Die Saison von Rot-Weiß Erfurt / Teil 2

Der Trainerwechsel / Pro & Contra

Eins vorweg: Walter Kogler war und ist ein hochsympathischer Mensch. Seine fast schon unösterreichisch zurückgenommene, vorsichtige und freundliche Art hat Maßstäbe gesetzt. Die sportliche Bilanz seines Wirkens fällt hingegen zwiespältig aus. Den besten Fußball spielte die von ihm trainierte Mannschaft in der Vorrunde der Saison 2013/2014. Trotz des personellen Substanzgewinns konnte daran in der letzten Saison nicht angeknüpft werden. Meine Hoffnung gründete darauf, dass sich die Mannschaft über die Grundtugenden Kampf und Disziplin hinaus fußballerisch sukzessive verbessert. Das trat nicht ein. Stattdessen blieb nur ein fürchterliches Vakuum übrig, als die Basiselemente des Fußballspiels abhanden kamen. Vor diesem Hintergrund ist die Entlassung Walter Koglers nachvollziehbar. Auf der anderen Seite deuten allen Indikatoren darauf hin, dass ein Verein wie Rot-Weiß Erfurt mit ständigen Wechseln der sportlichen Leitung schlecht abschneidet. Wenn man schon kein Geld hat, so das Motto erfolgreicherer «armer» Vereine, muss man mit gutem Personal, dem man vertraut, auch wenn es sportlich mal schlechter läuft, und Langmut eine Mannschaft entwickeln. Hoffen wir einfach, dass wir mit Christian Preußer nun endlich einen Trainer haben, dem dies vergönnt ist.

Spielsystem

Eigentlich begann es interessant und vielversprechend. In den ersten Saisonspielen ließ Kogler mit Andeutungen einer 3er-Kette spielen. Menz schob sich zur Spieleröffnung, aber auch beim Spiel gegen den Ball, immer wieder zwischen die beiden Innenverteidiger. Das geschah so regelmäßig, dass man dabei nicht mehr nur von einem «abkippenden Sechser» sprechen konnte. Aus mir unerfindlichen Gründen war es damit aber bald wieder vorbei. Von nun an galt die Faustregel: wenn Kammlott und Brandstetter fit sind: 4-4-2 (mit Doppelsechs). Wenn nur einer gesund war (meist Kammlott): 4-2-3-1. Personell fand ich das 4-2-3-1 immer besser, schon allein weil Möhwald darin eine klare und seinen Stärken gemäße Rolle (auf der 10) vorbehalten war.  Viel mehr muss man über das Spielsystem nicht schreiben, es wurde – in jeder Formation – konventionell interpretiert. Hier wünsche ich mir für die neue Spielzeit mehr Vielfalt. Nach dem fußballerischen Waterloo des Frühjahrs würde ich über ein Spielsystem nachdenken, dass bereits formativ bessere Möglichkeiten der offensiven Spielentfaltung bietet, also z.B. ein 4-4-2 mit Raute. (Was natürlich wiederum andere Fragen und Probleme aufwirft, die es zu lösen gilt.) Wir sind ein kleiner Verein mit eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten. Umso wichtiger wäre es, in den Bereichen innovativ aufzutreten die nichts mit der Qualität des Kaders zu tun haben, also z.B. durch konsequente Aneignung und Umsetzung eines überdurchschnittlich variablen Spielsystems.

Verein / Vereinsführung / Außersportliches

Das Steigerwaldstadion, dieser schöne aber in die Jahre gekommene Ort großer Verheiß- und Enttäuschungen existiert in seiner alten Form nicht mehr. Dies war unvermeidlich, was es nicht weniger anrührend macht. Es wurde mit einer spektakulären, allerdings am Ende doch recht teuren Veranstaltung würdig verabschiedet.

Auf Grund der anhaltend prekären Finanzlage entschloss sich der Verein zur Ausgabe eigener Genussscheine. Daran ist nichts verwerflich, diesen Weg haben bereits eine stattliche Anzahl von Fußballklubs beschritten. Ich habe bisher noch keine exakte Zahl über die eingenommene Summe gelesen (was auch an mir liegen kann), aber die kolportierten 500.000 Euro sind unzweifelhaft mehr als Peanuts für die schwindsüchtigen Konten des Vereins. Ein Kollateralnutzen dabei war zweifellos die Möglichkeit, über den vorgeschriebenen Wertpapierprospekt einen ungefilterten Blick auf die wirtschaftliche Situation des Vereins nehmen zu können. Die Wahrheit ist oft nicht angenehm. In diesem Fall sieht man sich einem komplexen (aber wohl beherrschbaren) Schuldenberg, bestehend aus Rangrücktrittsdarlehen und sonstigen Verbindlichkeiten, auf der einen und einer fragilen Einnahmesituation auf der anderen Seite gegenüber. Es ist kein kleines Wunder, dass Rolf Rombach die Pleite des Klubs bisher abzuwenden in der Lage war. Es ist aber auch klar, dass der Verein auf die Person Rombach bis auf Weiteres festgelegt bleibt. Weniger wegen der von ihm investierten Eigenmittel (die es honorigerweise auch gibt), sondern in erster Linie, weil er bei den Gläubigern mit seinem Namen für ein maßvolles Wirtschaften unter komplizierten Bedingungen einsteht. Einfacher ausgedrückt: Wirft Rombach hin, ist es um den Verein vermutlich geschehen. Einen plausiblen Kandidaten für seine Nachfolge habe ich weit und breit noch nicht erblickt. Es gibt viele Gründe unserem Präsidenten dankbar zu sein, selbstredend gehört dazu sein unermüdliches – und offensichtlich erfolgreiches – Engagement für den Bau eines neuen Stadions. Das ändert aber nichts daran, dass es Entscheidungen unter seiner Präsidentschaft gab, gibt und (sehr wahrscheinlich) weiter geben wird, denen ich kritisch bis ablehnend gegenüberstehe und das wird in diesem Blog weiterhin ein Thema bleiben.

Die «Mission 2016» verstarb in der letzten Woche durch eine Erklärung auf der Homepage des Vereins. Ihr frühzeitiges Ableben ist das Beste was ich über diesen Unfug zu sagen weiß. Sie ruhe sanft und endgültig auf dem Friedhof rot-weißer Träumereien.

