de Arte von Cesar Luis Menotti1970, dem Triumph des – laut Menottis Selbstzuschreibung – «linken» argentinischen Fußballs bei der WM 1978 im eigenen Land (errungen während einer faschistischen Militärdiktatur), oder Arrigo Sacchis AC Mailand der späten 80iger Jahre. Der WM-Sieg Brasiliens 1970 ist allerdings ein ambivalentes Exempel, weil er – wie Wilson schreibt – einen Endpunkt darstellt. Der taktischen Formation der Mannschaft von Trainer Mario Zagallo kann nur sehr unzureichend in einer eindeutigen Notation fixiert werden. War es ein 4-4-2, ein 4-5-1 oder gar schon ein 4-2-3-1? Es war wohl ein bisschen von allem, aber das spielte keine Rolle. Es war der letzte Triumph der reinen Fußballkunst über die Instrumente des modernen Fußballs. In der dünnen Höhenluft und unerträglichen Hitze Mexikos waren Pressing und andere – bereits bekannte und bewährte – Mittel der Raumverengung nicht in der Weise anwendbar wie es nötig gewesen wäre um Pele, Gerson und Rivellino zu stoppen. Zum letzten Mal siegte die naive Schönheit des Spiels über die (wie einige meinen: finsteren) Mächte des Systemfußballs.

Sind taktische Systeme Kinder ihrer Zeit und ihrer Gesellschaft?

Hier lautet die klare Antwort: Jein. Wilson stellt beispielsweise eine evidente Verbindung zwischen der libertären Wiener Kaffeehauskultur der zwanziger Jahre und dem “Scheiberln”, dem Kombinationsfußball der in der ehemaligen Donaumonarchie so wunderbar gespielt wurde, her. Auch für den südamerikanischen Fußball fallen derartige Parallelen leicht: Brasiliens Samba-Unbeschwertheit und Argentiniens Tango-Melancholie, letztere noch heute sichtbar in der traurigen Anmut von Juan Román Riquelme, dem vielleicht Letzten (Spielmacher) seiner Art. Hier spiegelt der Fußball in der Tat aufs Trefflichste das Selbstbild einer Gesellschaft.

Aber tat er das auch im Holland der frühen siebziger Jahre? Klar, Amsterdam entwickelte sich zur Hippie-Hauptstadt der Welt, währenddessen Rinus Michels und Johan Cruyff den Totaalvoetbal bei Ajax zur ersten Blüte brachten. Doch dann wechselten beide nach Barcelona, ins Spanien des Diktators Franco: gleicher Fußball, völlig andere Gesellschaft. Wilson lässt auch einigermaßen bizarre Theorien nicht unerwähnt: Neben dem hippiesken Halligalli in Amsterdam soll nämlich auch die spezielle Geographie unseres Nachbarlandes für den Totaalvoetbal ursächlich sein. Die Holländer seien es seit Generationen gewohnt ihr kleines Land gegen das Meer zu verteidigen und deswegen falle es ihnen leichter als anderen Nationen, ausgeklügelte Systeme zur Gewinnung von Räumen zu ersinnen. Das klingt gut, irgendwie nach Lacan, Strukturalismus, Postmoderne und so, aber leider erklärt es nicht im mindesten, wie 2000 km von Amsterdam entfernt, im seit 50 Jahren kommunistisch regierten Kiew, das zudem fernab jeder Küstenlinie liegt, ein Mann namens Walerij Lobanowskyj ein durch und durch vergleichbares Spielsystem entwarf. Walerij Lobanowskyj: Fußballer, Trainer und diplomierter Kybernetiker. Ihm setzt Wilson ein kleines und völlig verdientes Denkmal. Wahrscheinlich gibt es bis heute keine einzelne Person, die sich derart intensiv analytisch mit Grundlagen und Konzepten des Spiels Fußball beschäftigt hat und die gewonnenen Erkenntnisse zugleich am lebenden Objekt (Dynamo Kiew) äußerst erfolgreich umzusetzen in der Lage war.