Das mediale Umfeld

Der mdr hat sich in der letzten Saison um die 3.Liga verdient gemacht und eine große Zahl von Spielen übertragen. Das wird der Sender in der kommenden Saison noch einmal steigern; die DDR-Oberliga «feiert» eine Renaissance in der Drittklassigkeit. Ein ambivalentes Szenario. Die einen bejubeln – zu Recht natürlich – ihren Aufstieg (Magdeburg), andere könnten gut darauf verzichten (Aue). Wieder andere spielen in ihrer Eigenwahrnehmung immer Champions League (Dresden) und für den FC Rot-Weiß Erfurt ist es seit Jahren Alltag. Nicht alles was der mdr dazu produziert ist ein Kandidat für den Grimme-Preis, aber in der Berichterstattung hat sich vieles zum Positiven gewandelt. Klar ist ebenfalls, wer erfolgreich spielt, bekommt mehr Aufmerksamkeit in Form von Sendezeit. Sich über diesen Mechanismus zu beklagen wäre albern.

Was die Printmedien betrifft, befindet sich der FC Rot-Weiß in einer befriedeten Zone. Die Thüringer Allgemeine berichtet nur nach einem Spieltag opulent (eine Seite) über das Spiel. Ansonsten kommt der Verein dann vor, wenn es die Nachrichtenlage hergibt. Ab und an ein Interview, alles sehr zurückgenommen. Tenor: Alles Wesentliche wird mit wohlwollender Distanz fachlich (meist) fundiert berichtet. Nutzung sozialer Netzwerk durch die TA-Sportredaktion: Fehlanzeige.

Ein anderes Kaliber ist da die Thüringer Ausgabe von Bild. «RWE-Chefreporter» (meine Kreation) Michael Windisch nutzt intensiv Twitter, um auf neue Entwicklungen im Verein hinzuweisen und nicht selten auch seine Meinung zu artikulieren. Konfrontativ? Manchmal. Diskutabel? Sicher. Aber vor allem ist es unterhaltsam. Bild druckt jeden Tag einen Artikel zu RWE. Das sind zuweilen Petitessen, aber oft genug auch gute Interviews (wie z.B. jenes mit Maik Baumgarten vor zwei Wochen). Es fällt schon auf, dass Bild meist vor anderen Medien über bestimmte Entwicklungen im Verein informiert ist. Und – zumindest während der Zeit in der ich das etwas intensiver verfolge (also etwa 3 Jahre) – mit keiner Meldung dramatisch falsch lag. Die letzte grobe Falschmeldung zu RWE leistete sich vor zwei Jahren die TA mit der Nachricht, dass Ralf Loose neuer Cheftrainer wird. Eine Boulevardzeitung ist von ihrem Naturell her meinungsaggressiver als andere Zeitungen. Dinge werden pointierter dargestellt. Das ist ihr Geschäftsmodell. Im Komfortbereich Profifußball sehe ich das sehr gelassen, bei anderen Feldern der Berichterstattung weniger.

Summarisch bin ich der Auffassung, dass alle mit dem Gegenstand RWE befassten Journalisten mit der für ihren Berufsstand notwendigen Distanz über den Fußballklub Rot-Weiß Erfurt berichten. Keiner will dem Verein Böses, eher trifft das Gegenteil zu. Für den Verein eine komfortable und mitnichten selbstverständliche Situation.

Die Aussichten für 2015/2016

Sportlich derzeit nicht seriös zu beurteilen. Mit Möhwald und Czichos verlassen zwei hochkarätige Spieler den Verein. Auch der Verlust von Wiegel, Brandstetter (sehr bedauerlich, aber verständlich bei seiner chronischen Verletzungsanfälligkeit), Kleineheismann, Baumgarten, Bukva muss erst kompensiert werden. Alle bisherigen Neuverpflichtungen ergeben Sinn und weisen interessante Profile auf. Kaum überraschend die gestrige Aussage von Torsten Traub, dass man noch einen offensiven Mittelfeldspieler sucht (als Ersatz für Möhwald). Daraus gilt es schlussendlich, eine Mannschaft zu formen. Für unseren jungen Cheftrainer eine ebenso reizvolle wie schwierige Aufgabe. Ich wünsche mir einfach, dass diese Mannschaft besseren, attraktiveren Fußball spielt als in der letzten Saison. Dann wird sie auch problemlos die Liga halten, da bin ich sicher. Mehr an Erwartung habe ich nicht.

Die Saison von Rot-Weiß Erfurt / Teil 1

RWE vs. HachingDer Philosoph Ludwig Wittgenstein schrieb: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.» Es war trotzdem keine bewusste Entscheidung, mich mit dem betexten der sportlichen Aktivitäten des FC Rot-Weiß in der abgelaufenen Saison zurückzuhalten. Es war schlichtweg nur so, dass ich während eines Spiels oft den Eindruck hatte, genau dieses Spiel vor Kurzem schon mal gesehen und darüber auch bereits geschrieben zu haben. Man sollte daraus nicht auf innere Teilnahmslosigkeit schließen. Der Fan in mir bangte, litt, fluchte und freute sich wie immer. Aber der Blogger sah den seriellen Déjà-vus auf dem Platz oft entgeistert zu. Um mit dieser Saison schlussendlich meinen Frieden zu machen, nun doch einige bilanzierende Anmerkungen.