Die Antithese zu Lobanowskyj hieß Arrigo Sacchi. Dabei sah das Spiel ihrer Mannschaften sehr ähnlich aus und folgte denselben Prinzipien: Verengung der Räume für den Gegner durch Verschieben der Mannschaftsteile, aggressives Pressing, schnelles Umschalten, Dominanz durch Ballbesitz. Aber Lobanowskyj war ein Wissenschaftler im Trainingsanzug, während Sacchi ein Fußballphilosoph mit Künstlerseele war und ist. Als Spieler bestenfalls ein mittelmäßiger Amateurkicker (Wilson schreibt, dass selbst sein Chef beim AC Mailand, ein Typ mit dem Namen Silvio Berlusconi, ein besserer Fußballer war) trat er an, dem italienischen Fußball seine Destruktivität auszutreiben. Und das gelang, wenn auch nur für begrenzte Zeit und exklusiv mit dem AC Mailand. Drei Sommer tanzten die Rossoneri den Sacchi, gewannen die italienische Meisterschaft und je zweimal den Cup der Landesmeister sowie den Weltpokal. Bei jeder Umfrage unter Sportjournalisten nach den besten Klubmannschaften aller Zeiten, würde der AC Mailand jener Tage einen der drei ersten Plätze belegen. In einer der eindrucksvollsten Szenen des Buches lässt Wilson den beinahe schon künstlerischen Aspekt von Sacchis Methoden bildhaft werden: das Schattenspiel. Dabei handelt es sich um eine Trainingsform, bei der die Mannschaft sich in der Grundformation (4-4-2) aufstellte. Dann deutete Sacchi auf eine Stelle des Feldes wo sich der Ball befindet und die Spieler mussten ihre Formation entsprechend verschieben, dann eine andere Position des Balles, wieder verschieben, usw. usf. Alle ohne Ball und ohne Gegner. Tai-Chi in Norditalien. Dabei kam es ihm darauf an, dass ein Raum auf dem Spielfeld ideal genutzt wurde, welche Spieler welchen Raum abdeckten, wurde durch die konkrete Situation bestimmt und nicht durch die formale Aufstellung. Dies unterscheidet Sacchis Verständnis von Raumdeckung noch immer dramatisch von der heute bei den meisten Profiklubs üblichen. Es heißt aber auch, dass Sacchis Fußball wache, selbstständige und intelligente Spieler benötigt. Vielleicht ein Grund dafür, dass er seine Erfolge beim AC Mailand nie wiederholen konnte. Weit despektierlicher könnte man jedoch gleichfalls vermuten, dass es eben doch nicht an seinem einzigartigen taktischen Verständnis der Spiel-Räume lag, sondern doch eher an den überragenden Fußballern seiner Mannschaft: Gullit, van Basten, Rijkaard, Baresi und Donadoni.

Im Gegensatz zu Sacchi hasste Lobanowskyj mitdenkende Spieler. Vor allem, wenn sie sich bemüßigt fühlten ihm die Resultate ihrer Reflektionen mitzuteilen. Für den Kybernetiker Lobanowskyj waren Fußballer die unvollkommensten Elemente des energetischen Subsystems Mannschaft. Er hätte sie wohl gerne durch Roboter ausgetauscht. Insofern waren Sacchi und Lobanowskyj nicht nur sehr verschiedene Charaktere, sondern eindeutig Kinder ihrer Zeit und Gesellschaft.

Deutsche Beiträge zur taktischen Entwicklung des Fußballs

Es gibt keine. Keine nennenswerten jedenfalls. Gut, Beckenbauer hat als erster den Libero anders, sprich offensiver interpretiert. Er kreuzte quasi zwei Merkmale des Catennacio-Gesamtkunstwerkes Inter Mailand zu seinem eigenen Stil: Fachettis Offensivdrang als linker Verteidiger und den freien zentralen Mann hinter der Abwehr. Das erfährt man bereits auf der ersten Seite von Christoph Biermanns Vorwort. Danach: 449 Seiten Fehlanzeige. Sicher, Wilson erweist den herausragenden deutschen Mannschaften beiläufig seine Referenz: dem Schalker Kreisel, den Teams der Bayern und der Mönchengladbacher Borussia der siebziger Jahre, der EM-Mannschaft von 1972. Sie alle spielten großartigen, erfolgreichen Fußball, boten aber keine taktischen Innovationen. Muss ja auch nicht sein möchte man meinen, hat ja trotzdem zu jeweils drei Welt- und Europameisterschaften gelangt. Stimmt schon, gleichwohl ist es peinlich, dass das fußballbegeisterte Land der Dichter und Denker so erbärmlich wenig zum Fortschritt dieses großartigen Sports zu leisten im Stande war.

Dieser Mangel an taktischen Eigenleistungen ist das eine, weit verhängnisvoller war die fahrlässige Ignoranz mit der fußballerische Entwicklungen schlichtweg verpennt wurden. So etwas wie ballorientierte Raumdeckung galt vielen lange Zeit als akademische Spinnerei von aufgeblasenen Wichtigtuern a la Ralf Rangnick. Die hämischen medialen Reaktionen auf seinen aufklärerischen Auftritt im ZDF-Sportstudio 1998 (ist gar nicht so lange her) gehören zu den schwärzesten Stunden des deutschen Sport-Journalismus. Es bedurfte erst fataler Blamagen bei großen Turnieren in Reihe (WM 98, EM 2000, EM 2004), damit auch die letzten Hardcore-Traditionalisten gewahr wurden, dass allein mit deutschen Tugenden kein Blumentopf mehr zu gewinnen war.

Diese Lektion hat der deutsche Fußball inzwischen gelernt. Vielleicht bekommen Jogis Jungs ja bei der nächsten Auflage von Jonathan Wilsons Buch ein eigenes Kapitel.

Jonathan Wilson, Revolutionen auf dem Rasen, 464 Seiten, Verlag Die Werkstatt GmbH; 19,90 EUR

Hase, Mäcki, Matze und die anderen

DDR-Fußball taugt heute nicht mal mehr als Antithese. Er ist im Orkus der Geschichte verschwunden. Spurlos. So zumindest scheint es.

Jetzt ist bei Delius Klasing ein Buch erschienen, das zumindest für den Moment die Erinnerungen zurückholt. Die Autoren Christian und Martin Henkel porträtieren 77 Protagonisten des ostdeutschen Fußballs, in der Mehrzahl Spieler, aber auch Trainer und Schiedsrichter. Die Stars des DDR-Fussballs lautet der so nüchterne, wie zutreffende Titel des Bandes.

Zu jedem Porträtierten gibt es einen vergleichsweise kurzen, aber gehaltvollen und spannenden Text, der die charakteristischen Merkmale der jeweiligen Karriere einzufangen sucht: von großen Siegen ist zu lesen, wie von deprimierenden Niederlagen. Auch Abgründe werden dem Leser nicht erspart, so in einem Porträt des hochbegabten Schiedsrichters Adolf Prokop (87 internationale Spiele), der als Mitarbeiter der Staatssicherheit etliche Spiele im Auftrag seines Arbeitgebers manipulierte und aus Angst vor Tumulten gesperrt werden musste.

Jeder Minibiografie ist ein Foto beigefügt – und diese Fotos machen die vielleicht größte Stärke des Buches aus. Sie sind in der Regel eher unspektakulär, korrespondieren aber vorzüglich mit den Texten. Diese gelungene Symbiose von Bild und Artikel kann man gar nicht genug loben.

Ein schönes Beispiel dafür, findet sich bei Rüdiger Schnuphase, der für Erfurt und Jena spielte und bis heute der einzige deutsche Spieler ist, dem es gelang, als Verteidiger Torschützenkönig der höchsten Spielklasse zu werden. Über ihn ist zu lesen: Seine Furchtlosigkeit wurde Schnuphase, der auf nahezu keinem Foto lächelt und dessen melancholischer Gesichtsausdruckhäufig an den eines Boxers mit Außenseiterchancen erinnerte, schließlich zum Verhängnis … (Anmerkung: Schnuphase verletzte sich bei einem Spiel gegen Sparta Rotterdam schwer, woraufhin er seinen Stammplatz in der Nationalmannschaft verlor.)

Wie treffend diese physiognomische Beschreibung ist, kann noch heute auf der Haupttribüne des Erfurter Stadions besichtigt werden, wo Rüdiger Schnuphase bei den Spielen des RWE des Öfteren zu Gast ist.