Transferperiode 14/15 und Saisonerwartungen

Niemand der Leistungsträger der Saison 13/14 schien den Verein zu verlassen. Nur Nils Pfingsten-Reddig verabschiedete sich/man – nach einem für ihn frustrierenden Jahr – gen Nordhausen. Ihm wäre ein großer Abschied nach vier Jahren am Steigerwald zu wünschen gewesen. Der Verein entschied sich dagegen, hatte damit jedoch das volle Maß an Stillosigkeit, zu dem er in der Lage ist, noch lange nicht ausgeschöpft. Es wurde zunächst munter weiter verpflichtet und die Namen, sportlichen Steckbriefe und Marktwerte lasen sich verheißungsvoll: Tyrala, Bukva, Falk, Judt, Aydin, Menz, etc. Bei der Verpflichtung von Christoph Menz fragte ich mich, welche Konsequenzen dies für die personelle Ausrichtung des zentralen Mittelfeldes haben würde. Der Verein ließ die Frage nur kurz unbeantwortet, bestellte Marco Engelhardt nach absolvierter Trainingseinheit ein und verkündete ihm, dass seine Dienste nicht länger benötigt würden. Wohlgemerkt war zu diesem Zeitpunkt die Saisonvorbereitung bereits in vollem Gange. Sportlich konnte ich diese Entscheidung nicht verstehen, für mich war Engelhardt der beste Erfurter Feldspieler der Spielzeit gewesen. Auch, weil er praktisch ohne Substanzverlust im zentralen Mittelfeld und als Innenverteidiger spielen konnte. Aber gut, damit kann ich leben, ich bin hier nur ein Blogger. Es ist mein Recht dies und jenes zu kritisieren, aber ich trage eben auch keine Verantwortung für irgendetwas. Fatal hingegen fand ich die Art und Weise wie diese Trennung vollzogen wurde. Denn es war offensichtlich, dass man Engelhardt loswerden wollte und nur wartete bis Menz unterschrieb, um die Trennung zu exekutieren.  Rombach, Hörtnagl und Wilfried Mohren waren und sind (meist zu meiner Belustigung) dem großen moralischen Wort heftig zugeneigt. Im Falle Marco Engelhardts bewarb sich der Verein (Slogan: #Herzzeigen) jedoch um den Titel «Miesester Arbeitgeber des Jahres». So geht man mit keinem Angestellten um. Schon gar nicht mit einem, der hier fußballerisch groß geworden ist und sich nie etwas zuschulden hat kommen lassen hat.

Mein Verhältnis zu den handelnden Personen des Vereins war durch den «Fall Engelhardt» bereits vor der Saison angeschlagen. Ansonsten war ich neugierig wie immer, ob und wie es gelingen würde, aus den vielen Neuzugängen eine gute Mannschaft zu formen. Immerhin hatte das Team nominell stark an Marktwert zugelegt und in Walter Kogler einen Trainer, dem ich zutraute, daraus etwas zu machen.

Der Saisonverlauf

Die Leistungen im erweiterten ersten Saisondrittel (etwa bis Spieltag 14, dem Heimsieg gegen Chemnitz) waren wenig dazu angetan, Euphorie zu verbreiten, aber sie waren grundsolide. Immerhin stand die Mannschaft nach dem 14. Spieltag auf Rang zwei, auch wenn die Abstände zwischen den Teams der ersten Tabellenhälfte marginal waren. Kogler ließ einen nüchternen, effektiven, unterkühlten Fußball spielen, der davon lebte, dass die Mannschaft wenig Fehler machte und die des Gegners effektiv verwertete. Im Angriffsdrittel wurde versucht, viele sogenannte zweite Bälle zu erobern, um schnell und schnörkellos zum Abschluss zu kommen, ohne dass man viel Risiko eingehen musste. Das funktionierte in den Heimspielen recht überzeugend, auswärts hingegen genügte dieser reaktive Spielstil meist nicht für Punkte. Einmal in Rückstand geraten, verschwand das Zutrauen ins eigene fußballerische Vermögen zuweilen in Minutenschnelle. Das Spiel kollabierte dann manchmal regelrecht und es war nur dem Glück und den Paraden Philipp Klewins zu verdanken, dass in solchen Phasen nicht noch mehr Gegentore fielen.

Es kam der traurige Monat November: das Desaster der Pokalniederlage in Rudolstadt war eingebettet in eine kleine Serie von vier sieglosen Ligaspielen und dem «Absturz» auf Rang 10 der Tabelle. Aber Kogler gelang es die Mannschaft zu stabilisieren und ein wenig Spielplanglück gesellte sich ebenfalls hinzu: auf dem Tiefpunkt ihrer Formkrise wurden desolate Rostocker im letzten Heimspiel vor der Winterpause deutlich bezwungen und das traditionell nervöse Vereinsumfeld konnte halbwegs befriedet Weihnacht feiern.

Aus dem Wintertrainingslager erreichten uns fröhliche Youtube-Clips, die wohl den Zusammenhalt der Spieler illustrieren sollten. So etwas gehört heutzutage offensichtlich dazu, obwohl sich später der öffentlich zur Schau gestellte Teamgeist oft in Nichts auflöst.

Nach der Winterpause deutete darauf zunächst wenig hin. Mit vier Siegen in Folge startete Rot-Weiß so erfolgreich wie selten ins neue Jahr. Erneut stand man auf Tabellenplatz zwei und dieses Mal gab man sich verhalten optimistisch. Das Wort von der «vorzeitigen Erfüllung der Mission 2016» machte die Runde. Niemand ahnte, dass uns in den nächsten Wochen ein fast beispielloser freier Fall bevorstand. Von der Spitze des Doms aufs Pflaster des gleichnamigen Platzes davor. Ungebremst. Dabei hätte man vorbereitet sein können. Diese vier Siege waren allesamt wenig überzeugend erspielt. Wenn man so will, waren sie der positive Kulminationspunkt der Koglerschen Spielweise. Der Sieg in Dresden war pures Glück. Vor allem aber das Heimspiel gegen Münster verdeutlichte, dass die Mannschaft nicht in der Lage war, sich – selbst gegen einen Gegner, der viele Räume anbot – klare Tormöglichkeiten zu erarbeiten. Mit der so deutlichen wie verdienten Niederlage in Kiel (1:4) begann eine der sportlich katastrophalsten Episoden des Vereins. An ihrem Ende würde Walter Kogler nicht mehr auf der Trainerbank sitzen und die «Mission 2016» nur mehr eine weitere Randnotiz in den Annalen des FC Rot-Weiß Erfurt sein.

Ende Teil 1 / Morgen geht es weiter mit einigen Gedanken zum Trainerwechsel, zum medialen Umfeld und zu den Dingen, die mir sonst noch irgendwie wichtig erschienen.

PS: Ich habe im Moment keinen Schimmer warum die Kommentarfunktion für diesen Post nicht funktioniert. Wenn Ihr was schreiben wollt, dann sendet es bitte per Mail an: fedor.freytag@stellungsfehler.de – ich pflege es dann ein, sobald ich die Ursache gefunden habe.