Das Buch ist in Kapitel unterteilt, die beispielsweise Strategen, Tormaschinen, Abwehrrecken, aber auch Wende-Stars und Staatsflüchtlinge heißen. Am Ende stehen die Besten 12 aus 40 Jahren. Wie quasi alles im Fußball ist diese Kategorisierung, sowie die Auswahl der Spieler, Trainer und Schiedsrichter diskutabel. Als Erfurter vermisst man den großartigen Torwart Horst Weigang, immerhin DDR-Fußballer des Jahres 1965 und Nationalspieler, oder seinen Nachfolger im RWE-Gehäuse, den grandiosen Exzentriker Wolfgang Benkert. Allerdings wird dies allen so gehen, die in der DDR Anhänger eines Oberliga-Vereins waren: Irgendeinen vermisst man immer.

Es ist den Autoren kein Vorwurf zu machen, dass viele Spieler des 1. FC Magdeburg, von Dynamo Dresden, Carl Zeiss Jena, oder des BFC im Buch vertreten sind. Das waren nun einmal die dominierenden Vereine des Ostens; bei ihnen spielte die Mehrzahl der besten Fußballer. Die Auswahl beschränkt sich allerdings keineswegs auf die 60iger bis 80iger Jahre. Es spricht für die Akribie der Verfasser, dass sie das mühselige Eintauchen in die Archive nicht scheuten. So finden sich im Buch ebenfalls die herausragenden Fußballer der Nachkriegszeit, die wie Helmut Nordhaus (in Erfurt) und Dieter Erler (in Chemnitz) ihre Vereine zu Meisterschaften und frühem Ruhm führten.

Der Band erzählt die Geschichten der Helden des DDR-Fußballs. Es ist die Reise in eine versunkene Welt. Durchaus nostalgisch, allerdings ohne Larmoyanz und völlig frei von Ostalgie. Die beiden Autoren überlassen es dem Leser, die 77 Kurzbiografien in ein Gesamtbild zu fügen.

Wir haben mit diesem schönen Buch, was es bisher nicht gab: eine Hall of Fame des Ostfußballs, die manche mit Wehmut, andere mit glänzenden Augen, aber alle mit Gewinn betrachten werden.

In Jena schossen Villen Tore


Segen für Jena, Fluch für den RWE : Georg Buschner

Die Dissertation von Dr. Michael Kummer zum Thema “Die Fußballclubs Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena und ihre Vorgänger in der DDR” umfasst beachtliche 500 Seiten. Ungefähr die Hälfte davon habe ich seit gestern, ja, regelrecht verschlungen. Insofern das bei einer PDF-Datei möglich ist.

Ich kann nur hoffen, dass Dr. Kummer für seine Arbeit eine sehr gute Note bekommen hat, von mir hätte er jedenfalls ein “summa cum laude” erhalten, das steht jetzt schon fest. Für jeden an Fußballhistorie interessierten Anhänger beider Vereine (aber auch des DDR-Fußballs im Allgemeinen) liegt hier ein Dokument vor, dass im Detail äußerst aufschlussreiche Einblicke in die Binnenverhältnisse der Klubs liefert. Auch aus Rücksicht darauf, dass Dr. Kummer diese Dissertation noch als Basis für ein Buch (soll Herbst 2012 erscheinen) nutzen will, möchte ich hier nicht alles verraten, aber ein paar Überlegungen seien mir – in diesem rein privaten Blog – gestattet:

Die historischen Voraussetzungen beider Vereine waren in etwa gleich. In Erfurt und Jena gab es eine Vielzahl von Fußballclubs, von denen mindestens einer immer eine herausragende Rolle in der jeweiligen Gauliga spielte und diese teilweise für Jahre beherrschte. Diese Zeitspanne umfasst die Jahre von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Bereits damals spielten die Zeiss-Werke in Jena eine wichtige Rolle als Sponsor des Fußballs. Nach dem Krieg sollte diese Bedeutung anwachsen.

Und genau an diesem Punkt lag das Erfurter Problem: Kummer arbeitet akribisch heraus, dass die Benennung des Reparaturwerkes Clara Zetkin als Trägerbetrieb des Erfurter Staats-Profifußballs (und um nichts anderes handelte es sich) ein großer Fehler war. Denn dieser Betrieb war, mit seinen knapp 2000 Beschäftigten, schlichtweg zu klein, also wirtschaftlich nicht potent genug, um den Verein attraktiv für gute Spieler zu machen. Es mangelte an allem: an Wohnungen, vernünftigen Trainingsmöglichkeiten und an beruflichen Perspektiven für die Spieler und ihre Angehörigen. Das änderte sich erst 1966, mit der Gründung des FC Rot-Weiß Erfurt, als die Optima (früher: Olympia-Werke) Trägerbetrieb des Klubs wurde. Allerdings zu spät und wohl auch nicht entschlossen genug.

Ganz anders in Jena. Hier übernahm 1958 ein Mann das Traineramt, den man (gerade nach der Lektüre der vorliegenden Doktorarbeit) als einen der interessantesten Protagonisten des DDR-Fußball begreifen muss. Und das ist keineswegs nur positiv gemeint. Für Jena jedoch war Georg Buschner ein Segen. Seine Trainingsmethodik war revolutionär, er arbeite quasi symbiotisch mit einem in Jena sitzenden sportwissenschaftlichen Institut zusammen, dessen Erkenntnisse unentwegt in die Trainingspläne eingearbeitet wurden. Schon am Anfang wechselten einige Erfurter Spieler (z.B. Erwin Seifert) nach Jena und erlebten nicht nur einen Kulturschock, das wäre zu verkraften gewesen, sondern waren geradezu entsetzt über das harte Training (bis zu dreimal am Tag, erbrechen nach dem Waldlauf inklusive). Dagegen empfanden sie das Training in ihrem alten Verein als regelrechtes Freizeitvergnügen. Doch das harte (heute weiß man: teilweise überzogene) Training war nur ein Grund des Jenaer Erfolgs. Der andere, mindestens genauso wichtige, war die unglaublich aggressive Abwerbung guter Spieler aus anderen Clubs.

Auch dahinter steckte Georg Buschner, dem allerdings bereitwilligst alle notwendigen Ressourcen des Zeiss-Werke zur Verfügung standen. Von Handgeldern bis zu 50.000 Mark ist hier die Rede. Aber Geld, wenn vielleicht auch nicht soviel, wurde überall reichlich bezahlt. Was daneben noch eine große Rolle spielte, war die Tatsache, dass sich viele Spieler – quasi auf einem speziellen Jenaer Bildungsweg – und teilweise ohne Abitur, en passant zum Diplom-Sportlehrer ausbilden lassen konnten. Das war einmalig und gleichzeitig sehr attraktiv. Gute Arbeitsstellen für die Ehefrauen, manchmal auch für die Eltern, hatte Zeiss ohnehin im Angebot.

Auf dem Gipfel, im Wortsinn, warteten die Villen. Sehr verdienten Spieler der Jenaer Mannschaft wurde aus dem Vermögen der Zeiss-Stiftung Villen in attraktivster Jenaer Lage zum Kauf angeboten. Wechselwilligen Spielern, von denen man sich überragendes versprach, wurde solche Häuser in Aussicht gestellt. So auch Lutz Lindemann, der in einem klapprigen Trabant aus Erfurt herüber kam. Zitat aus der Arbeit von Dr. Kummer: “Er hat uns hingestellt, uns kleine Leute, die aus einer Neubauwohnung kamen. Und dann hat er gesagt: ‘Wenn du fleißig spielst, wird dir in Kürze so ein Haus gehören.’ Du hast dich geschüttelt und gesagt: ‘Okay – machen wir alles.’ ”

Er war Paul Dern, Ko-Trainer und Vertrauter Buschners. Das war noch ein, keineswegs unwichtiges, Element der Jenaer Abwerbestrategie: Entweder Dern, oft auch der Meister persönlich, umsorgten die Spieler, die sie verpflichten wollten. Das machte Eindruck und vermittelte Sicherheit, denn ein Vereinswechsel (oder auch nur die bekannt gewordene Absicht) war – auch in der DDR – mit nicht zu unterschätzenden Risiken verbunden.

So baute Buschner seine Meistermannschaften, so kam es, dass Jena und eben nicht Erfurt zu einem der Leistungszentren des ostdeutschen Fußballs wurde. Doch Jena, vor allem aber Buschner, übertrieb es. 1976 wurde Rüdiger Schnuphase nach Jena delegiert, 1977 folgte ihm Lutz Lindemann. Damals war Buschner zwar bereits Nationaltrainer, übte jedoch noch immer großen Einfluss auf die Jenaer Geschicke aus (über Vertraute wie Dern und seine Macht im Verband). Er entschied quasi im Alleingang den Transfer der beiden Erfurter Hoffnungsträger an die Kernberge. Das besiegelte endgültig die tiefe Abneigung der Erfurter Fußballanhänger gegen den Rivalen im Osten, die bis heute ungemindert fortbesteht.