Rot-Weiß vs. Arminia 0:4 oder v=g*t

Das Spiel

Der Gott des Gemetzels hatte ein Herz für die Rot-Weißen und ihre Fans. Das hätte am Samstag noch sehr viel schlimmer ausgehen können. Eine taktische Analyse erübrigt sich erneut, so was macht nur Spaß, wenn sich die Kombattanten halbwegs auf Augenhöhe bewegten. Was, wie jeder Zuschauer sehen konnte, nicht der Fall war. Den – zumindest phasenweise – guten Ansätzen des Spiels gegen Chemnitz folgte ein fußballerischer Offenbarungseid kosmischen Ausmaßes. Eine verheerende Mixtur aus individuellen Fehlleistungen und kollektiver Desorganisiertheit sorgte für die ratlosesten Gesichter, die ich jemals im Steigerwaldstadion gesehen habe. Wohlgemerkt bei einem Verein, dessen Historie nicht eben arm an frustrierenden Epochen ist. Quasi zu jedem Zeitpunkt des Spiels (das in der 64. Minute nach dem 0:4 praktisch beendet war) sah es so aus, als ob die Erfurter Spieler zum allerersten Mal gemeinsam auf einem Fußballplatz stehen würden. Keine Idee, kein Konzept, nirgends. Selbst das nur moderat aggressive Angriffspressing der Bielefelder bedeutete den Sekundentod für unsere Spieleröffnung. Es stellte sich nie die Frage, ob der Ball gleich verloren geht, sondern nur in welchem Teil des Spielfeldes dies geschieht. (Man war ja schon fast dankbar für lange Bälle – Hauptsache weit weg vom eigenen Tor.)

Zum Gotterbarmen. Zum Fürchten. Zum Kotzen.

Leider kann ich mit didaktischer Kompetenz nicht dienen. Sonst nicht und heute schon gar nicht. Es gab nichts Positives.

Die Situation

Es ist an verschiedener Stelle bemerkt worden, dass die Erfurter Zuschauer eher konsterniert und nicht wütend auf das Spiel und die Niederlagenserie reagieren. Das stimmt, verdankt sich aber ausschließlich dem Umstand, dass der Verbleib in der Liga bereits feststand, bevor der freie Fall (v=g*t) begann. Ginge es um den Abstieg und damit vermutlich um die Existenz des Vereins, könnte man, da bin ich sicher, in Erfurt den Sturm auf die Bastille ganz ohne Komparsen drehen. Ich bin ratlos, wie die Mannschaft auf die Schnelle wieder in einen kompetitiven Zustand versetzt werden soll. Mit meiner Ratlosigkeit könnte der Erfurter Fußball gut leben. Doch leider vermitteln auch die Spieler und ihr Trainer diesen Eindruck, was man ihnen nach acht Niederlagen in Folge nur sehr bedingt zum Vorwurf machen kann. Die von Preußer erwähnten Umstellungen im Training und intensive Einzelgespräche können sicher keinen Schaden anrichten, sind aber gleichfalls wenig geeignet, große Hoffnungen auf einen gruselfreien Abschluss der Saison zu begründen.

Als gesichert kann gelten, dass der FC Rot-Weiß Erfurt am Samstag im Kölner Südstadion wieder mit elf Spielern auflaufen wird. Aber auch dieses Spiel wird zum sportlichen Debakel, wenn es unter der Woche nicht gelingt, die Restbestände an Selbstvertrauen, Eigenverantwortung und kollektivem Spielverständnis zu reaktivieren, die da vielleicht noch irgendwo vorhanden sind. Das sind die Spieler nicht nur dem Verein der sie bezahlt und seinen Fans schuldig. Es sollte im Eigeninteresse jedes Akteurs liegen, nicht Teil einer Mannschaft zu werden, die mit dem unsäglichen Etikett «Rekordverlierer im deutschen Profifußball» in den Annalen des DFB landet. Viel trennt uns davon nicht mehr.

Gentleman, Grund genug, sich zur Vermeidung wenigstens dieser Apokalypse den Allerwertesten aufzureißen!

Dann wohl doch: Mission 2016+n / Erfurt vs. Wiesbaden 0:2

Ich bin kein Masochist. Weshalb sich übers Wochenende alles in mir wehrte, das Spiel noch einmal anzusehen. Deshalb werde ich mit einer profunden, tiefschürfenden taktischen Analyse (selbst einer zweifelhaften) nicht dienen können. Das Spiel begann wie viele Heimspiele von RWE in dieser Saison: abwartendes Mittelfeldgeplänkel beider Seiten. Dann wurde Koglers Mannschaft konstruktiver, die Kombinationen gewannen (etwas) an Sicherheit, erste Chancen waren zu verzeichnen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Heimspielgegnern zeigten sich die Wiesbadener unbeeindruckt. Hochsolide in der Innenverteidigung, aggressiv in den Zweikämpfen und stets latent gefährlich, vor allem über den starken Schnellbacher, deuteten sie bereits zu diesem Zeitpunkt an, dass es diesmal anders laufen könnte.

Dann kam das berühmte Spielglück hinzu. Zunächst in Form von zwei Schiedsrichterentscheidungen, die auch anders hätten ausfallen können. Zuerst der Freistoßpfiff gegen und nicht für Möhwald und dann – in unmittelbarer Folge – ein Elfmeter, den man sicher geben kann, aber eben nicht geben muss. Wobei der Ball gefühlte Ewigkeiten unterwegs ist und Schnellbacher von drei Erfurter Abwehrspielern umstellt ist, was jeden Körperkontakt obsolet machen sollte. Aber Christoph Menz weiß das alles selbst und hat es nach dem Spiel auch so zu Protokoll gegeben. Shit happens. Danach begann die beste Phase des Erfurter Spiels. Dumm nur, dass ausgerechnet in diesen Abschnitt hinein das zweite, letztlich entscheidende, Tor der Wiesbadener fiel.