„Damned United“ von David Peace & der Mythos Brian Clough


Im Streitgespräch: Brian Clough und Don Revie am Tag von Cloughs Entlassung bei Leeds United

Vermutlich gibt es keinen Himmel. Wenn es aber einen gibt, dann wird Brian Clough derzeit stets einen Blick auf die Tabelle der zweiten englischen Liga haben. Fast alle Vereine für die er als Stürmer auflief (251 Tore in 274 Spielen, sic!), oder als Trainer arbeitete sind dort versammelt. Es wird ihm gefallen, dass sein Sohn Nigel als Trainer von Derby County momentan sogar auf einem Play-Off-Platz für die Premier League steht. Aber er wird ihm von da oben auch zurufen, warum zum Teufel er nur Dritter und nicht Erster ist.

Jetzt ist ein Buch in deutscher Übersetzung erschienen, das in England sagenhafte 500.000 Mal verkauft wurde und bei dem sich enthusiastische Zustimmung wie abgrundtiefe Ablehnung in etwa die öffentliche Waage hielten. Es handelt sich um David Peace Roman „Damned United“ (Übersetzung: Thomas Lötz).

Mit einer wertenden Beurteilung des Buches muss man sich nicht lange aufhalten: es ist brillant. Der unglaublichste Roman, der je über Fußball geschrieben wurde, befand der Independent. Vermutlich stimmt das, allerdings ist die Konkurrenz in diesem Wettbewerb überschaubar.

Damned United hat zwei parallele, alternierend angeordnete und jeweils chronologisch verlaufende Handlungen. Beide haben einen Protagonisten: Brian Howard Clough. Das erste Kapitel beginnt mit der Ankunft Brian Cloughs an der Elland Road, dieser legendären Heimstätte des Leeds United Football Club. Es ist der 31.Juli 1974, der erste Arbeitstag des neuen Managers. Leeds United, aktueller englischer Fußballmeister, der beste englische Fußballklub der letzten zehn Jahre. Die Mannschaft Don Revies, der nach verpasster WM-Qualifikation das englische Nationalteam übernommen hatte. Das Buch endet 44 Tage später, mit der Entlassung Brian Cloughs.

Die zweite Handlung setzt 15 Jahre zuvor ein und beschreibt den Weg der Brian Clough zur Elland Road geführt hat: die Jahre als überragender Stürmer der zweiten Liga, das frühe Karriereende als Folge eines brutalen Fouls. Die Zurücksetzungen: nur zweimal für England gespielt, kein Tor geschossen, nie für ein großes Turnier nominiert. Die Anfänge als Trainer von Hartlepool United, die überraschende Chance beim Traditionsverein Derby County. Der zähe Beginn dort, dann der rasante Aufstieg bis hin zum Gewinn der englischen Meisterschaft 1972 und dem Halbfinale des Cups der Landesmeister 1973. Die dauerhaft schwierige Beziehung zu seinem kongenialen Freund und Co-Trainer Peter Taylor. Die dauerhaft ungetrübte Beziehung zum Alkohol.

Das alles ist glänzend komponiert, ohne gekünstelt zu wirken. Peace, zu dessen Lieblingsautoren Heiner Müller und James Ellroy gehören, bedient sich in diesem Buch einer sehr moderaten Variante seines expressiven Stils. Das tut der Lesbarkeit gut und dem Leser wohl. Man kann sich darauf verlassen, dass alle Details, jedes Spielergebnis, jede Tabellenplatzierung, jede öffentliche Äußerung der handelnden Personen belegt sind. Aber es handelt sich um einen Roman, nicht um einen Wikipedia-Artikel. Allen Fakten fügt David Peace Fiktives hinzu. So wird es zu Literatur. Hier indes liegt auch das Risiko des Scheiterns. Nicht eine einzige der vielen Introspektionen die Peace Brian Clough in den Kopf legt, wird genauso gedacht worden sein. Jedoch – alles ist plausibel. So könnte es gewesen sein. All dies könnte Brian Clough tatsächlich gedacht haben. Mehr noch: auch wenn es gar keinen Brian Clough gegeben hätte, kein Leeds United und keine Elland Road, dann wäre dies ein glänzend geschriebener Roman, der eben von Fußball handelt.

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