Trotz der beiden Gegentore war die erste Halbzeit nicht das Problem. Da befand man sich noch halbwegs auf Augenhöhe (auch wenn das Resultat etwas anderes sagt), hatte Chancen und ein Tor lag immer im Bereich des Möglichen. Das änderte sich in Halbzeit zwei grundlegend. Niemand konnte der Mannschaft den Willen absprechen, das Spiel zumindest noch auszugleichen. Allein, es fehlten die fußballerischen Mittel. Auf alle Versuche hatte der SVWW eine Antwort. Je länger die Partie dauerte, desto mehr erinnerten die Ballbewegungen in der Offensive von RWE an die hektischen Impulse einer Kugel in einem Flipperautomaten. Balleroberungen folgten Fehlabspielen in rasantem Wechsel. Die Mannschaft hatte Probleme überhaupt in die Nähe des Wiesbadener Tors zu gelangen.

So war es letztlich nicht die Niederlage an sich, sondern vor allem die Art und Weise des Zustandekommens, die so einige Träume am Steigerwald der normativen Kraft des Faktischen aussetzten. Kiel war eben kein einmaliger Ausrutscher.  Wenn es nicht gelingt, die Mannschaft fußballerisch und mental zu stabilisieren, werden wir auch in dieser Saison nichts mit dem Aufstieg zu tun haben.

Last but not least: die Spielzusammenfassung des Wiesbadener Stehblog.

Aus gegebenem Anlass: Eine kleine Hommage an Juri Judt

Mit Kurt Jara, Bernard Dietz, Dir und Deinem Bruder Thomas, mit Reuter, Eckstein, Dorfner oder dem Jahrhundertfußballer Griechenlands Giorgos Koudas habe ich Spieler von absoluter Klasse trainiert. Aber wie Fußballer gerne reden, hätte man dem einen das Kopfballspiel vom anderen gewünscht und dem anderen die Zweikampfstärke oder Schnelligkeit vom Ersten, um den perfekten Spieler zu haben. 1998, bei meiner Arbeit für Greuther Fürth, hat mir der liebe Gott diesen perfekten Spieler mit dem 12-jährigen Juri Judt über den Weg laufen lassen.

Heinz Höher an Klaus Allofs (Aus: «Spieltage» von Ronald Reng)

Heinz Höher, Protagonist eines der großartigsten Bücher, das jemals über Fußball geschrieben wurde, hat seinem Zögling mit diesen Worten eine schwere Hypothek auferlegt. Zunächst verlief die Karriere des Juri Judt wie Juri_Judt_2009von seinem Mentor geplant: Er setzte sich bei Greuther Fürth im Männerbereich durch, bekam einen guten Vertrag beim fränkischen Rivalen in Nürnberg, spielte anfangs auch dort regelmäßig. Dann eine langwierige Verletzung und seitdem befand sich die Karriere im Sturzflug. In Leipzig als Stammspieler aussortiert, folgte ein hektischer Wechsel zum damals chaotisch-panischen 1. FC Saarbrücken. Selbst dort kam er nur auf fünf Einsätze. Dann – in dieser Saison – der Transfer an den Steigerwald. Hier schien es zunächst ähnlich – schlecht – zu laufen wie bei seinen vorherigen Stationen. Zunächst stellte ihn Kogler als Rechtsverteidiger in die Startelf, es folgten einige weniger glückliche Spiele und es kam, wie es kommen musste: Der genesene Luka Odak verdrängte ihn auf die Bank. Dann beorderte Kogler ihn am 20. Spieltag (gegen BVB II) ins zentrale Mittelfeld. Einigermaßen überraschend, aber dann auch wieder nicht, weil Judt dereinst in Fürth auf eben dieser Position seine vielleicht überzeugendsten Spiele bestritt. Das war lange her, aber er absolvierte in Dortmund sein bis dahin bestes Spiel für die Rot-Weißen. Das nutze ihm zunächst wenig, das Tandem Menz und Tyrala war bis zur Winterpause gesetzt. Nach ebendieser musste Menz gegen Cottbus gesperrt passen und wieder griff Kogler auf Judt zurück. Erneut machte er ein starkes Spiel: äußerst laufstark, geschickt im Zweikampf, so gut wie keine Ballverluste im Spielaufbau, kluge Spieleröffnungen. So sieht das Anforderungsprofil eines defensiven zentralen Mittelfeldspielers aus. Und er verstetigte diese Leistung, einschließlich des gestrigen Spiels gegen Osnabrück. In dem gab es mehrere Schlüsselszenen, hinreichend oft benannt wurden der großartige Ballklau Klewins gegen den freien Menga, die Abwehr auf der Torlinie von Aydin und die Rote Karte gegen Thomik. Zwischen den beiden letzten Szenen liegt allerdings ein, unter hohem Gegnerdruck gespielter, langer und präziser Ball von Juri Judt auf Kammlott, der dann zur Notbremse des Osnabrücker Verteidigers führte. Dafür hält der Neusprech der modernen Spielanalyse den Begriff Keypass parat.

Seit er sich in der Startelf festgespielt hat, gab es immer wieder Szenen (u.a. sensationell gute Balleroberungen), die mehr als erahnen lassen, warum Heinz Höher in seinem Brief an Klaus Allofs den ganz hohen Ton anschlug. Hoffen wir alle, dass das fußballerische Comeback des Juri Judt fortdauert, zum Wohle des FC Rot-Weiß Erfurt. Der, da bin ich sicher, in Heinz Höher einen neuen Fan gefunden hat.

Free Kevin! Einige Anmerkungen zum Spiel des FC Rot-Weiß Erfurt

koglerZu Recht feiern alle den makellosen Start des FC Rot-Weiß Erfurt nach der Winterpause. Weil er so wichtig für die tabellarische Nähe zu den Führenden der Liga war, weil es in den letzten Jahren zumeist gegenteilig lief.

Es ist aber keineswegs so, dass die beiden Siege zu einem Taumel der Euphorie geführt hätten. Zu schwach war der erste Gegner (Cottbus) und zu glücklich der späte Sieg in Dresden. Alle drei Tore in den beiden Spielen wurden durch Standards erwirkt, was durchaus auf einen offensichtlichen Schwachpunkt hindeutet: Die Anzahl der herausgespielten Torchancen lässt zu wünschen übrig. Gegen Energie konnte man das noch geflissentlich übersehen, vor allem wegen der eklatanten Unfähigkeit des Gegners, selbst gefährliche Aktionen zu initiieren. Gegen Dynamo hatten wir in Halbzeit eins einfach nur Glück, nicht bereits mit einem entscheidenden Rückstand in die Kabine zu gehen. Das Gegenpressing funktionierte gut, allerdings war der solcherart mit großem Kraftaufwand zurückeroberte Ball nach spätestens drei eigenen Pässen aufs Neue verloren. Das konnte Dynamo gegen eine aufgerückte Erfurter Mannschaft einige Male zu blutdrucksteigernden Aktionen nutzen. Noch ärgerlicher allerdings war der Umstand, dass die rot-weißen Offensivakteure den Ball in aussichtsreicher Feldposition so einfach verloren. “Gegenpressing ist der beste Spielmacher”, lautet ein berühmter Sinnspruch von Jürgen Klopp aus besseren Tagen. An der prekären Situation der Borussia erleidet die Richtigkeit des Satzes keinen Schaden. Allerdings nur, wenn die anschließenden Offensivaktionen dann und wann präzise verwertet werden. Wenn nicht, hat man viel Kraft investiert, ohne einen Mehrwert zu erzielen.

Was tun? Nun, es hat mich schon gewundert, dass Walter Kogler Kevin Möhwald in Dresden nicht in der Startformation aufbot. Auf seine sehr späte Einwechslung konnte ich mir schon gar keinen Reim machen. Warum? Weil das durchgehend ungenaue Angriffsspiel der Mannschaft bereits sehr früh nach genau dem Spielertyp schrie, den Möhwald verkörpert. Es steht außer Frage, dass Kogler in Zusammenstellung und Vorbereitung der Mannschaft sehr viel mehr richtig als falsch gemacht hat. Sonst wären wir nicht da wo wir gerade stehen. Ich habe in diesem einen Punkt einfach nur eine andere Auffassung und die lautet: Kevin Möhwald muss spielen. Entweder als zentraler offensiver Spieler hinter einer Spitze oder, vermutlich weniger wirkungsvoll, aber immer noch besser als überhaupt nicht, auf der rechten offensiven Seite, wenn denn 4-4-2 das neue Standard-System werden soll. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gehe ich aber von einer Rückkehr zum 4-2-3-1 aus, mit Kammlott als einziger Spitze. Was ganz gewiss für neue Diskussionen sorgen würde.

Rot-Weiß Erfurt vs. Chemnitzer FC 2:0 / Fortuna nur in einer Nebenrolle

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Die Debatte um die Art und Weise des Zustandekommens der nunmehr sechs Erfurter Heimspielerfolge in Folge reißt nicht ab. Mit «Erfurt besiegt den CFC glücklich» gibt dabei der mdr die Tonlage vor, aber auch in den Vereinsforen sind einige Unentwegte unterwegs, die bei jedem Sieg vor allem die Gunst der Glücksgöttin Fortuna am Werke sehen. Oder weniger blumig  ausgedrückt: RWE ist in den Spielen nicht durchgehend dominant, der Gegner hatte Chancen, also war der Sieg glücklich.

Nun ja, auch ich hätte wenig gegen einen richtig deutlichen Heimsieg einzuwenden, ganz ohne Zittern und Herzklopfen. Vielleicht werden wir einen solchen in dieser Saison noch erleben, aber er wird die Ausnahme bleiben. Dafür sind die Mannschaften in dieser Dritten Liga schlichtweg zu ausgeglichen besetzt. Die hochgelobten Jungdynamiker aus Dresden kommen zu Hause gegen den Aufsteiger aus Köln über ein torloses Unentschieden nicht hinaus; der SV Wehen Wiesbaden – Tabellenführer – verliert daheim gegen den Nachwuchs von Mainz 05, der sich vor dem Spieltag auf einem Abstiegsplatz befand. Das ist die Normalität einer Liga, in der sich die Etats der Teams (jedenfalls in dieser Saison) so ähneln wie ein BigMac dem anderen.

Glück spielt im Fußball immer eine Rolle, schon allein weil, verglichen mit anderen Sportarten (Basketball, Handball, Volleyball, Tennis), nur wenige Tore (Punkte) das Ergebnis bestimmen. Wir sollten jedoch den größeren Einfluss des Zufalls/Glücks im Fußball nicht beklagen, denn vor allem er sorgt für die globale Faszination dieses Sports. In der Handballbundesliga verliert ein Tabellenführer so gut wie nie gegen den Drittletzten (siehe Wiesbaden gegen Mainz), eben weil die höhere Anzahl an Treffern fast immer dazu führt, dass sich die qualitativ bessere Mannschaft am Ende durchsetzt.

Gute Fußballtrainer wissen um diesen vergleichsweise exponierten Einfluss des Zufalls in ihrem Sport. Schon allein, weil es ihnen bei der Trainerausbildung vermittelt wird. Was sie nicht daran hindert, diesen Einfluss zu reduzieren. Oder dies zumindest zu versuchen. Der FC Rot-Weiß Erfurt hat inzwischen sechs Heimspiele in Folge gewonnen, die letzten drei davon blieb man ohne Gegentor. Vor allem hier liegt der Schlüssel dieser Serie. Kogler ist es gelungen, der Mannschaft zu vermitteln, dass es nicht exklusiv Aufgabe der Defensivspieler ist, den Gegner am Erzielen von Toren zu hindern.

In dieser Hinsicht war allein Kammlotts Auftritt gestern bemerkenswert. Ich vermute ja, dass Endres von ihm in der letzten Nacht alpträumte. Unermüdlich lief unsere Spitze in hohem Tempo (und mit klugen Winkeln) die spielaufbauenden Chemnitzer Spieler an, die dann in großer Not einige Bälle nur noch ins Aus klärten oder lang und unkontrolliert nach vorn schlugen. Möhwalds Rolle bestand im Zustellen attraktiver CFC-Passwege (vor allem durch die Mitte). Die beiden offensiven Außen Bukva und Wiegel beteiligten sich ebenfalls vorbildlich an der Arbeit gegen den Ball. Auch ihnen war kein Weg zu weit, kein Sprint zu viel. Im Resultat der guten Defensivarbeit von Koglers Mannschaft kam der CFC nur zu wenigen Chancen aus dem Spiel heraus. Sie waren durchaus die aktivere Mannschaft (was nach dem schnellen Rückstand naheliegend war), die Mehrzahl ihrer Möglichkeiten resultierte jedoch aus Standards.

Nach Möhwalds frühem Tor begannen die womöglich besten 20 Minuten von RWE in der laufenden Saison. In dieser Spielphase gelang Chemnitz nach vorn nichts und RWE hatte einige sehr gute Kontermöglichkeiten – vor allem nach Ballgewinnen im zentralen Mittelfeld – die man auch passabel auskombinierte. Beim letzten Pass war dann allerdings immer ein Chemnitzer Abwehrkörperteil im Weg. Am Schluss dieser Phase stand eine Riesenchance von Czichos. Danach folgte der große mittlere Akt des Spiels: Chemnitz gut anzusehen, viele Spielanteile in der Erfurter Hälfte, einige Einschussgelegenheiten, nichts Hundertprozentiges dabei. Rot-Weiß einen Tick zu passiv und zu ungenau bei den Gegenstößen. Trotzdem immer bemüht, mit schnellen Passfolgen nach vorne zu kommen. Auch am Ende dieser Spielsequenz hatte RWE durch Brandstetter eine Riesengelegenheit. Hätte er sie genutzt, der dramatische dritte Akt wäre mangels Masse entfallen. Der CFC musste jetzt das Risiko steigern, tat das auch gekonnt und kam durch Glasner jetzt auch zu Großchancen. Die überstand der RWE glücklich – wohlgemerkt, nachdem man das Spiel selbst hätte frühzeitig entscheiden können. Den Schlusspunkt setzte Kadric nach kluger Vorarbeit von Möhwald.

Wir sind derzeit Tabellenzweiter, weil wir eine gute Mannschaft haben, die auf dem Platz homogen zusammenwirkt. Das ist in großem Maße der Arbeit von Walter Kogler (und seinen Co-Trainern) zu verdanken. Es ist gelungen, dem Team eine fußballerische Verfassung zu geben. Sollten wir von (langwierigen) Verletzungen verschont bleiben und die Spieler weiterhin den Erfolg der Mannschaft als erste Priorität im Sinn haben, werden wir oben dabei bleiben. Niederlagen (auch gegen Mannschaften die tabellarisch klar hinter uns stehen) und schlechte Spiele werden nicht ausbleiben. Sie gehören zum Sport im Allgemeinen und zur inneren Logik dieser Liga im Besonderen.

Eines noch: Lieber DFB, kannst Du uns in Zukunft immer einen so souveränen Schiedsrichter wie Günter Perl schicken?

Rot-Weiß Erfurt vs. FSV Mainz 05 II 1:0

Kogler & Preusser

Wenn ich ein Spiel des FC Rot-Weiß Erfurt sehe, leide ich innerlich an jedem Fehlpass, jeder vergebenen Torchance, jedem Abpraller, der nicht zu einem unserer Spieler springt und an tausend weiteren Unzulänglichkeiten mehr, die einem perfekten Spiel entgegen stehen. Im Spiel gegen die 2. Mannschaft des FSV Mainz 05 gab es viel zu leiden. So wie in vielen Spielen seitdem ich Anhänger der Rot-Weißen bin. Einerseits. Andererseits freute ich mich über den fünften Heimsieg in Folge und die erneute Bestätigung meiner These, dass wirklich schwache Mannschaften in dieser Liga schlichtweg inexistent sind. Jedenfalls gibt es keine, die man en passant aus dem Steigerwaldstadion, das bald eine Arena sein wird, schießt. Insofern halte ich die massive Kritik, die derzeit selbst nach einem Sieg auf Mannschaft und Trainer niedergeht, für überzogen. Man erfährt in vielen dieser Äußerungen manches über die Kritiker und wenig über das Spiel der Erfurter Mannschaft.

Natürlich spielte RWE nach der frühen Führung zu passiv, Mainz kam zu Chancen, ein Ausgleich für die Rheinhessen wäre verdient gewesen. Wie schon häufiger in den letzten Partien funktionierten Pressing und vor allem Gegenpressing (sprich attackieren nach eigenem Ballverlust) zu häufig nicht. Vor allem das zentrale Mittelfeld wurde einige Male überspielt, was bei den spielstarken Mainzern quasi immer dazu führte, dass sie die sich bietenden Räume nutzten, um sich gefährlich vor das Erfurter Tor zu kombinieren. Insgesamt muss man derzeit die Arbeit gegen den Ball in einigen Spielphasen kritisieren. In der zweiten Halbzeit wurde vieles besser, auch weil die offensiven Flügelspieler und die Stürmer konsequenter und effektiver nach hinten arbeiteten. Im Resultat hatte Mainz so gut wie keine Torgelegenheiten mehr.

Am meisten Blutdruck hatte ich jedoch bei zwei Szenen von Andreas Wiegel. Ich finde es großartig, dass wir wieder einen Tempodribbler von hohen Graden in der Mannschaft haben, und denke, dass er in den letzten Wochen noch einmal einen deutlichen Schritt nach vorn gemacht hat. Aber bei seinen beiden Chancen in der 2. Halbzeit muss er den viel besser postierten Kammlott anspielen, dann werden aus passablen Einschussmöglichkeiten Großchancen. Egoshooting kann sich das Team nicht leisten.

Zur Gretchenfrage 4-4-2 oder 4-2-3-1? Ich kann gut verstehen, dass Kogler weder auf Kammlott noch auf Brandstetter verzichten möchte. Deshalb halte ich das 4-4-2 für das derzeit richtige System zu Spielbeginn. Trotzdem müssen einige Problemstellen auf dem Platz beantwortet werden. Zum einen ist das Offensivspiel zu statisch, wenn sich beide Stürmer nicht entsprechend nach hinten orientieren und als Anspielstation im Mittelfeld anbieten. Hier kann man als Anschauungsunterricht die gegenwärtige Spielweise der Gladbacher Borussia nur empfehlen. Sowohl Kruse als auch Raffael lassen sich wechselweise tief in die eigene Hälfte fallen oder überladen die Flügel und sorgen derart für eine extreme Unausrechenbarkeit des Angriffsspiels. So muss das. Im Defensivspiel dürfen die Stürmer nicht ausschließlich als erste Pressingreihe auftreten, sondern müssen situativ nach hinten arbeiten, um Lücken (z.B. bei einem nicht gelungenen Gegenpressing) zu schließen. Als Stürmer Kräfte sparen wenn der Gegner angreift, war früher.

Auch die Integration von Okan Aydin war alles andere als optimal, aber das ist wohl kaum als Überraschung zu werten, schließlich war es sein Debüt in der Startelf. Fast durchweg gut gefallen hat mir die Leistung der Abwehr, auch der zuletzt viel kritisierte Judt bot ein überaus solides Spiel. Um Rafael Czichos mache ich mir langsam Sorgen, denn seine Qualitäten als offensiver Linksverteidiger werden so manchem Zweitligisten nicht lange entgehen.

Es wird sich in den nächsten Wochen entscheiden, ob es Kogler schafft, die offensichtlichen Defizite weitgehend zu eliminieren. Gelingt dies, hat der FC Rot-Weiß gute Chancen lange oben mitzuhalten. Das diesjährige Personal gibt dies allemal her. Doch selbst wenn es so geschieht, werde ich wieder viel leiden.

FC Rot-Weiß Erfurt vs. Holstein Kiel 3:2

kogler

Nach dem Spiel konnte niemand sagen, wann der FC Rot-Weiß Erfurt zuletzt drei Tore nach Standards erzielt hatte. Abgesehen von Pfingsten-Reddigs Elfmetern war das lange Zeit eine vernachlässigte Toreinnahme-Quelle. Es blieb Walter Kogler vorbehalten, die Gründe dafür zu nennen: Mehr gute Standardschützen (in diesem Fall: Tyrala, Aydin und Möhwald) und eine größere Anzahl potenzieller Abnehmer. Daraus resultierend: weniger Ausrechenbarkeit für den Gegner.

Soweit zu den ausschließlich positiven Aspekten des Spiels. Auf der anderen Seite ist zu vermerken, dass RWE die Standards so dringend benötigte wie die FDP Zweitstimmen, weil aus dem Spiel heraus wenig Konstruktives gelang. Das lag in erster Linie an einer bockstarken defensiven Vorstellung der Kieler. Carsten Neitzel und sein Trainerteam hatten definitiv ihre Hausaufgaben erledigt. Nichts war es mit einem gepflegten, vertikal orientierten Spielaufbau aus einer Dreierkette heraus. Quasi alle Aufbauspieler wurden früh und aggressiv gestört, sodass oft nur der Rückpass zu Klewin blieb. Dessen einzige wirkliche Schwäche, mangelnde Präzision bei langen Bällen, war ebenfalls nicht dazu angetan, das Offensivspiel von RWE zu befördern.

Kiel brachte zwar zunächst in direkter gegnerischer Tornähe auch nicht viel zustande, erwies sich aber als erstaunlich ballsicher und entzog sich so immer wieder dem Pressing der Erfurter. Beide Tore fielen dann wie aus dem Nichts. Zuerst hatte Judt einen Aussetzer und foulte Heider völlig unnötig, wenig später bilderbuchte Brandstetter die Ecke von Tyrala zum Ausgleich ins Kieler Tor.

Nach dem Wechsel brachte Kogler Aydin für den erneut wenig überzeugenden Bukva. Zunächst änderte sich dadurch wenig. Mit der folgenden Einwechslung von Kammlott (für Tyrala) wurde auf ein 4-4-2 umgestellt hatte. Aydin fand nach zehn Minuten besser ins Spiel, bzw. wurde von seinen Mitspielern in Selbiges eingebunden. Auch Wiegel, am anderen Flügel, wurde stärker. Es ergaben sich Chancen, doch erneut benötigte es einen Standard zur Führung. Danach «rächte» sicht die numerische Unterzahl im Mittelfeld, Holstein reagierte druckvoll und mit gutem Fußball auf den Rückstand, fast folgerichtig fiel der Ausgleich. Das Spiel wurde ein völlig offenes, aber der Fußballgott hatte an diesem Samstag ein Faible für Kevin Möhwald und ließ dessen Freistoß durch Freund und Feind passieren. Jetzt reagiert Kogler praktisch sofort, revidierte das 4-4-2 und wechselte Baumgarten für Brandstetter ein. Kiel mühte sich zwar noch um den Ausgleich, konnte aber die zwischenzeitliche Dominanz im Mittelfeld bis zum Ende nicht mehr erreichen.

Die drei Punkte lassen Rot-Weiß den Anschluss nach oben nicht verlieren, damit dies aber weiterhin gilt, sollte in Wiesbaden natürlich nicht verloren werden. Aber wenn ich mich recht entsinne, haben wir da eigentlich immer ganz gut ausgesehen und gepunktet. Wird trotzdem schwer, da der SVWW jetzt drei Mal in Folge verloren hat und sicher nicht scharf darauf ist, diese Serie fortzusetzen.

Auflösung Quiz

Hier nun die Auflösung des kleines Quiz. Die richtigen Antworten lauten:

Samil Cinaz

Chhunly Pagenburg

Quelle der korrekten Antwort ist eines der schönsten Fußballbücher, das vielleicht jemals geschrieben wurde. Es stammt von Ronald Reng, heißt «Spieltage – Die andere Geschichte der Bundesliga» und erzählt das Leben des Fußballers und Trainers Heinz Höher. Wer den Fußball liebt und noch nicht so genau weiß, was er sich zum nächsten Geschenkbeglückungstermin wünschen soll, vertraut mir, daran werdet ihr viel Freude haben.

 Auflösung

Es gab vier komplett richtige Antworten, aber auch eine ganze Menge von Antworten die nur einen Namen korrekt angaben. Der (inzwischen ausgewürfelte) Gewinner wurde von mir benachrichtigt. Die Karten werden morgen versandt, sollten also in jedem Fall rechtzeitig ankommen.

Vielen Dank für Eure erstaunlich zahlreiche Beteiligung.

Fedor

PS: Die richtigen Antworten wurde in der Reihenfolge ihres Eintreffens nummeriert. Den Rest hat – in Sonntagsarbeit – unsere Bestie von Hund besorgt.